Kritische Naturgeschichte > Darwinian Evolution


 
  • Altern bei Säugern und Vögeln
  • Zeugen Darwins
  • Über evolutionärer Wahlverwandtschaften und die ›große Erzählung‹ des Darwinismus
  • Materialistischer und kreationistischer Wunderglauben um die Entstehung...
  • The »Theory of Everything«
  • The Truth about Macroevolution
  • Genialer Fälscher
  • Evolution ist eine Tatsache
  • Die Entstehung des Hasenhuhns
  • The Butterfly Alphabet
  • Über den Umgang mit kreationistischen Provokateuren
  • Die letzten Ihrer Art
  • Aufschlussreiche entwicklungsbiologische Missbildung
  • Missing Link
  • Darwinistischer Brudermord in der frühen Menschheitsgeschichte
  • Theorienstreite um die Rekonstruktion eines fossilen Wundertieres
  • Explosive Artbildung bei ostafrikanischen Buntbarschen
  • Funktioniert der Darwinsche Evolutionsmechanismus?

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    Höhlenlurch beim Freigang

     
    Darwinian Evolution

    XVI. Altern bei Säugern und Vögeln

    George Dunne-1950 George Dunnet 1992
    Es gibt zwei berühmte Fotos, auf denen der schottische Ornithologe George Dunnet (1928-1995) mit demselben Nordatlantischen Eissturmvogel (Fulmarus glacialis) zu sehen ist. Das eine Foto ist 1950 und das andere 42 Jahre später 1992 entstanden. Während der Eissturmvogel - abgesehen von der etwas unterschiedlichen Perspektive - auf beiden Fotos nahezu gleich aussieht, ist Dunnet auf dem zweiten Foto sichtlich gealtert. Die durchschnittliche Lebenserwartung von Eissturmvögeln beträgt etwa +/- 40 Jahre, wobei einzelne Exemplare bis zu 90 Jahre alt werden können. Dagegen werden Säugetiere wie Ratten selten mehr als 3 Jahre alt und zeigen schon nach zwei Jahren deutliche Alterserscheinungen, wie struppiges Fell, nachlassende Agilität oder erhöhte Tumoranfälligkeit.

    Betrachtet man nur die Säugetiere, dann scheint es so, dass das erreichbare Lebensalter vor allem etwas mit der Körpergröße zu tun hat. Eine Maus wird selbst bei bester Pflege kaum 2 Jahre alt, während ein Elefant in freier Wildbahn bis zu 60 Jahre alt wird und in der Gefangenschaft im Einzelfall sogar noch ein paar Jahrzehnte älter werden kann. Entscheidend ist aber nicht die Größe der Säuger, sondern ihr Stoffwechsel. Während der Puls eines kleinen Nagers bis zu 600 Mal pro Minute schlägt, pocht das Herz eines Dickhäuters im selben Zeitraum nur 30 Mal. Für die meisten Säuger gilt: Je höher die mit der Körpergröße korrelierende relative Stoffwechselrate, desto eher sterben sie. Diese Beobachtung führte auch zu der hübschen Verallgemeinerung, dass das Herz jedes Tieres während seines Lebens ungefähr die gleiche Zahl von Schlägen ausführt. Ein Elefant lebt zwar erheblich länger als eine Maus, hat aber einen viel langsameren Puls. Misst man das Leben nach der Zahl der Herzschläge, ist es bei beiden Arten in etwa gleich lang. Dazu passt, dass lethargische, langlebige Arten wie Schildkröten und Faultiere im Verhältnis zu ihrer Größe sehr langlebig sind*).

    Das Problem bei dieser Regel ist aber, dass sie ein paar unangenehme Ausnahmen hat, speziell bei Fledermäusen, die fast dreißig Jahre alt werden können und zwar trotz ihrer geringen Größe und obwohl ihr Stoffwechsel während dieser Zeit auf Hochtouren läuft. Dies gilt - um einen naheliegenden Einwand zu begegnen - auch für Arten, die keinen Winterschlaf halten. Die Regel weicht noch mehr auf, wenn man andere Tiergruppen mit in die Betrachtung einbezieht. Vor allem Vögel weisen eine dramatisch längere Lebensspanne als Säugetiere vergleichbarer Größe auf. Darüber hinaus leben unsere gefiederten Zeitgenossen nicht nur länger, sondern zeigen - wie die beiden Abbildungen des Eissturmvogels und des Ornithologen dokumentieren - auch weniger Alterserscheinungen.

    Vögel bleiben im Unterschied zu Säugern noch im hohen Alter körperlich fit und zwar selbst dann, wenn sie im kalten Norden der Erdhalbkugel ein anstrengendes energieaufwendiges Leben führen. Dickschnabellummen werden z. B. bis zu 30 Jahre alt und können bis zu ihrem plötzlichen Tod so gut fliegen und tauchen wie in ihren besten Tagen. Eine verblüffend gute Fitness wurde auch bei anderen Seevögeln festgestellt. So berichteten US-Biologen 2011 über ein rüstiges 60 Jahre altes Albatros-Weibchen namens Wisdom, das gerade mal wieder ein Junges aufzog! Da fragt sich der erstaunte Laie, sollte es den Vögeln vielleicht gelungen sein, den sagenhaften Jungbrunnen zu entdecken, der ihnen ein langes Leben und dauerhafte Jugend verleiht. Für die reichlich von Alterszipperlein geplagte menschliche Spezies ist dieser alte Menschheitstraum bisher eine mythische Utopie geblieben, von den zum Teil zweifelhaften Errungenschaften des chirurgischen oder biologischen Bodyliftings und den Erfolgen der Reproduktionsmedizin einmal abgesehen.

    Das meiste, was Forscher bisher über das Altern wussten, stammte aus Studien eher kurzlebiger Modellorganismen, wie Fadenwürmern, Fruchtfliegen oder Mäusen. In jüngster Zeit sucht man den Schlüssel, warum Tiergruppen so unterschiedlich schnell altern nicht mehr bei kurzlebigen, sondern bei langlebig fitten Arten wie eben Vögeln. Neuere Untersuchungen, die auch in die Antiaging-Forschung bei Menschen eingeflossen sind, haben gezeigt, dass neben der Stoffwechselrate, auch der oxidative Stress, dem ein Lebewesen ausgesetzt ist, das Altern beeinflusst**). Diese Erklärung des Alterns ist unter dem Namen »free radical theory« oder »oxidative stress theory of aging« bekannt. Die Theorie geht davon aus, dass Alterung im Wesentlichen auf Schäden an Biomolekülen zurückzuführen ist, die von freien Radikalen verursacht wurden. Das sind chemisch aggressive Atome oder Moleküle, in deren Hülle die Elektronen nicht paarweise, sondern zum Teil einzelnen herumschwirren. Besonders prominente Vertreter dieser Familie sind die so genannten reaktiven Sauerstoffspezies (kurz ROS), die entstehen wenn der Körper mit Zigarettenrauch, Smog oder Pestiziden konfrontiert wird***).

    Schädliche reaktive Sauerstoffspezies bilden sich im Körper auch auf ganz natürliche Weise und zwar als Nebenprodukt der Zellatmung in den Mitochondrien, die den Energiebedarf der Zellen decken. Deswegen gibt es auch eine Reihe von Enzymen und Schutzmolekülen, die zu ihrer Neutralisierung bereit stehen. Es sieht so aus, als würde die Langlebigkeit von Vögeln mit diesen Vorgängen zusammenhängen. Vögel produzieren nämlich in den Mitochondrien klar weniger Radikale als Säugetiere, folglich sammeln sie im Lauf ihres Lebens auch weniger molekulare Schäden in den Zellen an. Die Ursache dafür sollen Entkopplungsproteine sein (»uncouplings proteins«), die bei Vögeln den Wirkungsgrad der Energieumwandlung in den Zellkraftwerken reduzieren und so die Produktion von schädlichen Radikalen drosseln. Eine plausible Erklärung für die Langlebigkeit und Fitness der Vögel könnte also darin bestehen, dass sie Dank dieser Entkopplungsproteine einem verminderten oxidativen Stress durch reaktive Sauerstoffspezies ausgesetzt sind.

    Natürlich haben es sich die Evolutionsbiologen nicht nehmen lassen, eine auf der natürlichen Selektion beruhende Erklärung dafür zu finden, warum die Arten so unterschiedlich altern****). Sie gehen davon aus, dass jede biologische Art mit einem Programm der geplanten Alterung ausgestattet ist, das zur voraussichtlichen Lebensdauer ebenso passt, wie zu dem Alter, in dem die Fortpflanzung beendet ist. Die natürliche Selektion würde, solange eine Art fertil ist, alle Genvarianten ausmerzen, die zu Schäden des Körpers beitragen können. Alle Individuen, die solche Genvarianten in jungen Jahren tragen, würden entweder getötet oder hätten einen geringen Reproduktionserfolg. Dagegen könne die natürliche Selektion Genvarianten, die den Organismus erst nach der Fortpflanzung schädigen, nicht beseitigen, denn auch erfolgreiche Individuen kurzlebiger Arten hätten im höheren Alter keinen Nachwuchs. Eissturmvögel sollen daher viel länger als Mäuse leben und fruchtbar sein, weil es in ihrem Leben nichts gibt, was Wieseln, Katzen, Füchsen oder Greifvögeln entsprechen würde.

    Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Maus aufgrund dieser Prädatoren mehr als drei Jahre überstehe, sei verschwindend gering und deshalb unterlägen Mausgene, die einen vier Jahre alten Körper schädigen würden praktisch keiner Selektion. Eissturmvögel hätten dagegen eine hohe Wahrscheinlichkeit noch mit 20 Jahren zu leben und pflanzen sich in diesem Alter noch munter fort; Genvarianten, die einen 20-jährigen Eissturmvogelkörper beeinträchtigen, werden deshalb erbarmungslos ausgemerzt. Tatsächlich gibt es Beispiele dafür, dass auf Inseln isolierte Populationen, langsamer altern und erheblich länger als ihre Artgenossen auf dem Festland leben und fruchtbar sind, wenn auf diesen Inseln, die Gefahr geringer ist, Feinden zum Opfer zu fallen. So gibt es eine seit etwa 10.000 Jahren auf der Insel Sapelo vor der Küste Nordamerikas lebende Opossum-Population, die gegenüber ihren Artgenossen auf dem Festland einem geringerem Prädatorendruck ausgesetzt ist. Sie pflanzt sich noch im zweiten Lebensjahr fort und zeigt weniger Alterserscheinungen.

    Ob diese Theorie tatsächlich geeinigt ist, eine befriedigende Erklärung für die enormen Altersunterschiede zwischen Vögeln und Säugern zu liefern, scheint allerdings zweifelhaft. Erst mal erklärt sie nur, warum isolierte Inselpopulationen einer bestimmten Art bei geringerem Prädatorendruck langsamer altern als Festlandpopulationen. Dafür reichen mit Sicherheit mikroevolutive Vorgänge, also die Optimierung vorhandener Gene bei veränderten Umweltbedingungen aus. Vögel sind aber völlig andere genetische Konstrukte oder Bauplantypen als Säuger. Z. B. verfügen sie im Unterschied zu Säugern – wie zuvor berichtet – über Zellkraftwerke mit einem sehr niedrigem Energieumwandlungsgrad und haben dafür aber anders aufgebaute, sehr effektive Lungen, die es ihnen ermöglichen, ohne die geringste Akklimatisation in sehr große Höhen aufzusteigen. Nun wird ein Darwinist einwenden, dass solche qualitativen Neukonstruktionen nur eine Frage der Zeit seien und die kleinschrittige Mutation und Selektion dafür eben nicht nur 10.000 Jahre, sondern riesige Zeiträume benötige.

    Auf dieses Totschlagargument kann man nur antworten, dass mikroevolutive Veränderungen sich experimentell belegen und im Feld beobachten lassen, aber alles Reden über makroevolutive Veränderungen reine Spekulation ist. Wer wie die Darwinisten endlos lange Zeiträume zum Helden des evolutiven Geschehens verklärt, die das Wunder der Evolution vollbringen soll, argumentiert weit unter dem Niveau von Kreationisten, für die Gott der Schöpfer der Arten ist, und die dies nicht nur bibelgläubig postulieren, sondern an einleuchtenden Beispielen begründen, dass die konventionelle (!) Evolutionstheorie nicht erklären kann, was sie vorgibt erklären zu können.

    Anmerkungen

    *) Diese Faustformel erzielt nur im Artenvergleich akzeptable Korrelationen. Innerhalb einer Art hat nicht dasjenige Individuum eine höhere Lebenserwartung, das sich möglichst wenig bewegt und auf der faulen Haut liegt, um die Stoffwechselrate oder die Zahl der Herzschläge gering zu halten, sondern das aktivere!

    **) Zellen altern auch durch Kopierfehler der DNA bei ihrer Verdopplung. Dieser Faktor, der wesentlich durch die unterschiedliche Länge der Chromosomen-Telomere, die sich bei jeder Verdopplung etwas verkürzen, beeinflusst wird, bleibt hier außen vor.

    ***) Eine weitere gefährliche Ursache für die Bildung von freien Radikalen oder oxidativen Stress ist aggressive Bestrahlung durch Röntgen oder ein ausgiebiges Sonnenbad.

    ****) Die darwinistische Unsitte selbst stark abweichende Merkmale von Lebewesen durch mehr oder weniger plausible auf Anpassung an variierende Umweltbedingungen basierende Geschichten zu erklären, wird spöttisch auch als »adaptive storytelling« bezeichnet.

    (Weiterführende) Literatur:

    Albatross astonishes scientists by producing chick at age of 62. - In: theguardin vom 12.02.2013

    Robert Czepel: Warum Vögel länger leben. - In: science.ORF.at vom 21.04.2005

    Fitness im Alter: Forscher staunen über rüstige Seevogel-Senioren. - In: Spiegel-Online vom 02.07.2012

    Michael Lange und J. Brades (1994): Flug ohne Höhenkoller. - In: FOCUS Online vom 04.07.1994

    Richard Lippmann: Avoiding Free Radicals and Unnecessary Radiation. - In: antiaging-systems.com

    Matt Ridley (2000): Alphabet des Lebens - Die Geschichte des menschlichen Genoms. - Berlin

    G.M., 21.07.13

     

     

     

    Foto: Kyle Elliott
    Der kanadische Biologe Kyle Ellliott hat herausgefunden, dass Dickschnabellummen auch im fortgeschrittenen Alter noch völlig fit und fertil sind. Eines der Tiere, das die Wissenschaftler nach dem kanadischen Top-Eishockeyspieler Wayne Gretzky (der ununterbrochen 20 Saisonen hintereinander spielte) benannten, zog sogar 18 Jahre nacheinander Nachwuchs groß.
     

    XV. Zeugen Darwins*)

    Zeugen Darwins
    Martin Perscheid

    In den letzten Jahrzehnten hat der dogmatische Darwinismus erheblich an evolutiver Erklärungskraft eingebüßt und leidet in der Folge unter einem zunehmenden Anhängerschwund. Die Haustürmission gilt daher als ein verzweifelter Versuch, diesem Trend Einhalt zu gebieten.

    *) Fundsache von Schneule, früher Adlerwarte Berlebeck, heute Horn-Bad Meinberg.

    G.M., 05.05.12

     

     

     

     

    XIV. Über evolutionäre Wahlverwandtschaften und die ›große Erzählung‹ des Darwinismus

    Nepalesische Mahouts kehren in frühen Morgenstunden vom Sammeln wilden Grases aus Chitwan National Park zurück. Fast könnte man denken, es handle sich bei diesem schwer beladenen Dickhäuter um eine neue, mit landlebenden ›Stachelhäutern‹ also Igeln nahe verwandte Art. (Foto: Heather L. Rohan)

    Die Evolutionsbiologen überraschen uns interessierte mehr oder weniger gut informierte Laien immer wieder mit dem Nachweis von ungewöhnlichen Verwandtschaftsverhältnissen zwischen Arten, die doch dem Augenschein nach sehr wenig oder so gar nichts miteinander zu tun haben. Ein bekannteres Beispiel sind die tonnenschweren riesigen Elefanten, die mit den possierlichen kaninchengroßen Klippschliefern, die ähnlich Murmeltieren in felsigen Gebieten leben und Seekühen, die im küstennahen Meer und in großen Flüssen leben, näher verwandt sein sollen, als mit jedem anderen heute noch lebenden Tier.

