Kritische Naturgeschichte > Briefe für Leser


Automarder am »Mirador d’es Colomer«

Leserbrief vom 14.03.2002 an die Mallorca Zeitung zum Artikel »Viel Polizei, kaum Übersicht« (MZ, Nr. 95, 2002)

Der »Mirador d’es Colomer« bietet nicht nur eine sensationelle Aussicht für Touristen, sondern ist auch ein äußerst beliebter Tummelplatz für Automarder.

Sehr geehrte Damen und Herrn, liebe Redaktionäre,

zu Ihrem interessanten Artikel »Viel Polizei, kaum Übersicht« in der Mallorca Zeitung möchte ich Ihnen aus eigener Erfahrung berichten:

Ich habe vom 03. - 09. März dieses Jahres an der Bucht von Pollença einen Fahrrad-Aktivurlaub gemacht. Dabei bin ich – wie schon in den Jahren zuvor – die ca. 50 km lange Tour von Alcúdia zum Cap de Formentor und zurück gefahren. Auf halber Strecke mache ich meistens am »Mirador d’es Colomer« eine kurze Pause, um die sensationelle Aussicht zu genießen. Bei meiner Tour am 04.03.2002 ist mir auf dem Parkplatz des Aussichtspunktes eine Frau aufgefallen, die statt der schönen Natur, die Touristen und deren Mietwagen beobachtete. Kurze Zeit später unterhielt sie sich mit einem südländisch aussehenden jungen Mann, den sie im Verlauf des Gespräches gestikulierend auf einen unweit geparkten Mietwagen aufmerksam machte.

Da ich in der Nähe stand, bemerkte ich, dass der junge Mann einen großen Schraubenzieher und einen gebogenen Draht bei sich trug, die er notdürftig unter seinem Pullover zu verbergen suchte. Kurze Zeit später ging er unauffällig zu einem silbergrauen Mietwagen und versuchte, dessen Tür aufzubrechen. Ich bin dann sofort auf den jungen Mann zugegangen und habe ihm erklärt, dass man in Deutschland die Autos mit Schlüsseln und nicht Schraubenziehern und Drahtschlingen öffnet. Der junge Mann wurde auf meine Bemerkung hin aggressiv und behauptete, dass es sich um sein Auto handeln würde und ich ihn Ruhe lassen sollte. Darauf hin habe ich ein in Nähe anwesendes deutsches Paar gebeten, so zu tun, als ob sie auf meine Bitte hin mit ihrem Handy die Polizei anriefen. Als der junge Mann dies bemerkte, hat er sofort zusammen mit der Frau die Flucht ergriffen und zwar zu Fuß und ohne das silbergraue Auto.

Von meinem Hotel aus habe ich dann versucht, die Guardia Civil telefonisch über den Vorfall zu informieren. Der Beamte konnte meine Information jedoch nicht entgegennehmen, da er weder Deutsch noch Englisch sprach. Stattdessen verwies er mich auf den allgemeinen Notruf 112. Dort war aber ständig ein mir bis dahin nicht bekannter Piepton zu hören, bei dem es sich vermutlich um ein Besetztzeichen handelte. Ziemlich verärgert rief ich erneut bei der Guardia Civil an. Der Beamte spürte wohl meinen Zorn in der Stimme und siehe da, plötzlich war es für ihn kein Problem mehr, mich mit einem deutschsprechenden Kollegen zu verbinden. Ich habe ihm die Geschichte erzählt und die beiden Personen beschrieben.

Der freundliche Polizist erklärte darauf hin, dass ihnen die Frau gut bekannt sei. Auf meine Frage, warum man dann den Parkplatz nicht häufiger kontrollieren und die Frau nicht festnehmen würde, teilte er mir mit, dass die Guardia Civil nur über wenige Streifenwagen verfügen würde. Auf mein ungläubiges Staunen hin, versicherte er mir allerdings, dass man noch am gleichen Tag einen Streifenwagen zu dem Parkplatz schicken werde. Ich habe ihm daraufhin gesagt, dass dies wohl zwecklos wäre, weil die Diebe mit hoher Wahrscheinlichkeit ›über alle Berge‹ seien. Stattdessen schlug ich ihm vor, doch lieber am nächsten Tag eine Zivilstreife auf dem Parkplatz zu postieren.

Ich habe große Zweifel, ob dies tatsächlich geschehen ist, denn vor genau zwei Jahren im März 2000 hatte ich auf demselben Parkplatz am »Mirador d’es Colomer« eine ähnliche Geschichte erlebt. Damals beobachtete ich zwei Männer, die sich auffällig an einem Mietwagen zu schaffen machten, und anschließend mit einem anderen Fahrzeug auf den Ausweich-Parkplatz auf der gegenüberliegenden Straßenseite fuhren. Da mir die Geschichte nicht geheuer vorkam, habe ich gewartet, bis die rechtmäßigen Besitzer des Fahrzeugs vom Aussichtspunkt zu ihrem Auto zurückkamen. Ich sprach sie an und machte sie darauf aufmerksam, dass sich zwei Männer, ziemlich verdächtig an ihrem Fahrzeug zu schaffen gemacht hätten.

Luftbild von der Umgebung des »Mirador d’es Colomer«. Oberhalb der sich windenden Straße befindet sich der direkt an der unteren Aussichtsplattform gelegene Hauptparkplatz und unterhalb der Ausweich-Parkplatz, auf den sich die Automarder nach dem Einbruch in den Mietwagen zurückgezogen hatten.

Die junge Frau stellte darauf hin fest, dass ihr 12.000 Peseten, die sie in einem Portemonnaie etwas fahrlässig in ihrem Mietwagen zurückgelassen hatte, entwendet worden waren. Sie weinte sofort fassungslos. Ich konnte sie allerdings mit dem Hinweis trösten, dass die mutmaßlichen Diebe noch auf dem gegenüberliegenden Parklatz anwesend wären. Ich bin darauf hin mit dem jungen Paar zu dem betreffenden Auto gegangen und habe mich provozierend auf das junge Paar hindeutend vor das Auto der Männer gestellt. Schon nach kurzer Zeit stieg einer der Männer aus und gab dem Paar das gestohlene Geld zurück, wobei er sich gestenreich entschuldigte, als ob es sich um ein Kavaliersdelikt handelt.

Anschließend sind die beiden Männer dann auf und davongefahren. Ich habe das Paar nachdrücklich gebeten, umgehend die Polizei zu informieren. Da ich den Vorfall beobachtet und mir zudem das Kennzeichen des ›Fluchtfahrzeugs‹ der Männer aufgeschrieben hatte, habe ich ebenfalls von meinem Hotel aus die Polizei angerufen und sie über den Vorfall informiert. Die Polizeibeamtin hielt es nicht für erforderlich, einen Streifenwagen an dem Aussichtspunkt vorbeizuschicken, da die Männer bereits in einer Stunde in Palma untertauchen könnten. Da mag sie ja recht gehabt haben, aber ich befürchte, sie hat nicht einmal eine Fahndung eingeleitet.

Im Nachhinein habe ich mich gewundert, dass die Polizei in keinem der zuvor geschilderten Fälle nach meiner Hoteladresse gefragt hat, obwohl ich doch ein wichtiger Augenzeuge war. Die unrühmliche Krönung der Geschichte folgte zwei Tage später. Um die grandiose Aussicht einmal unbeschwert genießen zu können (oder vielleicht auch weil ich wissen wollte, ob die Polizei zwischenzeitlich Maßnahmen ergriffen hatte), bin ich wieder zu dem Aussichtspunkt gefahren. Und – ich traute zunächst meinen Augen nicht – wieder waren dieselben Männer, die schon das junge Paar bestohlen hatten, auf dem Parkplatz anwesend.

Ich war frustriert und fassungslos, zumal es mir dieses Mal nur mit viel Mühe gelungen war, sie zu vertreiben. Irgendwie muss ich lustlos und wenig überzeugend gewirkt haben, als ich sie darauf aufmerksam machte, dass ich ihr kriminelles Treiben kenne und erneut die Polizei informieren würde. Nur widerwillig stiegen sie ins Auto ein und rauschten Richtung Port de Pollença ab, vermutlich nur um nach kurzer Zeit, wenn die Luft wieder rein ist, wiederzukommen. Von einer Polizei- oder gar einer Zivilstreife war auch diesmal nichts zu sehen. Ich konnte mich deshalb des Eindrucks nicht erwehren, dass sie nicht aus Angst vor der Polizei weggefahren sind, sondern weil ich ihnen durch meine Anwesenheit ihr Geschäft vermasselte.

Weil es sowieso zwecklos ist, habe ich dieses Mal darauf verzichtet, die örtliche Polizei zu informieren. Im Übrigen fliege ich nach Mallorca, um mit dem Rad, die schöne Landschaft zu erkunden und nicht, um die Arbeit der Polizei zu erledigen. Mir macht es wirklich wenig Spaß bei jeder zweiten Tour zum Cap, den Amateurdetektiv zu spielen. Aber die Augen zu machen, kann ich auch nicht. Daran hindert mich schon mein partiell ausgeprägter Sinn für Gerechtigkeit. Es könnte ja auch mein Mietwagen sein, der da aufgebrochen wird. Zudem ist mir unbegreiflich, dass die Polizei einer Insel, auf der die Tourismusbranche für die überwiegende Zahl der heimischen Bewohner die Existenzgrundlage bildet, so wenig Initiative zeigt, um Urlauber vor Neppern zu schützen.

Was mir in wenigen Urlaubstagen als unfreiwilliger Amateurdetektiv gelingt, sollte der extra für die Verbrechensbekämpfung ausgebildeten spanischen Polizei doch in zwei Jahren möglich sein, nämlich Automarder, die am helllichten Tage agieren, zu beobachten, abzuschrecken und – wenn die Indizien ausreichen – aus dem Verkehr zu ziehen. Und dass dies am mangelnden Personal scheitert, kann ich nicht glauben, da in den Ortschaften zahllose Streifenwagen patrouillieren. Dass bei der Oldtimer Rallye am 08. 03. 2002 in Port de Pollença ein Großaufgebot von Polizisten sich ziemlich gelangweilt die Beine in den Bauch stand, sei da nur am Rande erwähnt.

Für Rückfragen stehe ich Ihnen zur Verfügung.

Viele Grüße

Georg Menting

(Mister Marple…)

Nachbemerkung:

Von der MZ erhielt ich kurze Zeit später folgende Antwort:

»Vielen Dank für Ihren interessanten Bericht. Das von Ihnen geschilderte Verhalten der Polizei deckt sich weitgehend mit den von uns gemachten Erfahrungen. Bitte teilen Sie uns noch mit, ob wir Sie als Quelle zitieren können, falls wir das Thema erneut aufgreifen.«

G.M., 14.10.12


Unterirdischer Surrealismus

In der Rezension von Alexis Dworsky’s Buch »Dinosaurier – Die Kulturgeschichte« hatte ich geschrieben, dass fossile Saurierskelette nicht so lebensnah angetroffen werden wie in der linken Abbildung dargestellt, die eine für eine Werbekampagne gefakte Fundstätte eines Tyrannosaurus rex zeigt, sondern das Saurierfossilien in der Regel als fragmentarische Anhäufungen von Knochen vorliegen.

Kürzlich wurde nun in Bayern das europaweit am besten erhaltene Saurier-Fossil entdeckt. Es handelt sich um ein noch namenloses rd. 70 cm langes Jungtier, das wie der Tyrannosaurus rex zu den Raubsauriern (Theropoden) zählt. Das rund 125 Millionen alte Fossil ist zu 98 % vollständig und so extrem gut erhalten, dass sogar Haut- und Haarstücke identifizierbar seien.

Das Fossil gilt als größte Entdeckung in Deutschland seit dem Fund des Archaeopteryx. Obwohl es sich bei dem Fund um ein Jungtier handelt, ist die Ähnlichkeit des Fossils mit dem adulten Skelett in der gefakten Fundstätte verblüffend. Hat hier etwa ein unterirdischer Surrealismus, der frühzeitig ausgetretene Pfade verlassen hat, die wissenschaftliche Sensation vorweggenommen?!

