Kritische Naturgeschichte > Naturerbe - Arkadien im Canyon


 

Arkadien im Canyon

40.000 cbm Kalkabraum für den Brochterbecker See

oder

Zu den Denkstrukturen und Strategien ökologischer Vandalen1)


Impressionen eines ›Wanderökologen‹ von einer denkwürdigen Informationsveranstaltung

Der 07.07.2005 war ein denkwürdiger Tag für die Brochterbecker Bevölkerung. Der Kreisverband Bündnis 90/Die Grünen hatte sich nach massiver Öffentlichkeitsarbeit der Bürgerinitiative »RettetdenSee« kurzfristig entschlossen, zu einer Informationsveranstaltung über die bereits behördlich abgesegnete und unmittelbar bevorstehende Verschüttung des idyllischen Brochterbecker Steinbruchsees einzuladen. Den für die Genehmigung der Verschüttung maßgeblich verantwortlichen Herren vom Umweltamt des Kreises Steinfurt und den lokalen Naturschutzverbänden wird diese Einladung gar nicht gefallen haben. Fast hätten sie es geschafft, ihre brachiale Naturschutzmaßnahme ohne jegliche öffentliche Diskussion auf den Weg zu bringen und nun mussten sie sich – weil die Maßnahme durch eine gezielte Indiskretion aus den eigenen Reihen doch noch Publik geworden war – im überfüllten Saal des Brochterbecker Dorfkruges gegenüber einer mehrheitlich empörten Bürgerschaft rechtfertigen. Diesmal konnten sich die Herren Naturschützer nicht in ihrer vertrauten Opferrolle präsentieren und über ökologisches Handeln blockierende übermächtige wirtschaftliche Interessen lamentieren. Diesmal waren sie es, die als ›Naturzerstörer‹ vorgeladen waren und den Vorwurf entkräften mussten, aus äußerst eigennützigen Motiven einem Deal zugestimmt zu haben, der wohl als Brochterbecker Naturschutzskandal in die Geschichte des Naturschutzes eingehen wird.

In den einleitenden Statements bemühten sich die Verantwortlichen dann auch gleich klar zumachen, dass sie eine gute Maßnahme auf den Weg gebracht und sich nichts aber auch gar nichts vorzuwerfen hätten. Die »Biotopentwicklungsmaßnahme« sei ökologisch sinnvoll und unverzichtbar, weil sie nicht nur dazu diene, die Inkarnation der Steinbruch-Natur in Gestalt eines brütenden Uhus vor rücksichtslosen »Badewütigen« zu schützen, sondern den Steinbruch »naturschutzfachlich« aufzuwerten. Zudem seien im Genehmigungsverfahren alle Träger öffentlicher Belange von der Landesanstalt für Ökologie über die Höhere Landschaftsbehörde bis hin zu den Wasserverbänden ordnungsgemäß beteiligt worden. Alle hätten zugestimmt. Die aus Sicht des Laien brachiale Naturschutzmaßnahme sei daher nicht nur ökologisch sinnvoll und rechtens, sondern aufgrund alter Rekultivierungsauflagen sogar gesetzlich unvermeidlich. Dass die Bürger nicht oder erst so spät informiert worden seien, hätten nicht sie, sondern einzig und allein die Tecklenburger Stadtverwaltung zu verantworten. Schließlich hätte der Tecklenburger Bürgermeister Brönstrup die Maßnahme ohne Beschlussvorlage und Ratsbeteiligung als sogenanntes alltägliches Geschäft der Verwaltung durchgewinkt.

Eine beschämende Vorstellung haben die Naturschützer da abgegeben. Allen voran die Arbeitsgemeinschaft Naturschutz Tecklenburger Land (ANTL) vertreten durch Herrn Seidl. Spitzfindig wies er darauf hin, dass hier keine »richtige« Natur zerstört, sondern nur eine »Kunstlandschaft« verfüllt würde. Und diese »Kunstlandschaft« sei darüber hinaus für einen Bürger mehr schön anzuschauen als für einen Naturschützer ökologisch wertvoll. Etwas zu selbstgerecht räumte Herr Seidl ein, dass der Naturschutz früher bei der Beurteilung solcher »Kunstlandschaften« gravierende Fehler gemacht habe. So gäbe es viele Beispiele dafür, dass Naturschützer wie er maßgeblich dazu beigetragen hätten, mit dem Ziel das »ökologische Gleichgewicht« in einer durch massive Eingriffe »verunstalteten« Landschaft wiederherzustellen, gerade die wertvollsten Biotope zu vernichten. Viel zu lange hätten die Naturschützer Abgrabungen und Steinbrüche als »Wunden in der Landschaft« betrachtet und sie im Rahmen von Rekultivierungsmaßnahmen zum Zwecke der »Heilung« zugeschüttet und mit Bäumen bepflanzt. Doch damit sei nun Schluss, denn mit der von der ANTL unterstützten Teilverfüllung des Brochterbecker Steinbruchsees solle ein »ökologisch wertvoller Kalksumpf und Kleingewässer« geschaffen werden. Dies zeige, dass der Naturschutz lernfähig und auf dem richtigen Weg sei.

Was für eine absurde Argumentation: Da wird ein ebenso umstrittenes wie brachiales Naturschutzprojekt damit verteidigt, dass es gegenüber älteren biotopvernichtenden Rekultivierungsmaßnahmen des Naturschutzes schon einen Fortschritt darstelle. Tatsächlich ist aber die Qualität eines aktuellen Naturschutzprojektes nicht an dem Unsinn von vorgestern, sondern an den gegenwärtigen ökologischen und naturschutzfachlichen Standards zu messen. Und da ist zunächst einmal zu berücksichtigen, dass Uhu und Laubfrosch jetzt schon da sind und bisher keine ökologische Bestandsaufnahme für den Steinbruchsee gemacht wurde. Offensichtlich will man gar nicht wissen, welches ökologische Kapital hier zerstört wird. Auch Herr Seidl war sich wohl dieser Schwachstelle seiner Argumentation bewusst. Deshalb beharrte er in der Diskussion darauf, dass es sich bei der jetzt genehmigten Verfüllungsmaßnahme um den ›gemilderten‹ Vollzug einer gesetzlichen Rekultivierungsverpflichtung handele. Die Verpflichtung den Steinbruch zu verfüllen sei eine Auflage der in 1980 von der Bezirksregierung Münster erteilten Abgrabungsgenehmigung. Kurz: Wer wie die Bürgerinitiative »Rettet den See« gegen die jetzt erteilte Änderungsgenehmigung vorgeht, die nur noch eine Teilverfüllung vorsieht, begebe sich in die Gefahr, geltendes Recht zu brechen, weil er ignoriert, dass eine Verfüllung unvermeidlich ist.

