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Ulrich Kutschera
Evolutionsbiologie – Eine allgemeine Einführung
Parey Buchverlag Berlin 2001, 284 S., mit 104 überwiegend trivialen Abbildungen

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Die Evolutionsbiologie ist ein komplexes Wissenschaftsgebiet. Sie gewinnt ihre Erkenntnisse aus vielen Teilgebieten der Bio- und Geowissenschaften von der Molekular- und Populationsgenetik über die Morphologie, Physiologie und Embryologie bis hin zur Paläontologie und Biogeographie. Mit Bezug auf den von Neodarwinisten (und so auch in Kutscheras Lehrbuch) viel zitierten Satz des frühen ›Synthetikers‹ Theodosius Dobzhansky: »Nichts macht Sinn in der Biologie außer im Licht der Evolution« wird daraus gerne geschlossen, die Evolutionsbiologie sei die ›Königsdisziplin‹ der Biologie. Tatsächlich wird hier wird behauptet, was es erst noch zu beweisen gilt, denn bisher beschreibt die Evolutionsbiologie mehr als sie ›erhellt‹, d. h. es fehlt ihr an überzeugenden Theorien, um all die empirischen Daten der biologischen Teilgebiete plausibel zu interpretieren. Vor diesem Hintergrund hat sich der Pflanzenphysiologe Ulrich Kutschera mit seinem Versuch, eine allgemeine Einführung in die Evolutionsbiologie zu schreiben, sehr viel vorgenommen. Kutschera räumt zwar bereits im Vorwort ein, dass »einige Sachgebiete im Rahmen seiner recht kurzen Abhandlung« nicht näher diskutiert werden konnten, beansprucht aber paradoxerweise gleichzeitig, »eine möglichst repräsentative Auswahl eindrucksvoller Höhepunkte der aktuellen Forschung zu referieren«. Was motiviert einen Autor, sich einen solchen Herausforderung zu stellen und wie glaubt er, diese Aufgabe bewältigen zu können?

Ein Blick in das ziemlich ›magere‹ Literaturverzeichnis zeigt, dass Kutschera sich bei der Darstellung der evolutionsbiologischen Erkenntnisse weniger auf die Ergebnisse der aktuellen Forschungsliteratur als auf die gängige Übersichtsliteratur und seine persönlichen Steckenpferde verlassen hat. Sein erläuternd gemeinter aber irritierend wirkender Hinweis, dass »aufgrund des unermeßlichen Umfangs der Fachliteratur auf eine Auflistung von Zeitschriftenaufsätzen verzichtet werden musste«, lässt erste Zweifel an dem wissenschaftlichen Anspruch seines Projektes aufkommen. Bereits in den einleitenden Sätzen des Vorwortes wird deutlich, was den Autor motiviert, ein evolutionsbiologisches Lehrbuch zu schreiben. Kutschera zitiert dort die auf Sigmund Freud zurückgehende Behauptung, die Menschheit habe im Laufe ihrer Geschichte von der Wissenschaft drei empfindliche Kränkungen hinnehmen müssen: »Eine kosmologische durch das heliozentrische Weltsystem des Kopernikus, eine biologische durch Darwins Abstammungslehre und eine psychologische durch die Freudsche Hypothese von der relativen Ohnmacht des freien Willens gegenüber unstillbaren, aus dem archaischen Unbewussten aufsteigenden Triebwünschen«. Diese elende Geschichte haben wir schon tausendmal gehört und sie wird deswegen kein bisschen wahrer. Sie zählt zu den unausrottbaren Selbstidealisierungen und Selbststilisierungen einer allzu selbstgerechten und selbstgefälligen Wissenschaftszunft.