    Darstellung der Verwandtschaftsverhältnisse des Taxons Paenungulata in einem Kladogramm. Ob Seekühe, wie hier dargestellt, näher mit Elefanten verwandt sind als Schliefer ist strittig, da morphologische und molekulargenetische Klassifikationen unterschiedliche oder auch widersprüchliche Phylogenien erzeugen. Solche Probleme treten nach Auffassung der Evolutionsbiologen immer dann auf, wenn Stammlinien sich sehr rasch und in einer evolutionär sehr kurzen Periode von ihrem letzten gemeinsamen Vorfahren abgespalten haben und sich dessen (vermuteter) Polymorphismus sehr ungleich auf die Linien verteilt hat1).

    Von den Systematikern werden Schliefer, Seekühe und Elefanten in das Taxon der Paenungulata, der Vorhuf- oder Beinahhuftiere, eingeordnet. Dies bedeutet nicht, dass alle Mitglieder dieses Taxons auch hufähnliche Gliedmaßen haben. Seekühe haben nicht einmal Beine, ihre Hinterbeine sind verkümmert und ihre Vorderbeine zu Flossen umgewandelt. Die enge Verwandtschaft dieser von der Morphologie und Ökologie her so unterschiedlichen Spezies wird auf einige Gemeinsamkeiten ihres Körperbaus zurückgeführt. Die horizontale Erneuerung der Backenzähne, die im Bauchraum liegenden Hoden bei Männchen sowie die zweihörnige Gebärmutter und die brustständigen Zitzen bei Weibchen. Die enge Verwandtschaft wurde durch molekulargenetische Untersuchungen bestätigt.2)

    Klippschliefer (Procavia capensis) ähneln Murmeltieren im Aussehen und in ihrer Lebensweise. (Foto: Ricardo Schobel) Seekühe, hier ein Karibik-Manati (Trichechus manatus) sind intelligent und zutraulich. (Foto: Angelika Honsbeek)

    Das Taxon Paenungulata gehört stammesgeschichtlich zur Überordnung der Afrotheria (Afrikatiere), also Tieren, die ihren Ursprung in Afrika haben. Diese Überordnung umfasst ca. 80 Arten, die sich auf insgesamt sechs Ordnungen aufteilen, darunter die Röhrenzähner (mit dem Erdferkel als einzige noch lebende Art) und die Rüsselspringer, zu denen Elefantenspitzmäuse oder Rüsselhündchen zählen. Das morphologisch auffälligste Charakteristikum der Afrotheria ist ihre langgezogene (oder wie bei Seekühen vergrößerte), oft bewegliche Schnauze. Es ist allerdings unklar, ob diese Gemeinsamkeit durchweg einen stammesgeschichtlichen Ursprung hat, oder bei sie einigen Ordnungen konvergent, d. h. durch umweltbedingte Selektionsdrücke in Parallelevolution entstanden ist.

    Das etwa Zwergkaninchen große Goldene Rüsselhündchen (Rhynchocyon chrysopygus) kommt ausschließlich in dem an der Südostküste Kenias gelegenen Arabuko-Sokoke-Nationalpark vor. Der auffällige goldene Fleck am Hinterteil dient dazu, die Aufmerksamkeit von Schlangen und brunftigen Rivalen vom empfindlichen Kopf weg auf das besonders gut gepolsterte Hinterteil zu lenken. (Zeichnung: Joseph Smit)

    Die Afrotheria sollen nach dem Auseinanderbrechen des südlichen Großkontinents Gondwana entstanden sein, als der afrikanische Großkontinent zwischen 105 und 40 Millionen Jahren vor unserer Zeit räumlich weitgehend isoliert war. Damals soll sich in Afrika eine endogene Säugetierfauna getrennt von der sich diversifizierenden Säugetierfauna des nördlichen Großkontinents Laurasia entwickelt haben. Der gemeinsame Vorfahr der Afrotheria soll ein kleiner im Wald lebender Insekten- oder Pflanzenfresser gewesen sein. Trotz ihrer Isolation besetzen die Afrotheria ähnliche ökologische Nischen, wie die sich zur gleichen Zeit auf dem nördlichen Großkontinent Laurasia entwickelnden Säuger. Seekühe haben z. B. Parallelen zu Robben und Schliefer besetzen eine ähnliche Nische wie Murmeltiere.

    Rekonstruktion der Lage der Kontinentalplatten in der späten Kreidezeit vor rd. 85 Millionen Jahren. Weil Afrika zu dieser Zeit von den anderen Kontinenten getrennt war, konnten die Afrotherians isoliert von anderen Säugerabstammungslinien evolvieren. Die damaligen Landflächen sind beige und Afrika ist rot dargestellt. Zur besseren Orientierung sind auch die aktuellen Küstenlinien nachgezeichnet3).

    Wer das Staunen noch nicht verlernt hat, könnte jetzt fragen, wie sich aus einem kleinem Waldbewohner von der Größe, Morphologie und Lebensweise her so außerordentlich heterogene Tiere wie Elefanten, Schliefer, Seekühe, Erdferkel oder Rüsselhündchen entwickeln konnten. Viele Leser werden jetzt wohl denken: Ausgesprochen dumme Frage, denn seit Charles Darwin sein epochales Werk »Die Entstehung der Arten« geschrieben hat, ist doch wissenschaftlich bewiesen, dass Arten durch Evolution entstehen! So nennt man bekanntlich den allmählich wirkenden Mechanismus, der über die Vererbung veränderlicher Merkmale und die natürliche Auslese aus einem gemeinsamen Vorfahren ganz unterschiedliche Nachkommen entwickeln oder auch hervorzaubern kann.

    Obwohl die darwinsche Evolutionstheorie als eine der bestbestätigten naturwissenschaftlichen Theorien gilt, habe ich bewusst »hervorzaubern« geschrieben. Denn darüber wie aus einer Ursprungsform andere völlig verschiedene Arten entstehen, ist erheblich weniger bekannt, als wir im Allgemeinen annehmen und uns in populär- oder fachwissenschaftlichen Publikationen oder auch zur besten Sendezeit im Fernsehen über ›Die wunderbare Welt der Evolution‹ weißgemacht wird. Um dies an einem Beispiel zu dokumentieren, habe ich im Internet recherchiert, ob es Beschreibungen für den Vorgang gibt, wie sich aus einer Ursprungsform so unterschiedliche Arten wie Elefanten, Schliefer und Seekühe entwickeln konnten.

    Im speziellen Fall des Taxons der Paenungulata also der Beinah- oder Vorhuftiere bin ich nur auf Geolino-Online fündig geworden, einem Geo-Erlebnismagazin für Kinder. Dort kann man im Kapitel »Alle müssen sich anpassen« nachlesen, dass Elefanten, Seekühe und Klippschliefer für ihren Knochenaufbau sehr ähnliche DNA-Kochrezepte benutzen und daher nahe verwandt sind. Die Frage, warum diese Arten, die zusammen mit einigen anderen Arten zur Überordnung der Afrotheria gehören, trotz ihrer nahen Verwandtschaft so völlig unterschiedlich aussehen und unterschiedliche Lebensweisen haben, wird wie folgt beantwortet:

    »Einige der Afrotheria-Vorfahren blieben in Afrika, einige landeten in Indien, wieder andere in Südamerika. Sie mussten also lernen in völlig verschiedenen Gebieten zu überleben. Und die dafür notwendigen Fähigkeiten entwickeln. So wie ein Kind, dass am Meer aufwächst schon ganz jung das Schwimmen lernt. Und ein Nomadenkind in der Wüste sicher mit spätestens sechs Jahren ein Kamel reiten kann. Oder ein Kind im kalten Norden Deutschlands die meiste Zeit des Jahres eine blasse Haut hat. Würde es aber im sonnigen Italien leben, wäre es meist braungebrannt.

    Tiere und Menschen passen sich immer an ihren Lebensraum an, große Teile ihrer DNS-Kochrezepte verändern sich. Viele neue Rezepte kommen dazu. Klippschliefer leben in Felsenspalten, also dürfen sie nicht so groß wie Elefanten sein. Sie müssen auch auf die steilsten Felsen klettern, dafür haben sie ihre Schweißfüße zum Haften. Elefanten teilen sich ihren Lebensraum in der afrikanischen Savanne mit gefährlichen Raubtieren wie Löwen und Hyänen. Wären sie so klein wie die Klippschliefer, gäbe es bald keine Elefanten mehr, die Räuber hätten sie längst verspeist. Und Seekühe leben im Meer, also mussten sie ein völlig neues Kochrezept entwickeln: eines für Schwimmflossen. «

    Besonders gelungen finde ich diese Evolutionsgeschichte für Kinder nicht. Zunächst einmal irritiert, dass die Afrotheria-Arten ja gerade charakterisiert, dass sie sich isoliert in Afrika entwickelten und nicht (oder erst später) andere Kontinenten besiedeln konnten. Auch im weiteren Verlauf erscheint sie mir so wenig plausibel, dass jeder halbwegs aufgeweckte Sechsjährige in der Lage sein sollte, sie in Frage zu stellen. Gibt es nicht unzählige Kinder, deren Vorfahren schon seit Jahrhunderten am Meer leben? Und trotzdem hat noch keines von ihnen Schwimmhäute zwischen den Fingern bekommen oder bei keinem haben sich die Arme oder Beine in Flossen umwandelt. Auch Nomadenkinder haben keinen Instinkt dafür entwickelt, auf Kamelen zu reiten, sondern müssen dies in jeder Generation neu erlernen. Und die Sonnenbräune, die wir aus einem Italienurlaub mit nach Hause bringen, verblasst schnell wieder, sobald wir daheim sind.

    Auch wenn Nomadenkinder schon seit Hunderten von Generationen auf Kamelen reiten, so braucht doch jede neue Generation die Anleitung von einem Erwachsenen, um es zu erlernen. (Foto: Irma Turtle)

    Nun könnte man einwenden, dass sei ja nur eine Kinderversion der Theorie, wie sich Arten durch Anpassung an unterschiedliche Umwelten verändern. Wenn man wirklich wissen wolle, wie dies tatsächlich vor sich geht, müsse man schon die wissenschaftliche Literatur oder am besten gleich Charles Darwins epochales Werk »Über die Entstehung der Arten« von 1859 zur Hand nehmen. Darin wird am Beispiel eines Bären, der sich in einen Wal verwandelt, erläutert, wie sich aus einer Ursprungsform eine völlig andere Art entwickeln kann. Und weil ein Bär und ein Wal von der Morphologie und Ökologie her zwei völlig unterschiedliche Lebewesen sind, scheint das ein gutes Beispiel zu sein, um zu sehen, wie Evolution im großen Maßstab funktioniert 4):

    »In Nordamerika sah HEARNE den schwarzen Bär viele Stunden lang mit weit geöffnetem Munde im Wasser umherschwimmen, um fast nach Art der Wale Wasserinsekten zu fangen. Wenn die Versorgung mit Insekten gleich bleibt und wenn in der Gegend noch keine besser angepassten Konkurrenten vorhanden sind, kann ich selbst in einem so extremen Fall keine Schwierigkeit für eine Rasse von Bären erkennen, welche von der natürlichen Selektion in Bau und Gewohnheit stärker dem Wasser angeglichen werden, mit einem immer größeren Mund, bis schließlich ein Geschöpf hervorgebracht wird, welches so gewaltig wie ein Wal ist.«

    Wie viele Generationen es wohl dauert, bis ein mit offenem Maul schwimmender Schwarzbär, sich durch natürliche Selektion in ein Geschöpf verwandelt, das so gewaltig wie ein Wal ist? (Foto: Tom & Pat Leeson)

    Klingt diese Geschichte nicht noch märchenhafter als diejenige, die zuvor auf Geolino-Online erzählt wurde? Tatsächlich hat dieses arg die Grenze der Lächerlichkeit strapazierende hypothetische Märchen über die mit offenem Maul schwimmenden Bären, die sich schließlich in Wale verwandeln, Darwin nach der Erstveröffentlichung seines Werkes viel Spott eingebracht. In späteren Auflagen hat er diese Passage deshalb immer stärker gekürzt bis schließlich nur noch der erste Satz überblieb und die eigentliche Kernaussage im Wesentlichen beseitigt war5).

    Nun endet die Evolutionsforschung nicht mit Darwin. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert haben die sogenannten Architekten der Synthetischen Evolutionstheorie beständig neue Erkenntnisse in die darwinsche Evolutionstheorie eingebaut. Vor allem gelang es, Darwins Theorie der Variation und natürlichen Zuchtwahl mit den wiederentdeckten Vererbungsgesetzen von Gregor Mendel und den neuen Erkenntnissen der Genetik und Populationsgenetik unter einem theoretischen Dach zu vereinen. Statt von der vererblichen Variation von Merkmalen sprachen die Neo-Darwinisten (so nennt man die Begründer oder Anhänger der Synthetischen Evolutionstheorie) nun von der Verschiebung von Allelfrequenzen in Populationen. An Darwins Theorie der natürlichen Selektion änderte sich dagegen nichts.

    Tatsächlich lassen sich in der Sprache der Synthetischen Evolutionstheorie, die bis heute als Standardmodell der Evolution gilt, akzeptable Geschichten darüber formulieren, wie sich eine Ursprungsform in unterschiedliche Arten aufspaltet. Aber nur für mikroevolutive Veränderungen, d. h. für quantitative Veränderungen bereits vorhandener Merkmale, wie ein längerer oder kürzerer Schnabel oder eine Spezialisierung der Lebensweise. Solche Variationen lassen sich plausibel durch eine Verschiebung von Allelfrequenzen in Populationen beschreiben. Klassischerweise werden sie durch die Isolation einer Teilpopulation von einer Ausgangspopulation verursacht oder in dem bei veränderten Umweltveränderungen die natürliche Selektion bestimmte Varianten von Genen begünstigt und andere unterdrückt.

    Aber immer wenn es um makroevolutive, d. h. qualitative oder substantielle Veränderungen in der Morphologie und Physiologie von Arten, also die Entstehung neuartiger Baupläne geht, kriegen auch die Geschichten, die die Synthetische Evolutionstheorie schreibt, ›fabelhafte Züge‹. In der klassischen Version solcher Geschichten beschwören die Neo-Darwinisten, um die klaffenden Abgrund zwischen Mikro- und Makroevolution zu überbrücken, den (vermeintlichen) Evolutionsfaktor ›lange Zeiträume‹. Es heißt dann, die Evolution verändere die Arten aus der Perspektive eines Menschlebens zwar nur allmählich und kaum sichtbar, aber auf erdgeschichtliche Zeiträume hochgerechnet, führe diese dazu, völlig andersartige Geschöpfe hervorzubringen.

    Entstehen völlig neue Strukturen oder Bauplantypen, wie auf geniale Weise in der Grafik von Rob Gonsalves dargestellt, durch allmähliche, fast unmerkliche Veränderungen (links), oder wie in einer Microsoft-Werbung für Windows, in der die Kompatibilitätsprobleme offener Betriebssysteme karikiert werden, eher durch sprunghafte Veränderungen (rechts)?

    Dass ›lange Zeiträume‹ das Unmögliche möglich und das Unwahrscheinliche wahrscheinlich machen sollen 6), gehört seit Darwin zu den »großen Erzählungen« der naturgeschichtlichen Forschung. Dieses spöttisch auch ›Allmählichismus‹ genannte grundlegende evolutionsbiologische Erklärungsmodell ist aber höchst spekulativ, denn ›sehr lange Zeit‹ ist kein und schon gar kein empirisch fassbarer Evolutionsfaktor. Nach dem heutigen Stand der kausalen Evolutionsforschung kann von mikroevolutiven Vorgängen, wie man sie bei der Isolierung von Populationen oder Veränderung von Umweltbedingungen beobachtet, nicht auf die Entstehung von qualitativ völlig neuen Strukturen oder Bauplantypen geschlossen werden.

    Die geläufige, in fast jedem Biologielehrbuch (so oder so ähnlich) zitierte Formel ›Makroevolution = Mikroevolution x Zeit‹ ist mehr Wunsch als Wissenschaft. Ein Blick in den Fossilbericht bestärkt die Vorbehalte. Wir finden keine kontinuierlichen Übergänge, sondern jede Menge Diskontinuitäten, d. h. neue fertige Baupläne tauchen plötzlich und überraschend, wie aus dem Nichts in der erdgeschichtlichen Überlieferung auf7). Die viel beschworenen Zwischenformen sind äußerst lückenhaft und entpuppen sich bei genauer Betrachtung oftmals nicht als Übergangs-, sondern als Mosaikformen. Das heißt, sie schließen keine Lücken zwischen zwei abweichenden Bauplantypen, sondern bestehen selbst aus einem Mosaik voll ausgebildeter Strukturen. Sie lösen also keine Probleme, sondern sind selber ein Problem, das evolutiv erklärt werden will8).