›Brechen‹ hätte ich auch in diesem Augenblick können, denn hier hat der Naturschutz sich von seiner heuchlerischsten Seite gezeigt. Der Versuch der ANTL den Eindruck zu erwecken, als habe sie auf Grund der alten Rekultivierungsauflagen gar keine andere Wahl gehabt als der (Teil-)Verfüllung zuzustimmen, ist nichts anderes als eine scheinheilige Schutzbehauptung und üble Faktenverdrehung. Dass keine rechtliche Verpflichtung zu einer Verfüllung bestehe, bestätigte auf Nachfrage auch Herr Teupen, Umweltamt Kreis Steinfurt. Er war für die verwaltungstechnische Abwicklung der Verfüllungsgenehmigung verantwortlich. Herr Teupen hatte im März 2005 auf Antrag des Steinbruchbetreibers die absurde »Plangenehmigung zur Herstellung eines Gewässers (Feuchtbiotop) im Rahmen der Rekultivierung des Abgrabungsgeländes« erteilt. (Dass das von ihm genehmigte Gewässer in einem bereits vorhandenen Gewässer »errichtet« werden soll, schien ihn –und das zeichnet einen guten Bürokraten aus – nicht weiter zu irritieren, da das vorhandene Gewässer nach behördlicher Auffassung illegal war, also eigentlich gar nicht existierte). Er räumte ein, dass es durchaus denkbar gewesen wäre, dass seine Behörde in Abstimmung mit dem Steinbruchbesitzer und der Bezirksregierung Münster auf eine Verfüllung vollständig verzichtet hätte, wenn die überwiegende Zahl der beteiligten Träger öffentlicher Belange (also z. B. auch die ANTL) schwerwiegende Einwände gegen die beantragte Verfüllung vorgebracht hätten. Haben sie aber bekanntlich nicht...

Was lehrt uns diese Geschichte: Früher haben engagierte Naturschützer aus den Reihen der ehrenamtlichen Verbände ›die Gesetze‹ auch schon mal gebrochen (sich an Bäume gekettet oder vor Bulldozer gelegt), um ein Stück heimatlicher Natur zu retten. Heute verstecken sich die selben Naturschützer hinter gesetzlichen Vorschriften (die es allerdings wie Herr Teupen vom Kreisumweltamt bestätigte so gar nicht gibt), um ein von ihnen als »Kunstlandschaft« abqualifiziertes, aber auch nach Einschätzung namhafter Experten schönes und ökologisch jetzt schon wertvolles Stück »Natur« zu zerstören oder es doch zumindest einer sehr ungewissen Zukunft auszuliefern. Und dies alles nur, wegen des vermeintlich besseren Schutzes eines angeblich durch ein paar harmlose »Badewütige« bedrohten, eingebürgerten Uhus und der Phantasie, in dem Steinbruch ein Kalksumpf-Paradies, sozusagen ein ›Arkadien im Canyon2)‹ schaffen zu können. Lieber Herr Seidl, eine armselige und doppelzüngige Vorstellung haben Sie da als Sprecher Ihres Naturschutzverbandes abgeliefert. »Schämen Sie sich!«, würde Professor Bömmel aus der Feuerzangenbowle, wohl dazu gesagt haben.

Dann meldete sich Herr Bischoff von dem im Vorfeld vielgescholtenen NABU-Kreisverband zu Wort. Er legte Wert auf die Feststellung, dass diese Maßnahme wegen der regionalen Aufteilung der Zuständigkeiten verfahrenstechnisch von der Arbeitsgemeinschaft Naturschutz Tecklenburger Land betreut wurde. Der Naturschutzbund sei nur über den Uhuschützer Lütke, der verbandsübergreifend tätig ist, ins Boot geraten. Die Wucht des Bürgerprotestes träfe folglich den falschen Verband. Allerdings hätte auch sein Verband der Teilverfüllung »vollinhaltlich« zugestimmt, weil er in Übereinstimmung mit den Fachbehörden von einer »Biotopverbesserung« und einem besseren Uhuschutz ausgeht. Herr Lütke habe wiederholt beobachtet, dass sich kaum ein Mensch an die von der Naturschutzbehörde und dem Steinbruchtreiber aufgestellten Betretungsverbotsschilder halten würde. Aus diesem Grund führe kein Weg daran vorbei, dass der See durch die Verschüttung für Besucher unattraktiv gemacht werde. Kurz: Letztlich sind die Bürger selber Schuld, dass der See zugeschüttet wird, weil sie sich nicht daran gehalten haben, dass sie ihn eigentlich nicht sehen, geschweige denn an seinen Gestaden lagern oder gar darin schwimmen dürfen.