Zweifelsfrei haben die Erkenntnis, dass der Mensch weder im Zentrum des Sonnensystems steht, noch eine biologische Besonderheit ist, zu gewaltigen Veränderungen im Selbstbild des Menschen geführt. Aber weniger als »empfindliche Kränkungen«, sondern eher als Aufwertungen. Vor Kopernikus war die Erde zwar das Zentrum der Welt aber als sublunare Sphäre auch der minderwertigste Teil der Himmelsphären. Als sumpfiger Bodensatz und schlechtester Teil des Universums beherbergte die Erde womöglich unter der Erdoberfläche sogar die Hölle. Und vor Darwin konnte sich die Menschen den Himmel nur als von Gott regiert und sich selbst als von Gott geschaffen denken. Seit Jahrhunderten hatte der Klerus verkündet, dass der Mensch ein der göttlichen Vorbestimmung ausgeliefertes Wesen ist. Demgegenüber ermöglichte die darwinsche Abstammungslehre den Menschen, sich aus den göttlichen Fesseln zu befreien und sich und die Welt individueller zu interpretieren. Dabei war die Vorstellung, nicht nach Gottes Ebenbild geschaffen zu sein, sondern in die unmittelbare Verwandtschaft der Tiere in Stall und Zoo gerückt zu werden, vielleicht zunächst ein wenig gewöhnungsbedürftig aber insgesamt wohl eher nebensächlich.

»Empfindlichst gekränkt« waren wohl vor allem der Klerus und der Adel. Und dies aus sehr pragmatischen Gründen: Beide Stände beriefen sich zur Festigung ihrer Besitzstände und Macht seit Altersher auf die göttliche Vorbestimmung und hatten durch eine Weltanschauung, die Menschen ermutigte, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen und gegen ihr Schicksal aufzubegehren, nichts zu gewinnen. Die privilegierten Stände befürchteten, dass die alte Ordnung durch das neue darwinistische Weltbild in Frage gestellt werden könnte. Diese Angst vor einem neuen Weltbild hat sich besonders trefflich in dem bekannten Ausruf der Frau des Bischofs von Worcester überliefert: »Du meine Güte! Wir sollen vom Affen abstammen? Wir wollen hoffen, daß das nicht stimmt. Aber wenn es wahr ist, dann wollen wir beten, daß es nicht bekannt wird!« Leider wird diese amüsante Anekdote in der evolutionsbiologischen Literatur häufig so zitiert, als spiegele sie ein gesamtgesellschaftliches Stimmungsbild wider. Tatsächlich dokumentiert sie die Befürchtungen der privilegierten Stände vor der Verbreitung neuer Selbst- und Weltinterpretationen und ihr pragmatisches Interesse an einer biblisch geprägten Weltanschauung.

Bei der Lektüre des Vorwortes mag der Leser noch verwundert sein, dass in Kutscheras Lehrbuch solche Fragen weder gestellt noch diskutiert werden. Später wird er feststellen müssen, dass die trivialisierende Verkürzung von komplexen Sachverhalten ein durchgängiges Charakteristikum des gesamten Lehrbuches ist. Kutschera interessiert an den von Sigmund Freud angeführten Umbrüchen nur, dass mindestens zwei von ihnen zwischenzeitlich den »Status einer erwiesenen Tatsache« erreicht haben, nämlich das heliozentrische Weltbild des Kopernikus und Darwins Abstammungslehre. Er begrüßt, dass am heliozentrischen Weltbild im Zeitalter der Raumfahrt und dank so großartiger Naturforscher wie Johannes Kepler, Galileo Galilei oder Isaac Newton niemand mehr zweifeln würde. Um so mehr empört es ihn, dass bis heute massive Zweifel am evolutionistischen Weltbild geäußert werden: In der aktuellen Tagespresse würde es schon mal als »Denkmodell aus dem Dampfmaschinenzeitalter« verunglimpft und viele Menschenwürden sich immer noch weigern, die gemeinsame Abstammung aller Lebewesen als »erwiesene Tatsache« anzuerkennen.

