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Ulrich Kutschera-Tatsache Evolution  Was Darwin nicht wissen konnte - Deutscher Taschenbuch Verlag  München 2009, 339 S. Arno Kleinebeckel

Seufzende Sterne - Die Weltmaschine im Darwinjahr - Eine Streitschrift zum Jubiläum.
ATHENA-Verlag - Oberhausen 2009, 66 S.

Ende 2009 rief eines Abends ein Herr Kleinebeckel bei mir an, der, wie er einleitend bemerkte, ein regelmäßiger Leser meiner Website sei. Wir führten ein interessantes, ausgesprochen kurzweiliges Gespräch über Gott und die Welt im Allgemeinen und den stupiden Geist der neodarwinistischen Wortführer im Besonderen. Am Ende des Gesprächs fragte er mich, ob ich nicht Lust hätte, sein neustes Buch zum Darwin-Jubiläum zu besprechen. Eigentlich hatte ich nicht, da mich in der späten Adventszeit andere Dinge beschäftigten, die dringend einer Lösung bedurften, vor allem die alljährlich wiederkehrende Frage: Was schenke ich den Lieben daheim und den anderen in nah und fern? Und außerdem hatte ich im auslaufenden Jahr schon so endlos viel über Darwin und sein doppeltes Jubiläum gelesen. Da konnte ich mir kaum vorstellen, dass ein Journalist und Lyriker irgendetwas substanziell Neues darüber schreiben könnte.

Nun kommt es nicht so häufig vor, dass sich jemand bei mir als regelmäßiger Leser oder sogar Fan meiner Website vorstellt. Und da dachte ich, du kannst es dir eigentlich nicht leisten, einem so freundlichen Menschen einen Wunsch abzuschlagen und schon gar nicht vor Weihnachten, das ja bekanntlich das Fest der Liebe sein soll. Folglich bat ich Herrn Kleinebeckel, mir sein Werk zuzusenden - und zwar möglichst unverzüglich, da ich es zur Lektüre in meinen Jahresendurlaub mitnehmen wollte. Herr Kleinebeckel schien zu merken, dass ich von seinem Ansinnen nicht völlig begeistert war und wies beschwichtigend darauf hin, dass sein Buch nur von geringem Umfang also eigentlich nur ein Büchlein sei. Na ja, dachte ich, da wird es mir zumindest keine zusätzlichen Probleme beim Kofferpacken bereiten.

Wider erwarten, habe ich es dann tatsächlich im Urlaub gelesen und schon nach der Lektüre weniger Seiten Gefallen daran gefunden. Schlussendlich bedauerte ich sogar, dass es nicht umfangreicher ist! Allerdings habe ich es - wie so viele Sachbücher - mehr von hinten als von vorne gelesen. Und so bin ich erst spät auf das titel- und leitmotivgebende Gedicht des spanischen Lyrikers Dámaso Alonso (1898 -1990) gestoßen:

Gebt Raum! Platz, Platz dem Menschen!
Unter der Bleihaube der Nacht, bedrückt von der
einmütigen Anklage,
der Gestirne, die lautlos seufzen,
wohin wirst du deinen Schritt lenken?

Ein wunderbar schwermütiges Gedicht, in dem sich die zentrale Hoffnung und Botschaft des Buches verdichtet: Es gibt einen Weltgeist, dem unser Handeln nicht egal ist und der ›seufzt‹, wenn wir unsere Schritte in die falsche Richtung lenken. Kleinebeckel plädiert daran anknüpfend für eine neue Sinnkonstruktion und radikale Ethik der Verantwortung, die ein Gegenentwurf zum neuzeitlichen Alleinvertretungsanspruch der neodarwinistischen Weltsicht sein will, in der das Universum stumm wie ein seelenloser Stein und stumpf materialistisch organisiert ist. Die Journalistin Christiane Willsch kommentiert in factum (2/2009) wie folgt: »Arno Kleinebeckel [...] setzt mit seiner Streitschrift ›Seufzende Sterne‹ einen erfrischenden Kontrapunkt mitten ins Geburtstagsgetöse um den Biologen Darwin. [...] Mit gelungenem Wortspiel treibt Kleinebeckel vor allem eine Frage um: Wohin entwickelt sich eine Gesellschaft, die wohl eine ›Informationsgesellschaft‹, aber keine ›Wissensgesellschaft‹ ist?«