Uhuschützer Lütke erläuterte, dass der Uhu seit 1995 im Brochterbecker Steinbruch vorkomme und seit 1996 auch dort brüten würde. Insbesondere in den letzten Jahren hätte der Bruterfolg abgenommen. Die Ausfälle würden sechzig Prozent und mehr betragen. Ursache dafür seien zunehmende Störungen der Aufzucht durch illegale Badegäste. Der Steinbruchsee habe in den letzten Jahren immer mehr Menschen angelockt. Eine Verschüttung des Sees sei daher aus Uhuschutzgründen unvermeidbar. Im Übrigen verstehe er die ganze Aufregung nicht. Schließlich brauche die weithin intensiv genutzte und durch wirtschaftliche Interessen ausgebeutete Kulturlandschaft ein paar Fleckchen, die nur den Zielen des Naturschutzes dienten. ›Natürlich‹ vergaß er hinzuzufügen, dass die Ziele des Naturschutzes sich in diesem Fall zu hundert Prozent mit seinem persönlichen Hobby, dem Uhuschutz, überschneiden. Folglich schützt der von der lokalen Presse auch schon mal liebevoll »Eulenvater« bezeichnete Lütke nicht nur Uhus, sondern auch seine höchst partikulären Interessen. Und welcher andere Bürger kann schon von sich behaupten, dass er für die Befriedigung seiner persönlichen Vorlieben, ein mehr als hektargroßes mit öffentlichen Mitteln ›aufgemöbeltes‹ Gebiet für sich alleine beanspruchen kann?

Lütkes Geschichte von den so menschenscheuen und störungsempfindlichen Uhus war so rührend und überzeugend, dass einer der anwesenden Jugendlichen spontan schwor, dem Uhu zu Liebe, nie mehr im Brochterbecker Steinbruchsee zu baden: »Ich gelobe, dass nie wieder zu tun!«. Ein pädagogischer Erfolg für Herrn Lütke? Nicht ganz, denn wenig später bemerkte Herr Seidl, dass die Uhus gar nicht so lärmempfindlich und menschenfeindlich sind, wie von Herrn Lütke ausgeführt. Tatsächlich hätten Uhus, die in noch betriebenen Steinbrüchen brüten würden, den größten Bruterfolg. Diese Steinbruch-Uhus würden den Maschinen-, LKW- und sogar den Spreng-Lärm schlichtweg ignorieren. Leider erwähnte Herr Seidl diese Geschichte nur, um die Auswirkungen der bevorstehenden LKW-Transporte zum Brochterbecker See zu verharmlosen. So blieb ihm verborgen, dass diese Geschichte ein schönes Beispiel dafür ist, dass der naturnutzende ›Mensch‹ offensichtlich nicht – wie vom Naturschutz immer wieder kolportiert wird – ein Feind der Natur ist. Im Gegenteil der Uhu liebt offensichtlich die von der wirtschaftenden Bevölkerung geschaffenen und genutzten ›Kunstlandschaften‹. Zumindest scheinen diese ihm allemal lieber zu sein als die vom Naturschutz in Besitz genommenen und mit ›teuer‹ Steuergeldern ›ökologisch‹ optimierten oder abgeriegelten Schutzgebiete.

Verständlicherweise wollte sich Herr Lütke zu seiner vielbeklagten ›Neigung‹ in Steinbruchnähe arglose Wanderer ›anzuspringen‹ und aus dem Schutzgebiet hinaus zu komplimentieren, nicht näher äußern. Hier geht es schließlich um schwerwiegende Gewissens- und Gesetzeskonflikte, nämlich die Fragen ›Mensch oder Tier‹ und ›Recht oder Unrecht‹. Bekanntlich hat sich Herr Lütke nun mal fürs Tier und Gesetz entschieden. Zur Mahnung möchte ich Herrn Lütke aber noch folgendes auf den Weg geben: Hatte nicht der Titanic-Autor Eckard Henscheid in seiner Untersuchung »Welche Tiere und warum das Himmelreich erlangen können« nicht nur dem Huhn keine Chancen auf den Himmel eingeräumt, weil seine Eier für die tückischen Cholesterinwerte verantwortlich sind, sondern auch dem Leopard die Himmelsfähigkeit abgesprochen, weil er dazu neigt, die Gazellen von hinten anzufallen? Und wie wird es da wohl später um die ›Himmelsfähigkeit‹ von Herrn Lütke stehen? Kann er sein Verhalten in Steinbruchnähe damit rechtfertigen, dass er als »Eulenvater« die Uhus fast wie Haustiere gehalten hat, und es ihm deshalb immer so vorgekommen sei, als hätte er die arglosen Wanderer in seinem ›Hühnerstall‹ erwischt? Wir sehen, da sind noch einige Fragen bezüglich Herrn Lütkes Seelenfrieden offen.

Der NABU-Vorsitzende Bischoff konnte sich nicht damit abfinden, dass sich so viele namhafte Ökologie- und Naturschutzexperten für die Erhaltung des Sees eingesetzt und seine bevorstehende Verschüttung als eine ›unerträgliche Naturverschandlungsmaßnahme erster Klasse‹ bezeichnet hatten (siehe Anlage). Sichtlich verärgert, bezeichnete er die anwesenden oder durch ihre Stellungnahme präsenten Experten als »reisende Fachleute« sprich ›Wanderökologen‹. Diese Bemerkung aufgreifend fragte ich Herrn Lütke, wo denn eigentlich die Brochterbecker Uhus herkommen würden. Wenig begeistert von dieser Frage räumte Herr Lütke ein, dass auch seine Uhus kein Brochterbecker Urgestein seien. Wegen der gnadenlosen Verfolgung durch die Jägerschaft sei der Uhu in Deutschland in den 1960er Jahren fast ausgerottet gewesen. Die heutigen Populationen seien daher das Ergebnis von Wiedereinbürgerungsprogrammen. Die Brochterbecker Uhus stammten aus einer Population, die in den 1970er und 1980er Jahren von Uhuschützern im Weserbergland aus freigelassenen Zoo- und Tierparkexemplaren aufgebaut worden war. Von dort seien sie in den 1990er Jahren bis in den Kreis Steinfurt migriert und von ihm aufwändigst betreut worden. Mit einer gewissen Genugtuung nahm ich zur Kenntnis, dass die hiesigen Uhus aus einer Gegend stammen, die noch viel weiter als meine Heimatstadt Lippstadt von Brochterbeck entfernt ist, und dass ihnen das offensichtlich bisher noch von keinem Naturschützer zum Vorwurf gemacht wurde.