G.M., 20.11.11


Falkner aus Lippstadt muss 2.400 € Geldbuße zahlen

Der Täter (links) zeigt einem Polizisten eine seiner Fallen. Die am Fuß festgebundene Ködertaube ist gut zu erkennen. (Februar 2010)

Das Komitee gegen den Vogelmord berichtet auf seiner Website:

»Ein Falkner aus dem Kreis Soest, der von Komitee-Mitgliedern im Februar 2010 in flagranti beim Aufstellen von illegalen Greifvogelfallen ertappt worden war, stand am 26.01.2011 vor dem Amtsgericht Paderborn. Er gestand das Aufstellen der Vogelfallen und entschuldigte sich wortreich. Das Verfahren wurde gegen Zahlung einer Geldbuße an die ›Stiftung Senne‹ in Höhe von 2.400 € eingestellt. Mit einer der Fallen war ein Mäusebussard gefangen worden - das Tier wurde von Komitee-Mitarbeitern später tot aufgefunden. Der Fallensteller beteuerte, das Tier nicht getötet zu haben. Leider wurden die Todesumstände des Bussards nicht aufgeklärt.«

Dem möchte ich nur hinzufügen, dass solche im Rahmen eines Rechtsgespräches verhängten milden Geldbußen nicht die dringend notwendige abschreckende Wirkung gegen die zunehmende Greifvogelverfolgung haben. Sie ersparen der Justiz, die wegen der diversen Anklagepunkte meines Wissen ursprünglich vier Verhandlungstage angesetzt hatte, nur eine aufwendige Urteilsfindung und -begründung.

G.M., 06.03.11


Ein Falkner, ein entflogener Habicht und ein toter Mäusebussard

Die Lippstädter Tageszeitung »Der Patriot« hat in ihrer Ausgabe vom 11.12.10 darüber berichtet, dass die Staatsanwaltschaft Paderborn Anklage gegen einen Falkner erhoben hat, illegal Greifvögel gejagt einen streng geschützten Mäusebussard getötet zu haben:

»Falkner muss vor Gericht

(…)

Lippstadt . Der Fall hatte Anfang des Jahres landesweit für Schlagzeilen gesorgt, in Kürze beschäftigt er die Richter: Die Staatsanwaltschaft Paderborn hat Anklage gegen einen 45-jährigen Hobby-Falkner aus Lippstadt erhoben. Ihm wird vorgeworfen, Ende Februar einen unter Naturschutz stehenden Mäusebussard getötet zu haben. Das teilte der Sprecher der Anklagebehörde, Oberstaatsanwalt Horst Rürup, jetzt mit.

Dem Falkner wird zur Last gelegt, Ende 2009, Anfang 2010 in einem Waldstück bei Bad Waldliesborn unbefugt auf Habichtjagd gegangen zu sein. Dabei soll er so genannte Lebendfallen aufgestellt haben. In einer solchen mit einer lebenden Taube bestückten Falle soll er dann am letzten Samstag im Februar trotz ganzjähriger Schonzeit einen Mäusebussard gefangen und anschließend getötet haben. Rürup: ›Habichtvögel, auch Mäusebussarde, gehören zu den streng geschützten Arten.

Ans Tageslicht gekommen war die Jagd auf Greifvögel durch das in Bonn ansässige ›Komitee gegen den Vogelmord‹ und die Arbeitsgemeinschaft Biologischer Umweltschutz (ABU). Die Vogelschützer hatten an jenem Wochenende das Waldstück über Stunden beobachtet und die Fallen mit Videokameras überwacht. Am Abend hatten sie nach ihrer Darstellung den Falkner dann auf frischer Tat ertappt, wie er sich an einer Falle zu schaffen machte. Kurz darauf fanden die Naturschützer in der Nähe einen getöteten Bussard.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem Lippstädter Verstöße gegen Bundesnaturschutzgesetz, Bundesjagdgesetz und Tierschutzgesetz vor. Der Prozess findet laut Rürup vor dem Amtsgericht Paderborn statt, weil dies auf derlei Umweltdelikte spezialisiert ist.

G.M., 24.12.10


Ein Falkner, ein entflogener Habicht und ein toter Mäusebussard

Die Lippstädter Tageszeitung »Der Patriot« hat in ihrer Ausgabe vom 28.07.10 folgenden Zwischenbericht eingestellt:

»Bussard Fall für den Staatsanwalt

Habicht-Jagd: Auch Umweltministerium hat Anzeige erstattet

Verstoß gegen das Tierschutzgesetz? Eine Taube dient als Lockmittel in dieser ›Lebendfalle‹, in der ein Mäusebussard gefangen wurde . Foto: Komitee gegen den Vogelmord

Lippstadt . Der Fall hatte vor fünf Monaten landesweit für Schlagzeilen gesorgt: Ein Lippstädter Falkner solle Ende Februar Jagd auf streng geschützte Greifvögel gemacht haben. Die mutmaßliche Habicht-Jagd und der gewaltsame Tod eines Bussards beschäftigen seit geraumer Zeit die Justiz. Bei der Staatsanwaltschaft Paderborn wartet man zurzeit auf die Stellungnahme des Anwalts des beschuldigten Falkners, wie Oberstaatsanwalt Horst Rürup gestern auf Anfrage unserer Zeitung sagte.

Das in Bonn ansässige ›Komitee gegen den Vogelmord‹ hatte zusammen mit der Arbeitsgemeinschaft Biologischer Umweltschutz (ABU) den Fall ins Rollen gebracht. Die Vogelschützer hatten nach eigener Darstellung dem Falkner am letzten Februar- Wochenende aufgelauert. Sie hatten ein Waldstück bei Bad Waldliesborn über Stunden beobachtet und die dort aufgestellten Greifvogel-Fallen mit Videokameras überwacht. Am Abend hatten sie dann den Falkner ertappt. Dieser habe sich an den einer der Fallen zu schaffen gemacht, in der ein Mäusebussard gefangen gewesen sei. Die Tierschützer werfen dem Mann auch vor, den Bussard erschlagen zu haben.

Nach den Vogelschützern erstattete im April auch das Landesumweltministerium Anzeige. Der Anwalt des Falkners hatte unmittelbar nach Bekanntwerden der Vorwürfe diese entscheiden zurückgewiesen und als ›schlichten Unsinn‹ bezeichnet. Sein Mandant habe mit behördlicher Erlaubnis einen seiner im Herbst zuvor entflogenen Jagd-Habichte wieder einfangen wollen. Oberstaatsanwalt Rürup erklärte gestern, es werde geprüft, ob Verstöße gegen das Tierschutzgesetz bzw. Bundesnaturschutzgesetz vorlägen. Dabei gehe es um den Einsatz von Lebendfallen (Tauben) und den Umstand, dass unweit der Falle ein Bussard mit tödlichen Kopfverletzungen gefunden sei. Und das womöglich ungenehmigte Nachstellen nach einem Habicht könne ein Verstoß gegen das Bundesnaturschutzgesetz sein, so der Sprecher der Staatsanwaltschaft.«

G.M., 05.08.10


Das Rätsel der verschwundenen Website der AG Evolutionsbiologie

Logo der AG Evolutionsbiologie, das inklusive der umfangreichen AG-eigenen Website im Mülleimer der Geschichte verschwunden ist.

Liebe Leser,

einer der letzten mit Datum vom 25.09.09 auf dem Newsticker der Website der AG Evolutionsbiologie (VBio) veröffentlichten Beiträge hieß: »Das Rätsel der ›verschwundenen Kreationisten‹«1). Wer hätte gedacht, dass es kaum zwei Monate später die AG-eigene Website selber ist, die auf wirklich rätselhafte Weise spur- und kommentarlos aus dem Netz verschwindet. Der Reihenfolge nach: Mitte November 2009 fiel mir auf, dass auf dem Newsticker der AG schon ungewöhnlich lange Zeit kein neuer Beitrag mehr eingestellt worden war. Als dann kurze Zeit später beim Aufruf der URL statt der Website eine Fehlermeldung erschien, vermutete ich zunächst, dass Serverprobleme dahinter stecken würden. Erst als sie nach knapp einer Woche immer noch nicht wieder online war, habe ich mich in einem einschlägigen Internetforum nach ihrem Verbleib erkundigt. Am 28.11.09 konnte ich dann dem Geschäftsführer der AG, Martin Neukamm, auf wiederholte Nachfrage die dünne Information abringen, dass es »die alte AG nicht mehr gibt.« Da eine über Jahre hinweg aufgebaute Website nicht einfach so vom Netz genommen wird, musste es hinter den Kulissen mächtig geknallt haben.

Alle vorliegenden Indizien deuten daraufhin, dass es zwischen den einst einflussreichsten Männern der AG Evolutionsbiologie, nämlich ihrem Vorsitzenden Ulrich Kutschera und ihrem Geschäftsführer Martin Neukamm zu einem schwerem Zerwürfnis gekommen ist. Neukamm hat jahrelang so etwas wie die Funktion eines ergebenen Internet-Adlatus für Kutschera ausgeübt. Seine wesentliche Aufgabe bestand darin, für Kutschera Propaganda zu machen und die Kohlen aus dem Feuer zu holen, wenn der sich – in dem von ihm initiierten und angeheizten »intellektuellen Krieg« gegen den Kreationismus – mal wieder zu weit aus dem Fenster gelehnt, die Unwahrheit verbreitet oder fachlich vergaloppiert hatte. Wohl im Gegenzug durfte der Chemieingenieur Neukamm protegiert durch Kutschera, der sonst dazu neigt, allen Nichtbiologen die Kompetenz in der Evolutionismus-/Kreationismus-Debatte abzusprechen, in der vordersten Reihe der AG Evolutionsbiologie mitmischen und sich mit etwas Ruhm im Kampf gegen die Kreationisten bekleckern. Dieses Geschäft scheint nun endgültig aufgekündigt zu sein. Über die Gründe dafür kann man nur spekulieren.

Neukamm und Kutschera ist gemeinsam, dass sie beide aggressiv agierende Weltanschauungs-Darwinisten sind, die davon besessen sind, im Namen der Aufklärung rückwärtsgewandten Evolutionskritikern entgegenzutreten2). Sie unterscheidet, dass Kutschera in der akademischen Hierarchie zwar weit über Neukamm steht, dieser hinsichtlich seines Ausdrucks- und Argumentationsvermögens jedoch Kutschera weit überlegen ist. Eine konfliktreiche Melange, die nach meinem Eindruck dazu führte, dass Neukamm versucht hat, sich durch Zeitschriftenbeiträge und die Herausgabe einer eigenen Monographie (in der Kutschera nicht einmal als Autor auftaucht) von seinem Mentor zu emanzipieren. Ich könnte mir daher vorstellen, dass Neukamm die bisherige Aufgabenteilung für die Beförderung seiner Karriere als nicht mehr dienlich befand, und dass es zu einem Streit um die zukünftigen Machtverhältnisse in der AG gekommen ist. Der könnte sich daran entzündet haben, dass für den Erfolg der AG nicht die akademischen Weihen oder die Zahl der peerreviewten evolutionsbiologischen Fachaufsätze ihrer Mitglieder, sondern die Qualität und Konsumierbarkeit von eher populärwissenschaftlichen, für die öffentliche Diskussion bestimmten Beiträgen entscheidend ist. Diesbezüglich weist Kutschera, wie ich noch jüngst in meiner Rezension seines letzten Werkes zeigen konnte, große Defizite auf.

Dies sind, wie bereits erwähnt, Spekulationen3). Sicher scheint aber zu sein, dass Neukamm und Kutschera zukünftig getrennte Wege gehen, denn beide arbeiten hektisch am Aufbau neuer Internetauftritte. Neukamm versucht die neue Website www.ag-evolutionsbiologie.de aufzubauen und Kutschera versucht, die in der zweiten Novemberhälfte vom ehem. Betreiber Neukamm ihres gesamten Inhalts beraubte Website www.evolutionsbiologen.de wiederzubeleben. Zu viel mehr als Startseiten, die mehr Fragen aufwerfen als Antworten geben, haben es beide aber bisher nicht gebracht. Nicht einmal Mitgliederlisten sind derzeit online, was wohl als Indiz dafür gewertet werden kann, dass beide Parteien hinter den Kulissen um Mitglieder werben. Kutschera ist es zwischenzeitlich immerhin gelungen, einen neuen Vorstand zu präsentieren. Erwartungsgemäß fehlt darin der ehemalige Geschäftsführer Neukamm. Der stellvertretende Vorsitzende der alten AG Evolutionsbiologie, der Biologiehistoriker Thomas Junker, gehört dagegen weiterhin dem Vorstand an und hat sich wohl auf die Seite Kutscheras geschlagen.