    Auf die eingangs gestellte Frage, wie aus einer Ursprungsform so unterschiedliche Lebewesen wie Elefanten, Schliefer und Seekühe entstehen konnten, gibt es derzeit nur drei Antworten: Erstens sie wurden wie die vermutete Ursprungsform selbst ›geschöpft‹. Zweitens das Genom der Stammform war genetisch so vielgestaltig oder polymorph, dass sich durch eine Umgestaltung der Architektur des Genoms, die unterschiedlichsten Arten aus ihr entwickeln konnten. Und drittens in das Genom der vermuteten Ursprungsform wurde substanziell neues genetisches Material eingeschleust. Die erste Antwort kommt für mich aus weltanschaulichen Gründen nicht in Frage, da ich kein Anhänger des Schöpfungsglaubens bin. Zudem sprechen gegen eine Schöpfung auch erhebliche vernunftbedingte Gründe, wie die Regelhaftigkeiten der fossilen Überlieferung, die sich nur sehr schwer in einem Schöpfungsszenario, aber sehr gut in einem evolutionären Rahmen deuten lassen.

    Die zweite Antwort setzt voraus, dass die Stammformen eine erheblich komplexere genetische Ausstattung besaßen, als sie für ihre Morphologie und Ökologie benötigten. Zudem mussten sie in der Lage sein, ihr genetisches Potenzial unter bestimmten Bedingungen freizusetzen. Als Mechanismen kommen dafür verstärkte Transposonaktivitäten (Mobilisierung von springenden Genen) oder noch weitergehende Umbauten der Architektur des Genoms (Chromosomen- oder Genomverdopplungen) z. B. ausgelöst durch veränderte Umweltbedingungen infrage. Dies klingt zunächst unwahrscheinlich, weil es nicht mit dem Standardmodell der Evolution, das von einer allmählichen umweltangepassten Entwicklung von evolutionären Neuerungen ausgeht, vereinbar ist. Diese Möglichkeit findet aber durch überraschende molekulargenetische Befunde zunehmende Unterstützung. Z. B. war man sich sicher, dass die Organisation der Embryonalentwicklung und der Zelltypisierung des Menschen in primitiven Wirbeltieren evolviert ist. Dann haben molekulargenetische Untersuchungen gezeigt, dass Nesseltiere (Seeanemonen, Quallen und Korallen), die im evolutiven Stammbaum weit unten stehen, schon über die ganze genetische Komplexität für diese Schlüsselprozesse verfügen9). Ohne Frage kommt dieses völlig unerwartete Ergebnis, aus Sicht der Synthetischen Evolutionstheorie einem evolutionsbiologischen Wunder gleich.

    Die dritte Antwort setzt nicht nur voraus, dass Genome eine Architektur besitzen, die es ihnen ermöglicht, sich schubweise umzubauen oder auszudifferenzieren, sondern auch vorhandenes genetisches Material mit neu hinzugekommenem auf sinnvolle Weise zu kombinieren. Dass Genome dazu in der Lage sind, bestätigt die zwischenzeitlich als gesichert geltende Endosymbionten-Theorie der amerikanischen Genetikerin Lynn Margulis10). Für diese Fähigkeit spricht auch der Befund, dass durch horizontalen Genverkehr ins menschliche Genom integrierte Viren- und Bakterien-DNA später kodierende Funktionen für übernommen hat. Darüber hinaus gibt es gesicherte Hinweise dafür, dass es in der Geschichte des Lebens immer wieder zu Querbefruchtungen zwischen weit entfernt verwandten Arten gekommen ist 11). Als Resümee bleibt festzuhalten, dass eine Stammform sowohl durch einen radikalen Umbau seiner genetischen Architektur als auch durch die Hinzufügung und Integration von neu hinzugekommen genetischen Material schubweise evolvieren kann.

    Die streitbare amerikanische Genetikerin Lynn Margulis (1938 -2011) war eine der ersten Wissenschaftlerinnen, die bezweifelte, dass zufällige Mutationen und natürliche Selektion allein in der Lage sind, neue Arten hervorzubringen. Statt der darwinistischen Betonung der Konkurrenz als Motor der Evolution betonte sie die Bedeutung der Kooperation (vor allem Symbiosen) für den evolutionären Fortschritt. Ihre Mitte der 1960er Jahre zum bakteriellen Ursprung von Zellorganellen wie Mitochondrien und Plastiden entwickelten Ideen (die später als Endosymbionten-Theorie bekannt geworden sind und heute Eingang in alle Biologiebücher gefunden haben) wurden damals vom wissenschaftlichen Establishment vehement abgelehnt und boykottiert. Sie umging den Widerstand, in dem sie ihre Theorien in einem Buch verbreitete. Damit hatte sie zwei schwere Fehler begangen12): »Wenn es eine Sünde ist, Theorien an die Öffentlichkeit zu bringen, dann ist es eine doppelte Sünde, sie an die Öffentlichkeit zu bringen und auch noch recht zu haben.« Später vertrat sie die Auffassung, dass auch bei höheren Lebewesen jeder substanziellen evolutiven Neuerung ein kooperativer Genomerwerb vorausging. Diese umfassendere Theorie der Symbiogenese publizierte sie 2002 zusammen mit ihrem Sohn Dorian Sagan in dem Buch »Acquiring Genomes – A Theory of the Origins of Spezies«. Der Untertitel des Werkes ist dem englischen Originaltitel von Darwins epochalem Werk »On the Origin of Spezies…« provozierend ähnlich.13)

    Was hier bisher über die unterschiedlichen Mechanismen, die für Mikro- und Makroevolution oder für graduelle und schubweise Evolution erforderlich sind, berichtet wurde, sind eigentlich – wenn auch etwas pointiert und provokativ formulierte – Binsenweisheiten, die jedem halbwegs informierten Evolutionsforscher, der über den Tellerrand seines spezifischen Arbeitsgebietes hinausschaut, bekannt sein sollten oder doch zumindest sein könnten. Ja man kann sogar sagen, dass die überwiegende Zahl der evolutionsbiologischen Befunde der letzten vier Jahrzehnte die neodarwinistische Sicht der Dinge in Frage stellen und die von mir vorgestellte Sicht der Dinge unterstützen. Dass ich damit trotzdem eher als Häretiker als ein Multiplikator einer neuen Sicht der Evolution wahrgenommen werde, liegt an der ›großen Erzählung‹ (Grand Narrativ) der Evolutionsbiologen. Die besagt seit nunmehr über 150 Jahren, dass die Evolution eine allmähliche Entwicklung der Lebewesen von einfachen zu immer komplexeren Formen ist.14)

    Das unantastbare ›Mantra‹ der naturgeschichtlichen Forschung laut fern jeder Vernunft: ›Natura non facit saltum‹ (Die Natur kennt keine Sprünge). Gerade ausgewiesene Evolutionsbiologen, die an den Forschungsfronten arbeiten und es deshalb eigentlich besser wissen müssten, tun sich in ihren Sonntags- oder Grundsatzreden schwer, von dieser ›großen Erzählung‹ zu lassen. Das wurde noch jüngst in einer Auseinandersetzung zwischen dem international renommierten deutschen Molekulargenetiker Axel Meyer und dem in der molekular- und neurobiologischen Forschung tätigen Mediziner Joachim Bauer deutlich. Der evolutionsbiologische Newcomer Bauer hatte sich 2008 erlaubt, das Buch »Das kooperative Gen – Abschied vom Darwinismus« zu publizieren, das im Darwin-Jahr 2009 zu einem Bestseller wurde. Dies provozierte den evolutionsbiologischen Platzhirschen Meyer, der erheblich weniger erfolgreich versucht hatte, sich als Wissenschaftspopularisierer zu positionieren, zu einem grotesken Bauer-Bashing.

    Meyer nutzte seine in der Tageszeitung Handelsblatt veröffentliche wöchentliche Kolumne »Quantensprung« dazu, um Bauers Werk vernichtend zu rezensieren. Unter der Überschrift »Dummes Zeug über Darwin« polterte er, dass dieser »keine Ahnung von Evolutionsbiologie« habe, »wirres Zeug postuliert« und in seiner »Klausur Evolutionsbiologie sicherlich durchfallen« würde und zwar ohne diese schweren Vorwürfe, auch nur ansatzweise inhaltlich zu begründen. Die für ihn einzig ausschlaggebende, Scharlatanerie von Fachwissenschaft abgrenzende Frage »Was ist Evolution?« beantwortete er in dogmatischer Diktion mit einer wie in Fels gehauenen Behauptung: »Die unterschiedliche Reproduktion von Genen!« Damit steht er in der Tradition der Synthetischen Evolutionstheorie, die ohne zwischen Mikro- und Makroevolution zu differenzieren, fast gleichbedeutend von der Verschiebung von Allelfrequenzen spricht.

    Bauer, dem in der gleichen Ausgabe des Handelsblattes vom 04.12.2008 Gelegenheit zu einer Stellungnahme gegeben wurde, antwortete darauf spöttisch, dass diese Definition von Evolution, die Meyer von seinen Studenten »heruntergebetet« haben will, von »rosenkranzähnlicher Schlichtheit« sei und in etwa so erhellend wäre, als wenn man auf die Frage »Wie entstehen Städte?« antworten würde: »Durch die unterschiedlich erfolgreiche Anhäufungen von Steinen!« Ferner bemerkte er: »Die seit Darwin geltende Theorie, sie [neue Arten] seien das Ergebnis von sich addierenden kleinen, zufallsbedingten Veränderungen, ist nicht mehr haltbar. Neue Arten sind die Folge von schubweisen Veränderungen der genomischen Architektur, die von Organismen beziehungsweise deren Zellen selbst organisiert werden.«

    Axel Meyer hat durch seine Erforschung der evolutionären Genomik bei Fischen insbesondere bei ostafrikanischen Buntbarschen maßgeblich dazu beigetragen, das traditionell von morphologischen Merkmalen geprägte Verständnis der Phylogenese durch umfassende molekulargenetische Analysen zu revidieren15). Er hat zahllose evolutionsbiologische Fachartikel in wissenschaftlichen Fachzeitschriften publiziert und ist ohne Frage ein erheblich ausgewiesenerer Evolutionsforscher als Joachim Bauer. Aber Meyer hat ein Handicap, er ist ein Schüler von Ernst Mayr, der einer der Hauptarchitekten der Synthetischen Evolutionstheorie ist und als bedeutendster Evolutionsbiologie des 20. Jahrhundert gilt. Ich kann mir Meyers Widersprüche zwischen dem, was er erforscht und dem, was er öffentlich verkündet, nur so erklären, dass er sich im Andenken an seinen evolutionsbiologischen Übervater Mayr der Tradition der ›großen Erzählung‹ des Darwinismus verpflichtet fühlt.

    Der ›Jahrhundertbiologe‹ Ernst Mayr (1904 – 2005) war für den Zoologen Axel Meyer zeitlebens ein »bewundernswerter Forscher treuer Freund und Mentor«. Als Student hatte Meyer »das Privileg, einen Sommer lang in seinem Haus in Cambridge zu wohnen«: Für ihn ist er »der bedeutendste Biologe des vergangenen Jahrhunderts« und »wahrlich der Darwin unserer Zeit«.16

    Der in der molekular- und neurobiologischen Forschung tätige Mediziner Joachim Bauer hat dieses Handicap nicht. Er zeigt auf überzeugende Weise, dass die Synthetische Theorie der Evolution mit so vielen evolutionsbiologischen Befunden im Widerspruch steht, dass sie als grundlegendes Erklärungsmodell nicht haltbar ist und dass sich ihre Reichweite allenfalls auf Teilbereiche des Evolutionsgeschehens erstreckt. An Lynn Margulis anknüpfend lautet Bauers antidarwinsche und antidawkinsche Botschaft: Lebewesen und Gene sind keine autistischen Akteure, sondern kooperieren, kommunizieren und sind kreativ. Lebende Systeme sind nicht in einem (Vernichtungs-)Kampf ums Dasein verstrickt und auch keine Überlebensmaschinen, die von egoistischen Genen beherrscht werden. Auslöser für evolutionäre Schübe sind nach Bauer so genannte Transpositionselemente (springende Gene). Sie sind ein molekulares Werkzeug, dass die die Architektur des Genoms verändern kann. Es wird immer dann aktiv oder von den Zellen an die lange Leine gelassen, wenn äußere Stressoren, wie starke Umweltveränderungen auf ein Lebewesen einwirken.)

    Dem Außenseiter Bauer gehört der Verdienst im Darwin-Jahr 2009 darwinistische Denkverbote und Tabus ignoriert und ein plausibles, sich auf moderne molekulargenetische Erkenntnisse stützendes Erklärungsmodell an deren Stelle gesetzt zu haben. Die konventionelle Sicht der Dinge überwindend hat Bauer einige Rätsel des Evolutionsgeschehens und der Evolutionsgeschichte gelöst. Viele Fragen, wie die unglaublich hohe genetische Komplexität von morphologisch einfach gebauten Lebewesen, die an der Basis der evolutiven Pyramide stehen oder der Einfluss physikalischer Faktoren auf die Gestaltbildung sind aber noch weitgehend ungelöst17). Auch das Phänomen, weshalb einige Lebewesen, wie ostafrikanische Buntbarsche zur explosiven Artbildung neigen, während so genannte lebende Fossilien, wie Krokodile sich in Jahrmillionen nicht oder kaum verändern, harrt weiterhin einer Erklärung. Wenn Cuvier, Lamarck und Darwin zusammengenommen so etwas wie ein Newton der Evolutionsbiologie sind, dann fehlt ihr immer noch so etwas wie ein Einstein, der das Evolutionsgeschehen unter Berücksichtigung moderner biologischer und physikalischer Erkenntnisse und Einbeziehung bisher vielleicht unterschätzter oder noch unbekannter Evolutionsfaktoren auf eine solidere theoretische Basis stellt.

    Anmerkungen

    1) Nishihara, Satta, Y., Nikaido, M., Thewissen, J.G.M., Stanhope, M.J. + Okada, N. (2005): A Retroposon Analysis of Afrotherian Phylogeny. – In: Molecular Biology and Evolution, Jg. 22, H. 9, 1823-1833

    2) Die nahe Verwandtschaft zwischen Elefanten und Klippschliefern wurde schon von dem genialen Naturhistoriker und Begründer der modernen vergleichenden Anatomie George Cuvier (1769 – 1832) erkannt. Er entfernte die Klippschliefer aus der Ordnung der Nagetiere (Rodentia) und stellte sie in die Nähe der Elefanten. Rätselhaft bleibt, warum die afrikanischen Ureinwohner den Klippschliefer schon vor der Anwendung wissenschaftlicher Systematisierungsmethoden als »Kleinen Bruder des Elefanten« bezeichnet haben. Im Allgemeinen mag es der moderne Wissenschaftsbetrieb mag nicht, wenn seine Erkenntnisse in einer kulturellen Überlieferung vorweggenommen werden. Er befürchtet, dass Esoteriker oder Wissenschaftsskeptiker solche Geschichten als Bestätigung dafür sehen, dass die Wissenschaften über kein Wahrheitsmonopol verfügen und es noch andere, nichtrationale oder nichtvernunftgesteuerte Wege zur ›Wahrheit‹ gibt.

    3) Hedges, S. Blair (2001): Afrotheria: Plate tectonics meets genomics. – In: Proceedings of the National Academy of Sciences USA, Jg. 98, H. 1, 1–2.

    4) Zitiert nach Gould, Stephen Jay (2001): Ein Dinosaurier im Heuhaufen. Streifzüge durch die Naturgeschichte. - Frankfurt/M.

    5) Der Paläontologe Stephen Jay Gould hat zu der Frage, inwieweit Darwins Werk in einer wissenschaftlichen Sprache verfasst wurde, einmal folgende Anekdote erzählt: ›In einem evolutionsbiologischen Seminar hatte er seine Studenten gebeten, nicht nur die moderne Fachliteratur zu lesen, sondern auch Darwins epochales Werk über die Entstehung der Arten im Original. Einige Studenten hätten sich daraufhin im nächsten Seminar irritiert an ihn gewandt und gefragt, ob es auch eine für Wissenschaftler bestimmte Version des Werkes geben würde‹.