Nach Herrn Lütke musste der Steinbruchbetreiber Herr Wallmeyer Stellung beziehen. Man sah ihm an, dass er die unangenehmste Position in der ganzen Geschichte hatte, weil er zwischen allen Stühlen saß. Ihn drückte die alte Rekultivierungsauflage aus den 1980er Jahren, er hatte sich als Steinbruchbetreiber mit den Behörden und Verbänden gut zustellen, er hatte die Interessen der Alteigentümer des Steinbruchs und seine wirtschaftlichen Interessen zu vertreten und er musste, wegen ungeregelten Verkehrssicherungspflichten ständig damit rechnen, dass bei einem Badeunfall in dem ungesicherten Steinbruch die Staatsanwaltschaft bei ihm an die Tür klopfte. Nun hatte er gehofft, dass er mit dem Kalkabraumdeal endlich eine Lösung gefunden hatte, mit der er sich all dieser Probleme entledigen konnte. Bei seiner sachlich und leise vorgetragenen Stellungnahme machte er den Eindruck, dass er kein Verfechter der Verfüllung, sondern nur der Ruhe war, die er endlich haben wollte. Mir fiel spontan die Geschichte von einem Sandabgrabungsunternehmer ein, dem in der unweit von Brochterbeck gelegenen Gemeinde Ladbergen die Abgrabung einer Sanddüne auf einem Acker angeboten worden war. Von der für Abgrabungsgenehmigungen zuständigen Höheren Landschaftsbehörde bei der Bezirksregierung Münster wurde extra ein Ortstermin anberaumt. Der Eigentümer des Ackers führte aus, dass er vor allem deshalb an der Abgrabung interessiert sei, weil die steile Hangschulter des Sandhügels ihm die Bewirtschaftung erschwere, ja gefährlich mache. Kürzlich sei er mit seinem Trecker an der Hangkante fast umgestürzt. Der angereiste Mitarbeiter der Höheren Landschaftsbehörde machte nach kurzer Diskussion keinen Hehl daraus, dass er den Antrag aus Gründen der Erhaltung des Landschaftsbildes ablehnen müsse.

Ich staunte nicht schlecht und fragte ihn, ob sein Anliegen, das Landschaftsbild zu retten, angesichts der keine 100 m entfernten Autobahntrasse der A 1 nicht etwas grotesk sei. Statt mir zu antworten, fragte er mich harsch, wer ich denn eigentlich sei? Ich erklärte, dass ich seit einem Jahr als Umweltbeauftragter in der Gemeinde Ladbergen arbeiten würde. Der Mitarbeiter schien beruhigt, denn wie sollte ich nach nur einem Jahr Tätigkeit in der Kommunalverwaltung wissen, dass man der Höheren Landschaftsbehörde nicht widerspricht, sondern nur zuhört oder zustimmt. Im Anschluss an den Termin fragte ich den Unternehmer warum er sich nicht gegen diese unsinnige Argumentation der Landschaftsbehörde gewehrt habe? Er erklärte mir, dass er es sich wegen dieser paar Kubikmeter Sand nicht mit der Bezirksregierung verderben wolle, sonst müsse er befürchten, dass bei seinem nächsten wirklich großen Abgrabungsantrag der Ermessensspielraum dieser Behörde plötzlich gegen Null gehen würde. Ich hatte wieder was von der Welt gelernt und wusste, dass der Begriff »Höhere Landschaftsbehörde« nicht nur eine hierarchische Bezeichnung, sondern auch ein Distanzmaß ist, das die Entfernung vom gesunden Menschverstand charakterisiert. So ähnlich wie dieser Sandabgrabungsunternehmer dachte vielleicht auch der Steinbruchbetreiber Wallmeyer. Und wenn er nicht in der von mir geschilderten vielschichtigen Klemme sitzen würde, hätte er – so zumindest mein Eindruck von ihm – vielleicht sogar die BI »RettetdenSee« unterstützt.

Nun kam Herr Holtmann, der für die Genehmigung der Verschüttung verantwortliche Leiter der Unteren Landschaftsbehörde, zu Wort. Schon bei seinem Eintreffen im überfüllten Saal des Brochterbecker Dorfkruges erweckte er den Eindruck, dass ihm die Einladung zu der verspäteten Informationsveranstaltung ausgesprochen unangenehm war. Dabei war doch bei diesem ›Naturschutzprojekt‹ fast bis zum Schluss alles einvernehmlich gelaufen. 15 (in Worten: fünfzehn) maßgebliche Träger öffentlicher Belange – darunter so einflussreiche Institutionen wie die Landesanstalt für Ökologie, Bodenordnung und Forsten (LÖBF NW), das Staatliche Umweltamt Münster (StUA MS) und der Wasserversorgungsverband Tecklenburger Land (WTL) – hatten der Verschüttung des Sees bei nur unerheblichen Auflagen zugestimmt. Wann hatte er in seinem langen Berufsleben soviel Einvernehmen, zumal bei so einem großen Projekt, je erlebt? Für ihn war die Sache längst gelaufen und diese Informationsveranstaltung daher so überflüssig wie ein Kropf! Trotzdem führte jetzt für ihn kein Weg daran vorbei, sich der Diskussion zu stellen. Und es wurde ihm schnell deutlich, dass die weitaus überwiegende Zahl der mehr als 80 anwesenden Bürger, keinen Hehl daraus machten, dass sie den ›zugereisten‹ Experten und den Anliegern des Sees mehr vertrauten, als den lokalen Fachbehörden- und verbänden.