Betrachten wir einmal näher, wie sich die von Neukamm neu ins Netz gestellte Website www.ag-evolutionsbiologie.de entwickelt hat. Zunächst war dort folgende, von dem Biologen Dr. Andreas Beyer unterschriebene, programmatische Erklärung zu lesen: »Wir - diejenigen Mitglieder des Arbeitskreises, die auf dem Gebiet der Evolutionstheorie hauptsächlich oder ausschließlich populärwissenschaftlich publiziert haben - begrüßen durchaus diese Neuausrichtung, wollen jedoch unsere erfolgreiche Arbeit fortsetzen. Aus diesem Grunde werden wir im Rahmen dieser Neugründung die Arbeit mit der bisherigen Zielrichtung - Vermittlung evolutionsbiologischer Erkenntnisse sowie die argumentative Zurückweisung antievolutionistischer Thesen - weiter führen. Wir verstehen uns dabei nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung zur neu gegründeten AG des VBio und freuen uns auf die Zusammenarbeit.« Zunächst irritiert an dieser Erklärung, dass sich ja nicht die alte AG, sondern Neukamms AG neu gründet oder gegründet hat. Zudem scheint die Freude auf die Zusammenarbeit einseitig oder geheuchelt zu sein, denn auf der wiederbelebten Website www.evolutionsbiologen.de der alten AG wird die Abspaltung bisher mit keinem Wort erwähnt und schon gar nicht freudig begrüßt.

Wenn diese schwammige Erklärung auch nicht klarstellt, wer hier eigentlich was und warum neu ausrichten will, so macht sie zumindest deutlich, dass Neukamm beabsichtigt, eine Konkurrenzunternehmen zur alten AG Evolutionsbiologie aufzubauen. Diese neue AG soll sich nicht in ihren Zielen, sondern bezüglich ihrer Mitglieder von der alten AG (die sich nun Arbeitkreis nennt) unterscheiden. Die sollen sich offenbar weniger aus fachwissenschaftlich arbeitenden Biologen als aus populärwissenschaftlich publizierenden Nichtbiologen zusammensetzen. Allerdings wurde die Erklärung nur kurze Zeit nach Einstellung wieder aus dem Netz genommen. Dies kann wohl nur als Indiz dafür gewertet werden, dass sie mit heißer Nadel gestreckt wurde. Ersetzt wurde sie durch die Ankündigung »Erklärung zur Neugründung der Arbeitsgemeinschaft Evolutionsbiologie ….folgt in Kürze!«. Doch auch dieser Ankündigung war nur eine kurze Lebensdauer vergönnt. Statt sie in die Tat umzusetzen, verschwand auch sie spurlos im Mülleimer der Geschichte. Doch damit nicht genug, denn nun wurde die Startseite mit einem passwortgeschützten Zugang versehen. Wir haben es also hier mit dem kuriosen Fall zu tun, dass eine im Aufbau befindliche Website um so informationsärmer wird, je länger sie online ist.

Für die Zukunft dürfen wir gespannt sein, ob es dem Chemieingenieur Neukamm gelingen wird, der alten AG Evolutionsbiologie eine ansehnliche Zahl ihrer Mitglieder abzuwerben. Neukamm hat sich in den letzten 10 Jahren eine durchaus beachtliche biologische und wissenschaftstheoretische Kompetenz angelesen, kann aber wie Kutschera nicht zwischen Wissenschaft und Weltanschauung differenzieren. Für ihn ist die Darwinsche Evolutionstheorie eine Ersatzreligion, die es gegen jegliche (also auch sachliche) Kritik zu verteidigen gilt. In der Wahl seiner Mittel ist er dabei nicht zimperlich. Neukamm ist nicht nur ein tiefgläubiger Naturalist, sondern auch ein leicht reizbarer Hitzkopf. In Internetforen, wo er unter dem Nickname »Darwin Upheaval« (~ ›Darwins Umbruch‹) agiert, neigt er dazu ausfällig zu werden, sobald ihm die Argumente ausgehen. Erst jüngst beschimpfte er einen seiner Kontrahenten mit Formulierungen wie »geistiger Brechdurchfall«, »lebensbedrohlicher Geisteszustand« oder »hirnverbrannt«. Für ihn ist das angemessene Streitkultur im Dienste der Aufklärung. Ob so jemand geeignet ist, die Interessen einer wissenschaftlichen Arbeitsgemeinschaft in führender Position zu vertreten, überlasse ich dem Urteil meiner Leser.


1) In dem tolldreisten Artikel, der offenbar in wesentlichen Teilen aus der Feder des (ehem.?) stellvertretenden Vorsitzenden der AG Thomas Junker stammt, wird eine Erklärung dafür gesucht, dass in Darwins Jubiläums-Jahr eher wohlwollende Berichte und Kommentare über den großen Biologen zu lesen waren, während von »erbitterten Darwin-Gegnern, den Kreationisten verschiedener Couleur«, erstaunlich wenig zu hören war. Des Rätsels angebliche Lösung: Der »ganze Hass der Darwin-Feinde« entlädt sich auf den Produktseiten der Internet-Buchhandlung »Amazon« »vor allem an neueren deutschen Autoren, die den Mut haben, die Theorien Darwins und der neuen Evolutionsbiologie ernst zu nehmen und für ein breites Publikum ansprechend und lesbar darzustellen«. Diese Autoren, wie Axel Meyer, Ulrich Kutschera, Thomas Junker und Franz Wuketits, würden in Kundenrezensionen und -bewertungen systematisch attackiert. Der schöpfungsgeschichtlich motivierte Evolutionskritiker Michael Burger hat die Unterstellungen in mehreren Beiträgen »Wie man die Verkaufszahlen seiner Bücher steigert«, »Mitspielen verboten« und »Verschwörungstheorien auf Falschinformationen aufbauen?« systematisch analysiert und Erstaunliches zu Tage gefördert: Es sind die Ankläger selber, die bei Amazon in unverfrorener Manier Rezensionen und Bewertungen manipulieren und die dann auch noch die Frechheit haben, ihre weltanschaulichen Gegner dieses unlauteren Vergehens zu beschuldigen und ihre Anhängerschaft sogar dazu aufzurufen, es ihnen gleich zu tun.

2) Neukamms kämpferische Beweggründe zeigen sich z. B. darin, dass er in seinem 2009 herausgegebenen Sammelband »Evolution im Fadenkreuz des Kreationismus - Darwins religiöse Gegner und ihre Argumentation« ein Fadenkreuz, das ein Auge anvisiert, als Umschlagmotiv gewählt hat. Ein ähnliches Motiv taucht im Vorspann des ARD-Krimis »Tatort« auf, in dem es bekanntlich um die Aufklärung von Morden geht. Neukamm suggeriert damit (oder nimmt diese Assoziation zumindest fahrlässig in Kauf), dass Kreationisten Evolutionisten unter Beschuss nehmen würden. Der Geschäftsführer der evangelikalen Studiengemeinschaft Wort und Wissen »Reinhard Junker« hat dazu bemerkt: »Die Mitarbeiter des Lehrbuchs und der SG W+W schießen nicht auf Evolution, wir setzen uns kritisch mit evolutionstheoretischen Hypothesen auseinander – ein großer Unterschied!«

   

3) Von berufener Seite wurde mir zwischenzeitlich bestätigt, dass es zu einem Zerwürfnis zwischen Kutschera und Neukamm gekommen ist und dass der Beitrag in der Sache einigermaßen gelungen ist.

G.M., 15.12.09


300 Jahre mehr oder weniger: Ein Gedankenexperiment zum frühen Mittelalter

von Gunnar Heinsohn*)

Eine Antwort auf »Wie man Karl den Großen aus der Geschichte tilgt« (Die Welt 16.11.2009)

Karl der Fiktive, genannt der Große, wird seit Jahrhunderten als Garant von Ordnung und Gerechtigkeit verehrt. Als Herrscher ist er aber zu groß und als Realität zu klein. Das Gewölbe der Aachener Pfalzkapelle. Angeblich um 800 gebaut. Sein 15 m Durchmesser überspannendes Gewölbe steht jedoch 300 Jahre einsam in der Architekturgeschichte.

I.

Sehr geehrte Damen und Herren, lieber Lucas Wiegelmann!

Der von uns allen gelernte Zeitrahmen für die Geschichte der Menschheit ist das härteste Dogma der Geisteswissenschaften. Man kann über fast alles innerhalb der Geschichte kontrovers diskutieren, aber die Platzierung der Ereignisse auf der Zeitskala gilt als unumstößlich. Die Chronologie ist heilig.

Jeder Gebildete versteht sich als Kenner der Chronologie. Die besten Köpfe zeichnen sich dadurch aus, dass sie die wichtigsten Daten der Geschichte auswendig hersagen können – und das bereits seit der Schulzeit. Wer die Jahreszahlen nicht im Kopf hat, kennt zumindest renommierte Geschichtswerke, in denen er sie schnell und – so glaubt er – zuverlässig nachschlagen kann.

II.

Nirgendwo auf der Welt gibt es Studiengänge oder wenigstens Fachinstitute, die sich mit den Grundannahmen und Kontroversen aus den Zeiten der Erstellung der heute gelehrten Chronologie befassen. Standardvorlesungen über die Geschichte der Chronologiebildung werden nicht angeboten. Selbst Blicke auf einzelne Aspekte der Chronologie durch sogenannte Hilfswissenschaftler bilden die seltene Ausnahme. Zentralprobleme wie die Diskrepanz zwischen Menge und Länge der historischen Epochen in den Lehrbüchern und der Anzahl und Mächtigkeit der wirklich ergrabenen Stufen der Geschichte in der Erde bleiben ohne systematische Behandlung.

III.

Wenn jeder über Chronologie genau Bescheid weiß, obwohl niemand sie systematisch studieren kann, wird der Zweifler an der Zuverlässigkeit des von allen Gewusstem provozieren und im Extrem Scharlatanerieanwürfe auf sich ziehen. Schließlich muss dann er sich fragen lassen, warum gerade seine Ergebnisse etwas taugen sollen, die er doch bestenfalls im Eigenstudium, also ohne öffentliche Kontrolle und Kritik erarbeiten konnte.

IV.

Nehmen wir an, es tritt jemand mit dem Befund vor die Öffentlichkeit, dass die Geschichte seit Christi Geburt um drei Jahrhunderte verlängert werden müsse, weil ihm etliche Listen von Herrschern sowie zahlreiche Berichte über Kriegszüge auf Erden und ungewöhnliche oder gar erschreckliche Ereignisse am Himmel in die Hände gefallen seien. Nehmen wir also an, jemand will Ihnen nahe bringen, dass wir nicht erst im Jahre 2009, sondern bereits im Jahre 2309 leben. Was würden Sie tun? Gewiss würden Sie nach der Herkunft und Echtheit der Königslisten und Berichte fragen. Darüber würde Einigkeit nicht leicht zu erzielen sein. Papier sei geduldig, bekäme der arme Mann sehr schnell zu hören. Sie würden dann jedoch eine Reihe weiterer – sogenannter harter – Fragen stellen – soweit Sie überhaupt bereit wären, eine Geschichtsverlängerung ernsthaft zu prüfen.

Wo sollen die drei Jahrhunderte eingeschoben werden? Kommen sie in einem Stück hinzu oder müssen verschiedene Zeitblöcke an mehreren Stellen der Zeitachse eingeschoben werden?

  • Nehmen wir nun an, unserer Forscher will die 300 Jahre in einem einzigen Block innerhalb des 1. Jahrtausends nach Christus hinzufügen. Nun wissen Sie bereits, dass die Bevölkerungshistoriker für jeden beliebigen Zeitpunkt des 1. nachchristlichen Jahrtausends die Erdbevölkerung auf etwa 200 Millionen Einwohner schätzen. Bei einer Lebenserwartung von – sagen wir – 60 Jahren, erleben somit eine Milliarde Menschen diese zusätzlichen drei Jahrhunderte. Für diese Milliarde Erbauer, Köche, Esser, aber auch Schreiber oder Musikanten und schließlich Beerdigte muss ein gewaltiges Volumen materieller Funde beigebracht werden.

Diese Funde müssen wirklich hinzugewonnen und dürfen den auch bisher schon akzeptierten Jahrhunderten davor und danach nicht einfach wegstibitzt werden. Überdies müssen Sie Ihre Fragen für die ganze eurasisch-afrikanische Welt stellen, weil ja von Portugal bis Japan die Chronologien mit Querverbindungen arbeiten, so dass die Hinzufügung von 300 Jahren in Westeuropa eine entsprechende Hinzufügung bis nach Ostasien erzwingt.