Kleinebeckels Werk ist durchgängig von angenehmer Reflexion getragen und hebt sich damit erfreulich von einem von sich selbst berauschten weltanschaulichen evolutionären Materialismus ab, der die führende sinngebende Autorität der Moderne sein will. Dieser bornierte Anspruch gipfelte darin, dass die Giordano-Bruno-Stiftung, die deutsche Speerspitze der »organisierten Konfessionslosigkeit« (Reinhard Bingener, FAZ), im Darwin-Jahr 2009 für den 22. März einen »Evolutionsfeiertag« forderte, der ›Christi Himmelfahrt‹ ersetzen soll. An diesem Tag soll die Menschheit fortan feiern, dass wir vom Affen abstammen. Da fragt sich der verblüffte Laie bei allem Respekt vor unseren nächsten Verwandten, was es da zu feiern gibt und ob die Affen wohl auch von so einem Feiertag begeistert sind? Ich fürchte nicht! Werden sie nicht vielmehr denken, auf diese ›pucklige Verwandtschaft‹ können wir gerne verzichten und feiern lieber mit den Halbaffen, die ihnen höchstwahrscheinlich die angenehmeren nahen Angehörigen sind?

Zurück zu Kleinebeckels Gegenentwurf, der sich in einem Punkt nach meinem Geschmack zu wenig von dem die alleinige Deutungshoheit beanspruchenden evolutionären Materialismus absetzt. Ich vermisse die klare Ansage, dass es das ureigenste Recht eines jeden Menschen ist, selber zu entscheiden, mit welchem Weltbild er leben und glücklich werden will. Dies müssen wir uns weder von stumpfsinnigen Naturalisten, die glauben, aufgrund ihrer vermeintlich überlegenen wissenschaftlichen Methodik, im Besitz existenzieller Wahrheiten zu sein, vorschreiben lassen, noch von tiefgläubigen Theisten, die meinen in der Bibel oder auch anderen Überlieferungen die letztgültige Quelle der Wahrheit gefunden zu haben. Es gibt auf diesem Planeten kein für alle verbindliches und allein selig machendes Weltbild. Die Frage, ob die Welt beseelt ist und ob uns da jemand hört, wenn wir vor Freude oder Verzweifelung in Dunkelheit hinausrufen, können wir nur selbst und kein anderer für uns beantworten. Natürlich ist die Antwort auch mehr oder weniger stark von kulturellen Tradierungen vorformuliert.

Für einen überschlägigen Einblick in Kleinebeckels Werk lasse ich nun den Verlag zu Wort kommen. Auf der Einbandrückseite lesen wir:

Als CHARLES DARWIN 1859 mit seinem Buch ›Die Entstehung der Arten‹ (›On the Origin of Species‹) die moderne Evolutionslehre begründete, betraf das nicht nur die Naturforschung. Die Evolutionstheorie und ihr Wandel sind Teil unserer Kultur- und Geistesgeschichte.

Die Konzeption schloss einen permanenten Kriegszustand ein. Von diesem erbarmungslosen Wettstreit - von Darwin als ›struggle for life‹ bezeichnet - nahm er den Menschen nicht aus. Spätestens hier dürfte die Evolutionslehre als universelles Erklärungsmodell für Kosmos und menschliches Verhalten an ihre Grenzen stoßen.

Darwin wäre 2009 zweihundert Jahre alt geworden. Ist das Leben in der »Weltmaschine« Zeichen eines unaufhaltsamen Fortschritts, oder sind wir längst zu ohnmächtigen Zeugen eines kalten Universums nackter Funktionen geworden? ›Seufzende Sterne‹, als Motto nach einem Gedichttext von Dámaso Alonso, ist poetischer Ausdruck der Phantasie, dass das All nicht stumm zusieht, wie die Welt zu einem sinnlosen und absurden Automaten verkommt - einer Phantasie, die zu Ethos und Verantwortung verpflichtet.

Dieser Text enthält Passagen, denen ich voll beipflichten kann und solche, bei denen ich Widerspruch einlegen muss: Ohne Frage hatte und hat die Darwinsche Evolutionslehre einen erheblichen Einfluss auf die Kultur- und Geistesgeschichte. So hat sie maßgeblich dazu beigetragen, dass die Physikotheologen, die lange Zeit die naturgeschichtliche Forschung dominierten, aus den Universitäten zurückgedrängt wurden. Die Naturalisten riefen ihnen höhnisch nach, ihr lügt für Gott! Heute ist der Darwinismus allerdings so dominant geworden, dass er alle Züge einer zivilen Ersatzreligion trägt. Von seinen Gralshütern wird dies zwar bestritten, aber zugleich betont, dass er ein Prüfstein ist, an dem sich jede andere Weltanschauung messen lassen muss. Das ist natürlich purer Blödsinn! Die naturwissenschaftliche Forschung ist nur eine von vielen Möglichkeiten, die Welt zu beschreiben. Und wer glaubt, ausgerechnet im Neodarwinismus den Stein der Weisen gefunden zu haben und daraus sogar eine allgemeinverbindliche Ethik ableiten zu können, der ist aus dem Spiel der Wissenschaft aus- und in eine quasireligiöse Sekte eingetreten.