Herr Holtmann erklärte, dass der Steinbruch 1990 eher zufällig, d. h. zur Arrondierung mit in das Naturschutzgebiet aufgenommen worden sei. Der Steinbruch habe als »Sperrfläche« zwischen zwei ökologisch wertvollen Kalk-Halbtrockenrasen gelegen. Da habe man sich entschlossen, den Steinbruch mit unter Naturschutz zustellen und den Steinbruchbetrieb zu stoppen. Damals hätte allerdings niemand geahnt, dass nach Beendigung des Betriebes in dem Steinbruch ein See entstehen würde. Der See sei zwar nun Teil des Naturschutzgebietes und FFH-Gebietes (nach der EG Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie) aber – wie die LÖBF NW im Beteiligungsverfahren bestätigt habe – zumindest bezüglich seiner Unterwasservegetation nicht so wertvoll, dass er als FFH-Lebensraumtyp auszuweisen und zu schützen ist. Eine Kartierung der tatsächlich im Brochterbecker Steinbruchsee vorhandenen Unterwasservegetation durch Tauchgänge sei zwar nicht durchgeführt worden, aber aus der Untersuchung eines vergleichbaren und sogar älteren Canyons in Lengerich wisse man, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht mehr als zwei relativ gewöhnliche Armleuchteralgenarten in dem See vorkommen würden.

Trotz dieser Ausführungen drängte sich vielen Anwesenden die Frage auf, weshalb die Unterwasservegetation vor ihrer bevorstehenden Zerstörung nicht genauer untersucht wurde? Schließlich liegt der See in einem bestehenden Naturschutz- und FFH-Gebiet! Und weshalb wurde gerade für diese brachiale Naturschutzmaßnahme keine umfassende Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) oder FFH-Verträglichkeitsprüfung durchgeführt, wo dies doch sonst fast bei jedem Kubikmeter Boden, der bewegt wird, von den zuständigen Behörden und Verbänden gefordert wird? Hier konnte Herr Holtmann nur sehr ausweichend antworten. Es sei von keiner Fachbehörde eine UVP gefordert worden und im Übrigen sei auch kein Geld dafür dar. Letzteres ist natürlich Quatsch, weil für Aufgaben, zu denen eine Behörde gesetzlich verpflichtet ist, immer Geld da ist. Später räumte Herr Holtmann dann auch ein, dass für die bevorstehende Umsetzung der Naturverschandlungsmaßnahme im erheblichen Umfang öffentliche Mittel eingesetzt würden. So würde nicht der Steinbruchbetreiber, sondern das Wasser- und Schifffahrtsamt Rheine (WSA) die Kosten für die abertausenden LKW-Transporte von Riesenbeck nach Brochterbeck tragen. Dies sei allerdings nicht so schlimm, weil vergleichbare Transportkosten auch dann anfielen, wenn der Kalkabraum nicht in den Brochterbecker See versenkt würde.

Man muss kein Transportunternehmen leiten, um abzuschätzen, dass alleine die Transportkosten für diese absurde ›Kalkabraum-Verklappung‹ in den Brochterbecker See rund 200.000,- EURO betragen. Eine UVP hätte im Vergleich dazu nur einen Bruchteil gekostet. Das WSA, das vermutlich bereits die umfangreichen Planunterlagen für den geänderten Rekultivierungsantrag des Steinbruchbetreiber erstellt (und finanziert) hat, hätte diese Kosten wohl unter der Haushaltsstelle »Peanuts« verbucht. Hier drängt sich der Verdacht auf, dass die Untere Landschaftsbehörde nicht aus finanziellen Gründen auf die Durchführung einer UVP vor der Plangenehmigung verzichtet hat, sondern vor allem deshalb, weil sie ihr Ergebnis fürchtete. Jede von einem halbwegs neutralen Umweltgutachter erstellte UVP hätte mit hoher Wahrscheinlichkeit das Ergebnis »nicht umweltverträglich« gehabt und damit das vorzeitige Ende der Naturverschandlungsmaßnahme bedeutet. Eine UVP hätte damit das für alle Beteiligten sich so angenehm ergänzende Interessengeflecht zwischen ehrenamtlichen und behördlichen Naturschutz, Wasser- und Schifffahrtsamt Rheine sowie Steinbruchbetreiber an seinem neuralgischen Punkt zerrissen.

Die Frage, ob das WSA Rheine für die Verschüttung des Sees auch noch Kompensationspunkte bekommen hätte, verneinte Herr Holtmann. Das WSA hätte zwar einen Antrag gestellt, die ›Biotopentwicklungsmaßnahme‹ als Ausgleich für den Eingriff in die Trasse des Dortmund-Ems-Kanals anzuerkennen. Der Antrag sei aber von der ULB negativ beschieden worden. Hier stutzt der Laie! Haben nicht alle anwesenden Naturschützer betont, dass die Verschüttung des Sees zu einer erheblichen ökologischen Aufwertung des Steinbruchs führt? Und wäre es da nicht nur konsequent oder sogar rechtlich verpflichtend, die Verschüttung als Kompensationsmaßnahme anzuerkennen? Leider schwieg sicher Herr Holtmann über die Hintergründe der Ablehnung nachhaltig aus, so dass man auch hier nur spekulieren kann. Hängt die negative Bescheidung womöglich damit zusammen, dass keine UVP durchgeführt wurde und aufgrund dieses Versäumnisses auch keine ökologische Bestandsaufnahme vorliegt? Wenn eine Behörde nicht weiß, was sie zerstört, kann sie logischerweise auch nicht abschätzen, inwieweit oder ob überhaupt durch eine ›Biotopentwicklungsmaßnahme‹ aufgewertet wird. Oder hängt die Ablehnung schlicht damit zusammen, dass die geplante Aufwertung des Areals im Rahmen einer alten Rekultivierungsverpflichtung geschieht? Nach meiner Einschätzung trifft die zuletzt genannt Begründung zu, und zwar vor allem deshalb, weil sie mir am absurdesten scheint.