  • Wie viele Gräber, so fragen Sie, hat diese Milliarde hinterlassen? Wenigstens einige Zigmillionen würden sie schon erwarten. Auch die Skelette von Haustieren würden sie nicht entbehren wollen.
  • Wie viele steinerne Häuser haben eine Milliarde Menschen in den drei neuen Jahrhunderten gebraucht? Wenigstens die Fundamente oder Herdstellen von einigen Millionen Gebäuden würden Sie gerne gezeigt bekommen. Insbesondere würden Sie auf die Überreste vieler tausender von repräsentativen Bauten – Burgen, Schlösser, Rathäuser und Tempel aller Art – fest rechnen. Sie würden also im stratigraphischen Grabungsschnitt durch das 1. nachchristliche Jahrtausend sehr deutlich sichtbare – und bisher unerkannt gebliebene – Schichten mit Schuttmassen für drei Jahrhunderte sehen wollen, bevor Sie neue Geschichten in den Lehrbüchern akzeptieren.
  • Wo sind die Werkzeuge, Gerätschaften und Waffen aus Stein, aus Kupfer, Bronze und Eisen. Nach solchen Artefakten würden Sie besonders unbarmherzig fahnden, weil sie sich so gut erhalten und jeder sie braucht.
  • Hat man die zu erwartenden Großmengen an Geschirr gefunden, die zahllosen Formen und Farben der Keramik?
  • Wie viele Plastiken und Bilder hat diese Zusatzmilliarde hervorgebracht? Wo sind die Schmuckstücke und Schminktöpfe? Auch hier würden Sie auf sehr beträchtlichen Zahlen beharren.
  • Wo sind die zahllosen Schriftstücke dieser Hekatomben von Menschen, ihre Privatbriefe, ihre Manuskripte, ihre Verträge, Rechnungen und Schuldscheine? Wie Textilien erhalten sich solche Dokumente schlechter als Stein, Keramik und Metall, aber wo eine Milliarde gelebt hat, würde man sich mit einer bloßen Handvoll von Funden aus beiden Bereichen kaum zufrieden geben. Schnell käme die Vermutung auf, dass so Weniges sehr gut aus der Zeit vor oder nach den zusätzlichen 300 Jahren stammen könnte und in sie hinein gezogen worden ist.
  • Tausende von Münzhorten mit womöglich Millionen von Münzen werden Sie einfordern.
  • Etwas verschämt würden Sie auch nach den Latrinen fragen, in denen an jedem beliebigen Tag der 300 Jahre 200 Millionen Menschen täglich ihren Kot abgesetzt haben. Das wissen sie ja schon, dass gerade die Mittelalterarchäologie viele ihrer schönsten Funde aus den Abtritten holt.
  • Wenn unser revolutionärer Geschichtsverlängerer am Ende statt der erwarteten Millionen oder doch vielen hunderttausend Artefakte nur einen minimalen Bruchteil davon vorweisen kann, dieser sich problemlos aber auch in der Zeit vor oder nach den neu vorgeschlagenen 300 Zusatzjahren unterbringen ließe, würden Sie wohl unüberzeugt bleiben und zuversichtlich bei der alten Chronologie ohne drei Zusatzjahrhunderte bleiben.

V.

Erlauben Sie mir, das soeben vorgetragene Argument für eine Überprüfung zusätzlicher Geschichtsepochen umzukehren. Diesmal tritt jemand vor Sie hin, der die herrschende Chronologie im 1. nachchristlichen Jahrtausend nicht etwa um 300 Jahre verlängern, sondern im Gegenteil um 300 Jahre verkürzen will. Heribert Illig versucht das seit 1991. Das Welt-Feuilleton vom 16. November 2009 hat ihm dazu gehörig die Ohren lang gezogen.

Was hat er eigentlich getan? Er hat sich im Kern genauso wie Sie verhalten, als Sie den Verlängerer der Geschichte um 300 Jahre umgehend mit Fragen nach der harten Beweislage für eine solche Zusatzepoche in die Enge getrieben haben. Illig hat seine Fragen allerdings nicht an einen erst heute und plötzlich auftretenden Geschichtsverlängerer gestellt, sondern an die seit einem Jahrtausend arbeitende Zunft der Mittelalterforschung.

Illig vermutet, dass gegen Ende des 10. Jahrhunderts Versuche begonnen haben, 300 zusätzliche Jahre in das erste nachchristliche Jahrtausend einzufügen. Als dieses Vorhaben – aus millenaristischen oder welchen Gründen auch immer – begann, gab es eine systematisch grabende Archäologie, deren Kritik man hätte fürchten müssen, noch nicht. Es konnten deshalb auch die Fragen nach den vielen Millionen Artefakten für eine so lange Zeit nicht sinnvoll gestellt werden.

Mittlerweile aber haben wir viele tausend auf das frühe Mittelalter zielende Ausgrabungen hinter uns. Das wissen Sie, ohne natürlich die Grabungsbefunde im Einzelnen zu kennen. Dennoch sind Sie sich recht sicher, dass die Fundlage für die drei Jahrhunderte imponierend ausgefallen ist. Sofort also beginnen Sie den Epochenkürzer mit ebenso harten Fragen zu bedrängen wie zuvor den Epochenverlängerer. Wieder stellen Sie an den Anfang die Urkunden oder minutiösen Listen, auf denen die Namen von Königen mit ihren Taten, aber auch Ereignisse am Himmel verzeichnet sind. Sie räumen dann womöglich ein, dass da in der Tat vieles ganz unstrittig gefälscht ist und auch der Rest oft genug ungereimt wirkt.

Der windige Textbefund lässt Sie aber nicht gleich aufgeben. Denn Sie haben ja noch die Artefakte: Wie wollen die Geschichtskürzer denn die Millionen von Münzen, Gräbern, Werkzeugen, Speiseschüsseln, Waffen und Schminktöpfe, Herde und Latrinen für eine Milliarde Menschen zwischen Portugal und Japan eliminieren? Wie wollen sie die nach vielen Tausenden zählenden Burgen, Kirchen, Klöster, Ratshäuser und Stadtmauern aus hartem Stein wegbringen. Wo also sollen Millionen Tonnen von Material entsorgt werden?

Sie warten – und das sehr ungeduldig – auf Antwort. Die aber fällt ganz anders aus, als Sie sich gedacht haben. Die Geschichtskürzer bombardieren Sie nämlich ganz dreist mit Gegenfragen. Und die kennen Sie sehr gut, denn es sind Ihre eigenen scharfsinnigen Fragen, mit denen Sie soeben noch selbst den Geschichtsverlängerer aus dem Felde geschlagen haben. Widerwillig müssen Sie die Gegenfragen also schlucken: Wo sind denn – kriegen Sie ganz sanft zu hören – die Millionen von Münzen, Gräbern, Werkzeugen, Schüsseln, Waffen und Schminktöpfe für die 300 Jahre vom frühen 7. bis zum frühen 10. Jahrhundert? Wo kann man die vielen Tausend Tempel, Kirchen, Burgen, Rathäuser, Klöster und Stadtmauern besichtigen oder wenigstens ihre Fundamente anschauen? Wo hat man denn Dinge, die vor 600 und nach 900 so unstrittig und reich angeschaut werden können, in der Periode dazwischen?

Sie werden jetzt einen Moment zögern. Sie erinnern sich daran, dass diese Zeit in der Tat als eine dunkle gilt. Womöglich haben Sie sogar vernommen, dass die Dunkelheit dieses dunklen Zeitalters aus dem Einschlag von Meteoritenschauern erklärt worden ist. Diese seien dafür verantwortlich, dass man so wenig gefunden habe. Das hat Sie nicht überzeugen können, weil ja Art und Form der kulturellen Spitzenleistungen aus der Zeit um 600 in der Zeit nach 900 einfach fortgesetzt werden, weil römische Spätantike (bis 600) und Romanik (nach 900) – wie jedermann bloßen Auges sehen kann – hoch evolutionär verbunden sind. Eine vom Himmel her dezimierte Bevölkerung hätte diese Kontinuität über 300 verlorene Jahre ja gar nicht aufrecht erhalten können, sondern sich in Höhlen verkrochen, um überleben zu können. Aber nicht einmal solche Höhlen mit primitiven Artefakten für ein Existenzminimum sind gefunden worden.

Jetzt werden Sie sich auf die ganz berühmten Artefakte konzentrieren – vor allem auf die Aachener Pfalzkapelle, die nun einmal – so beharren Sie – von 792-799 erbaut worden sei. Die Kürzer sind auf dieses Argument natürlich am allerbesten vorbereitet. Ein eigenes kleines Buch im dickleibigen Illig-Band Das erfundene Mittelalter widmet sich den zahllosen Ungereimtheiten, die diesen Bau merkwürdig aussehen lassen, wenn er im 8. Jahrhundert errichtet worden sein soll.

Und nun haben Sie von den jüngsten Ausgrabungen gehört, dass von Karls Hochadel, Hochklerus und Hochakademien, die in Aachen mit zig Palästen vertreten gewesen sein sollen, nicht einmal eine einzige Scherbe gefunden worden ist.
Die Untersuchung Aachens liefert geradezu das Muster dafür, wie wir uns – von Portugal bis Japan – quälen, die wenigen Artefakte, die wir für die fraglichen 300 Jahre überhaupt ins Auge fassen, dort auch sicher zu verankern. Glücklich haben wir da etwas für 850 bis 900, stehen dann aber von 900 bis 950 in der Leere. Oder wir zeigen zwar nicht Millionen, aber doch vier oder fünf Stücke für die Zeit 600 bis 700 und müssen doch bekümmert bekennen, dass sie kaum anders ausschauen als die zwischen 550 und 600 platzierten Stücke.

Auch der hier das Wort an Sie Richtende beobachtet die dazu gehörigen Kontroversen seit über fünfzehn Jahren und mischt sich mit eigenen Versuchen zur materiellen Widerlegung Illigs ein. Dafür als Sektierer hingestellt zu werden, ist am Ende weniger aufregend, als das Scheitern, den Chronologiekürzer Illig schlagend, also mit zahllosen Artefakten zu widerlegen. Bisher erstreckt sich das diesbezügliche Scheitern auf Polen und Spanien, Sizilien und Armenien, Israel und Deutschland oder auch Apulien und Schweden. Kein wuchtiger Bau oder auch nur irgendein mobiles Objekt ist sichtbar geworden, von dem zweifelsfrei gesagt werden könnte, dass er oder es in das von Illig zur Disposition gestellte Frühmittelalter gehört, also weder in der davor liegenden römischen Spätantike noch in der danach einsetzenden romanischen Zeit untergebracht werden kann. Der sich hier Meldende ist bereit, zu allen angesprochenen Gebieten die öffentlich Debatte anzunehmen, also auch den endgültigen Verriss zu akzeptieren. Aber Debatte muss schon sein. Denn bisher – so stellt es sich von der harten Evidenz her dar – ist Illig zwar wortreich und durchaus gefühlsstürmig angegangen, aber eben nicht fachgerecht falsifiziert worden.


*) Der renommierte Hochschulwissenschaftler und brillante Chronologiekritiker Prof. Dr. phil. rer. pol. Gunnar Heinsohn lehrte von 1984 bis zu seinem Ruhestand 2009 Sozialwissenschaft an der Universität Bremen.


Von der Stern-Redaktion nicht abgedruckter Leserbrief zum Kutschera-Interview »Der Schöpfer ist ein Käfermacher« (Ausgabe 13/07 vom 22. März 2007)

In dem Interview »Der Schöpfer ist ein Käfermacher« informiert der Kasseler Biologieprofessor Ulrich Kutschera, warum er gegen den Kreationismus in Deutschland kämpft. Der Leser erfährt, dass die Kreationisten nicht nur in den USA, sondern auch hierzulande auf dem Vormarsch sind. Ferner erfährt er, dass die deutschen Kreationisten mit subtilen Methoden arbeiten, um ihr Gedankengut in deutsche Schulen zu verbreiten. Leider erfährt der Leser nichts von den ›halbseidenen‹ Methoden, mit denen Kutschera selber gegen die Kreationisten vorgeht.

Z. B. gegen den Genetiker Dr. Wolf-Ekkehard Lönnig, der Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Züchtungsforschung in Köln ist. Was hatte Lönnig, der Autor einer Vielzahl von fachwissenschaftlichen Aufsätzen zur Evolutionsgenetik, verbrochen? Er hatte über den Webserver seines Institutes eine Website mit evolutionstheoriekritischen Beiträgen betrieben. Zweifellos war die Evolutionskritik schöpfungsgeschichtlich motiviert, aber ohne Zweifel fundiert und wissenschaftlich ausweisbar.