Für Kutschera liegen die Ursachen für den respektlosen Umgang mit der darwinistischen Wahrheit auf der Hand: Zum einen fühlten sich auch »viele Nichtbiologen (...) dazu berufen, über die Evolutionstheorie zu urteilen, während zu anderen großen Problemen der Biologie (...) der Laie mangels Sachkompetenz schweigt«. Zum anderen gäbe es zwischenzeitlich auch in Deutschland eine kleine Gruppe von »christlich-konservativ ausgerichteten Evolutionsgegnern«, die sich »fast unbemerkt von der Öffentlichkeit« etabliert habe und nichts unversucht lässt, mit ihren evolutionskritischen Schriften, die Akzeptierung des Darwinismus als naturgesetzliche Tatsache zu torpedieren. Beiden Ursachen will Kutschera mit seinem Kurzlehrbuch den Garaus machen, in dem er den Lesern in »prägnanter, anschaulicher Form« das zum Verständnis der Evolutionstheorie erforderliche »umfassende chemisch-biologische Grundlagenwissen« vermitteln will. Für ihn hat das Lehrbuch sein Ziel erreicht, wenn es Kritiker der Evolutionstheorie vom »Wahrheitsgehalt dieses grandiosen Gedankengebäudes« überzeugen kann. Schon im Vorwort wird deutlich: Dies ist nicht die Sprache eines kritischen Forschers, der sich an die schwierige Aufgabe wagt, den Stand der Wissenschaft zu dokumentieren, sondern eines von der ›darwinistischen Wahrheit‹ überzeugten, bekennenden und bekehrenden Missionars.

Und die ›frohe Botschaft‹, die Kutschera der Vorsitzende der AG Evolutionsbiologie im Verband der deutschen Biologen und selbsternannte Hüter und Verbreiter der reinen evolutionsbiologischen Lehre in seinem Kurzlehrbuch ›an alle‹, d. h. an Biologen und gebildete Nichtbiologen richtet, lautet: Darwins Abstammungslehre und insbesondere ihre jüngste Neuformulierung in der sogenannten »erweiterten synthetischen Evolutionstheorie« ist durch wissenschaftliche Erkenntnisse so abgesichert, dass zum evolutionistischen Weltbild keine Alternativen mehr möglich sind. Menschen, die dies bezweifeln sind entweder so inkompetent, dass sie den »Wahrheitsgehalt dieses grandiosen Gedankengebäudes« nicht begreifen können oder wie die Kreationisten durch ihren Glauben an die biblische Offenbarung irregeleitet. Kurz: Darwins Abstammungslehre ist heute eine naturgesetzliche Tatsache und so wahr, wie es früher nur Gott war. Was Kutschera uns hier anträgt, charakterisiert ihn als ausgesprochen schlechten Wissenschaftler. Einen guten Wissenschaftler zeichnet bekanntlich aus, dass sein Hauptinteresse nicht darin besteht, recht zu behalten, sondern Unerwartetes zu entdecken und damit die Falsifizierung seiner bevorzugten und für besonders abgesichert gehaltenen Theorien zu riskieren.

Kutschera formuliert sein evolutionsbiologisches Credo derart doktrinär und einfältig, dass mich sein Lehrbuch spontan an den unsäglichen katholischen Katechismus meiner frühen Schulzeit in den 1960er Jahren erinnert hat. Die Parallelen betreffen nicht nur die apodiktisch verkündigte Botschaft, sondern auch die simplifizierende Verkürzung und den spröden Stil von Text und Abbildungen. Manchmal war ich regelrecht verwundert, dass keine führende, mahnende oder belehrende Hand von oben in die Abbildungen hineinragte. Im Text nimmt diese ›Hand‹ durch den unangenehm häufigen, weil vereinnahmenden Gebrauch des »wir« (wir wollen, wir wissen, wir werden usw.) Gestalt an. Kutschera will damit wohl suggerieren, dass er über einen so tiefen Einblick in die komplexe evolutionsbiologische Erkenntniswelt verfügt, dass der Leser ihm sorg- und gedankenlos vertrauen kann. Ich kann mir daher gut vorstellen, dass mancher Leser weniger Darwins berühmtes Werk über die Entstehung der Arten als Kutscheras katechetisches Kurzlehrbuch als intellektuelle ›Kränkung‹ empfinden wird. Tatsächlich kann man Kutscheras Auflistung der verbindlich anzuerkennenden evolutionsbiologischen Glaubensinhalte als Versuch betrachten, den Menschen wieder die persönliche Freiheit zu nehmen, die ihnen einst Darwins Abstammungslehre verschafft hat.