    6) Vgl. Junker, Richard + Scherer, Siegfried (2006): Evolution - Ein kritisches Lehrbuch. - Gießen

    7) Schon Darwin (1859) zählte die fehlenden Zwischenformen oder Übergangsvarietäten, wie er sie nannte, zu den größten Schwierigkeiten seiner Theorie. Er löste das Problem damit, in dem er den lückenhaften Gegenstandsbereich der altehrwürdigen Geologie dafür verantwortlich machte: »Die edle Wissenschaft der Geologie verliert an Ruhm durch die außerordentliche Lückenhaftigkeit ihrer Urkunden. Die Erdrinde mit den ihr ruhenden Überresten darf nicht als ein gut gefülltes Museum betrachtet werden, sondern als armselige, durch Zufall und in langen Zwischenpausen zusammengebrachte Sammlung.«

    8) Z. B. besitzt der berühmte Urvogel Archaeopteryx keine primitiven oder einfach gebauten, sondern bereits voll ausgebildete Federn, die den Vergleich mit den Federn rezenter Vögel nicht scheuen brauchen.

    9) Vgl. Technau, U., Holstein, T.W. et al. (2005): Maintenance of ancestral complexity and non-metazoan genes in two basal cnidarians. - In: Trends in Genetics 21/12, 633-639

    10) Mit Endosymbiose bezeichnet man den Vorgang, dass eine Zelle als Symbiont in einer anderen (Wirts-)Zelle lebt und dabei ihre Selbstständigkeit aufgibt. Die Endosymbionten-Theorie besagt, dass Zellorganellen wie Mitochondrien einen bakteriellen Ursprung haben.

    11) Vgl. Williams, Donald I. (2001): Larval transfer and the origin of larvae. - In: Zoological Journal of the Linnean Society. Jg. 131, H.1, 111-112

    12) So W. Daniel Hillis, ein amerikanischer Computeringenieur, der durch die Entwicklung von Parallelrechnern bekannt geworden ist. - In: Brockmann, John (1996): Die dritte Kultur - Das Weltbild der modernen Naturwissenschaft. - München

    13) Für mich ist Lynn Margulis eine Powerfrau, die gezeigt hat, dass man als Frau auch ohne Quotenregelung das weithin von Männern dominierte wissenschaftliche Establishment aufmischen kann.

    14) Der amerikanische Molekularbiologe James A. Shapiro bezeichnete das Festhalten der Evolutionsbiologen an der darwinistischen Evolutionstheorie in einem mit der Zeitschrift »Natur + Kosmos« (02/2009) geführten Interview als »schizophren«: »Vielen Biologen ist mehr oder weniger bewusst, dass die konventionelle Sicht nicht mehr zu halten ist. Aber kaum einer sagt es öffentlich. Es ist praktisch ein Tabu.«

    15) Meyer gehört zu den Mitentdeckern einer fischspezifischen Genomverdopplung, die das Evolutionsgeschehen bei Fischen maßgeblich mitbestimmt und zu einem Evolutionsschub geführt hat. Vgl. Taylor, J.S., Braasch, I., Frickey, T., A. Meyer and Y. Van de Peer (2003): »Genome duplication, a trait shared by 22,000 species of ray-finned fish«. – In: Genome Research Jg. 13, 382-390. Auch in Bauers Buch spielt der Evolutionsfaktor Genomverdopplung eine maßgebliche Rolle. Allein im Register finden sich für dieses Stichwort über zehn Seitenverweise. Der von Meyer heftig kritisierte Bauer darf offenbar zur bisher unterschätzten evolutiven Bedeutung von Genomverdopplungen nicht das Gleiche sagen wie er selber. Merke: ›Was ein führender deutscher Evolutionsbiologe darf, darf ein erfolgreicher Außenseiter noch lange nicht‹.

    16) Meyer, Axel (2002): Das Rätsel, das Darwin der Nachwelt überließ. - In: FAZ vom 05.07.02

    17) Die bisher fruchtbarsten Anstöße, die elementare Frage der Gestaltbildung (Morphogenese) unter Einbeziehung mathematischer und physikalischer Faktoren zu lösen, finden sich bei D’Arcy Thompson (1917) »On Growth and Form« und Brian Goodwin (1994) »Der Leopard, der seine Flecken verliert«. Die ›vergessene Berühmtheit‹ Thompson hat in seinem klassischen Werk gezeigt, wie man durch einfache geometrische Transformationen, die Formen selbst entfernt verwandter Arten passgenau ineinander überführen kann. Seine verblüffenden Erkenntnisse lassen sich bis heute nicht in die auf die Aktivität von Genen fixierten evolutionsbiologischen Theoriegebäude integrieren. Die einzig mir bekannte Ausnahme ist der Biologe Goodwin, der sich gegen den molekulargenetischen Reduktionismus wehrt. Er führt die Gestalt- im Unterschied zur Stoffbildung nicht auf Genaktivitäten, sondern auf die (physikalische) Dynamik morphogenetischer Felder zurück.

    G.M., 05.05.12

     

     

     

    Foto: bobby310
    Igel gehören natürlich nicht, wie ihre Stacheln suggerieren könnten, zum Tierstamm der Stachelhäuter, sondern wie Elefanten zu den Wirbeltieren. In Brehm‘s Thierleben von 1876 werden sie ebenso trefflich wie anthropologisierend beschrieben: »Der Igel ist ein drolliger Kauz und dabei ein guter, furchtsamer Gesell, welcher sich ehrlich und redlich, unter Mühe und Arbeit durchs Leben schlägt«. Zu den Stachelhäutern gehören wiederum, die nach den landlebenden Igeln benannten Seeigel.
     

    XIII. Materialistischer und kreationistischer Wunderglauben um die Entstehung des langen Halses der Giraffen, der bei genauer Betrachtung zu kurz ist

    Schon den Römern erscheint die Giraffe als ein erstaunliches Tier. Sie glaubten, sie sei eine Mischung aus einem Kamel und einem Leoparden, eine Anschauung, die sich bis heute in ihrem lateinischen Namen »Giraffa camelopardalis« überliefert hat. Als später die Wissenschaftler begannen, über die Evolution der Tierwelt nachzudenken, schien die Giraffe ein ideales Beispiel zu sein, um an ihrem langen Hals die Evolutionstheorie zu erklären. Einer der ersten war Jean-Baptist Lamarck, der in seinem Hauptwerk »Philosophie Zoologique« (1809) beschrieb, wie der lange Hals evolvierte:

    »Was die Gewohnheiten anbetrifft, ist es interessant, die Wirkungen derselben an der besonderen Gestalt und am Wuchse der Giraffe (Camelopardalis) zu beobachten. Es ist bekannt, dass dieses Tier, das größte unter den Säugetieren, im Inneren Afrikas wohnt und in Gegenden lebt, wo der beinahe immer trockene und kräuterlose Boden es zwingt, das Laub der Bäume abzufressen und sich beständig anzustrengen, dasselbe zu erreichen. Infolge dieser seit langer Zeit angenommenen Gewohnheit sind bei den Individuen ihrer Rasse die Vorderbeine länger als die Hinterbeine geworden, und ihr Hals hat sich dermaßen verlängert, dass die Giraffe, wenn sie ihren Kopf aufrichtet, ohne sich auf ihre Hinterbeine zu stellen, eine Höhe von sechs Metern (beinahe zwanzig Fuß) erreicht.«

    Der Gegensatz zwischen dieser und Charles Darwins Erklärung, wie die Giraffe zu ihrer außergewöhnlich großen Gestalt kam, ist seit langem ein populäres Beispiel in Schul- und einführenden Lehrbüchern, um den grundsätzlichen Unterschied zwischen den Sichtweisen deutlich zu machen. Darwins Betrachtung steht jedoch nicht – wie man glauben könnte und in vielen Publikationen zu lesen ist – in der Erstausgabe (1859) seines berühmten Werkes, sondern erst in der sechsten und letzten Ausgabe von 1872. Sie ist auch keine Reaktion auf Lamarck, sondern auf Einwände des Zoologen Milvart gegen seine Theorie:

    »Die Giraffe ist durch ihre hohe Gestalt, ihren langen Hals, ihre langen Vorderbeine, sowie durch die Form von Kopf und Zunge prachtvoll zum Abweiden hochwachsender Baumzweige geeignet. Als die Giraffe entstanden war, werden diejenigen Individuen, die die am höchsten wachsenden Zweige abweiden und in Zeiten der Dürre auch nur einen Zoll höher erreichen konnten als die anderen, häufig erhalten geblieben sein (...) Sie werden sich gekreuzt und Nachkommen hinterlassen haben, die entweder dieselben körperlichen Eigentümlichkeiten oder doch die Neigung erbten, in derselben Weise zu variieren, während in dieser Beziehung weniger begünstigte Individuen am ehesten ausstarben. (…) Dass die Individuen einer Art oft ein wenig in der relativen Länge all ihrer Teile differieren, kann man aus zahlreichen naturgeschichtlichen Werken sehen, die sorgfältige Maße angeben.«

    Schaut man genauer hin, ist der Kontrast zu Lamarck gar nicht so ausgeprägt, wie diese häufig angeführte, verkürzte Passage suggeriert, denn Darwin spricht in den ausgelassenen Textstellen »von der vererbten Wirkung des vermehrten Gebrauchs der Teile« (in diesem Fall des Halses). Er glaubt also wie Lamarck, dass für die Umgestaltung eines gewöhnlichen Huftieres zu einer Giraffe die Vererbung erworbener Eigenschaften verantwortlich ist. Noch erstaunlicher ist, dass es in Wirklichkeit der Naturforscher Alfred Russel Wallace war, der bereits in seinem Ternate-Manuskript »On the Tendency of Varieties to Depart Indefinitely from The Original Type«, das er 1858 an Darwin geschickt hatte, bezüglich der Evolution des Giraffenhalses ziemlich prägnant die Argumentation vertritt, die Darwin heute so selbstverständlich zugeschrieben wird:

    »The hypothesis of Lamarck – that progressive changes in species have been produced by the attempts of animals to increase the development of their own organs, and thus modify their structure and habits…. Neither did the giraffe acquire its long neck by desiring to reach the foliage of the more lofty shrubs, and constantly stretching its neck for the purpose, but because any varieties which occurred among its antitypes with a longer neck than usual at once secured a fresh range of pasture over the same ground as their shorter-necked companions, and on the first scarcity of food were thereby enabled to outlive them.«*)

    Im Schulunterricht wird die Darwinsche Evolutionstheorie auch heute noch am Beispiel der Giraffenevolution veranschaulicht. Es heißt dann, der lange Hals der Giraffe sei entstanden, weil diejenigen Giraffen, die zufällig einen etwas längeren Hals hatten, in Trockenzeiten Konkurrenzvorteile beim Nahrungserwerb hatten. Das ist natürlich keine hinreichende oder gar wasserdichte Erklärung für die Ursache der Evolution eines kurzhalsigen giraffenähnlichen Huftieres zu einer langhalsigen Giraffe. Tatsächlich wird hier nur anknüpfend an ein besonderes Merkmal des Phänotyps (hier der auffällig lange Hals) ein adaptives Szenarium für dessen Entstehung entworfen.

    In den letzten Jahrzehnten wurde von verschiedenen Evolutionsforschern (vor allem von dem verstorbenen Paläontologen Stephen Jay Gould), die der Reichweite der Darwinschen Evolutionstheorie kritisch oder skeptisch gegenüber stehen, solcherart spekulative Merkmalserklärung als evolutionary oder adaptive storytelling verspottet. Tatsächlich verliert die klassisch gewordene Geschichte von Entstehung des Giraffenhalses rapide an Überzeugungskraft, wenn sie eingehender vor dem Hintergrund biologischer und ökologischer Erkenntnisse betrachtet wird (vgl. hierzu Holdrege 2003):

    • Giraffen, die einen längeren Hals (und längere Beine) evolviert haben, sind nicht nur größer, sondern auch erheblich schwerer. Sie benötigen daher mehr Futter als kleinere Artgenossen, mit denen sie konkurrieren. Haben größere Exemplare also wirklich einen Vorteil gegenüber kleineren und ist es nicht absurd zu glauben, dass nur die Blätter von hoch gelegenen Ästen, die Giraffen befähigen, eine Trockenheit zu überleben?

    • Männliche Giraffen sind mit sechs Metern Gesamthöhe etwa einen Meter größer als weibliche Tiere. Ab dem Augenblick, wo sich dieser sexuelle Dimorphismus in der Evolution der Giraffen manifestiert hat, waren es nur die ausgewachsenen Bullen, die die am höchsten wachsenden Zweige abweiden konnten. Wenn Giraffenkühe und Jungtiere aufgrund dieses Konkurrenznachteils verhungert wären, wäre mit ihnen auch die Art ausgestorben.

    • Wenn der lange Hals von Giraffen durch Konkurrenzvorteile beim Abweiden hoch gelegenen Blattwerks evolviert ist, dann würde man erwarten, dass Giraffen sich nicht nur in Trockenzeiten, sondern ständig so ernähren. Untersuchungen zeigen jedoch, dass Bullen etwa die Hälfte der Zeit in bis zu fünf Metern Höhe fressen, während Kühe die meiste Zeit in Schulterhöhe oder noch tiefer weiden. Die Giraffen nutzen ihren Hals in der Regel nicht so, wie es die Theorie voraussetzt.

    • Die präferierten Nahrungshabitate von Giraffen variieren saisonal. In Trockenzeiten suchen sie u. a. flussbegleitende Galeriewälder auf. Dort fressen sie überwiegend von Büschen in Schulterhöhe, also in einer Zone, die auch anderen größeren Pflanzenfressern zugänglich ist. In der Regenzeit, wenn in allen Höhenbereichen genügend Futter vorhanden ist, neigen sie dagegen dazu, von höheren Zweigen frische proteinreiche Blätter abzuweiden.

    • Es gibt andere Möglichkeiten für Tiere hoch gelegenes Blattwerk zu erreichen. Ziegen klettern bekanntlich auf Bäume, um Blätter, Baumrinde oder Früchte abzuweiden. Antilopen klettern zwar nicht in Bäume aber stellen sich aber auf die Hinterbeine, um sich zusätzliche Nahrungsquellen in Bäumen zu erschließen. Selbst die viel schwereren Elefanten stellen sich manchmal auf ihre Hinterbeine, um mit dem nach oben ausgestreckten Rüssel saftiges Blattwerk in den Baumkronen zu erreichen.

     

    Zusammenfassend können wir festhalten, dass nichts in der klassischen Version der Geschichte von der Entstehung des Giraffenhalses eine zwingende Verbindung zwischen einem langen Hals und dem Abweiden von hoch gelegenem Blattwerk nahelegt. Giraffen haben zwar im Vergleich zu anderen Säugern einen langen Hals (und auch lange Beine) und können damit Blätter in den Kronen von Bäumen erreichen; das bedeutet aber nicht, dass das Bedürfnis oder die Notwendigkeit hoch gelegenes Blattwerk abzuweiden, der ursächliche Faktor in der Evolution dieses Merkmals (oder dieser Merkmale) ist. Wann immer man sich bei der Erklärung des langen Halses der Giraffe ausschließlich auf einen Punkt konzentriert, simplifiziert man die komplexe Realität der Giraffe.

    Doch damit nicht genug, man könnte sogar fragen, ob die Frage nach der Entstehung des langen Halses der Giraffe nicht auf eine falsche evolutive Fährte führt. Streng genommen, haben Giraffen nämlich einen im Verhältnis zu ihrer enormen Körpergröße eher zu kurzen als zu langen Hals. Kein anderes Huftier muss die Beine in einer aufwendigen Prozedur so weit spreizen, um in eine Position zu gelangen, die es ihm ermöglicht, Wasser zu trinken. Warum ist die Giraffe dann für ihren langen und nicht für ihren zu kurzen Hals berühmt geworden? Die Antwort lautet natürlich, dass die Giraffe im Vergleich zu anderen Säugetieren einen sehr langen Hals hat. Aus der Perspektive einer reflektierten Evolutionsforschung ist diese Antwort allerdings wenig konstruktiv.

    Dennis Nigel

    Der versierte Pflanzengenetiker Wolf-Ekkehard Lönnig (2006/2010) hat einige gewagte Äußerungen zur Entstehung des Giraffenhalses von populären oder prominenten Anhängern der Darwinschen Evolutionstheorie wie Ulrich Kutschera (2005), Richard Dawkins (1996) und Kathleen Hunt (1999) zum Anlass genommen, eine knapp 140 Seiten umfassende detaillierte Monographie über »Die Evolution der Langhalsgiraffe« zu schreiben. Er zeigt darin auf stichhaltige und gut dokumentierte Weise, dass weder paläontologische, anatomische, physiologische, ethologische noch genetische Befunde plausible Indizien dafür liefern, dass der ausgesprochen komplex konstruierte Hals der Giraffe durch Zufallsmutationen und kontinuierliche Evolution oder – wie sogar einige Darwinisten glauben – durch eine Großmutation entstanden ist**).