Kutschera hat so lange Druck auf das Max-Planck-Institut ausgeübt, bis Lönnigs evolutionstheoriekritische Argumente von dem institutseigenen Webserver verbannt wurden. Seine Kampagne war vermutlich erfolgreich, weil das Max-Planck-Institut befürchtete, in den Geruch zu geraten, mit Kreationisten zu kooperieren und seine Forschungsmittel gekürzt zu bekommen. Was für eine Wissenschaft, wo sinnvolle Argumente unterdrückt werden, nur, weil sie auch von Kreationisten benutzt werden könnten. Eine üble Geschichte, denn gute Wissenschaft lebt bekanntlich vom Widerspruch, und den findet man nirgendwo so gut formuliert wie bei den Kreationisten.

Ein typisches Beispiel für den Argumentationsstil von Kutschera ist auch sein Versuch, den Münchener Mikrobiologen Prof. Dr. Siegfried Scherer, der immerhin einen Lehrstuhl an einer der angesehensten deutschen Universitäten anvertraut bekommen hat, als kreationistischen Pseudowissenschaftler herabzusetzen. Kutschera unterstellt sogar, Scherer verdanke seine Professur wohl eng gesponnenen kreationistischen Netzwerken. Er äußert diese unappetitliche Kollegenschelte, ohne auch nur den geringsten Beleg dafür anzuführen.

Kutschera behauptet in dem Interview, dass der Kreationismus keine Antwort dazu liefere, warum es so viele Käferspezies gibt. Dies mag zutreffen, doch liefert die moderne Evolutionstheorie eine Antwort dafür? Kutschera verweist hier auf sein Evolutionsbiologielehrbuch. Schaut man in dessen Stichwortregister nach findet man weder den Begriff »Käfer« noch sein lateinisches Pendant »Coleoptera«. Auch dies ein typisches Beispiel für Kutscheras Argumentationsstil.

Im Übrigen findet sich bei dem Evolutionstheoriekritiker Lönnig eine Erklärung für die vielen Käferspezies. Aber ich wette, dass der autodidaktische Evolutionstheoretiker Kutschera, der von Hause aus Pflanzenphysiologe (und Egelforscher) ist, sie nicht kennt. Sie lautet: Wir haben diese riesige Artenzahl bei den Käfern, weil die Systematiker jahrhundertelang jede unterscheidbare Population von Mendelschen Rekombinanten als eigene Arten beschrieben haben. Und solange Systematiker genetische Rekombinanten als eigenständige Arten beschreiben, dürfte der Schöpfer ein Käfermacher bleiben.


Von der »Naturwissenschaftlichen Rundschau« im Heft 4/2006 gekürzt veröffentlichter Leserbrief zum Artikel
»Eine neue Ökologie – Aktuelle Entwicklungen der evolutionären Ökologie« (8/2005)

Klaus Rohde stellt in seinem Beitrag »Eine neue Ökologie – Aktuelle Entwicklungen der evolutionären Ökologie« u. a. auch fundamentale Aussagen der neodarwinistischen Evolutionslehre in Frage. Er stellt fest, dass die Evolution komplexer Eigenschaften von Organismen bisher nicht zufriedenstellend gelöst worden ist und bezweifelt, ob eine sich in vielen kleinen Schritten vollziehende, zu allmählicher Perfektion führende natürliche Auslese tatsächlich für die Erklärung komplexer Strukturen notwendig ist.

Rohde spricht damit vermutlich aus, was bereits vielen Evolutionsforschern im Prinzip bewusst ist, was sie aber aus Angst den Kreationisten in die Hände zu spielen, nicht öffentlich sagen: Mit dem neodarwinistischen Evolutionsmechanismus bestehend aus kleinschrittiger Mutation, natürlicher Selektion und Isolation kann die Entstehung neuer Baupläne nicht zufriedenstellend erklärt werden. Er ist womöglich nicht der zentrale Evolutionsmechanismus, sondern nur ein Randphänomen der Evolution.

Tatsächlich hat das klassische Evolutionsparadigma zwischenzeitlich erhebliche Konkurrenz bekommen. Da gibt es etwa die »Darwin-Schwelle« (›Darwinian Threshold‹) des amerikanischen Biologen Carl Woese, vor der der Austausch von Genen zwischen Organismen eine größere Rolle als die Selektion von Merkmalen innerhalb einer Art spielte. Ferner ist auf die noch weiterführende, vor allem von der streitbaren amerikanischen Biologin Lynn Margulis vertretenen Theorie der Symbiogenese hinzuweisen. In ihrem letzten Buch »Acquiring Genomes« führt sie sogar viele Gründe dafür an, dass auch bei höheren Lebewesen wirklich neue Merkmale nicht durch Mutation und Selektion, sondern durch genetische Kooperation zwischen unterschiedlichen Arten entstanden sind.

Zweifel an der Rolle der natürlichen Selektion liefert auch das derzeit eindruckvollste Beispiel für eine Wirbeltierradiation, nämlich die Evolution der Buntbarsche. In meinem Übersichtsartikel »Explosive Artbildung bei ostafrikanischen Buntbarschen« (NR 8/2001) hatte ich das Beispiel angeführt, dass bestimmte Buntbarsch-Morphotypen im Tanganjika-See zunächst als optimale Anpassungen an dessen felsige Küsten interpretiert wurden. Später hat man dann die gleichen Morphotypen im kleineren Natron-See gefunden, wo solche felsigen Küsten gar nicht vorkommen. Offensichtlich verleitet das neodarwinistische Paradigma dazu, die Rolle der natürlichen Selektion bei der Artbildung zu überschätzen.

Ganz wichtig scheint mir zu sein, die öffentliche Auseinandersetzung mit dem neodarwinistischen Paradigma nicht den Kreationisten zu überlassen. Die ›scientific community‹ muss zeigen, dass sie auch innerwissenschaftlich in der Lage ist, aus widersprechenden empirischen Befunden die entsprechenden theoretischen Konsequenzen zu ziehen. Es gibt so viele paläontologische, morphologische, entwicklungsbiologische und molekulargenetische Indizien für eine gemeinsame Abstammung, dass Zweifel am neodarwinistischen Evolutionsmechanismus nicht gleich das ganze Evolutionsgebäude in Frage stellen. Der Redaktion der Naturwissenschaftlichen Rundschau ist daher für die Veröffentlichung von Rohdes provokanten Beitrag zu danken.


Von der FAZ-Redaktion nicht veröffentlichter Leserbrief zum Artikel »Das verschleierte Weltbild zu Kassel« vom 04.11.06

Der Vorsitzende Prof. Dr. Ulrich Kutschera der AG Evolutionsbiologie im Verband deutscher Biologen und ihr Geschäftsführer Martin Neukamm haben sich in zwei Leserbriefen zu dem FAZ-Artikel »Das verschleierte Weltbild zu Kassel« (04.11.06) vehement gegen den Vorwurf verwahrt, dass sie als Vertreter der Evolutionslehre dogmatisch agieren würden. Bei ihrem Kampf gegen den Versuch der Kreationisten, Einfluss auf den Biologieunterricht in der Schule zu gewinnen, gehe es viel mehr darum, dass im Biologieunterricht über Evolution nur wissenschaftlich diskutiert werden dürfe. Deshalb gehörten die weltanschaulich infizierten Argumente der Kreationisten nicht in den naturwissenschaftli-chen Biologie-, sondern in den Religionsunterricht.

Kutschera macht in seinem Lehrbuch Evolutionsbiologie keinen Hehl daraus, dass für ihn die Evolution eine Tatsache ist. Gegen diese Tatsachenbehauptung ist in nichts einzuwenden, wenn damit gemeint ist, dass es eine beeindruckende Zahl von Indizien gibt, die für eine gemeinsame Stammesgeschichte der Organismen sprechen. Wenn Kutschera hier allerdings suggerieren will, dass es auch einen plausiblen Mechanismus für die Evolution gibt, dann begibt er sich – wie viele andere Evolutionsbiologen auch – auf Glatteis.

Die überwiegende Zahl der Evolutionsbiologen ist heute davon überzeugt, dass der Mechanismus, wie Arten entstehen von den Architekten der sogenannten Synthetischen Theorie der Evolution gefunden wurde. Die Synthetische Theorie ist ein Bündel von Thesen, das in den 1930er u. 1940er Jahren von Systematikern und Populationsgenetikern geschnürt wurde, um Darwins Theorie der natürlichen Auslese mit den neuen Erkenntnissen der Genetik zu versöhnen. Sie besagt, dass alles Evolutionsgeschehen auf graduelle Veränderungen der Genfrequenzen in Populationen zurückzuführen ist.

Dieser universelle Erklärungsanspruch der Synthetischen Theorie wird von Kreationisten vehement bezweifelt. Nach ihrer Auffassung reicht diese Theorie maximal zur Erklärung mikroevolutiver Vorgänge, aber eben nicht dazu, die Entstehung neuer Baupläne und Konstruktionen zu erklären. Sie berufen sich dabei auf die Ergebnisse der experimentellen Evolutionsforschung und regelmäßig Diskontinuitäten im Fossilbericht. Kutschera hat auf diese fundierte Kritik in seinem Lehrbuch wie folgt reagiert: »Der intellektuelle Prachtbau der Synthetischen Theorie der Evolution wird von den Kreationisten auf unakzeptable Art und Weise mit Schmutz beworfen [...]«.

Warum sehen die Evolutionsbiologen die Kritik der Kreationisten eigentlich so negativ? Kann es sein, dass sich hier etablierte Wissenschaftler vor einer kleinen Gruppe von gescheiten Leuten (zu der im übrigen auch renommierte Fachwissenschaftler zählen) fürchten, weil sie systematisch Schwächen und Lücken der Synthetischen Theorie der Evolution herausarbeiten und publizieren? Tatsächlich ist der »intellektuelle Prachtbau« der »Synthetischen Theorie« längst einsturzgefährdet. Dies zeigt sich darin, dass ihre Anhänger nur noch damit beschäftigt sind, Vorfeldbastionen zu sichern und widersprüchliche neue Forschungsergebnisse zu assimilieren.

In der Wissenschaftstheorie nennt man eine Theorie in diesem Stadium des Zerfalls oder der Auflösung eine degenerierende Theorie. Sie bringt keine fruchtbaren zukunftsweisenden Forschungsprogramme mehr hervor, sondern verteidigt nur noch sich selber vor der zunehmenden Kritik. Die AG Evolutionsbiologie täte daher gut daran, die empirisch begründeten Einwände der Kreationisten nicht pauschal als weltanschaulich infiziert zu verdammen. Vielmehr sollte sie diese Kritik als wichtigen Beitrag dafür werten, dass die Evolutionsbiologie wieder den Status einer Wissenschaft erlangt, der sich deutlich von einer dogmatischen Metaphysik unterscheidet.

Eine Theorie, die für eine Tatsache gehalten wird, ist keine Theorie, sondern Metaphysik. Theorien leben vom Widerspruch. Und eine Theorie alleine ist daher genau das, was Kutschera den Kreationisten vorwirft, nämlich Ideologie oder gar Theologie!


Offener Brief an die Mitglieder der AG Evolutionsbiologie vom 16.06.06

[Text als PDF-Datei 32KB]

Der Großinquisitor und seine ›Bulldogge‹

Sehr geehrte Herren!

Dr. Ulrich Kutschera und Martin Neukamm (den ich anlässlich einer gegen mich gerichteten verleumderischen Unterstellung auch schon mal treffend als Kutscheras ›Bulldogge‹ bezeichnet habe) verbreiten in ihrem neusten, im News-Ticker der AG Evolutionsbiologie veröffentlichten Beitrag starken Tobak. Sie werfen mir vor, ihren Verband seit einiger Zeit mit einer »böswilligen Diffamierungskampagne« zu überziehen und begründen dies mit Äußerungen von mir, die vor allem deshalb nicht sehr aussagekräftig sind, weil sie gezielt verfälschend aus dem Zusammenhang gerissen wurden. Kutschera und Neukamm haben damit keinerlei Skrupel, sich erneut genau der vorsätzlichen Verstümmlungsmethodik zu bedienen, die ich zuvor in meinem Beitrag »Illig und kein Ende« hart attackiert hatte.