Roman Nies hat in einer auf amazon.de veröffentlichten Kundenrezension von Kleinebeckels Werk die negative Wirkung von Darwins Thesen auf das gesellschaftliche Zusammenleben und Selbstverständnis wie folgt formuliert: »Mit Darwins Thesen oder der moderneren These von der Selbstorganisation der Materie entleert man sich quasi jeglicher eigenen Daseinsberechtigung, da man sich nur als Produkt von Selektion, Mutation und Zufall sieht. In allen Lebensbereichen werden die Schlagsätze der Evolutionslehre eingeschleust und verbreitet. Die Medien helfen mit, als ob sie dafür bezahlt würden. Man denkt ›evolutiv‹ und handelt auch so. Nichts ist verbindlich, alles muss der Vorteilsnahme dienen. Und das hat verheerende Auswirkungen auf die Gesellschaft.« Dieser harschen Abrechnung ist zwar weithin zuzustimmen, allerdings mit der Einschränkung, dass sie weniger Darwins Thesen als deren dogmatische Rezeption durch seine Epigonen betrifft.*)

Kommen wir nun zu den Punkten, wo ich Widerspruch einlegen muss. Nies wie auch Kleinebeckel beurteilen die Darwinsche Evolutionslehre nur danach, was die Neodarwinisten aus ihr gemacht haben. Dabei gerät aus dem Blick, dass die Naturforschung durch Darwins Werk maßgeblich an Rationalität gewonnen hat, weil Gott als Argument keine Rolle mehr spielte. Dass mit der Theologie nicht auch die Magie aus der Wissenschaft verbannt war, steht auf einem anderen Blatt. So war Darwins Behauptung, dass der Artenwandel sich in kleinsten Schritten und unendlich langen Zeiträumen vollziehen sollte, eher eine magische denn eine rationale Formel. Es trifft zwar zu, dass jede neue Theorie gezwungen ist, zu flunkern und ordentlich auf die Pauke zu hauen, um zementierte alte Vorstellungen zu überwinden, aber was Darwin uns da als neues Erklärungsschema angepriesen hat, ist forschungslogisch als mindestens grenzwertig zu bezeichnen.

Kleinebeckel bemängelt - wie schon so viele vor ihm - den »permanenten Kriegszustand« oder »erbarmungslosen Wettstreit«, der seit Darwin das gesellschaftliche Klima vergiftet habe. Auch dies ist nicht ohne weiteres Darwin anzulasten. So hat die leitende FAZ-Redakteurin Julia Voss in ihrem - anlässlich der Überreichung des Sigmund-Freud-Preises an sie - am 31.10.2009 gehaltenen Festvortrag »Die Sprachen der Evolutionstheorie« darauf aufmerksam gemacht, dass Darwin in seinem Werk »Die Abstammung des Menschen« (1871) ein ganz anderes Bild von der Urzeithorde entwirft: »In Bezug auf die körperliche Größe oder Kraft wissen wir nicht, ob der Mensch von irgend einer vergleichsweise kleinen Art, wie der Schimpanse, abstammt oder von einer so mächtigen wie der Gorilla ( ...) Wir müssen indes im Auge behalten, dass ein Thier, welches bedeutende Größe, Kraft und Wildheit besitzt und welches, wie der Gorilla, sich gegen alle Feinde verteidigen kann, wahrscheinlich nicht social geworden sein wird, und dies würde in äußerst wirksamer Weise die Entwicklung jener höheren Eigenschaften beim Menschen, wie Sympathie und Liebe zu seinen Mitgeschöpfen, gehemmt haben. Es dürfte daher von einem unendlichen Vortheil für den Menschen gewesen sein, von irgend einer verhältnissmässig schwachen Form abgestammt zu sein.«