Ich kann mir gut vorstellen, dass der strebsame Bürokrat Teupen (aus dessen Feder bereits die absurde Änderungsgenehmigung stammt) den Antrag abgeschmettert hat, in dem er ihn nicht nach den derzeit vorhandenen und zukünftig anvisierten ökologischen Verhältnissen, sondern nach der Aktenlage beurteilt hat. Und nach der Aktenlage, d. h. der alten Abgrabungsgenehmigung existiert der Brochterbecker See nicht. Durch die Rekultivierung wird daher nur der ökologische Zustand (wenn auch durch die jetzt geänderte Abgrabungsgenehmigung in ziemlich anderer Form) wiederhergestellt, der vor der Nutzung des Geländes als Steinbruch vorhanden war. Kurz: Ein Eingriffsverursacher bzw. Ausgleichspflichtiger kann sich eine von ihm gesponserte Biotopentwicklungsmaßnahme nicht als Kompensation für einen neuen Eingriff anrechnen lassen, wenn die Biotopentwicklungsmaßnahme bereits als Rekultivierungsauflage in einer alten (oder geänderten) Abgrabungsgenehmigung festgeschrieben ist. Dies klingt auf den ersten Blick vernünftig, ist aber absurd, weil die ›Selbstheilungskräfte der Natur‹ den alten Eingriff des Steinbruchbetreibers durch die ebenso spontane wie illegale ›Errichtung‹ eines oligotrophen Gewässers ja längst ›ausgeglichen‹ haben und – folgt man den Phantasien der örtlichen Naturschützer – durch die jetzt genehmigte ›Biotopentwicklungsmaßnahme‹ eine zusätzliche ökologische Aufwertung des Steinbruchs erfolgen soll.

Da man Herrn Holtmann auf der ›Informationsveranstaltung‹ wirklich jede brisante Information aus der Nase ziehen musste, wurde den anwesenden Bürgern das ganze Ausmaß des komplizierten Interessengeflechtes – wenn überhaupt – nur ziemlich unvollständig deutlich. Nur auf die letzte Frage an ihn, wer denn eigentlich haftbar gemacht wird, wenn dieses öffentlich subventionierte gigantische Naturschutzprojekt – wie von den externen Experten prognostiziert –ein Flop wird, wusste Herr Holtmann eine eindeutige und knappe Antwort: Das Risiko trage nicht die genehmigende Behörde, sondern die Allgemeinheit, sprich der Steuerzahler! Kein Wunder, dass es sich seine Behörde erlauben kann, so naiv und positiv gestimmt in die Zukunft zu schauen, denn beim Misserfolg richtet sie nicht sich, sondern nur Deutschlands ehrliche Steuerzahler und nicht zu vergessen ein Stück als »Kunstlandschaft« abqualifizierte, idyllische Steinbruchnatur zu Grunde. Eine ›Steinbruchnatur‹, die im übrigen anderen Orts von Naturschutzbehörden bereits vielfach unter Schutz gestellt wird, bevor sie überhaupt entstanden ist, d. h. bevor überhaupt eine Abgrabungsgenehmigung erteilt wurde!

Dann meldete sich Herr Fehr, seines Zeichens Kreisgrüner, zu Wort. Schon zu Beginn hatte ich mich gefragt, was er eigentlich auf dem Podium zu suchen hat, wo doch außer ihm keine Politiker anderer Parteien geladen waren. Verschärfend kam hinzu, dass mit der Moderatorin Frau Engelhardt, die übrigens ihre Aufgabe – wenn man davon absieht, dass sie als hauptverantwortliche Organisatorin reichlich spät erschien – ganz gut meisterte, schon eine Grüne am Tisch war. Herr Fehr gab sich souverän und erhob sich weit über die so emotional diskutierte Materie. Auch ihn habe der Bürgerprotest überrascht und für ihn sei die Geschichte ein Lehrstück dafür, dass Politik und Verwaltung zukünftig enger zusammenarbeiten müssten. Zu der eigentlichen Problematik, nämlich des Sinns oder Unsinns dieses heiß diskutierten Naturschutzprojektes, hatte er keine richtige Meinung. Es schien nicht in seinen grünen Mikrokosmos zu passen, dass hier Naturschützer gegen Naturschützer um einen vernünftigen Artenschutz stritten. Fast verzweifelt appellierte er daher an gemeinsame Feindbilder, nämlich die intensive Landwirtschaft, die doch hier noch gar nicht erwähnt worden sei. Warum auch Herr Fehr – denn um die hinlänglich bekannten, negativen Auswirkungen der Güllewirtschaft ging es hier nun wirklich nicht.

Um wenigstens einen minimalen Konsens zwischen den unversöhnlichen Positionen im Saal herbeizuführen, bemühte Herr Fehr das Wasser! Mahnend verwies er auf die Lieblingskatastrophe der Grünen, nämlich die sich [angeblich, G. M.!] anbahnende Klimaveränderung und fügte hinzu, dass Wasser in unserem Lande ein ebenso knappes wie wertvolles Schutzgut sei. In der bisherigen Diskussion sei daher viel zu wenig berücksichtigt worden, dass es nicht nur um Artenschutz, sondern auch um den Schutz des Grundwassers gehe. Die zuständigen Wasserbehörden und -verbände hätten in ihren Stellungnahmen keinen Zweifel daran gelassen, dass das Grundwasser im Bereich des Sees, der ja schließlich in einer Wasserschutzzone liegen würde, nur geschützt werden kann, wenn der See verschüttet wird. Eine in mehrfacher Hinsicht absurde Argumentation: Wenn denn in Mitteleuropa irgendein ›Wasser‹ knapp sein sollte, dann ist es das ›Weihwasser‹ (und das auch nur wegen der mangelnden Nachfrage) und nicht Grund- oder Oberflächenwasser.