Zur Strategie von Kutschera und Neukamm

Auch dem einfältigsten oder wohlgesonnensten Leser von Neukamms und Kutscheras News-Ticker-Beitrag wird aufgefallen sein, dass sie sorgsamst jeden Hinweis auf meine Internetseite oder andere Herkunftsorte der von ihnen angeführten Zitate (mit denen sie meine ›Diffamierungskampagne‹ dokumentieren wollen) vermieden haben. [Die Links wurden aufgrund dieser Einsprache inzwischen nachgetragen]. Das Ziel dieser Strategie ist leicht zu durchschauen: Kutschera und Neukamm setzen ohne oder doch zumindest ohne ausreichende Belege Aussagen in die Welt, von denen sie glauben, dass sie aufgrund von Vorurteilen und Ablehnung gegen bestimmte Gruppen oder Personen gut ›ankommen‹ würden und hoffen, dass sich diese Verleumdungen, einmal in die Welt gesetzt, dann später als Tatsachen verbreiten. Damit diese Strategie nicht frühzeitig zum ›Rohrkrepierer‹ wird, müssen sie natürlich verhindern, dass sich die Leser durch das Studium der Quelltexte oder der Sinnzusammenhänge, in denen bestimmte Äußerungen gemacht wurden, ein eigenes Urteil bilden können.

Zum Peer-Review-Verfahren

Ich lehne das Peer-Review-Verfahren nicht grundsätzlich ab, wie von Kutschera und Neukamm in ihrem Beitrag suggeriert, sondern bin für eine grundlegende Reform dieses Verfahrens. (Selbst die angesehene Fachzeitschrift »Nature« experimentiert derzeit an einer Reform des traditionellen Verfahrens.) Im derzeitigen Zustand prüft das Verfahren nicht die Qualität oder Wahrheit eines eingereichten Beitrages, sondern nur seine Konformität. Die Reform sollte (wie ich Neukamm bereits vor geraumer Zeit in einer Diskussion im Internetforum »Freigeisterhaus« mitteilte, »a) in der Beauftragung professioneller namentlich bekannter Gutachter u. b) in der Veröffentlichung oder Einsehbarkeit aller Gutachten über abgelehnte oder zugelassene Beiträge bestehen«. Die Beauftragung professioneller Gutachter soll dafür Sorge tragen, dass Professoren zukünftig wieder mehr Zeit zum Forschen haben, statt ihre Arbeitskraft in die Erstellung ellenlanger Gutachten zu verschwenden. Die Transparenz soll bewirken, dass wieder der sachliche Nährwert eines Beitrages und nicht seine Konformität zum qualitätsbildenden Merkmal wird. Zudem soll die Reform verhindern, dass das Peer-Review-Verfahren von den Gutachtern zum Schaden des wissenschaftlichen Fortschritts dazu genutzt wird, eigene Pfründe zu sichern oder die eigene Einflusssphäre zu erweitern. Wohl jeder innovative Autor kann ein ›schmerzlich Lied‹ davon singen, dass das derzeitige Verfahren dem Missbrauch und der Stagnation geradezu Vorschub leistet.

Zu meiner weltanschaulichen Positionierung

Ihr Dr. Mahner hat mir in einem empörten Leserbrief an die Redaktion der Naturwis-senschaftlichen Rundschau unterstellt, dass ich in einem Beitrag zur Buntbarschevolution »kreationistische Pseudowissenschaft bewerbe« und die besonders »subtile Strategie« der deutschen Kreationisten unterstütze, »gute Biologie mit mehr oder weniger gut kaschierten ›schöpfungstheoretischen‹ Erklärungsalternativen« zu vermengen, um »Einfluss auf Schule und Universität zu gewinnen«. In meiner Replik habe ich zur Frage meiner weltanschaulichen Position wie folgt Stellung bezogen:

»Sicherlich ist es kein Zeichen von gutem wissenschaftlichem Stil, wenn Autoren, die auf gewisse Lücken und Unzulänglichkeiten auch noch der heutigen darwinistischen Erklärungsmodelle hinweisen, quasi gezwungen sind, ein weltanschauliches Bekenntnis abzulegen, um ihre Reputation zu retten«. Ferner habe ich klargestellt, »dass ich die evolutionsbiologisch engagierten Anhänger des Schöpfungsglauben gerade, wenn es um Evolution geht, zwar für höchst interessante Gesprächspartner halte, selbst aber ihren Schöpfungsglauben nicht teile«.

Vor diesem Hintergrund ist mir rätselhaft, weshalb Kutschera und Neukamm immer wieder öffentlich über meine »religiöse Motivation« spekulieren. Obwohl Kutschera meine Stellungnahme zu Mahner vollinhaltlich bekannt ist, hat er mich z. B. in seinem Buch »Streitpunkt Evolution« als Musterbeispiel für die (kreationistische) »Infiltration anderer Fachzeitschriften« angeführt. Wie ich bereits in meinem Beitrag »Illig und kein Ende« gezeigt habe, gelang dies nur durch die vorsätzliche Verstümmelung meiner Replik zu Mahners Leserbrief.

Zu den Sinnzusammenhängen diverser, böswillig von Kutschera und Neukamm aus dem Kontext gerissener Äußerungen:

1. Kutschera wurde von mir in folgendem Zusammenhang zu Recht kritisiert »›saudumm‹ über Sachen daherzureden«, von denen er »›null‹ Ahnung« hat:

»Illig gelingt es hier überzeugend, Kutschera als ahnungslosen Herumschwadronierer in theologischen Sachfragen zu entlarven. Z. B. interpretiert Kutschera eine auch für Experten kaum überzeugend zu deutende Adler/Fisch-Abbildung aus dem ersten Jahrtausend ohne Literaturbezug aus dem hohlen Bauch heraus als Versinnbildlichung der »Wiedergeburt durch die Taufe und Christi Himmelfahrt«. Kutschera praktiziert hier genau das, was er den Kreationisten immer wieder unterstellt, nämlich ›saudumm‹ über Sachen daher zu reden, von denen er zwar ›null‹ Ahnung, aber dafür umso mehr anmaßende Gewissheit hat. Und so dürfen wir uns mit Illig wundern, »wie kraus und unbedarft sich ein reiner Verstandesmensch geben kann, wenn er die Grundzüge abendländischer Religion skizzieren will.« (aus: »Illig und kein Ende«)

2. Ernst Mayrs Positionen wurden von mir in folgendem Zusammenhang als »unerträglich und dumm« bezeichnet:

»Als durch und durch holistischer Denker hat Ernst Mayr weder zur molekularen Entwicklungsgenetik und molekularbiologischen Rekonstruktion der phylogenetischen Verwandtschaftsbeziehungen noch zur Neutralitätstheorie des japanischen Genetikers Motoo Kimura, die inzwischen die Vorstellungen über den Ablauf der molekularen Evolution dominiert, einen Zugang gefunden. (...). Stattdessen hat er sich immer häufiger (und in ziemlich unerträglicher und dummer Weise) zu bioethischen Fragen (Klonen, Geburtenregelung, Eugenik etc.) geäußert.« (aus: »Apostel Darwins«). Im übrigen bin ich mir sicher, dass einige (›blauäugige‹) Äußerungen von Mayr (und auch anderen Evolutionisten) zur »genetischen Verbesserung der Menschheit« einen hellen Aufschrei in der Politik verursachten, wenn sie nicht unter dem Deckmäntelchen der Evolutionslehre, sondern z. B. von einer rechtsgerichteten Partei veröffentlicht würden.

3. Thomas H. Huxley habe ich in Abwandlung eines Zitates über den Naturtheologen Richard Owen (»Er log für Gott und aus Boshaftigkeit. Ein übler Fall.«) aus folgendem Grund mit »Er log für Darwin und aus Skrupellosigkeit. Ein ganz übler Fall.« charakterisiert:

Huxley war bekanntlich einer der herausragendsten (auch als »Darwins Bulldogge« bekannter) Anhänger und Beförderer der darwinschen Evolutionstheorie. Er entschied viele Diskussionen aber nicht durch Sachargumente, sondern in dem er begründete und sachlich vorgebrachte Kritik am Darwinismus immer wieder damit entwertete, dass er frech behauptete, die Argumente seien ohne jede Bedeutung, da sie auf eine prinzipielle, theologisch begründete Ablehnung der Evolution zurückzuführen seien. Das ist genau der Stil, mit dem Kutschera auch heute noch Gegner der Evolutionstheorie abwertet. Und genau deshalb empört ihn meine treffliche Charakterisierung Huxleys.

Quasireligiöse Bedürfnisse der dogmatischen Darwinisten

Bei der Beobachtung des Kutschera-Clubs kann man durchaus folgenden Eindruck gewinnen: Diese orthodoxen und dogmatischen Darwinisten, das sind Leute, die ver-suchen, ihre existenziellen bis quasireligiösen Bedürfnisse (z. B. das Bedürfnis den lieben Gott noch einmal umzubringen oder doch mindestens intersubjektiv überprüfbar für tot zu erklären) mit »wissenschaftlichen Theorien«, hier: Mit dogmatischem Neodarwinismus zu befriedigen. Genau eine solche Haltung aber nennt man mit Recht »Pseudowissenschaft«. Übrigens bietet auch schon Richard Dawkins ein bedrückendes Zeugnis einer solchen pseudowissenschaftlichen Grundhaltung. In seinem bekannten Buch »Der Blinde Uhrmacher« bezeichnet er das darwinsche Erklärungsmodell als eine Theorie, die es Wissenschaftlern wie ihm ermöglicht, ein intellektuell erfüllter Atheist zu sein. Da kein Zweifel daran besteht, dass auch der Atheismus eine Weltanschauung ist, missbraucht Dawkins hier offenbar die Evolutionstheorie zur Absicherung seiner weltanschaulichen Grundeinstellung. Solange man intellektuell redlich ist, kann so etwas einfach nicht funktionieren.

Verschiedenerlei Arten von Demagogie

Kutschera und Neukamm verunglimpfen meine ›Machwerke‹ pauschal als demagogisch. Tatsächlich sind verschiedene meiner Beiträge schon von ›höchster‹ Stelle (also auch aus Ihren Reihen) außerordentlich gelobt worden. Unter demagogischer Kritik von Seiten der beiden vorgenannten Evolutionisten leiden vor allem die Kreationisten Siegfried Scherer, Reinhard Junker und Ekkehard Lönnig. Da irritiert etwas, dass diesen Herren, die für Kutschera bisher nicht satisfaktionsfähig waren, plötzlich (und zwar offenbar nur, um mich zu verunglimpfen) eine »wissenschaftliche Reputation« zugestanden wird. Noch jüngst verunglimpfte Kutschera im Laborjournal (6/2006) Scherer wie folgt: »Scherer war an der Uni Konstanz und wurde dann auf eine C3-Professur nach München berufen. Die TU München hat damals einem bekennenden Junge-Erde-Kreationisten eine Propaganda-Plattform eingerichtet. Inzwischen wurde Herr Scherer hausintern auf einen Lehrstuhl befördert. Dies zeigt, welche kreationistischen Netzwerke [!] gesponnen wurden«. Tatsächlich ›zeigt dies‹ einmal mehr Kutscheras Paranoia im Hinblick auf Kreationisten! Ich hoffe aber, Kutschera hat diesmal Rückgrat genug, um seinen überraschenden Sinneswandel mit den betroffenen Kreationisten in einer öffentlichen Gesprächsrunde zu diskutieren.

›Ein Professor aus Kassel‹, das klingt nicht gut...

Das zuvor angeführte Zitat aus dem Laborjournal ist ein typisches Beispiel für den Argumentationsstil von Herrn Prof. Kutschera: Er versucht seinen Kollegen Scherer, der immerhin einen Lehrstuhl an einer der angesehensten deutschen Universitäten anvertraut bekommen hat, als kreationistischen Pseudowissenschaftler herabzusetzen, und Kutschera unterstellt sogar, Scherer verdanke seine Professur wohl eng gesponnenen »kreationistischen Netzwerken«. Da präsentiert Kutschera eine äußerst unappetitliche Mischung aus Kollegenverleumdung und antikreationistischer Paranoia. Aber, Herr Professor Kutschera: Ein Lehrstuhl in München (Scherer) das ist doch wirklich was; aber ein Professor in Kassel (Kutschera), was ist das schon, das klingt gar so nicht gut.... Denn die Gesamthochschule-Universität Kassel galt doch auch noch zur Zeit Ihrer Berufung als eine bekannte akademische Endstation für (halb-)linke, feministische und lindgrüne IdeologInnen und NetzwerkerInnen jeder Couleur. Und die sollte man doch, da werden Sie mir zustimmen, doch wissenschaftlich mit größter Vorsicht genießen... Sehen Sie, genau das kommt dabei heraus, wenn man Ihren Argumentationsstil einmal auf Sie selber anwendet. So ›ein Professor aus Kassel‹ sollte also ganz vorsichtig sein, wenn er meint, einen Professor aus einer anderen deutschen Universität verunglimpfen zu müssen! Ich schlage hingegen vor, wir bleiben künftig bei evolutionstheoretischen Sachargumenten, und da wird die Luft für darwinistische Dogmatiker ziemlich schnell ziemlich dünn.