Kurioserweise sind die heutigen Kritiker und Befürworter Darwins offenbar erheblich ›darwinistischer‹ als er es selber war und man kann ihnen daher nur dringend raten, ihren Darwin weniger zu instrumentalisieren als ihn gründlich zu lesen! Doch zurück zu den unzweifelhaften Vorzügen des Buches, zu denen zählt, dass es aus reichhaltigen Quellen schöpft. Die Literaturliste umfasst knapp 90 Titel. Auch wenn einige der angeführten Titel den Eindruck erwecken, dass Kleinebeckel hier dokumentieren möchte, was so alles in seinen Bücherregalen steht, so ist sie doch von imposanten Umfang. Manch anderem Autoren wäre sie sicherlich Ansporn und Legitimation gewesen, daraus ein voluminöses Werk zu zimmern. Nicht so Kleinebeckel, der nicht ausufernd herumschwafelt, sondern daran interessiert ist, uns die Essenz aus seinen Quellen zu präsentieren. Aber Kleinebeckel zitiert nicht nur, sondern er formuliert auch selber auf hohem Niveau. Bei der Beschreibung der GEO-Titelseite »Das Rätsel des Charles Darwin - Eine abenteuerliche Weltreise auf den Spuren des Genies« (11/2008) läuft er zur analytischen Höchstform auf.

Er zeigt auf eindrucksvolle Weise, was im Verhältnis zwischen Wissenschaft, Wissenschaftsjournalismus und Leserschaft falsch läuft: »Das ahistorisch-mythische, überzeitliche und weltschwangere Zeugnis der modernen Ikonographie, wie GEO es betreibt, ist beabsichtigt. Und die Suggestion ist auch von der Zielgruppe so gewünscht und gewollt: Kauft Weisheit!« Nach der Lektüre dieser Passage habe ich mich gefragt, wieso jemand, der soviel Begabung zur Bildanalyse in die Wiege gelegt bekommen oder sich im Leben erarbeitet hat, nicht mehr Bilder moderner, darwinistischer Ikonographie - mit der wir im Darwin-Jubiläumsjahr regelrecht zugemüllt wurden - in seinem Buch bespricht. Leider findet sich in Kleinebeckels Buch neben dem GEO-Titel nur noch das obligatorische Bild Darwins. Es zeigt einen alternden Darwin, der ziemlich griesgrämig und wenig vertrauensvoll in eine ungewisse Zukunft zu schauen scheint. Nach Auskunft des Autors war dies keine Absicht, sondern das Ergebnis der unzureichenden Wiedergabe eines im Original dezent farbigen, durchaus ästhetischen und dabei eher leicht melancholisch anmutenden Porträts.

Im letzten Kapitel des Buches »Abgesang: Im Sturz durch Hyperräume« fährt Kleinebeckel schweres Geschütz von hoher intellektueller Durchschlagskraft gegen die Neodarwinisten auf. Er argumentiert mit dem Philosophen Friedrich Nietzsche, um die schale Trivialität derjenigen zu entblößen, die des Darwinismus bedürfen, um dem Atheismus zu huldigen. Laut Christoph Markschies, Präsident der Humboldt-Universität zu Berlin, sind existenzielle Atheisten im Sinne Nietzsches davon überzeugt, »fortwährend durch ein unendliches Nichts zu stürzen«. Dagegen erscheinen die neuen Atheisten, deren prominentester Vertreter der Biologe Richard Dawkins ist, wie ein billiger Abklatsch. Sie meinen den christlichen Gott als mentales Beiprodukt der Evolution (wer religiös ist, hat einen Fitnessvorteil und vermehrt sich besser...) weginterpretieren zu können und machen sogar exakte Angaben über die Wahrscheinlichkeit, dass es keinen Gott gibt (98 %!).**)

Angesichts dieses Unsinns ist es nicht weiter verwunderlich, dass Nietzsche auch heute noch zum Thema Wissenschaft und Darwin interessantes zu sagen hat. In Sachen Wissenschaft stützt sich Kleinebeckel auf Nietzsches Werk »Die fröhliche Wissenschaft« und bemerkt: »Zunächst einmal tat es ihm leid um die ›kleinen Mittelstandsgelehrten‹, Leute die ›die eigentlich großen Probleme und Fragezeichen gar nicht in Sicht bekommen‹. Lustvoll räumt Nietzsche auf mit den ›materialistischen Stubenhockern‹ und ihrer ›Welt der Wahrheit‹. Lässt sie spöttisch vor die Wand fahren mit ihrer ›viereckigen kleinen Menschenvernunft‹. Nietzsche liebte diese ›Mittelstandsgelehrten‹ nicht, ein Ausdruck der Geringschätzung, den er eigens für sie erfand, und er hasste den bloß vulgären, risikofreien gewöhnlichen Materialismus, den er als Abklatsch des echten erkannte.«***)