Tatsächlich ist es doch so, dass wir Mitteleuropäer im Wasser ersaufen und die Wasserwerke darüber jammern, dass das Trinkwasser zu lange in den Leitungen steht. Aufgrund der sinkenden Nachfrage (vor allem bedingt durch das steigende Umweltbewusstsein) sind die Wasserwerke zunehmend gezwungen, Trinkwasserleitungen aus hygienischen Gründen zu spülen. Und weshalb mehrere tausend LKWs mit ihren leckagegefährdeten Dieselmotoren und Hydraulikleitungen den Wasserschutz in einem Wasserschutzgebiet verbessern sollen, wo wir doch in jeder Umweltbroschüre nachlesen können, dass ein Tropfen Mineralöl ausreicht, um die millionenfache Menge an Trinkwasser zu verseuchen, bleibt rätselhaft oder der grünen Logik von Herrn Fehr vorbehalten. Und auch ein Nitrateintrag aus dem bislang unverschütteten sehr nährstoffarmen Brochterbecker See in das Grundwasser ist wohl leichter behördlicherseits zu konstruieren als ernsthaft zu befürchten.

Wenn es noch eines eindrücklichen Beispiels dafür bedurft hätte, dass Grüne sobald sie parlamentarische Verantwortung tragen, dazu neigen ›nachzudunkeln‹, dann hat es – wenn auch ziemlich unbeabsichtigt – Herr Fehr geliefert. Ganz anders dagegen der Ortsgrüne Dr. Haase. Mit einem beeindruckenden Diskussionsbeitrag, der ohne weitere Überarbeitung integraler Bestandteil einer Umweltverträglichkeitsprüfung hätte sein können, arbeitete er die wesentlichen kritischen Punkte bezüglich Materialeintrag und Grundwasserauswirkung der Verfüllungsmaßnahme heraus. Dies alles konnte Herrn Holtmann, der wie bereits erwähnt, als Leiter der Unteren Landschaftsbehörde maßgeblich für die absurde Genehmigung verantwortlich ist, nicht beeindrucken. Er versicherte nochmals, dass man im Vorfeld der Genehmigung alles sorgsam abgewogen und mit den zuständigen Fachbehörden abgestimmt habe. Zudem würden die in der Änderungsgenehmigung getroffenen Auflagen garantieren, dass die gesamte Verfüllungsmaßnahme unter bester Kontrolle ablaufen würde.

Am nächsten Morgen bin ich – kurz vor meiner Heimreise – noch einmal zum Steinbruch gewandert. Von dem oberhalb des Steinbruchs verlaufenden Weg oder vielleicht auch von der für Wanderer strengstens verbotenen Steilkante – trotz der Wegbeschreibung durch den ortskundigen Wolfgang Finkmann (BI) hatte ich wohl vorübergehend die Orientierung verloren ... – konnte ich beobachten, wie ein riesiger Radlader die Aufmarschfläche für die schon bereitstehende LKW-Armada planierte. Dabei schob er den stark eutrophierten Oberboden (sprich ›Mutterboden‹) so nahe an die Steinbruchkante, dass dieses Material in den bis dahin ausgesprochen nährstoffarmen See rutschte. Kein für das absurde Projekt verantwortlicher Behörden- oder Verbandsvertreter war zu sehn, nicht einmal der eifrige Herr Lütke lauerte im Gebüsch. Mir fielen die Worte von Herrn Holtmann ein, dass seine Behörde die gesamte Maßnahme unter bester Kontrolle hätte... Der Morgen fängt ja ›gut‹ an, dachte ich, trank noch einen Kaffee bei Jochen Westenhoff, dem Initiator des Widerstands und fuhr anschließend erheitert bis wütend gen Heimat. Erheitert über so viel konzentrierten behördlichen und ehernamtlichen ökologischen Unverstand und wütend über so viel fahrlässig in Kauf genommene oder gar vorsätzliche Naturzerstörung.

Anmerkungen

1) Nach interner Übereinkunft sprechen Naturschützer nicht von »ökologischem Vandalismus«, sondern von »echtem Naturschutz«. Damit meinen sie, dass sie verpflichtet sind, zufällig als Nebenprodukt anderer Nutzungen entstandene ›Natur‹ durch »Biotopentwicklungsmaßnahmen« zu »echter, schutzwürdiger Natur« zu erhöhen. Das Ergebnis ist bekannt, die »Roten Listen« werden immer länger und immer mehr Arten flüchten – soweit sie die »Biotopentwicklungsmaßnahmen« überlebt haben – vor ihren angeblichen Beschützern aus den Schutzgebieten.

2) Mit »Arkadien« ist eine alte mythische Hirtenlandschaft in Griechenland gemeint. Diese ›Hirtenlandschaft‹ ist bekanntlich selbst wieder eine sehr alte Utopie, ein zugleich ländliches und halbgöttliches Nirgendwo, in dem Muße, Freiheit und Liebe herrschen. Diese Naturutopie ist bis heute der wichtigste Prägestock auch unseren ›landschaftlichen Auges‹ und unserer Vorstellungen davon, wie Erholungslandschaft, Naturpark und ›ökologisches Gleichgewicht‹ aussehen sollten. Es davon auszugehen, dass auch die Kalksumpf-Phantastereien der an dem Brochterbecker Naturschutzskandal beteiligten Naturschützer von dieser Utopie verseucht sind.

(Weiterführende) Literatur

Häpke, Ulrich (1992): Böse Thesen zum Naturschutz – Erster Teil: Die Unwirtlichkeit des Naturschutzes. – In: FLÖL-Mitteilungen (Hg. BUND NRW) Nr. 1, 10-33

Hard, Gerhard (1982): Landschaft als wissenschaftlicher Begriff und als gestaltete Umwelt der Menschen. – In: Biologie für den Menschen. Frankfurt, 113-146

Jacobs, Albrecht (?): Die Wiederansiedlung der großen Eule im Weserbergland. – www.nabu-holzminden.de

Kaplan, Klaus (1995): Wo wachsen die gefährdeten Pflanzenarten? – Ergebnisse einer Florenkartierung im nordwestlichen Westfalen.– In: LÖBF-Mitteilungen, H. 3, 39-45

Kleinhans, Bernd (1988): »Wir basteln uns ein Biotop« - Wie der Naturschutz die Naturzerstörung vorantreibt. – In: Kommune, H. 9, 32-35