    Ich schließe mich in wesentlichen Teilen Lönnigs Argumentation an, mit der er die Untauglichkeit und Haltlosigkeit großspuriger darwinistischer Behauptungen entlarvt, die Entstehung des Giraffenhalses erklären zu können. Allerdings ist Lönnig ein schöpfungsgeschichtlich motivierter Evolutionskritiker, der aufgrund seiner weltanschaulichen Voreinstellung davon überzeugt ist, dass man den Ursprung einer so komplexen biologischen Struktur, wie den Giraffenhals, nicht mit einer naturalistischen, sondern nur mit einer Intelligent Design-Theorie erklären kann. Für den streng bibelgläubigen Genetiker Lönnig kann dieser Intelligent Designer natürlich nur der biblische Schöpfergott höchst selber sein.

    Abweichend von Lönnig bin ich davon überzeugt, dass es durchaus Evolutionsmechanismen gibt, mit denen der Ursprung komplexer biologischer Strukturen erklärt werden kann. Ohne Frage ist auch meine Überzeugung nicht nur von wissenschaftlichen Erkenntnissen, sondern auch von vorwissenschaftlichen Gewissheiten beeinflusst. Allerdings bin ich weltanschaulich nicht so zementiert wie darwingläubige Evolutionisten oder bibelgläubige Kreationisten. Das ist eine gute Ausgangsposition, um bei der Meinungsfindung weniger vorprogrammiert und mehr sachorientiert zu sein. Eine einigermaßen plausible Indizienlage vorausgesetzt, könnte ich mich in der Frage nach dem Ursprung und der Entwicklung des Lebendigen sowohl mit dem Gedanken anfreunden, dass das Leben selbst- als auch dass es fremdorganisiert sein könnte.

    Ich mache keinen Hehl daraus, dass mir eine Selbstorganisation des Lebens sympathischer als eine Fremdorganisation erscheint, würde aber – ohne gleich in einen weltanschaulichen Ausnahmezustand – auch eine Fremdorganisation akzeptieren, wenn sich denn die Indizien dafür häufen. Wie Lönnig bin ich davon überzeugt, dass der Giraffenhals, so wie fast jede biologische Struktur, ein äußerst komplexes Wunderwerk der Natur ist, das nicht durch Zufallmutationen und natürliche Selektion entstanden sein kann. Ich glaube aber gute Indizien dafür zu haben, dass es nicht von einem intelligenten Wesen nach einem Bauplan konstruiert worden ist, sondern dass es eine kuriose Struktur ist, die sich selbst organisiert hat.

    Für mich ist der Giraffenhals – wie auch die Giraffe selber – Produkt eines evolutiven Mechanismusses, aus bereits vorhandenen bewährten genetischen Strukturen durch Auf- oder Nachrüstung mit neu zur Verfügung gestellten genetischen Material ein überlebensfähiges Lebewesen zu organisieren***). Auf diese Weise kann die Giraffe zugleich eine hochkomplexe geniale als auch eine komische verpfuschte Konstruktion sein, also eine Konstruktion, in der zwar vieles aufeinander eingespielt ist, aber vieles auch so willkürlich oder unsinnig wie die Grenzen eines beliebigen Landes sein kann. Und diese Doppelnatur der Giraffe ist nach meinem Dafürhalten das beste Indiz dafür, dass der Ursprung komplex organisierter Lebewesen besser mit evolutiver Flickschusterei oder Bastelei als mit Intelligent Design oder Planung zu erklären ist.

    Warum ist die Giraffe eine so unzulängliche lächerliche Konstruktion? Um diese Frage zu beantworten, erlaube ich mir, eine längere Passage aus dem amüsanten Beitrag »Schlaflos in der Serengeti: Das anstrengende Leben der Giraffe« von Jörg Zittlau (2009) zu zitieren:

    »Nichtsdestoweniger muss die Giraffe für die ungestörte Nahrungsaufnahme [in den Baumwipfeln] und ihren dementsprechend spezialisierten Körper einen hohen Preis bezahlen. So muss sie aufgrund der extrem langen staksigen Beine, die vorne zudem noch deutlich länger sind als hinten, fast ihr ganzes Leben im Stehen verbringen. Würde sie sich hinlegen, wäre sie Attacken von Raubtieren hilflos ausgeliefert; das Aufstehen würde viel zu lange dauern, um Angreifer durch Huftritte wirksam abwehren zu können. Weswegen es beispielsweise Löwen auch gezielt darauf anlegen, eine flüchtende Giraffe ins Straucheln zu bringen. Ihre Chancen stehen gut, denn im Rennen ist ihre potenzielle Beute keineswegs souverän. ›Galoppierende Giraffen gewähren einen Anblick, der unwillkürlich die Lachmuskeln reizt‹ erklärte Ende der 1960er Jahre der Zoologe Hans-Wilhelm Smolik in seinem Tierlexikon. ›Um beide Vorderläufe zugleich vom Boden heben zu können, müssen sie das Schwergewicht des massigen Vorderkörpers verlagern und den Hals weit zurückbiegen. Der Hals schwankt also wie der Mast eines in hoher See stampfenden Schiffes bei jedem Sprung vor und zurück.‹

     

    Ein weiteres Problem der Giraffen, was die Flucht angeht: Sie können nicht traben, müssen also aus dem Stand oder gemütliche Spaziergang direkt in den Sprint hochschalten. Kfz-Mechaniker warnen Autofahrer in der Regel vor solchen Gangschaltungseskapaden, weil sie sehr viel Energie kosten und das Getriebe ruinieren. Bei der Giraffe trifft zumindest das Erste zu, die Zahl ihrer möglichen Sprints auf der Flucht ist also angesichts des hohen Energieverbrauchs begrenzt.

    Der extreme Höhenwuchs bringt der Giraffe auch beim Trinken massive Probleme. Sie muss dabei ihre Beine kunstvoll auseinanderspreizen und den Hals behutsam nach vorne beugen. An eine schnelle Flucht ist in dieser Position nicht zu denken. Von Löwen und Krokodilen wird diese Situation daher gerne zur Attacke genutzt. Den Krokodilen gelingt es zwar meistens nicht, die Giraffe als ganzes ins Wasser zu ziehen, wie sie das sonst machen. Doch nicht wenige Langhälse behalten ihren Durst mit einer tödlichen Verletzung am Kopf, weil sich dort ein Krokodil verbissen hat. Glücklicherweise passiert es jedoch recht, selten dass Giraffen durstig sind. Sie sind in dieser Hinsicht ähnlich robust wie Kamele.

     

    Über Appetitlosigkeit können sie hingegen nicht klagen. Ihr Höhenwuchs brachte nämlich der Giraffe einen enormen Zuwachs an Masse: Ein erwachsener Bulle wiegt bis zu neunhundert Kilogramm. Um satt zu werden, muss er etwa dreißig Kilogramm Blätter pro Tag fressen. Das dauert sechzehn bis zwanzig Stunden. Die Giraffe muss die passenden Bäume in der Savanne erst einmal suchen und finden und bei dem Blattabschlürf-Trick handelt es sich um eine ausgefeilte, nicht aber um eine zeitsparende Methode der Nahrungsaufnahme. Wer sein Grünzeug umständlich vom Ast saugt, braucht eben etwas länger, um satt zu werden.

    Was natürlich die Frage aufwirft, wo die Giraffen in ihrem Terminkalender noch andere wichtige Dinge unterbringen will, wie etwa das Schlafen. Die Antwort: Sie reduziert den Schlaf auf ein Minimum. Eine erwachsene Giraffe schläft zwischen zehn Minuten und zwei Stunden am Tag und das meistens auch noch im Stehen! Für eine körperliche und physische Regeneration reicht das kaum aus. Dabei könnte gerade das Giraffenherz eine Entlastung brauchen, weil es in jeder wachen Minute sechzig Liter Blut durch den massigen Körper bis weit hinauf ins Gehirn pumpen muss. Es ist daher nicht weiter verwunderlich, dass die Tiere in freier Wildbahn kaum älter als fünfundzwanzig Jahre werden, was für einen Säuger dieser Größe ungewöhnlich kurz ist.

    Vor dem Hintergrund dieser Lebensspanne, die zudem noch zu zwei Dritteln mit Nahrungsaufnahme ausgefüllt ist, ahnt man bereits, dass einer weiblichen Giraffe nicht viel Zeit bleibt, um Nachwuchs in die Welt zu setzen. Hinzu kommt, dass sie erst mit vier Jahren geschlechtsreif wird, für das Austragen eines einzigen Babys bis zu fünfzehn Monate braucht und dann noch anderthalb Jahre für dessen Aufzucht investiert. Summa summarum kommt sie daher nicht auf mehr als vier bis fünf Kälber in ihrem Leben. Und deren Leben beginnt im freien Fall.

    Denn die Giraffenmutter gebärt im Stehen, weil Liegen, wie erwähnt, zu gefährlich ist. Die Konsequenz dieser Stand-up-Geburt: Das Baby stürzt aus zwei Metern Höhe auf den trockenen und spärlich begrasten Steppenboden. Dies kann durchaus zu Verletzungen führen.

    In jedem Fall liegt das Neugeborene danach erstmal hilflos auf dem Boden, und selbst wenn es nach ein paar Stunden auf wackligen Beinen steht, bleibt es ein interessantes Beutetier für Löwen, Hyänen, Wildhunde und andere Räuber. Auch Bakterien, Viren und Pilze haben zunächst ein leichtes Spiel, weil es etwa drei Monate dauert, bis sich das Immunsystem der jungen Giraffen aufgebaut hat.

    Dementsprechend groß ist der Schwund unter den Junggiraffen: Gerade fünfundzwanzig Prozent von ihnen erreichen das Erwachsenenalter. Rechnet man noch die ohnehin geringe Nachwuchsproduktion hinein, ist dies zu knapp kalkuliert, um eine Tierart sich im evolutionären Geschäft zu halten.

    Dem Langhalsmodell droht daher schon seit Jahrtausenden das Aus. Bis zur Eiszeit lebten vermutlich sechzehn giraffenartige Gattungen fast überall auf der Welt, heute sind es nur noch zwei an der Zahl: die eigentliche Giraffe aus den Steppen Afrikas und das Okapi aus dem tropischen Regenwäldern des Kongo.«

    Mit anderen Worten ein Designer, der sich eine solch kuriose Konstruktion wie die Giraffe ausgedacht hätte, müsste schon einen ziemlich schrägen Sinn für Humor und gewagte Naturexperimente haben. Ist es da viel wahrscheinlicher, dass die Langhalsgiraffe durch evolutive Flickschusterei, d. h. durch Nach- oder Aufrüstung einer Kurzhalsgiraffe wie dem Okapi entstanden ist? Und würde dies nicht auch erklären, warum die Giraffe gerade mal so eben funktioniert und keineswegs im Sinne der Darwinschen Evolutionstheorie eine optimale Anpassung an oder Antwort auf ihre Umwelt ist?

    Zu gravierenden konstruktiven Nachbesserungen und Umgestaltungen von Lebewesen kommt es immer dann, wenn dem Genom substanziell neues genetisches Material zur Verfügung gestellt wird***). Zweifellos besitzen Genome eine Architektur, die es ihnen ermöglicht, alt bewährtes mit neu hinzugekommenem genetischem Material zu kombinieren, um daraus ein überlebensfähiges und evolutiv mehr oder weniger erfolgreiches Lebewesen entstehen zu lassen. Dieser Evolutionsmechanismus wird in Abgrenzung zu der selektiven Aufspaltung von Lebewesen auch vernetzte oder retikulate Evolution genannt.

    Die Idee der vernetzten Evolution gewinnt in jüngster Zeit gegenüber der darwinistischen Vorstellung von der durch Zufall und Konkurrenz gesteuerten Evolution immer mehr an Einfluss (vgl. z. B. Margulis & Sagan 2003, Weber 2007 oder Bauer 2008). Meines Erachtens ist sie derzeit die einzige belastbare Theorie, die den Ursprung neuer, völlig andersartiger Lebewesen oder großer Entwicklungsschübe in der Entstehung der Vielfalt des Lebendigen erklärt. Sie hat den großen Vorteil, die Evolutionsbiologie mit der Paläontologie zu versöhnen, denn nach dieser Theorie hat es die unendlich vielen Missing Links, nach denen seit Darwin so verzweifelt gesucht wird, nie gegeben.

    Anmerkungen

    *) Übersetzung: Die Hypothese von Lamarck besagt, dass fortschreitende Veränderungen von Spezies dadurch verursacht wurden, dass die Tiere versuchen, ihre eigenen Organe in eine bestimmte Richtung zu entwickeln, um so ihre Struktur und ihren Gebrauch zu optimieren….Die Giraffe erwarb ihren langen Hals nicht dadurch, dass sie die Blätter der hochaufragenderen Büsche begehrte und beständig ihren Hals zu diesem Zweck streckte, sondern da sich jegliche Varietäten, die mit einem längeren Hals als gewöhnlich unter ihren Antitypen auftraten, sogleich das unverbrauchte Weidegebiet oberhalb des gleichen Geländes wie ihre kurzhalsigen Begleiter sicherten, was ihnen bei der ersten Futterknappheit ermöglichte, diese zu überleben.

    **) Ausgerechnet der Ultradarwinist und Gradualist Richard Dawkins macht sich in seinem Buch mit dem (unfreiwillig) bezeichnenden Titel »Gipfel des Unwahrscheinlichen – Wunder der Evolution« Gedanken darüber, ob der lange Hals statt durch kontinuierliche Evolution durch eine Makromutation entstanden sein könnte. Er glaubt dies zwar nicht, hält es aber prinzipiell für möglich – eben so, wie man aus einem normalen Flugzeug durch eine relativ simple Verlängerung des Rumpfes einen Riesenflieger machen kann. Dawkins übersieht, dass der lange Hals der Giraffen mit kompliziertesten Veränderungen der Funktionen des Blutzirkulations-, Organ-, Skelett-, Muskel- und Nervensystems (und zwar im gesamten Körper) verbunden ist. Und so schwadroniert er, dass man »während der Entwicklung des Embryos nur einmal etwas ändern muß, damit der Hals viermal so lang wird«. Lönnig (2006) zeigt auf überzeugende (aber wie so oft auch auf etwas umständlich-unübersichtliche) Weise, dass dies reines Wunschdenken ist.

    Und Lönnig zeigt noch etwas anderes: Dawkins stellt in einer Abbildung die Giraffe und das Okapi so da, als wenn der Schritt von einer Kurz- zu einer Langhalsgiraffe nur von geringfügiger Natur wäre. Dies gelingt ihm aber nur in dem das Okapi im Verhältnis zur ebenfalls abgebildeten Giraffe doppelt so groß darstellt, als es in Wirklichkeit ist. Die getürkte Abbildung zeigt, wie manipulativ orthodoxe Evolutionisten vorgehen können, um ihr Publikum für ihren Glauben zu vereinnahmen. Sie benutzen genau die Methoden, die sie immer den Kreationisten vorwerfen. Die Naivität, mit der Dawkins die mögliche Realität der Idee einer Großmutation (also eines einzigen Mutationsereignisses) verteidigt, zeigt, dass er bereit ist, sich einem Wunderglauben hinzugeben, um die Universalität des Darwinismus zu retten – ein Wunderglaube, der im Unterschied zu den Kreationisten allerdings nicht biblisch, sondern materialistisch begründet ist.

     

    ***) Dass Genom kann substanziell neues genetisches Material durch verschiedene Mechanismen erwerben z. B. Horizontalen Genverkehr, Gen- oder Chromosomen-, Genomverdopplung, karyotypische Chromosomenteilung, Endosymbiose, oder artübergreifende Kreuzungen; vgl. Margulis & Sagan (2003).