Das von Kutschera verkündete evolutionsbiologische Credo ist in mehrfacher Hinsicht fragwürdig: Erstens kann und soll uns die Wissenschaft nicht vorschreiben, mit welcher Weltanschauung wir glücklich werden. Begriffe wie »wahr« oder »falsch« haben da nichts zu suchen. Wenn Kutschera glaubt, dass die in der Tradition der darwinschen Abstammungslehre stehende »erweiterte synthetische Evolutionstheorie« für sein Seelenheil und seine Selbstinterpretation bekömmlich ist, dann soll dies so sein. Wenn andere aber die in der Tradition der biblischen Schöpfungslehre stehende kreationistische Grundtypentheorie für die bessere und ihr Leben bekömmlichere Lösung halten, dann soll dies auch so sein. Nur weil einige zentrale Annahmen der biblischen Schöpfungslehre sich einer wissenschaftlichen Überprüfung stärker entziehen als die Annahmen der darwinschen Abstammungslehre, folgt daraus noch lange nicht, dass die biblische Schöpfungslehre auch die schlechtere Weltanschauung ist. Selbst ein ausgewiesener Naturwissenschaftler wird es vorziehen, mit einer weniger rationalen Weltanschauung glücklich als mit einer rationaleren unglücklich zu werden.

Zweitens ist es – und das ist die von Neodarwinisten am meisten verleugnete Bilanz moderner evolutionsbiologischer Forschung – um die zwingende Beweiskraft der »synthetischen Evolutionstheorie« trotz ihrer vielen »Erweiterungen« ziemlich schlecht bestellt. Es gibt zwar eine Vielzahl von paläontologischen, entwicklungsbiologischen, morphologischen oder molekulargenetischen Indizien, die auf eine gemeinsame Abstammung der Lebewesen hinweisen. Diese Indizien sind aber, wie z. B. widersprüchliche morphologische Merkmalskombinationen oder abweichende molekulargenetische Stammbäume häufig so vieldeutig, dass unterschiedlichste Abstammungsverläufe denkbar sind und sogar eine Interpretation im Rahmen kreationistischer Grundtypen nicht völlig aus der Luft gegriffen erscheint. Als orthodoxer Neodarwinist ist Kutschera gar nicht willens, solche Probleme angemessen wahrzunehmen und zu diskutieren. Dies spiegelt sich in seiner naiv-erbaulichen Bewertung »klassischer Methoden der Beobachtung und Beschreibung rezenter Organismen für Einblicke in Evolutionsvorgänge« wider: »Auch ohne Fossilreihen, mikroskopische bzw. biochemische Studien und aufwendige Genomanalysen kann die Stammesgeschichte ausgewählter Organismengruppen rekonstruiert und anhand von Modellen plausibel gemacht werden«.