Menting, Georg & Hard, Gerhard (2001): Von Dodo lernen – Öko-Mythen um einen Symbolvogel des Naturschutzes.– In: Naturschutz und Landschaftsplanung 33 (1), 27-34 sowie 33 (4), 128-132

Reichholf, Josef H. (2005): Die Zukunft der Arten – Neue ökologische Überraschungen. München

Reusswig, Fritz (2003): Naturorientierungen und Lebensstile – Gesellschaftliche Naturbilder und Einstellungen zum Naturschutz. – In: LÖBF-Mitteilungen, H. 1, 27-34

Scherfose, Volker (1995): Erfolgskontrolle in Naturschutzgebieten – Veränderungen der Anzahl gefährdeter Gefäßpflanzen-Sippen zur Ermittlung der floristischen Schutzeffizienz. – In: LÖBF-Mitteilungen, H. 1, 58-62


 
40.000 cbm Kalkabraum für den idyllischen Brochterbecker See
Wolfgang Finkmann

Dieser See wird durch eine »Biotopentwicklungs-maßnahme« des Naturschutzes mit 40.000 cbm Kalkabraum verschüttet

»Egal wie es wird, durch die jetzt plangenehmigte Biotopentwicklungsmaßnahme wird es naturschutzfachlich in jedem Fall wertvoller.« Herrmann Holtmann (Leiter der Unteren Landschaftsbehörde des Kreises Steinfurt)

Nach all den Misserfolgen und Rückschlägen des planenden und besitzergreifenden Naturschutzes kann solch naiver, behördlich verbreiteter Optimismus - wider aller Vernunft und wider aller Erkenntnis - nur noch als ökologische ›Blasphemie‹ bezeichnet werden. G. M.

»Der vorhandene See ist illegal, weil er nach Einstellung des Abbaubetriebes behördlicherseits nicht erwartet wurde.« Renate Zumdick, (Höhere Landschaftsbehörde, Bezirksregierung Münster)

Bekanntlich sind nicht die geplanten, sondern meistens die ungeplanten ›Kinder‹ die Liebsten. Man muss schon in einer plangenehmigenden Behörde arbeiten, um dafür blind zu sein. G.M.

 

Anlage

Kommentare namhafter Naturschutzexperten zur naturschutzbehördlich genehmigten Verschüttung des Brochterbecker Sees

Von Prof. Dr. Josef H. Reichholf (<Reichholf.Ornithologie@zsm.mwn.de>), Leiter der zoologischen Staatssammlung München sowie Biologie- und Naturschutzprofessor an beiden Münchener Universitäten

An Georg Menting (<geo-men@gmx.de>)

Datum: Freitag, 01. Juli 2005

Lieber Herr Menting,

eine »Sauerei« ist das (auf Bayrisch gesagt), was da mit dem Brochterbecker See passiert. Ja, Leute dieser Art und Denkweise sind keineswegs ausgestorben; ich wußte wohl, warum ich solche Vorgehensweisen in meinem Buch »Die Zukunft der Arten« anprangerte, wenngleich mir hauptsächlich (aktuelle) Fallbeispiele aus Bayern vorlagen. Ich werde Herrn Holtmann, ULB, mitteilen, dass ich »sein Beispiel« in die Neuauflage meines Buches aufnehmen werde. Vielen Dank für das Bild dazu, das Sie mir geschickt haben! Vielleicht kann man es im Buch unterbringen.

Beste Grüße, wie immer,

Ihr Josef Reichholf

Von Prof. Dr. Herbert Zucchi (<H.Zucchi@fh-osnabrueck.de>), Fachhochschule Osnabrück, Fachbereich Landschaftsarchitektur (Zoologie/Tierökologie)

An Wolfgang Finkmann (<WFinkmann@gmx.de>)

Datum: Dienstag, 05. Juli 2005

Sehr geehrter Herr Finkmann,

haben Sie Dank für Ihre Mail. Mit großem Befremden habe ich die geplante Verschüttung des Brochterbecker Sees zur Kenntnis genommen. Aus naturschutzfachlicher Sicht ist es geradezu Wahnsinn, mit einem oligotrophen Kalkgewässer derartig zu verfahren - Fachleute im wahrsten Sinne des Wortes können das nicht sein, die Derartiges planen und tun, und das dann auch noch unter dem Signum »ökologische Aufwertung«! Die Situation, die Sie schildern (badende Jugendliche etc.), schreit geradezu nach massiver und gezielter Naturschutzöffentlichkeits- und -bildungsarbeit, die man ideenreich gestalten könnte und sollte. So wie jetzt vorgesehen, wird man dem Naturschutz jedenfalls eher einen Bärendienst erweisen.

Mit freundlichen Grüßen

Herbert Zucchi

Von Prof. Dr. Thomas Scholten (<thomas.scholten@uni-jena.de>), Institut für Geographie an der Universität Jena, Bodenkunde

p> An Jochen Westenhoff (<Rettetdensee@aol.com>)

Datum: Freitag, 08.Juli 2005

Lieber Jochen,

ich bin entsetzt über diese »Schandtat«.

Beste Grüße aus Jena und ganz herzlichen Dank für Dein Engagement

Thomas

Kontakt: Jochen Westenhoff, Up de Hessel 4, 49545 Tecklenburg-Brochterbeck,
E-mail: RettetdenSee@aol.com, Telefon: 05455/1405

Bilderchronik der Verschüttung des idyllischen Brochterbecker Sees


W. Finkmann, 30.06.05

W. Finkmann, 31.07.05

J. Westenhoff, 21.08.05

J. Westenhoff, 15.01.06

Weitere Informationen zum Brochterbecker Naturskandal: Briefe für Leser und Bilderwelten

  Verschüttung des Sees

Wo früher das Betreten
oder ›Husten‹ strengstens
verboten war, verschandelt
eine unselige Allianz aus ehrenamtlichen und behördlichen Naturschützern jetzt mit schwerstemGerät
den Brochterbecker See.

 
   


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