Abschließende Empfehlung

Zum Abschluss meines offenen Briefes darf ich Ihnen ungefragt empfehlen, sich ernsthaft die Frage zu stellen, ob der Großinquisitor Kutschera und seine ›Bulldogge‹ Neukamm (die im Umgang mit Kritikern der Evolutionstheorie nicht einmal vor dem Mittel der Verleumdung zurückschrecken) der Reputation der Evolutionsbiologe und der guten Sache der Evolutionsforschung tatsächlich förderlich sind. Ich erlaube mir ferner, Ihnen vorzuschlagen, Kutschera und Neukamm wegen Gefährdung der Verbandsziele und Beschädigung des Vereinsansehens abzuwählen.

Mit besten Grüßen

Ihr

Georg Menting

PS: Die AG Evolutionsbiologie hat in ihrem jüngsten News-Ticker-Beitrag angekündigt, rechtliche Schritte gegen mich zu prüfen. Vielleicht ist es sogar sinnvoll, die biologische Wahrheit künftig vor Gericht zu verhandeln, damit wieder mehr Objektivität greift!

 


 
 
Offener Brief der Bürgerinitiative »RettetdenSee« an den Landesvorsitzenden des NABU NRW vom 05.07.05

Sehr geehrter Herr Tumbrinck,

wir wenden uns an Sie in Ihrer Funktion als Landesvorsitzender des Naturschutzbundes Nordrhein-Westfalen. Wir gehen davon aus, dass Ihnen aufgrund der überregionalen Bedeutung des aufgelassenen Brochterbecker Steinbruchs für den Natur- und Artenschutz zwischenzeitlich bekannt ist, dass sich im Tecklenburger Land ein breiter Bürgerprotest gegen die Verschüttung des idyllischen Steinbruchsees mit 40.000 cbm Kalkabraum aus der Erweiterung des Mittellandkanals formiert hat.

Die Vorarbeiten für die Verfüllung des Sees sind bereits angelaufen. Von der zuständigen Naturschutzbehörde wurde die Verschüttung des Sees in aller Stille, d. h. ohne die Bürger zu informieren oder gar zu beteiligen, genehmigt. Seit dem Bekannt werden der Genehmigung wird die Verfüllung gegenüber der Öffentlichkeit als unverzichtbare »Entwicklungsmaßnahme zur Herstellung eines planmäßig modellierten Amphibienbiotops« und »Optimierung des Uhuschutzes« verteidigt. Über weitere im Hintergrund wirksame ›Sachzwänge‹ für die Maßnahme, wie z. B. ungeregelte Verkehrssicherungspflichten schweigt sich die Behörde allerdings bisher aus.

Zwischenzeitlich ist deutlich geworden, dass die bevorstehende Verschüttung des Sees von Ihrem Verband nicht nur unterstützt, sondern sogar maßgeblich mitinitiiert worden ist – und zwar unbeeindruckt davon, dass es sich bei dem Steinbruch nach übereinstimmender Meinung der Experten, um einen ebenso hochwertigen wie seltenen Biotop handelt! Selbst der renommierte Zoologe und bekannte Buchautor Prof. Dr. Josef H. Reichholf (München), der Tierökologe Prof. Dr. Herbert Zucchi (Universität Osnabrück) und der Bodenkundler Prof. Dr. Thomas Scholten (Universität Jena) haben sich zwischenzeitlich vehement für die Erhaltung des kalkoligotrophen Steinbruchgewässers eingesetzt (siehe Anlage).

Nach übereinstimmender Auffassung Ihrer lokalen NABU-Aktivisten soll die absurde Verfüllung des Sees auch dem besseren Schutz eines dort seit vielen Jahren nistenden Uhus dienen, der angeblich den Anblick von Menschen, die Ihrem Verband nicht angehören, unerträglich findet. Bereits jetzt führt ein übereifriges Mitglied Ihres Verbandes mit dieser Begründung einen hartnäckigen Kampf gegen die einheimische Bevölkerung, zumindest wenn sie es wagt, sich dem Steinbruch zu nähern. Wie sich nun herausgestellt hat, scheut er auch nicht davor zurück, für einen vermeintlich besseren Uhuschutz, den ganzen See zu opfern.

Auch nach Ansicht des verantwortlichen Mitarbeiters der unteren Landschaftsbehörde, Hermann Holtmann, lassen ›wilde‹ Wanderer und unbelehrbare »Badewütige«, welche sich erdreisten, die Verbotsschilder des Naturschutzgebietes zu ignorieren, dem Naturschutz keine andere Wahl, als den See mit brachialen Methoden so zu verunstalten, dass er für potenzielle Besucher unattraktiv wird. Tatsächlich liegt der See aber an mindestens 300 Tagen im Jahr völlig ungestört von ungeregelten Besucherströmen und voller erhabener Ruhe in der Landschaft. Das kann ich, Jochen Westenhoff, Ihnen versichern, weil ich seit 30 Jahren unterhalb des Steinbruchs wohne und täglich zu ihm hinschauen kann.

Faktum ist, dass der Uhu trotz der »Badewütigen« auch in diesem Jahr wieder erfolgreich gebrütet hat. Ob er dies auch noch nach der Biotopentwicklungs- oder genauer gesagt -verunstaltungs¬maßnahme tun wird, ist aufgrund des brachialen Vorgehens zumindest fraglich. Noch fraglicher ist, ob es der Naturschutzbehörde gelingt, den Steinbruch durch die Teilverfüllung ökologisch aufzuwerten. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird sich nämlich statt des anvisierten ›Flachwasser-Amphibien¬biotops‹ auf dem zugeschütteten See ein Erlen-Brennnessel-Gebüsch entwickeln. Vermutlich sogar noch angereichert mit einigen Neophyten wie Riesenbärenklau, Indisches Springkraut oder Asiatischer Riesenknöterich – alles Pflanzen, die sich bekanntlich gerne entlang von Kanälen ausbreiten und deren Samen daher eine gute Chance haben, mit den unzähligen LKW-Transporten in den Steinbruch eingeschleppt zu werden.

Für die überwiegende Zahl der – vom Naturschutz durch Verbotsschilder in die Illegalität abgedrängten – Besucher liegt Wert des Sees in seiner landschaftlichen Schönheit und nicht in seiner Bedeutung für den Artenschutz. Die meisten dieser Naturliebhaber und Wanderer können auch gar nicht wissen, dass sie sich in einem Uhubrutgebiet befinden. Außer dem obligatorischen Naturschutzschild, das ihnen das Betreten des Steinbruches aus Gründen des Artenschutzes rigoros verbietet, gibt es keinerlei weitere Hinweise auf den Grund der Unterschutzstellung. Auf das Aufstellen erläuternder Schautafeln, wie sie sonst schon mal in anderen Naturschutzgebieten zu sehen sind, wurde hier von Seiten der Naturschutzbehörde ebenso wie auf die Absicherung wirklich gefährlicher Abgründe verzichtet.

Offenbar ist der Naturschutz der Meinung, dass hier kein Informationsbedarf besteht, und dass Wanderer oder nichtorganisierte Naturliebhaber, die Verbotsschilder (mit denen der Naturschutz die ehemals freie Landschaft ja inzwischen weithin zugepflastert hat) ignorieren, selbst Schuld sind, wenn sie über die Klippen stürzen. Fast genauso schlimm kann es den Besucher treffen, wenn er von der einzigen ›Aufklärungsmaßnahme‹ des Schutzgebietes, dem ›Uhu-Revierwächter‹ entdeckt wird. Mit anmaßenden Auftreten wird von ihm jeder menschliche Eindringling unerbittlich hinauskomplimentiert. Weil er sich mitunter nicht einmal vorstellt oder ausweist, gelingt es ihm regelmäßig, auch noch den friedliebendsten und einsichtigsten Bürger in Empörung zu versetzen und gegen den Naturschutz aufzubringen.

Doch damit nicht genug, vermutlich in Abstimmung mit der zuständigen Behörde hat er auch dafür gesorgt, dass der Weg, der früher einmal am unteren Rand des Steinbruchs verlief, mit Dornengestrüpp zugewuchert ist. Dieser Weg war für Wanderer die einzige fußläufige Verbindung, um aus Richtung Tecklenburg zum Dorf zu gelangen. Da sich dieser Weg dem aus Richtung Tecklenburg kommenden Wanderer jetzt plötzlich versperrt, muss er die letzten 300 Meter zum Dorf entlang einer gefährlichen Landstraße ohne Fahrradweg und Bürgersteig mehr oder weniger im Straßengraben zurücklegen. Dieser Gefährdung setzen sich auch Kinder aus, die vom Außenbereich zu Fuß ins Dorf gehen wollen. Seit der vom Naturschutz geförderten Unpassierbarkeit des Weges werden sie daher von den Eltern lieber mit dem PKW ins Dorf gefahren.

Auch hier haben wir es offensichtlich mit einem erwünschten oder fahrlässig in Kauf genommenen negativen Beitrag übereifriger Naturschützer zum Umweltschutz und zur Umweltpädagogik zu tun. Wer über die Kreisgrenze hinwegschaut, wird feststellen, dass überall in der Republik heftig über die Ursachen für die abnehmende Akzeptanz der Bürger gegenüber Maßnahmen des Naturschutzes diskutiert wird, und dass Naturschützer sich ernsthafte Gedanken machen, wie man Naturschutzmaßnahmen zukünftig bürgerverträglicher gestalten kann. Nur die Naturschützer des Kreises Steinfurt mit ihrem ›menschfeindlichem‹ Naturbegriff und ihren arroganten Naturschutzkonzepten von vorgestern, scheinen von dieser Entwicklung noch nichts gehört zu haben.

Wen wundert es da noch, dass sich heftiger Widerstand im Tecklenburger Land gegen solche absurden Naturschutzmaßnahmen organisiert. Nicht nur in der Brochterbecker Bevölkerung hat es eine große Empörung oder doch zumindest fassungsloses Kopfschütteln ausgelöst, dass nun dem Uhu mit schwerstem Gerät auf den Leib gerückt wird, wo sonst nicht einmal ein Mensch ungestraft ›husten‹ darf. Bisher hat sich kein für die Verfüllungsgenehmigung verantwortlicher ehrenamtlicher oder behördlicher Naturschützer von der brachialen Naturschutzmaßnahme distanziert. Deshalb wird sich in der Bevölkerung der Eindruck verstärken, dass man den Steinbruchsee, der bereits für viele Bürger zu einem wesentlichen Teil der heimatlichen Natur geworden ist, jetzt sogar vor den Naturschützern schützen muss.

Auch für die Naturschützer des Kreises Steinfurt wird der Widerstand gegen die brachiale Naturschutzmaßnahme, der sich nun in kürzester Zeit organisiert hat, nicht völlig überraschend kommen. Hätten sie sonst versucht, die Verschüttung des wohl schönsten Sees im alten Amtsbezirk Tecklenburg unbemerkt von der Öffentlichkeit zu genehmigen? Jetzt wo der Skandal – aus behördlicher Sicht sicherlich viel zu früh - bekannt geworden ist, ist der Naturschutz plötzlich in die Defensive geraten und muss nachholen, was er in einer funktionierenden Demokratie schon vorher hätten tun sollen, nämlich die Bürger in das Genehmigungsverfahren miteinbeziehen. Erst wenn alle entscheidungsrelevanten Fakten offengelegt werden, kann sich der Bürger ein realistisches Bild von dem Interessengeflecht machen, das sich hinter der Maßnahme verbirgt. Er wird dann vermutlich feststellen, dass es hier nicht in erster Linie um die Lösung von Naturschutzproblemen, sondern um die Entschärfung von ungeregelten Verkehrssicherungsproblemen und kostengünstige oder wohlmöglich sogar profitable Abraumentsorgung geht.