Zu der bisher unzureichend interpretierten Vieldeutigkeit der phylogenetischen Indizien passt, dass die »erweiterte synthetische Evolutionstheorie« bis heute keinen Mechanismus kennt, der die im paläontologischen Befund dokumentierte rapide variierende Geschwindigkeit der Entwicklung der Baupläne von Lebewesen auch nur einigermaßen plausibel erklären könnte. Es gibt keine überzeugende Theorie, die z. B. die Vervielfachung der Baupläne zu Beginn des Kambriums, die Radiation der Säugetiere zu Beginn des Tertiär, die explosive Artbildung von Buntbarschen gegen Ende des Quartär sowie die erstaunliche Stagnation der Baupläne der sogenannten lebenden Fossilien erklären könnte? Was man findet sind bestenfalls umstrittene Hypothesen oder Spekulationen zur Erklärung einzelner Teilphänomene. Doch damit nicht genug. Seit dem rasanten Zuwachs der Erkenntnisse über die Komplexität der mikrobiologischen bzw. molekulargenetischen Organisation des Lebens wird immer deutlicher, dass der neodarwinistische Mutations-/Selektionsmechanismus maximal dazu taugt, mikroevolutive Prozesse zu erklären, wie wir sie etwa bei der Züchtung von Haustieren oder der Entwicklung von Rassen durch geographische Isolation beobachten können. Für die Erklärung makroevolutiver Prozesse, also der Entwicklung neuer Baupläne greift er demgegenüber viel zu kurz!

Wie gelingt es nun Kutschera, sich und dem Leser diesen Erklärungsnotstand zu verheimlichen? Zunächst wiederholt er in alter darwinistischer Tradition die bis heute durch nichts belegte Behauptung, dass sowohl die Mikro- als auch die Makroevolution auf den selben Mechanismus zurückführbar sind, d. h. dass Makroevolution nichts anderes als Mikroevolution in der Zeit ist. Nachdem dies erst einmal ausgesprochen ist, hat er keine Skrupel mehr, dem Leser all die jämmerlichen und längst entzauberten Beleg-Ikonen der darwinschen Evolutionslehre von der adaptiven Radiation der Darwin-Finken über den Industrie-Melanismus bei Birkenspannern bis hin zur linearen Entwicklung des Pferdefußes wieder aufzutischen. Dieser Unsinn gipfelt darin, dass er die Züchtung des Kulturmais aus einer Wildform als »experimentellen Beleg« (!) für eine darwinistische Makroevolution anführt: »Durch wiederholte Variation und Selektion kann relativ rasch ein neuer Pflanzenbauplan entstehen. Die Makroevolution von Teosinte zum Kulturmais war somit ein Resultat weniger Mikroevolutionsschritte. Ein zentrales Postulat der Synthetischen Theorie der Evolution konnte so durch experimentelle Genomanalysen bestätigt werden«. Tatsächlich kann die Züchtung des Kulturmais, der zwar von seiner wahrscheinlichen Wildform (Teosinte) morphologisch stark abweicht, aber mit seiner Wildform problemlos kreuzbar ist, nicht einmal als Beispiel für die Entwicklung einer ›biologischen‹ Art herhalten.

Kutschera rundet die Anführung der neodarwinistischen Beleg-Ikonen dadurch ab, dass er wichtige Erkenntnisse der modernen evolutionsbiologischen Forschung nur sehr verkürzt oder gar nicht darstellt. So erfährt der Leser zwar, dass man aus dem Abgleich von DNA-Sequenz-Daten verschiedener Spezies Gen-Stammbäume erstellen kann. Er erfährt allerdings nicht, dass diese Methode auf der Theorie der neutralen molekularen Evolution des Genetikers Motoo Kimura basiert. Die neutrale Theorie besagt, dass die meisten Mutationen die Fitness eines Individuums nicht beeinträchtigen also selektionsneutral sind. Kutschera erwähnt die neutrale Theorie nur kurz im Glossar u nd begründet seinen Verzicht auf eine ausführlichere Darstellung damit, dass sie »kontrovers diskutiert« wird. Kontrovers werden aber vor allem die von ihm angeführten, neodarwinistischen Beleg-Ikonen diskutiert. Nach Auffassung vieler Forscher sind sie ziemlich nebensächliche Epi-Phänomene der Evolution. Entscheidend für die Auslassung war daher wohl, dass sich die neutrale Theorie nur sehr schwer mit dem Mutations- und Selektionskonzept der synthetischen Theorie vereinen lässt. Während für Neodarwinisten das wichtigste Mittel der evolutiven Veränderung die Selektion ist, ist dies für Kimura die auf neutrale Mutationen wirkende Zufallsdrift. Offensichtlich mag Kutschera seinen Lesern soviel Kontroverse nicht zu muten, weil sie womöglich den ›grandiosen Wahrheitsgehalt‹ seines evolutionsbiologischen Credos gefährden würde.