    Quellen

    Bauer, Joachim (2008): Das kooperative Gen – Abschied vom Darwinismus. – Hamburg

    Dawkins, Richard (2001): Gipfel des Unwahrscheinlichen – Wunder der Evolution. – Reinbeck bei Hamburg

    Holdrege, Craig (2003): The Giraffe’s Short Neck. – In: Context 10, 14-19

    Lamarck, Jean Baptiste (1809): Philosophie Zoologique, ou Exposition des considérations relative à l'histoire naturelle des animaux,... – Paris

    Lönnig, Wolf-Ekkehard (2006, last update 2010): Die Evolution der Langhalsgiraffe (Giraffa camelopardis L.) – Was wissen wir tatsächlich? Teil 1 + Teil 2

    Margulis, Lynn & Sagan, Dorian (2003): Acquiring Genomes. A Theory of the Origins of Species. – New York

    Wallace, Alfred Russel (1858): On the Tendency of Varieties to Depart Indefinitely from The Original Type – Ternate-Manuskript

    Weber, Andreas (2007): Alles fühlt – Mensch, Natur und die Revolution der Lebenswissenschaften. – Berlin

    Zittlau, Jörg (2009): Warum Affen für die Liebe zahlen – Noch mehr Pleiten und Pannen im Bauplan der Natur. – Berlin

    G.M., 24.12.10

     

     

     

    I. The »Theory of Everything«

    Die Evolution der Segelschiffe                     J.-O. Héron

    Nachbemerkung: Abgesang auf den Darwinismus und Lob dem Lamarckismus

    Der Darwinismus befand sich zu Beginn des 20. Jahrhundert in einer schweren Krise. Dies spiegelt sich auch in dem Werk »Geschichte des Lamarckismus - Als Einführung in die Psycho-Biologische Bewegung der Gegenwart« (1908) des Innsbrucker Vitalisten und Botanikers Dr. Adolf Wagner (1869 - 1940) wider1). Darin wird ohne Umschweife festgestellt, dass der Darwinismus zwar dem Entwicklungsgedanken (Deszendenzlehre) zum Durchbruch verholfen habe, aber eben mit den völlig falschen (kausal-mechanistischen) Prinzipien (zufällige Variation und natürliche Zuchtwahl). Wagner zeigt in seinem, in temperamentvoller Sprache für den gebildeten Leser geschriebenen Werk Irrwege und Schwächen des Darwinismus auf2). Dagegen rehabilitiert er den zu unrecht von Darwin und den Darwinisten verspotteten Naturforscher Jean Baptiste Chevalier de Lamarck (1744 –1829). Ihm und nicht Darwin gebühre das eigentliche Verdienst, dem Entwicklungsgedanken begründet zu haben. Sein Pech wäre gewesen, seine Ideen zu einem Zeitpunkt formuliert zu haben, als die Naturforschung noch mehr der biblischen Schöpfungsgeschichte als dem Naturalismus verpflichtet war. Wagner rezitiert ausführlich diverse Kritiker des Darwinismus, darunter auch den Naturphilosophen, Naturforscher (und von Ernst Haeckel hochgeschätzten) Monisten Johann Gustav Vogt (1843 – ~1920). Der hatte in seinem Werk »Entstehen und Vergehen der Welt als kosmischer Kreisprozeß« das bemerkenswerte Gleichnis von der ›Evolution der (Segel-)Schiffe‹ gegen den Darwinismus ins Feld geführt. Vogt wollte damit zeigen, »wie leichthin der Darwinismus in Wirklichkeit den Entwicklungsprozeß erklärt hat, und wie wenig ein denkender Mensch sich mit einer solchen Erklärung abfinden könne«:

    »Denken wir uns die ganze heutige Menschheit hinweggerafft, und zwar spurlos, und nur ihre Kunstwerke erhalten beleibend. Ein DARWINscher Geist senke sich auf die Erde herab und erblicke diese Kulturwerke als eine Art fossile Wesen. Zuerst durch die unermessliche Vielseitigkeit verwirrt, suche er dann des Rätsels Lösung. Genau wie der Naturforscher unterwirft er die verwirrende Formenfülle vergleichenden Untersuchungen und kommt dabei auf verschiedene, durch gemeinsame Merkmale charakterisierte Reihen. Und nun stellt er sein Entwicklungsprinzip auf. Er findet, dass die Dampfschiffe mit den Segelschiffen und den Ruderbooten in eine Entwicklungsreihe gehören, ebenso das Steinbeil bis herauf zum Dampfhammer, der Holzsteg bis zur Brooklyn-Brücke, der Pfeil bis zur Maxim-Kanone usw. Nun kommt der weitere DARWINsche Gedanke, in jeder Entwicklungsreihe sei das höhere Produkt aus dem niedrigeren entstanden, im allgemeinen Wettbewerb und im Sinne der höheren Nützlichkeit seien die höheren Stufen aus den niedrigeren durch natürliche Auslese hervorgegangen. So z. B. variiert das Ruderboot vom ausgehöhlten Baumstamme bis zum Oxford oder Cambridge-Boot, und durch natürliche Auslese entwickelte sich schließlich das Segelboot usw. Dabei sind die treibenden äußeren Faktoren sehr durchsichtig; die Ruderboote konnten sich nur auf kleineren Gewässern bewähren, auf dem Meere waren sie unzulänglich; es bedurfte mächtigerer Schiffskörper und des Ersatzes des schwachen Ruders durch das Segel. Beim Wettbewerbe der Segelschiffe untereinander kam ein weiterer Entwicklungsfaktor dazu, die Schnelligkeit der Bewegung. Die schnellsten Schiffe waren zum Angriff wie zum Rückzug die geeignetsten. Die Auslese schuf daher schließlich das schnellste Schiff, das Dampfschiff. Wunderbar! Soweit würde der nachmenschliche Darwin im Sinne seines Vorgängers argumentiert haben, nur daß er dabei nicht einmal den Versuch machte, die ganze sinnverwirrende Kulturwelt unter einen einzigen Entwicklungshut zu bringen, während der wirkliche Darwinismus auch das leisten zu können geglaubt hatte. Nun wäre im Gleichnis noch folgendes zu bemerken: das Ruderboot, z. B. wäre als eine Art zu betrachten, dessen charakteristisches Merkmal die Fortbewegung durch Ruder ist. Alle verschiedenen Typen von Ruderbooten wären bloß Varietäten, welche um dieses Charakteristikum schwanken. Es ist aber klar, daß auch bei sorgfältigster Auslese unter all Typen nie ein Segelboot zustande kommen könne. Das Segelschiff versinnlicht allen Ruderbooten gegenüber ein Mutation oder vielmehr eine Auslese aus Mutationen: Es tritt plötzlich und unvermittelt ein ganz neues Merkmal auf: die Fortbewegung durch den Wind; das Ruder ist durch das Segel verdrängt und tritt nur noch rudimentär auf. Vom Segelschiff kennen wir aber zahlreiche Varietäten, die aber nie ihr Hauptmerkmal abstreifen, daher nie mit einer Mutation verwechselt werden können. Erst das Dampfschiff verkörpert wieder eine Mutation. Das Hauptmerkmal tritt neuerlich unvermittelt auf: die fortbewegende Kraft ist der Dampf, das Segel wird wiederum rudimentär. Raddampfer, Schraubendampfer, Turbinendampfer sind abermals Varietäten. Neue Mutationen werden durch die Elektrizität eingeleitet, welche schließlich wiederum zu etwas Neuem, zum elektrischen Schiffe führen werde usw. [...]«

    Wagner fährt, den Naturforscher Vogt nun wörtlich zitierend, fort:

    »Wir lächeln überlegen über den DARWINschen Geist in unserem Gleichnis, der von dem treibenden Menschengeiste, als dem wahren inneren Entwicklungsfaktor, keine blasse Ahnung hatte und sich im Schweiße seines Angesichtes abmühte, seinen Entwicklungsgedanken durch den Kampf ums Dasein, durch natürliche Auslese, durch die Einwirkung äußerer Einflüsse usw. Leben und Wahrheit einzuhauchen. Und hat es der wirkliche Darwinismus mit seinen Entwicklungsreihen anders gemacht? Aller Scharfsinn der Darwinianer wurde darauf verwendet, die äußeren Entwicklungsfaktoren festzunageln; die organische Materie wurde geschoben, gedrückt geknetet, gestoßen, genauso wie die anorganische, und der Geist und die bewusste Schaffenskraft, welche der Natur aus allen Poren schwitzt, wurde mit einer unglaublichen Hartnäckigkeit ignoriert. Und man musste doch schließlich bis zu diesem Geiste in seinen höchsten Offenbarungen vordringen; der Darwinismus musste doch imstande sein, sich auch von ihm seine Quittung geben zu lassen. Ein realer Anlauf musste auch zum Ende führen können, sonst würde es sich gar nicht die Mühe verlohnt haben, ihn zu nehmen. Wir wollen doch nicht bis zu den Sauriern vorsegeln, um bei den Säugern Schiffbruch zu leiden; wir wollen nicht eine reale Erkenntnisleiter emporsteigen, um beim Menschen furchtbar abzustürzen! «

    Und genau dieser Absturz war laut Wagners fester Überzeugung beim Darwinismus und seiner mechanistischen Erklärung für die Evolution des Lebendigen unvermeidlich! Hier irrte er gewaltig. Der Darwinismus war zu Beginn des 20. Jahrhunderts in eine schwere Krise geraten, weil die überwiegende Zahl der Biologen davon überzeugt war, dass es in der Natur progressive, sich vervollkommnende Entwicklungslinien gab, die mit der Darwin'schen Theorie der selektiv und richtungslos gesteuerten Anpassung an eine sich regellos ändernde Umwelt, kaum in Einklang zu bringen waren. Doch der Darwinismus siechte nicht auf seinem mechanistischen Sterbelager dahin, sondern erholte sich von seinem Niedergang. Die weitaus besten Zeiten standen ihm noch bevor. Sie begannen in den 1930er Jahren als einige Zoologen und Genetiker (darunter der berühmte Evolutionstheoretiker Ernst Mayr) sich anknüpfend an den Ultra-Darwinisten August Weismann (1834-1914) daran machten, die mangelnde genetische Fundierung des Darwinismus zu beheben3). Die Architekten dieser später Synthetische Theorie der Evolution oder auch Neue Synthese genannten Wiederbelebung des Darwinismus waren allerdings weniger auf Zusammenarbeit bedacht, als es der Name der Theorie vermuten lässt. Im Detail wurde versucht, Darwins Theorie der Variation und natürlichen Zuchtwahl mit den wiederentdeckten Vererbungsgesetzen von Gregor Mendel (1822-1884) und den neuen Erkenntnissen der Populationsgenetik unter einem theoretischen Dach zu vereinen. Das abstrakte Ergebnis lautete: Die Evolution basiert auf der Verschiebung von Allelfrequenzen in Populationen! Konkreter formuliert: Mit zufälliger Variation (Mutation u. Rekombination), Gendrift durch Migration oder anderer zufälliger Veränderungen des Genpools, natürlicher Selektion, Einnischung und Anpassung an sich ändernde abiotische oder biotische Umweltbedingungen und reproduktiver Isolation lässt sich die Entstehung der biologischen Vielfalt nicht nur erklären, sondern auch jedes noch so spezielle Evolutionsproblem rückstandsfrei lösen. Wagners noch über Lamarcks Vorstellungen von der Vererbung erworbener Eigenschaften hinausgehende Psychobiologie war dagegen nur eine kurze Blütezeit beschieden4). Sie welkte wie eine entwurzelte Blume dahin, weil sie nicht mit der Keimplasmatheorie Weismanns vereinbar war, die jede Vererbung erworbener Eigenschaften kategorisch ausschloss. Von den Neodarwinisten konnte die Psychobiologie daher als metaphysische Verirrung von Neolamarckisten abgetan werden5).

    Es sollte weit über ein halbes Jahrhundert dauern, bis die (neo-)darwinistische Mutations-/Selektionstheorie Mitte der 1980er Jahre erneut ins Wanken geriet. Auslöser dafür war der mit keinerlei innerdisziplinären Scheuklappen versehene Onkologe Ferdinand Schmidt. Da er als gestandener Mediziner keine negativen Konsequenzen für seine wissenschaftliche Laufbahn fürchten musste, wagte er den Tabubruch und leitete 1985 mit der Veröffentlichung seiner Monographie »Grundlagen der kybernetischen Evolution - Eine neue Evolutionstheorie« einen Generalangriff auf die neodarwinistische Zufallslehre ein6). Er zeigte auf überzeugende Weise, dass die Synthetische Theorie der Evolution mit so vielen »Tatsachen der Evolution in klarem Widerspruch steht, dass [sie] als allgemeine Evolutionstheorie unhaltbar geworden ist« und sich ihre Gültigkeit allenfalls auf Teilbereiche des Evolutionsgeschehens erstreckt. Wohl die meisten unbefangenen, noch an einen faires wissenschaftliches Ringen um die Wahrheit glaubenden Leser, kamen zu dem Schluss, der Neodarwinismus würde sich von dieser Generalabrechnung nicht mehr erholen oder doch zumindest einer Generalüberholung unterzogen werden müssen. Schmidt hatte nicht aus der Hüfte geschossen, sondern seine Attacke von langer Hand vorbereitet. Damit man ihm nicht der fachlichen Unkenntnis bezichtigen konnte, hatte er sein Werk mit über fünfhundert Referenzen unterfüttert. Er hatte so gründlich gearbeitet, dass er die ursprünglich weit über 2.000 Manuskriptseiten auf ein Drittel kürzen musste, um sein Werk konsumier- und vermarktbar zu machen. So gerüstet, konnte er vom etablierten evolutionsbiologischen Wissenschaftsbetrieb nicht völlig übergangen werden. Zudem berief er sich darauf, dass schon öfter in der Geschichte der Wissenschaft fachfremde Außenseiter statt innerdisziplinäre Koryphäen, den entscheidenden Anstoß zu einer neuen Sicht der Dinge gegeben hätten. Und da man ihn nicht einmal der Mitgliedschaft oder Unterstützung einer kreationistischen Vereinigung beschuldigen konnte, blieb den erzürnten Neodarwinisten nichts anderes übrig, als sich mit ihm zu beschäftigen.

     

     

    Jean Baptiste de Lamarck

    Viele Erkenntnisse der letzten Jahre sprechen dafür, dass Lamarck, der philosophische Vorgänger Darwins, auch sein Nachfolger wird.

     

    Das rebellische Werk von Schmidt stieß auch in der Öffentlichkeit auf Interesse. Und zwar bei einem Publikum, das der immer gleich beschwichtigenden Antworten auf die vielen, auch für einen Laien kaum übersehbaren Rätselhaftigkeiten der Naturgeschichte überdrüssig war. Viele lasen daher mit einer gewissen Genugtuung, dass sich die neodarwinistischen Evolutionsbiologen in einem ›dogmatischen Schlummer‹ befänden und die Selektionstheorie über kurz oder lang als ›Jahrhundertirrtum‹ entlarvt würde. Wohl auch deshalb publizierte der renommierte Kieler Zoologe Sievert Lorenzen noch im selben Jahr eine vernichtende Rezension von Schmidts Werk in der Wochenzeitung »DIE ZEIT«. Darin warf er ihm vor, in seinem provozierenden Werk gravierende fachbiologische Fehler gemacht zu haben. Darüber hinaus hätte er statt der Darwin'schen Evolutionstheorie nur ein Zerrbild von ihr angegriffen. Schmidts gescheiteter Widerlegungsversuch zeige einmal mehr, dass es keiner neuen, sondern vor allem eines vertieften Verständnisses der vorhandenen Evolutionstheorie bedürfe. Lorenzen verfolgte mit seiner Rezension mindestens zwei Ziele: Zum einen wollte er das Vertrauen einer irritierten Öffentlichkeit in die etablierte Evolutionsforschung wiederherstellen. Zum anderen war sie eine Mahnung an Fachkollegen, sich unter keinen Umständen von dem unter Beschuss geratenen Neodarwinismus zu distanzieren. Die Parole lautete: Die vorhandene Evolutionstheorie hat den Status eines »Naturgesetzes«. Basta! Für den wissenschaftlichen Alltag bedeutete dies, weiterhin vor sich hinwursteln und wie gehabt, selbst sperrigste Probleme unter den Teppich kehren. Kurios auch eine (insgesamt durchaus informative) Besprechung in der Naturwissenschaftlichen Rundschau durch den Biologen und Informationswissenschaftler Walther Umstätter (1990). Darin wirft er Schmidt (wohl mit dem Ziel dessen ansehnliche Referenzliste abzuwerten) vor, Goethes [!] morphologische Arbeiten nur halbherzig und D'Arcy Wentworth Thompson überhaupt nicht zitiert zu haben. Ausgerechnet Schmidt eine mangelhafte Berücksichtigung des Problems der biologischen Form vorzuwerfen, war grotesk, denn die Entstehung und Entwicklung der Formen ist seit je her der Alptraum eines jeden Neodarwinisten. Der Mathematiker und Biologe Thompson hatte in seinem 1917 veröffentlichten Werk »On Growth and Form« (Über Wachstum und Form) gezeigt, wie man durch einfache geometrische Transformationen, die Formen selbst entfernt verwandter Arten passgenau ineinander überführen kann. Darüber hinaus macht er auf das Wirken der selben physikalischen Kräfte in der belebten und unbelebten Natur aufmerksam. Sein beeindruckendes Werk widersetzt sich bis heute erfolgreich jeder Übersetzung in eine neodarwinistische Terminologie. Es hatte daher schon absurde Züge, einem Rebellen vorzuwerfen, ein Werk übergangen zu haben, das die herrschende Kaste des anklagenden Rezensenten selber seit knapp 100 Jahren meidet wie die Pest.7)