In der Anlage dieses Schreibens haben wir für Sie ein Photo des Steinbruchsees beigefügt. Sie werden zugeben müssen, dass es ohne weitere Retuschen die Titelseite Ihrer Mitgliederzeitschrift »Naturschutz heute« zieren könnte. Lassen Sie sich von diesem Bild anmuten und tragen Sie in Ihrer Funktion als Vorsitzender des Naturschutzbundes NRW dazu bei, dass dieses hanebüchene Naturschutzprojekt gestoppt wird. Damit können Sie verhindern, dass die bisher von Ihrem Verband unterstützte Naturverschandelungsmaßnahme als Paradebeispiel für »Naturschutz gegen die Bürger« und »ökologischen Vandalismus« in die Naturschutzgeschichte eingehen wird. Zudem möchten wir Ihnen empfehlen, Ihre Aktivisten vor Ort nicht wie ›Feldjäger‹ auftreten zu lassen, sondern sie zu einem kooperativen Umgang mit den Bürgern anzuleiten.

Mit freundlichen Grüßen

Jochen Westenhoff, Direkter Anlieger, Brochterbeck

Georg Menting, Dipl.-Geogr., Lippstadt

Wolfgang Finkmann, Dipl.-Biol., Tecklenburg


Anlage 1


                                   Wolfgang Finkmann

40.000 cbm Kalkabraum für den Brochterbecker See

Anlage 2

Kommentare namhafter Naturschutzexperten zur naturschutzbehördlich genehmigten Verschüttung des Brochterbecker Sees

Von Prof. Dr. Josef H. Reichholf (<Reichholf.Ornithologie@zsm.mwn.de>), Leiter der zoologischen Staatssammlung München sowie Biologie- und Naturschutzprofessor an beiden Münchener Universitäten

An Georg Menting (<geo-men@gmx.de>)

Datum: Freitag, 01. Juli 2005

Lieber Herr Menting,

eine "Sauerei" ist das (auf Bayrisch gesagt), was da mit dem Brochterbecker See passiert. Ja, Leute dieser Art und Denkweise sind keineswegs ausgestorben; ich wußte wohl, warum ich solche Vorgehensweisen in meinem Buch "Die Zukunft der Arten" anprangerte, wenngleich mir hauptsächlich (aktuelle) Fallbeispiele aus Bayern vorlagen. Ich werde Herrn Holtmann, ULB, mitteilen, dass ich "sein Beispiel" in die Neuauflage meines Buches aufnehmen werde. Vielen Dank für das Bild dazu, das Sie mir geschickt haben! Vielleicht kann man es im Buch unterbringen.

Beste Grüße, wie immer,

Ihr Josef Reichholf

Von Prof. Dr. Herbert Zucchi (<H.Zucchi@fh-osnabrueck.de>), Fachhochschule Osnabrück, Fachbereich Landschaftsarchitektur (Zoologie/Tierökologie)

An Wolfgang Finkmann (<WFinkmann@gmx.de>)

Datum: Dienstag, 05. Juli 2005

Sehr geehrter Herr Finkmann,

haben Sie Dank für Ihre Mail. Mit großem Befremden habe ich die geplante Verschüttung des Brochterbecker Sees zur Kenntnis genommen. Aus naturschutzfachlicher Sicht ist es geradezu Wahnsinn, mit einem oligotrophen Kalkgewässer derartig zu verfahren - Fachleute im wahrsten Sinne des Wortes können das nicht sein, die Derartiges planen und tun, und das dann auch noch unter dem Signum »ökologische Aufwertung«! Die Situation, die Sie schildern (badende Jugendliche etc.), schreit geradezu nach massiver und gezielter Naturschutzöffentlichkeits- und -bildungsarbeit, die man ideenreich gestalten könnte und sollte. So wie jetzt vorgesehen, wird man dem Naturschutz jedenfalls eher einen Bärendienst erweisen.

Mit freundlichen Grüßen

Herbert Zucchi

Von Prof. Dr. Thomas Scholten (<thomas.scholten@uni-jena.de>), Institut für Geographie an der Universität Jena, Bodenkunde

An Jochen Westenhoff (<Rettetdensee@aol.com>)

Datum: Freitag, 08.Juli 2005

Lieber Jochen,

ich bin entsetzt über diese »Schandtat«.

Beste Grüße aus Jena und ganz herzlichen Dank für Dein Engagement

Thomas

Kontakt: Jochen Westenhoff, Up de Hessel 4, 49545 Tecklenburg-Brochterbeck,
E-mail: RettetdenSee@aol.com, Telefon: 05455/1405

 


 

Von der Welt-Redaktion nicht veröffentlichter Leserbrief zur Montags-Kolumne »Das Wetter« von Konrad Adam, DIE WELT vom 30.08.04

Konrad Adam glaubt beobachten zu können, dass nach dem ›Alarmismus‹ der modernen Klimaforscher und ihrer journalistischen Hilfstruppen nun die Abwiegler das Ruder übernommen hätten, die jedes Wetterextrem über Mittelwertbildungen zum verschwinden bringen würden.

Leider ist es noch bei weitem nicht so: Die ›Alarmisten‹ beherrschen weiterhin die Szene! Man kann höchstens sagen, dass die Skeptiker gegenüber der angeblich final bewiesenen globalen Klimaerwärmungstheorie inzwischen öfter wagen, ihre Zweifel zu äußern. – Und zwar in der Hoffnung, dass sie von den staatlicherseits reichlich alimentierten ›Alarmisten‹ nicht mehr wie früher einfach niedergebrüllt oder als moralischer Abschaum behandelt werden.

Die Skeptiker haben auch nicht verhindern können, dass die Klimaerwärmungstheorie, bevor sie überhaupt wissenschaftlich ausdiskutiert ist, über hochsubventionierte Windkraftanlagen, Emissionshandel etc. zwischenzeitlich bis auf die Strompreise durchschlägt. Tatsächlich ist hier eine unausgegorene Theorie zum Schaden der Volkswirtschaft Fleisch geworden. Die Politiker werden sich nun dafür verantworten müssen, dass sie die wissenschaftliche Mär von der Erwärmung des Klimas durch die sogenannten Treibhausgasen allzu leichtfertig geglaubt und unterstützt haben. Letzteres liegt wohl weniger an der faktischen Überzeugungskraft der Treibhauseffekttheorie, als daran, dass eine anthropogen verursachte Klimaerwärmung allzu gut in das weitverbreitete (aber nachweislich falsche) Bild vom negativen Umgang des Menschen mit der Natur passt. Manches spricht dafür, dass die Klimaerwärmungstheorie den Weg der vor wenigen Jahren ebenso populären Waldsterbenstheorie gehen wird,
d. h. sie wird sich in Luft auflösen.

Welche Position vertritt nun der Kolumnist, der sowohl den ›Alarmisten‹ als auch den ›Gesundbetern‹ misstraut? Er beobachtet den wissenschaftlichen Disput von hoher Warte und setzt auf die eigene persönliche Erfahrung. Und die suggeriert ihm, dass die ›Alarmisten‹ wahrscheinlich doch richtig liegen, weil die Extremereignisse eindeutig zugenommen haben. Er sieht schrumpfende Gletscher, vermehrte Wirbelstürme und Zugvögel, die keine richtigen Zugvögel mehr sind, weil sie ihre genetische Mitgift verleugnen und sich weigern, in ihre althergebrachten Winterquartiere zu ziehen.

Dazu ist zweierlei zu sagen: Erstens verfälscht das Gedächtnis die wirklichen Verhältnisse, weil es dazu neigt, sich an Extreme zu erinnern und das Normale zu vergessen. Und zweitens haben z. B. Vögel schon immer ihr Verhalten verändert. Man denke nur an bekannte Beispiel von der Amsel, die noch vor hundert Jahren ein reiner Waldvogel war und dann zunehmend in die Städte migriert ist. Dort hat sie sich so gut eingelebt, dass sie immer weniger Lust verspürte, ihre Winterquartiere aufzusuchen.

Und was die schrumpfenden Gletscher angeht, so gibt es z. B. ernsthafte Indizien dafür, dass große Gebiete der Alpen während der nacheiszeitlichen Warmzeit Jahrtausende lang unvergletschert waren.

Bevor man also leichtfertig den Menschen für jede Klimaschwankung verantwortlich macht und volkswirtschaftlich bedenkliche Katastrophenvermeidungsprojekte auf den Weg bringt, sollte man erst Mal versuchen, solche zweifellos natürlichen ›Extremphänomene‹ plausibel zu erklären.


Von der Spiegel-Redaktion nicht veröffentlichter Leserbrief zum Artikel »Inseln im Festland – Über die schnelle Evolution von Arten in alten Gewässern«, DER SPIEGEL 22/2003

Noch verblüffender als die Artenvielfalt und Konvergenz der Buntbarsche in den ostafrikanischen Seen ist die Einfältigkeit und Ignoranz, mit der die molekulargenetisch arbeitenden Evolutionsbiologen ihre Befunde interpretieren. So gaukeln sie dem interessierten Publikum seit Jahren vor, dass sie bei ihren DNA-Sequenzanalysen im Prinzip nichts anderes über den Evolutionsmechanismus herausgefunden haben als Darwin bei seinen epochalen Blicken durch das Bullauge der Beagle und auf die erfolgreichen Praktiken zeitgenössischer Taubenzüchter. Tatsächlich können aber mit der darwinschen Zufallsvariation und Umweltselektion weder das rasante Evolutionstempo der ostafrikanischen Buntbarsche noch deren frappante Konvergenzen plausibel erklärt werden. Darwin selbst hat immer wieder betont, dass die Artentstehung durch Variation und Selektion ein akkumulativer Prozess kleinstschrittiger Veränderungen ist, der endlos lange Zeiträume benötigt. Darüber hinaus kann der Versuch, die außergewöhnlichen morphologischen Ähnlichkeiten der Buntbarsche in den verschiedenen Seen (bis hin zu den Farbmustern) mit hochgradig identischen Anpassung an ähnliche Umweltbedingungen zu erklären, kann nur als völlige Überspannung des darwinschen Selektionsprinzips bezeichnet werden – zumal die genetisch nur entfernt verwandten Zwillingsarten auch in völlig unterschiedlichen ökologischen Nischen vorkommen. Statt die überkommenen, darwinistischen Beschwörungsformeln wider aller Evidenz gebetsmühlenartig zu wiederholen, sollten sich die Evolutionsbiologen besser Gedanken darüber machen, ob bei der Buntbarschevolution genetische Programme abgespult werden und wie diese entstanden sein könnten.


Von der Spiegel-Redaktion veröffentlichter Leserbrief zu »Naturschutz: Serengeti in der Agrarwüste«, DER SPIEGEL 32/2001

Es ist immer wieder erstaunlich, mit welchen abstrusen Begründungen die Naturschützer ihre jeweils bevorzugten Kunstlandschaften zur wahren Natur stilisieren. Neuerdings stehen nicht mehr traditionell bewirtschaftete, bäuerliche Kulturlandschaften, sondern mit ›eiszeitlichen‹ Großsäuger bestückte Natur-Weide-landschaften für intakte Natur. Tatsächlich hat es solche savannenartigen Naturlandschaften hier nie gegeben. Jedes von einem seriösen Vegetationsgeschichtler ausgewertete Pollenprofil zeigt das gleiche Ergebnis: Mitteleuropa war nicht nur in der Nacheiszeit, sondern auch in den pleistozänen Warmzeiten flächendeckend mit Wald bedeckt. Statt sich mit solcherlei Fakten ernsthaft auseinander zu setzen, schwärmt die Großsäugerbewegung auf ihren einschlägigen Symposien lieber von Waldelefanten und Nashörnern, die bald wieder durch Mitteleuropa trotten. Was zumindest in Deutschland hinter diesen ganzen Unsinnsplänen und -theorien steckt, kann in den Lippeauen schon jetzt beobachtet werden: Fünf Naturschützer und rückgezüchtete ›Auerochsen‹ als abschreckende Landschaftswächter rein und der Rest der Bevölkerung raus. Mir graust vor dem Ziel der Riesenrüsseltierbewegung ganz Mitteleuropa in einen riesigen Hagenbeck zu verwandeln, mit wenigen Naturschützern als Wärtern und alle Erholungssuchenden auf Beobachtungskanzeln verbannt.

 

Leserbriefe sind Ordnungsrufe gegen schlampige Recherchen.

»Leserbriefeschreiber sind in der Regel Rentner, Nörgler oder
berufsmäßige Querulanten [Lehrer, Rechtsanwälte etc., G.M.].«
Theodor Heuss

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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