Doch damit nicht genug: Kutschera verschweigt dem Leser, dass auch ein zweiter Grundpfeiler der synthetischen Theorie wackelt. Der besagt, dass alle Erbinformation vom Gen ausgeht, d. h. dass die Übertragung von genetischer Information in Richtung Proteine eine Einbahnstraße ist. Das vererbliche »Rohmaterial für die Evolution« kann nach dieser auf den Zoologen August Weismann zurückgehenden Auffassung nur von spontanen, rein zufälligen Mutationen bereitgestellt werden. Originalton Kutschera: »Eine Vererbung erworbener Eigenschaften (...) wurde bisher nie nachgewiesen«. Diese Behauptung ist ein Beleg für seine neodarwinistisch verkürzte, selektive Wahrnehmung der einschlägigen Forschungsliteratur. Tatsächlich gibt es schon seit Ende der 1980er Jahre experimentelle Anhaltspunkte dafür, dass einzellige Organismen wie Bakterien oder Hefen ihre DNA in einer gerichteten, adaptiven Weise verändern können. So verlassen sich mit Antibiotika behandelte Bakterien zur Erzielung von Resistenzen nicht auf zufällige Mutationen, sondern spielen bei der mutativen Veränderung ihres Genoms eine aktive Rolle, in dem sie DNA-schädigende Proteine synthetisieren. Solche »adaptiven Mutationen« sind in der Mikrobiologie mittlerweile als existierendes Phänomen anerkannt. Auch bei höheren Lebewesen mehren sich die Hinweise dafür, dass es in der Zelle eine Schnittstelle gibt, an der sich Erbgut und Umwelteinflüsse wechselseitig verzahnen. Unter starken Verdacht stehen die Histone, die man bisher für einen simplen Verpackungsstoff der DNA hielt.

Die vielleicht schwerwiegendste Auslassung des Lehrbuches besteht darin, dass Kutschera den Lesern nicht über die schon in den 1980er Jahren entdeckten homeotischen Gene berichtet. Homeotische Gene sind ›Masterkontrollgene‹, die Identität und Reihenfolge der Körpersegmente in einer heranwachsenden Eizelle spezifizieren. Durch homeotische Mutationen können ganze Körperteile in einen anderen verwandelt werden. Bei fast allen Lebewesen, seien es nun Insekten oder Säugetieren erfolgt die Festlegung des Bauplans durch ähnliche homeotische Gene. Ihre Entdeckung hat daher einen universalen genetischen Kontrollmechanismus der Morphogenese ans Licht gebracht. Dieser Mechanismus ist so konservativ, dass z. B. bei Insekten und Säugetieren die für die Entwicklung des Auges zuständigen homeotischen Gene austauschbar identisch sind. Darüber hinaus scheinen Mutationen in homeotischen Genen für charakteristische stammesgeschichtliche Merkmalsunterschiede, wie z. B. die Anzahl der Halswirbel bei Reptilien und Säugern verantwortlich zu sein. Auch für die unterschiedlichen evolutiven Strategien der Gestaltbildung etwa bei Fischen und Säugern werden zwischenzeitlich partielle Genomduplikationen und anschließende Genverluste in homeotischen Gen-Clustern verantwortlich gemacht. Damit verfügt die moderne Evolutionsbiologie erstmals über ein zukunftsträchtiges Forschungsfeld, welches dazu beitragen könnte, die klaffende Lücke zwischen der Molekulargenetik und der Gestaltbildung zu schließen.