    1987 legte Schmidt nach, indem er in Heidelberg das internationale Symposium »Neodarwinistische oder kybernetische Evolution« organisierte. Wie er im Vorwort zu dem Tagungsband formulierte, »mit mehr als 350 Teilnehmer vermutlich die größte Evolutionstagung, die jemals auf deutschem Boden stattfand«. Es war dem Rebellen gelungen, mehr als zwei Dutzend Referenten aus sechs Ländern für diese Tagung zu gewinnen, darunter erstaunlich viele renommierte Zoologen. Die meisten Referenten teilten zwar seine Auffassung, dass die Synthetische Theorie der Evolution auf zahlreiche Evolutionsprobleme keine befriedigende Antwort gibt, aber nur wenige erkannten seine »Theorie der kybernetischen Evolution« als echte Alternative an8). Und dies mag wohl der Grund dafür sein, warum der Neodarwinismus auch diese massive Attacke ohne größere Blessuren überstand. Eine auf eine fundamentale Grundüberzeugung eingeschworene Wissenschaftlergemeinde ist weder bereit und noch fähig, das herrschende Paradigma in Frage zu stellen oder sogar aufzugeben, solange sich keine überzeugende Alternative mit einem erheblichen Erklärungsmehrwert anbietet9). Tatsächlich mangelte es Schmidts vernichtender Kritik am Neodarwinismus zwar nicht an Substanz, aber seine kybernetische Alternative war unausgereift und zu sehr vom Zeitgeist beflügelt10). Es war damals gerade in, so ziemlich alles in der Welt von einer Maschine über die Wirtschaft bis hin zum Organismus in seiner Umwelt als kybernetisches System zu beschreiben. Allem sollte das gleiche grundlegende Konzept von Steuerung und Regelung über Rückkopplungsmechanismen zugrunde liegen. Kein Wunder, dass der Rebell Schmidt davon überzeugt war, dass auch die Evolution genauso funktionieren würde. Für ihn waren Organismen lebende Supercomputer, die über Informationsflüsse in ständiger (Rück-)Kopplung mit der Umwelt stehen. Diese Interpretation überzeugt zwar auf dem ersten Blick, ist aber bei näherem Hinsehen wohl vor allem eine in moderne Begrifflichkeiten verkleidete holistische Phantasie11). Schmidt ist es genauso wenig wie schon Wagner mit seiner Psychobiologie gelungen, plausibel zu machen, wie der Informationsfluss zwischen Umwelt und Genom auf der operationalen Ebene funktioniert und gesteuert wird. Und so scheiterte auch dieser ambitionierte Versuch, der herrschenden evolutionsbiologischen Kaste den Darwinistischen Zauberstab zu entreißen. Ein Zauberstab, von dem die Neodarwinisten ohne Unterlass verkündeten, dass man mit ihm die Entstehung der biologischen Vielfalt rückstandsfrei erklären könne. Tatsächlich ist der Beweis, dass Mutation, selektive Anpassung an sich ändernde Umweltbedingungen und reproduktive Isolation in der Lage sind, neue Baupläne und Funktionen zu erzeugen, bis heute nicht erbracht worden. Wenn die Darwinistische Evolutionstheorie trotzdem bei jeder sich bietenden Gelegenheit als eine der am besten erhärteten biologischen Theorien gefeiert wird, ist dies pure Heuchelei und Ausdruck einer tiefen Verunsicherung.

    Erst über zwanzig Jahre nach Schmidts im Sande verlaufener Generalattacke scheint sich das Blatt zu wenden. Der Neodarwinismus hat zwar immer noch viele Anhänger ist aber deutlich in der Defensive. Das meistverkaufte Evolutionsbuch im Darwin-Jubiläumsjahr 2009 war nicht das Werk eines ausgewiesenen Evolutionsbiologen (schon gar nicht das ›Tatsachenbuch‹ des Kasseler Biologen U. Kutschera), sondern das Werk eines Außenseiters, der wieder einmal Mediziner war und bei keinem auf der Liste stand. Sein Name ist Joachim Bauer, ein in der molekular- und neurobiologischen Forschung tätiger Alzheimerforscher. Mit seinem Buch »Das kooperative Gen - Abschied vom Darwinismus« ist es ihm nicht nur gelungen, die neodarwinistischen Wortführer zu überrumpeln und gegen sich aufzubringen, sondern auch Schritte, auf dem Weg hin zu einer neuen Evolutionstheorie aufzuzeigen12). Er resümiert, dass der zentrale Fehler des Darwin'schen Paradigmas darin besteht, dass der Motor für die Evolution in den sich verändernden Umweltbedingungen und Konkurrenzverhältnissen gesehen wird. Alle Erkenntnisse der letzten Jahre deuteten aber darauf hin, dass die selektive Anpassung auf der Grundlage von Zufallsvariationen zwar dazu beitragen kann, dass sich komplexe biologische Systeme erhalten (und dabei ggf. auch in Subsysteme aufspalten), aber das diese Systeme nicht so entstanden sein können. Organismen sind keine passiven Produkte von Selektions- und Mutationsvorgängen, sondern die eigentlichen Akteure der Evolution selber, d. h. sie sind auf der molekulargenetischen Ebene (z. B. über die Aktivität von Transpostionselementen) kreativ und kooperativ an der Steuerung des evolutionären Geschehens beteiligt. Doch dies ist nicht der einzige Wirkungstreffer, den die verbohrten evolutionsbiologischen Wortführer öffentlich einstecken mussten, auch der alte Lamarck, den Darwin und die Neodarwinisten nicht aufgehört haben, zu verspotten und zu verunglimpfen, ist zu neuen Ehren gekommen. Die Entdeckung der enormen Bedeutung der epigenetischen Vererbung hat die Weismann'sche Schranke zwischen Keimplasma und Soma, die fast ein Jahrhundert lang bestimmt hat, was evolutionstheoretisch geht und was nicht geht, gründlich durchbrochen. Von der Vererbung erworbener Eigenschaften zu reden, ist heute kein ›no go‹ mehr, sondern ein zukunftsträchtiges Forschungsfeld. Das neue Zauberwort heißt Epigenetik13). Das klassische Modell der Genotyp-Phänotyp-Unterscheidung wurde zwischenzeitlich um den Epigenotyp erweitert werden. Dadurch sind die bei den Neodarwinisten so starren Gene auch im lamarckistischen Sinne erheblich formbarer geworden. Nicht mehr die ererbten Gene alleine, sondern die durch den Lebensstil beeinflussbaren Genaktivitäten bestimmen nun über unser Schicksal. Schon der Zoologe und Philosoph August Pauly (1850 -1914) hatte in seinem 1905 publizierten Hauptwerk »Darwinismus und Lamarckismus« erwartet, dass Lamarck, der philosophische Vorgänger Darwins, auch sein Nachfolger werde. Wie es derzeit aussieht, lag er damit nicht so völlig neben der Spur, wie man lange Zeit glaubte. Er hatte sich nur um ein Jahrhundert in der Zeit vertan. Solche Fehler kommen selbst bei weitsichtigen Propheten, die ja bekanntlich auch nur Einäugige und Blinden sind, schon mal vor.

     

     

    D’Arcy Thompsons klassische Fischtransformation: Obwohl es sich um grundsätzlich verschiedene Arten handelt, genügt eine einfache Raumveränderung, um aus einem Puffer- einen Mondfisch zu machen In dem Augenblick, wo man dieses Bild einmal gesehen hat, wird man es nicht mehr vergessen (lesenswert hierzu auch Witkowski 2005)
     

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    Anmerkungen

    1) Ich konnte das Werk, das wohl den größten Teil seines Daseins in den verstaubten Regalen einer kleinstädtischen Bücherei verbracht hatte, in der naturgeschichtlichen Abteilung eines Antiquariats in Soest für 10,- Euro (die Hälfte des aktuell und ein Fünftel des ursprünglich ausgewiesenen Preises) erwerben. Ich überzeugte die Besitzerin davon, dass ich wohl das einzige Subjekt im Einzugsbereich ihres Geschäftes sei, der sich für dieses in groben Leinen gebundene, und nicht einmal schön gealterte Werk interessieren würde. Später habe ich dann im Internet gesehen, dass das gleiche Werk (sogar ohne Festeinband als Broschurausgabe) in den einschlägigen Antiquariaten zum Preis von 40,- bis 75,- Euro angeboten wird. Dies scheint mir mehr ein Zeichen für die Geldgier der Antiquare, denn dafür zu sein, dass die Lamarckismus-Aktie an der Wissenschaftsbörse nach langer Talfahrt schwer im Aufschwung ist!

    2) Wagner richtet sein Werk ausdrücklich nicht an diejenigen, »welche sich als Dogmatiker der mechanistischen Weltanschauung bekennen«: »Ihnen wird es nur Ärger schaffen, und von seiner Ansicht bringt man einen Dogmatiker doch nicht ab.« Vielmehr ist das Buch »nur an diejenigen gerichtet, welchen schon die Erkenntnis aufgegangen ist, dass unsere Wissenschaft von der Natur noch nicht die endgültigen Grundlagen gewonnen hat. Es wendet sich an die freien Geister, die nicht an den Katechismus irgendeiner offiziellen Wissenschaft sich gebunden erachten und denen jede Erwägung willkommen ist, die möglicherweise eine Erweiterung der Denkmöglichkeiten bringen könnte. Das Buch wendet sich auch nicht an die ›Fertigen‹, sondern an die Lernenden. Und es soll ihnen auch nicht einen fertig präparierten Lernstoff vorsetzen, wie das die mechanistischen Lehrbücher fast durchweg tun, sondern eine Sammlung von Gedanken bieten, welche zu eigenem Weiterdenken anregen mögen«. Wagner hat frühzeitig bemerkt, dass viele Naturforscher zu einem katechetischen, nicht ergebnisoffenen Denken neigen. Er hat aber wohl nicht geahnt, dass seine Vorbemerkung auch noch ein Jahrhundert später brandaktuell ist. Man betrachte nur wie abgeklärt und einfältig in dem traditionsreichen Oberstufenlehrbuch »Linder Biologie« oder im Newcomerlehrbuch »Evolutionsbiologie« des Pflanzenphysiologen Ulrich Kutschera über den Darwinismus und Lamarckismus doziert und jeder Zweifel an der (aktuell gültigen) Evolutionstheorie im Keim erstickt wird.

    3) Weismanns Keimplasmatheorie besagt, dass die in den Keimzellen enthaltenen Erbinformationen von keinerlei Aktivitäten der Soma- oder auch Körperfunktionszellen beeinflusst sind. Das Erbgut der Keimzellen wird dem zufolge weder beeinflusst durch das, was der Körper lernt, noch durch irgendwelche Fähigkeiten, die dieser während seines Lebens erwirbt. Kurz: Es gibt keine Vererbung erworbener Eigenschaften in die nächste Generation.

    4) Bei der auch Psycholamarckismus genannten Psychobiologie handelt es sich um eine Spielart des Lamarckismus, der die evolutive Anpassung durch Gebrauch auf neue Bedürfnisse zurückführte, die aus geänderten Umweltbedingungen resultierten. Während Lamarck aber keineswegs daran dachte, allen Lebewesen Vorstellungsfähigkeit oder eine Art Willen zuzuschreiben, tat die Psychobiologie genau dies: Kein Lebewesen und schon gar nicht der Mensch mit seiner überragenden psychischen Begabung seien ohne ein über physiologische und auch elementare psychische Fähigkeiten verfügendes Protoplasma erklärbar. Nach Einschätzung des Wissenschaftshistorikers Wolfgang Léfevere (2007) knüpfte der Psychobiologismus an die damals »aufkommende psychologistische Strömung in der Biologie an, die allem Lebendigen bis hinab zum Einzeller Empfindungs-, Willens- und Gedächtnisleistungen zusprach«.

    5) Dabei wurde tunlichst verschwiegen oder übersehen, dass auch der Neodarwinismus eine ausgesprochen spekulativ metaphysische Komponente hatte. Die bestand in dem Axiom, dass nicht nur mikroevolutive, sondern auch makroevolutive Veränderungen, also die Entstehung völlig neuer Baupläne und Funktionen, kleinschrittig mutative Prozesse seien. Der Unterschied würde einzig in den dafür benötigten Zeiträumen bestehen. Und Zeit gab es ja reichlich, nachdem es dem Geologen Charles Lyell (1797 - 1875) gelungen war, die schöpfungsgeschichtlich vorgegebene Zeitschranke zu durchbrechen. Diese Grundüberzeugung war weder einer experimentellen Überprüfung zugänglich, noch gab es dafür die geringsten Indizien in der geologischen Überlieferung. Kurz, man kann sie je nach persönlichem Geschmack als eine Wirklichkeitsbeschwörung oder ein inniges Glaubensbekenntnis bezeichnen.

    6) Der akademische Betrieb straft Wissenschaftler, die allzu offenkundig Grundüberzeugungen in Frage und Außenseitertheorien vertreten (oder gar noch damit Karriere machen wollen), mit einem Bündel von Maßnahmen ab. Eine sehr wirksame erzieherische Methode besteht darin, dass nur Wissenschaftler, die konforme Theorien vertreten, bei Bewerbungen auf Lehrstühle ein Chance haben, einen oberen Listenplatz einzunehmen. Der Wiener Zoologe Rupert Riedel, der mit seiner Systemtheorie der Evolution ebenfalls, eine wenn auch nicht ganz so rebellische Außenseitertheorie wie Schmidt vertrat, schilderte auf einem von Schmidt (1987) organisierten Symposium, wie sich diese Methode in seinem Fall ausgewirkt hat: »... Sie glauben doch nicht im Ernst, dass ich für diese Dinge, die ich hier vertrete, je ein Ordinariat bekommen hätte. Ich war auf 12 deutschen Bewerbungslisten. Überall fiel meine Bewerbung, weil man meinte ich mache die deutsche Biologie lächerlich. Ich musste mich also über die Meereskunde etablieren, bis ich ein Ordinariat bekam.«

    7) Umstätter ringt sich in seiner Rezension zu der abschließenden Einschätzung durch, dass die Ursache dafür, warum sich gerade Evolutionsbiologen »im Umfeld des Darwinismus« mit so vielen »abwegigen ›Theorien‹ beschäftigen« müssen, nicht darin liegt, dass die Darwin'sche Evolutionstheorie so überaus verkrustet und voller unübersehbarer Defizite ist, sondern in der mangelhaften »Informationslogistik« der ›scientific community‹. Wie zufällig (oder sogar dank Gottes gnädiger Fügung) ist genau dies Umstätters fachlicher Schwerpunkt und genau hier sieht er seine wissenschaftliche Zukunft! Ein schönes Beispiel dafür, dass ein Wissenschaftler dazu neigt, die Probleme in der Welt so zu definieren, dass vor allem er sie lösen kann.

    8) Erschwerend für Schmidt (und nicht für ihn) kam hinzu, dass die Situation in der Evolutionsbiologie eine ganz besondere ist. Als z. B. in der Physik Newtons Theorie der Gravitation durch Einstein in Frage gestellt oder genauer gesagt relativiert wurde, hat dies niemand zum Anlass genommen, eine Grundsatzdiskussion darüber zu beginnen, ob sich die Erde tatsächlich um die Sonne dreht und ob die Bibel nicht vielleicht doch mit ihrer Version der Geschichte Recht hatte. Wenn aber die Darwin'sche Evolutionstheorie in Frage gestellt wird, dann müssen Evolutionsbiologen befürchten, dass von Kreationisten oder auch schöpfungsgeschichtlich motivierten Evolutionstheoriekritikern das Prinzip der Evolution grundsätzlich in Frage gestellt wird. Diese unangenehme Situation macht die Neodarwinisten in besonderem Maße kritikresistent und extrem unaufgeschlossen für neue Ideen. Vgl. hierzu auch den interessanten Beitrag »Darwin und das ›Recht haben‹« von dem Wissenschaftsphilosophen Jörg Friedrich auf Scienceblogs.