In Sachen Kritik an den von Darwin beschworenen unendlich langen Zeiträumen, in denen sich der Artenwandel vollziehen soll, zitiert Kleinebeckel aus dem Nachlass-Werk »Der Wille zur Macht«. Darin spöttelt Nietzsche »[ ...] man zeigt, dass, bei gehöriger Zeitdauer, alles aus allem werden kann, man verbirgt ein schadenfrohes Schmunzeln nicht, wenn wieder einmal die ›anscheinende Ähnlichkeit im Schicksale‹ einer Pflanze oder eines Eidotters auf Druck und Stoß zurückgeführt ist: kurz man huldigt von ganzem Herzen, wenn in einer so ernsthaften Angelegenheit ein scherzhafter Ausdruck erlaubt ist, dem Prinzip der größtmöglichen Dummheit.« ****) Zeitlos aktuelle Worte in einem wackeren Büchlein, dem auch nach dem Ende des Darwin-Jubiläumsjahres eine große Leserschaft zu wünschen ist!

Anmerkungen

*) Darwin selbst hat 1861- in zwar weiser aber wie wir heute Wissen vergeblicher Voraussicht - folgende mahnende Worte an den großen Weltanschauungs-Darwinisten Ernst Haeckel geschrieben: »Vielleicht darf ich noch hinzufügen, dass wir täglich Männer die umgekehrten Schlüsse aufgrund derselben Vorrausetzungen ziehen sehen und es mir daher eine zweifelhafte Angelegenheit scheint, allzu überzeugt von irgendeinem komplexen Sachverhalt zu sprechen, auch wenn man noch so überzeugt von der Wahrheit der eigenen Schlüsse ist.«

**) Es ist diese alle existenziellen Fragen nivellierende, einfältige Rationalität, die uns die Manifeste dieser neuen Atheisten, die hierzulande in der Giordano-Bruno-Stiftung (unter maßgeblicher Führung ihres umtriebigen Funktionärs Michael Schmidt-Salomon) organisiert sind, so trostlos und lebensfremd erscheinen lässt. Und weil sie diese innere Leere wohl selbst nicht ertragen können, brauchen auch sie ihre Säulenheiligen. Allen voran ist dies natürlich der Namenspatron der Stiftung Giordano Bruno, der vor über 400 Jahren von der katholischen Kirche wegen Ketzerei auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde. Heute wird er von der Stiftung als frühneuzeitliche Speerspitze der Aufklärung instrumentalisiert und gefeiert. Tatsächlich taugt er als den Rationalismus vorwegnehmende Märtyrergestalt nicht, denn bei Bruno hätten, wie der Philosoph Schmidt-Biggemann bei der Einweihung eines Giordano-Bruno-Denkmals süffisant bemerkte, Metaphysik und Religion aus allen Löchern getropft. (vgl. hierzu den Beitrag »Auch der Atheismus pflegt seine Heiligen« von Thomas Thiel in der FAZ vom 05.03.2008)

***) ›Kleine Mittelstandsgelehrte‹ scheint mir auch eine treffliche Bezeichnung für die vielen schmalgeistigen und philosophisch völlig ahnungslosen Kleinakademiker zu sein, die heutzutage die Wissenschaftsblogs bevölkern. Darin ringen sie in immer neuen ebenso enthusiastischen wie reflexionsarmen Beiträgen um Anerkennung und Aufmerksamkeit für sich und ihre angeblich von Pseudowissenschaftlichern bedrohte reine Wissenschaft.

****) Interessanterweise findet sich in dem 1901 erschienenen Werk »Entstehen und Vergehen der Welt als kosmischer Kreisprozeß« des Naturphilosophen Johann Gustav Vogt eine in Teilen verblüffend ähnliche Wortwahl bei seiner spöttisch paraphrasierenden Beschreibung des Darwinschen Evolutionsmechanismus: »Aller Scharfsinn der Darwinianer wurde darauf verwendet, die äußeren Entwicklungsfaktoren festzunageln; die organische Materie wurde geschoben, gedrückt, geknetet, gestoßen (...)«. Ist dies Zufall oder sollte auch Vogt seinen Nietzsche gelesen haben?

G.M., 24.03.2010

   

 
   


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