In den von einigen Rezensenten als »löblicher« Höhepunkt des Lehrbuches gefeierten Schlusskapiteln setzt sich Kutschera mit der kreationistischen Evolutionskritik auseinander. Spätestens hier erreicht das Buch seinen intellektuellen Tiefststand. Kutschera bemängelt, dass die Kreationisten mit ihrer »irrationalen Kritik« an der synthetischen Theorie der Evolution diesen »intellektuellen Prachtbau der Naturwissenschaften« auf »unakzeptable Art und Weise mit Schmutz beworfen« haben. Sich selbst an die Spitze der ›Säuberungsbewegung‹ setzend, kündigt er an, dass er in seinem Lehrbuch »die Argumente der deutschen Kreationisten und Evolutionskritiker zitiert und durch ausführliche Gegendarstellungen entkräftet«. In der Praxis sieht das dann so aus, dass er nur einen einzigen Satz aus dem Vorwort des 600 Seiten umfassenden Mammutwerk »Artbegriff, Evolution und Schö­pfung« des renommierten Genetikers und Evolutionskritikers Wolf-Ekkehard Lönnig zitiert. Dies hält er für ausreichend, um dieses voluminöse und den geistigen Nährwert seines eigenen ›Lehrbuches‹ um ein Vielfaches übersteigende Werk als unwissenschaftlich zu disqualifizieren. Man kann daher nur hoffen, dass Kutscheras Lehrbuch möglichst wenigen Biologen und Nichtbiologen in die Hände fällt, weil sie zurecht geneigt sein könnten, die viel pfiffiger, fundierter und fortschrittlicher argumentierenden Kreationisten für die eigentliche evolutionsbiologische Forschungsfront zu halten.

In seinem Epilog »Naturwissenschaft und Glaube« liefert uns Kutschera zu allem Überfluss dann auch noch eine ökologische Bibelkritik und so etwas wie eine universelle evolutionäre Ethik. Anklagend bilanziert er, dass die christliche Glaubenslehre mit ihrer Auffassung von der biologischen Sonderrolle des Menschen für die »seit 1950 zu beobachtende Massenvermehrung des Spezies Mensch« verantwortlich ist. Die Bevölkerungsexplosion habe »drastische Folgen für das gesamte Leben auf der Erde (Hunger, Artensterben etc.)«. Demgegenüber laute der aus der Evolutionsbiologie ableitbare moralische Grundsatz, »alle Spezies sind gleichwertig«. Auch diesen Unsinn haben wir schon oft gehört, weniger von Evolutionsbiologen als von Grün-Alternativen. Man kann es nicht oft genug wiederholen, zu Wertsetzungen und Bewertungen ist nur der Mensch in der Lage. Das ›gutgemeinte‹ Streben nach einer universellen biozentrischen Ethik, bei der alle Spezies die gleichen Rechte (und Pflichten), wie der Mensch haben, endet im Chaos oder um es biblisch auszudrücken, in ›Tod und Verderbnis‹: Dann sitzt etwa der verwundete Baum, den Kutschera fahrlässig mit seinem Auto angefahren hat, als Nebenkläger auf der Gerichtsbank und fordert zusätzlich zum Bußgeld, eine Verurteilung Kutscheras zur Zwangsarbeit in einer Baumschule. Dann wird das letzte tiefgefrorene Pockenvirus, nach dem es von der universalen evolutionsbiologischen Ethik erfahren hat, einen Asylantrag für den Aufenthalt in Kutscheras Körper stellen und eine Verfassungsklage für die ungehinderte Verbreitung seiner Erbinformation einreichen. Und der neue Alphalöwe, der gerade die Jungen seines Vorgängers umgebracht hat, wird wegen mehrfachen Mordes aus triebgesteuerten Motiven und einer negativen Verhaltensprognose zu einer lebenslangen Sicherheitsverwahrung in der von Kutschera neueingerichteten forensischen Abteilung eines Zoos verurteilt.

Lieber Herr Kutschera, viel Spaß in Ihrer schönen neuen evolutionsbiologisch ›erhellten‹ Welt wünscht Ihnen Ihr Georg Menting!

   

 
   


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