    9) Der Begriff Kybernetik kommt aus dem griechischen und bedeutet ursprünglich Steuermannskunst. Im modernen Sprachgebrauch bezeichnet man als Kybernetik die Theorie der selbststeuernden Systeme. Begründet wurde die Kybernetik durch den amerikanischen Mathematiker Norbert Wiener (1894 - 1964), der im zweiten Weltkrieg, die Interaktion zwischen Flugzeug und Pilot analysierte, um die Flugabwehr zu verbessern. Nach dem Krieg fasste er seine Gedanken in dem Buch »Kybernetik: Regelung und Nachrichtenübertragung in Lebewesen und Maschine« (1948) zusammen. Anfang der 1960er Jahre glaubten die Amerikaner, dass sich ihr Anspruch, eine Idee für die ganze Welt zu haben, mit Wieners Zukunftsvision von Kybernetik als künftiger globaler Leitwissenschaft wissenschaftlich untermauern ließe. In Deutschland wurde der Begriff vor allem in den 1970er und 1980er Jahren durch das Buch »Das kybernetische Zeitalter. Neue Dimensionen des Denkens« von dem Biochemiker Frederik Vester (1925 – 2003) bekannt. Diese neue »Dimension des Denkens« bestand wesentlich in der trivialen Erkenntnis, dass die Welt aus »vernetzten Wirkungsgefügen« bestehen würde und der dreisten Behauptung, dass diese bei entsprechendem Training... durch »kybernetisches Denken« vollumfänglich erkennbar wären.

    10) Schmidt ließ sich von den in 1980er Jahren mit großem Enthusiasmus entwickelten Schachcomputern inspirieren, die nach seiner Auffassung über kein geschlossenes, sondern ein »offenes Programm« verfügten, das mit der »Richtungsanweisung, sich selbst zu vervollkommnen« ausgerüstet und daher so lernfähig sei, dass »selbst internationale Schachgroßmeister sie kaum noch schlagen können«. Er visionierte, dass der Zeitpunkt absehbar sei, »zu dem sie über den menschlichen Geist triumphieren werden«. Schmidt hat zwar damit Recht behalten, dass Schachcomputer heute in der Lage sind jeden Schachweltmeister zu schlagen, aber noch kein Schachcomputer mit »offenem Programm« hat aus eigenem Antrieb, also z. B. aus Langweile darüber, dass es keine adäquaten menschlichen Gegner mehr für ihn gibt, das Mühle- oder Skatspielen gelernt oder gar neu erfunden. Von einem Triumph über den menschlichen Geist kann also nicht die Rede sein. Handelte es sich bei Schachcomputern um intelligente Lebewesen würde man, um ihre Schwächen zu charakterisieren, vielleicht sagen, sie seien höchst einseitig begabt oder sogar ziemlich autistisch veranlagt. Wie dem auch sei, für Schmidt besteht in seiner Analogie die Hauptaufgabe des kybernetischen ›Artcomputers‹ zunächst einmal in der Erhaltung der Art. Im Sinne des lamarckistischen Faktors des Bedürfnisses und des Eingangs von Umweltinformationen in das Genom könne der ›Artcomputer‹ sich aber umprogrammieren und neue Gene synthetisieren. Nicht zu unrecht wurde ihm daher vorgeworfen, er habe die Vererbung erworbener Eigenschaften im kybernetischen, d. h in einem modernen Gewande auferstehen lassen, ohne wesentlich neue Erkenntnisse zu der Frage vorlegen zu können, wie die Informationsübertragung vom Cytoplasma in das Genom funktionieren soll und der ›Artcomputer‹ auf der genetischen Ebene gesteuert wird.

    11) Ganz deutlich wird dies in folgender Passage aus der Monographie von Schmidt (1985): »Die Theorie der kybernetischen Evolution betrachtet nicht nur einzelne Individuen, Tier und Pflanzenarten als kybernetische Systeme, sondern darüber hinaus die Gesamtheit aller Lebewesen, alle Ökosysteme - einschließlich des Menschen - als eine erdumspannende Einheit, deren Einzelglieder nicht nur durch gemeinsame Konstruktionsprinzipien miteinander verbunden sind, sondern über ihre Regelkreise auch direkt oder indirekt wie kommunizierende Röhren in gegenseitiger Wechselwirkung stehen.« Hier entpuppt sich die kybernetische Evolutionstheorie ganz unverblümt und noch viel mehr als die Darwin'sche Evolutionstheorie als eine universelle Theorie von fast Allem!

    12) Bauers Husarenstück war allerdings nicht so überraschend, wie die empörten, Zeter und Mordio schreienden evolutionsbiologischen Größen das der Öffentlichkeit gegenüber vorheuchelten. Den meisten Biologen ist zwischenzeitlich bekannt, dass die konventionelle Sicht der Evolution nicht mehr zu halten ist. Weil dies aber kaum einer öffentlich zu wagen sagt, ist es geradezu eine Einladung für Außenseiter, das Tabu zu brechen und die Dinge ins rechte Licht zu rücken.

    13) Die epigenetische Forschung beschäftigt sich mit Zelleigenschaften, die auf Tochterzellen vererbt werden und nicht in der DNA-Sequenz festgelegt sind. Eigentlich ist das Epigenetik-Konzept schon 60 Jahre alt, weil es auf den britischen Biologen Conrad Hal Waddington (1905-1975) zurückgeht. Aufgrund der gewaltigen Fortschritte in der molekularen Zellbiologie und der Totalsequenzierung vieler Genome liegen aber erst jetzt gute Erkenntnisse über die molekulare Natur des Epigenotyps vor. Erst dies hat dann zur ersten richtigen Blüte der Epigenetik geführt. (vgl. Horsthemke 2005)

    Literatur

    Horsthemke, Bernhard (2005): Was ist Epigenetik? – In: Medizinische Genetik (medgen) 17, 251-253

    Lefévre, Wolfgang (2007): Der Darwinismus-Streit der Evolutionsbiologen. – In: Bayert, K., Gerhard, M. & Jaschke, W. (Hg.): Weltanschauung, Philosophie und Naturwissenschaft im 19. Jahrhundert, Bd. 2, Der Darwinismus-Streit, 19-46. - Hamburg

    Lorenzen, Sievert (1985): Angriffe auf ein Zerrbild - Brauchen wir eine neue Evolutionstheorie? – In: Die ZEIT vom 08.11.1985, Nr. 46

    Pauly, August (1905): Darwinismus und Lamarckismus: Entwurf einer psychophysischen Teleologie. – München

    Schmidt, Ferdinand (1985): Grundlagen der kybernetischen Evolution - Eine neue Evolutionstheorie. – Krefeld

    — (1987): Neodarwinistische oder kybernetische Evolution? – Bericht über ein internationales Symposium vom 15. - 17. Juli 1987 in Heidelberg

    Umstätter, Walther (1990): Die Wissenschaftlichkeit im Darwinismus. – In: Naturwissenschaftliche Rundschau 21 (9), Beilage: Biologie Heute, 4-6

    Wagner, Adolf (1908): Geschichte des Lamarckismus - Als Einführung in die Pschyo-Biologische Bewegung der Gegenwart. – Stuttgart

    Witkowski, Nicolas (2005): D’Arcy Thompson Raumspezies. – In: Voltaire und die kopflosen Schnecken. Geschichten aus der Wissenschaft. – München, Zürich.

    G.M., 14.02.10

     

     

     

    Aufkleber im Einband von Wagners Werk: Dringende Bitte an den geneigten Leser, die Bücher sauber zu halten.
     

    II. The Truth about »Macroevolution«


    Microsoft*

    The »Missing Links« are »Hopeless Monster«

    (*Schon Microsoft warb damit, dass offene Betriebssysteme den Nutzer zwar unabhängiger, aber nicht unbedingt glücklicher machen, weil sie dazu neigen, die seltsamsten Mutationen hervorzubringen!)

     

     

     

     

     

    III. Genialer Fälscher

    Gespenstische Ähnlichkeiten: Haeckels theoretisches Urzeittier und fossiler Embryo aus dem Präkambrium

    Der deutsche Biologe Ernst Haeckel (1834-1919) wird wegen der absichtlichen Verfälschung von Embryonenabbildungen zur Untermauerung seines Biogenetischen Grundgesetzes (Die Ontognese wiederholt die Phylogenese) bis heute von Kreationisten heftigst angefeindet. Erstaunlicherweise kam er in seinen theoretisch-spekulativen Arbeiten fast 100 Jahre später entdeckten fossilen Embryos auf gespenstische Weise nahe.

     

     

     

     

     

    IV. »Evolution ist eine Tatsache«

    Der Kasseler Pflanzenphysiologe und Vorsitzende der AG Evolutionsbiologie im Verband der deutschen Biologen (vdbiol) Prof. Dr. Ulrich Kutschera ist ein Meister der trivialisierenden Evolutionsapologetik. Die nebenstehende Abbildung aus seinem katechetischem Kurzlehrbuch »Evolutionsbiologie« soll das »Prinzip der gemeinsamen Abstammung von zwei der am höchsten entwickelten (komplexesten) Organismen unserer Biosphäre veranschaulichen«. Tatsächlich legt die Abbildung den Eindruck nahe, dass »Zea mays« die etwas gestelzt wirkende Frau von einer Turnvater-Jahn-Ausgabe des »Homo sapiens« ist und dass beide auf Grund ihres engen Vekehrs von den gleichen chemieresistenten Wurmparasiten befallen sind.

     

     

     

     

     

    V. Die Entstehung des Hasenhuhns

    Endlich beobachtet!

    Das zentrale Problem des neodarwinistischen Evolutionsmechanismus besteht bekanntlich darin, dass die Frage, wo die für die Entstehung neuer Baupläne und Funktionen erforderliche Variation herkommt, bisher nun unbefriedigend gelöst ist. Die neue Theorie der Genomaneignung von Lynn Margulis besagt, dass die entscheidende Variation und damit neue Arten durch die Aneignung und Kooperation von Genomen entstehen, z. B. in dem komplexere Lebewesen Symbiosen mit Mikroben eingehen oder wenn sich nicht näher verwandte Arten fruchtbar kreuzen. Jetzt konnte erstmals ein anschaulicher Beleg für diese Theorie gefunden werden.

     

     

     


    Paul St. George

    Der englische Objektkünstler Paul St. George hat in Anlehnung an das berühmte Kaninchen-Ente-Kippbild ein solches Mischwesen in einer Skulptur dargestellt. Wie so oft sind auch hier die Antworten von Kunstschaffenden auf die Frage, was die Welt im Innersten zusammenhält, erheblich origineller als die von Wissensschaffenden.

     

    VI. The Butterfly Alphabet

    The Butterfly Alphabet

    Das Butterfly Alphabet ist eine ästhetisch ansprechende fotografische Arbeit des skandinavischen Fotografen K. B. Sandved. Es zeigt in den natürlichen Mustern auf den Flügeln von Schmetterlingen und Motten sämtliche Buchstaben des lateinischen Alphabets sowie die arabischen Ziffern. Es handelt sich bei den Mustern sicherlich um eine evolutive Laune der Natur und keine antizipierende adaptive Anbiederung an unsere Zivilisation oder gar ein Design-Signal.

    Das zweifellos originelle Butterfly Alphabet wird zwischenzeitlich wie niedliche Tierfiguren für die Porzellanvitrine oder unter schwierigsten Bedingungen erstellte, fußgemalte Weihnachtskarten vermarktet: »Sandved suchte weltweit und benötigte 24 Jahre um diese einzigartigen und natürlichen Buchstaben-Zeichnungen zu photographieren«. In den USA ist es das meistverkaufte Naturposter. Soll heißen, es hat den schmalen Grad, der Kult- von Kitschobjekten trennt, längst überschritten.

    Trotzdem ist es lehrreich. Es warnt z. B. davor, (in Wirklichkeit) zufällig entstandene Muster in der Natur nicht vorschnell als optimierte, durch natürliche Selektion entstandene Strukturen zu interpretieren. Diese darwinistische Unsitte wird bekanntlich als »adaptive storytelling« kritisiert. Auch der ID’ler Christoph Heilig, durch den ich auf das Butterfly Alphabet aufmerksam wurde, hat sich in dem Blog-Beitrag »Den Vögeln schöne Augen gemacht?« lesenswerte Gedanken über das evolutionäre Spekulieren gemacht.

    G.M., 16.08.08

     

     

     

     

    VII. Über den Umgang mit kreationistischen Provokateuren


    (Fundsache von W.-E. Lönnig)

    Ein streng wissenschaftlich-darwinistischer Evolutionsunterricht ist heute keine Selbstverständlichkeit mehr. Dieser couragierte Biologielehrer hat die Gefahr erkannt und weiß, dass kleinere Härten unvermeidlich sind, um kreationistische Provokationen im Keim zu ersticken.

     

     

     

     

     

    VIII. »Die letzten Ihrer Art«

    Mettwurst-Moeller

    »Mettwurst-Möller«, eine sympathische, durch kulturelle Devolution vom Aussterben bedrohte Spezies.

     

     

     

     

     

    IX. Aufschlussreiche entwicklungsbiologische Missbildung

    Schlange mit Bein

    Die britische Zeitung Telegraph berichtete kürzlich über den Fund einer Schlange in China, die ein Missbildung besitzt, die verblüffend einem krallenbewehrten Bein ähnelt. Der Entdecker des Reptils, der 66-jährige Dean Qiongxiu, erzählte, er habe die Schlange dabei beobachtet, wie sie in seinem Schlafzimmer die Wand unter Zuhilfenahme der Klaue hochgeklettert sei. Da die Paläontologen davon ausgehen, dass Schlangen sich aus vierbeinigen Ur-Eidechsen entwickelt haben, ist der Fund ein vergleichsweise gutes Indiz für die evolutionstheoretische Deutung der Entstehung von Schlangen. Dazu passt, dass vor wenigen Jahren die Überreste eines kreidezeitlichen Schlangenfossils gefunden wurden, das ein Hüfte und zwei Beine hat. Der Skelettaufbau der meisten heutigen Schlangen beschränkt sich dagegen auf Schädel, Wirbel und Rippen. Nur bei einigen primitiven Formen (wie den Riesenschlangen) findet man Strukturen, die als Reste von Becken und Oberschenkel interpretiert werden.

    Der Fund der missgebildeten Schlange wirft auch ein aufschlussreiches Licht auf die Funktionsweise der Evolution. Aus neodarwinistischer Sicht wird häufig angenommen, dass einmal entstandene Merkmale durch die natürliche Selektion vollständig oder doch zumindest weitgehend verschwinden, wenn sie nicht mehr gebraucht werden. Das trifft jedoch nicht zu, denn sie werden oft nur deaktiviert. Die Ursache dafür besteht darin, dass die Gene bzw. die entwicklungsbiologischen Prozesse, die zu der Entstehung eines Merkmals führen, auch noch in die Entstehung anderer Merkmale eingebunden sind. Wenn man also in einem Embryo die Gene oder Gewebe, die für die Bildung von Gliedmaßen verantwortlich sind, vollständig entfernen würde, könnte es sein, dass er nicht nur keine Beine, sondern auch keinen Kopf und kein Herz entwickelt. Im Unterschied zu Würmern sind Schlangen nicht wirklich beinlos, sondern sie sind Vierbeiner mit herunterregulierten Genen für die Entwicklung von Beinen.

    Weiterführender Link: Atavisms and phylogeny

    G.M., 02.11.09

     

     

     

     

     

    X. Missing Link

     
    - Statt Karten - Was Darwin uns in weiser Voraussicht ins Stammbuch schrieb, haben wir nicht bedacht.
       

    In stiller Trauer nehmen wir nun Abschied von der

    AG Evolutionsbiologie

    geb. Junker-Kutschera

    *22. 10. 2002 in Potsdam
    † ~ 30. 10. 2009 in Kassel
       

    Für jeden gläubigen Atheisten unfassbar hat sich die AG Evolutionsbiologie nur wenige Tage nach dem siebten Jahrestag ihrer Gründung nach heftigen inneren Zerwürfnissen und kurzer schwerer Krankheit in Luft aufgelöst.

         

    Aus dem Internet bist Du klammheimlich verschwunden, in unseren Herzen wirst Du als Missing Link weiterleben.

         
       

    Stellvertretend für die ehem. Mitglieder,
    der heillos zerstrittene Vorstand:

    Prof. Dr. Ulrich Kutschera
    (Pflanzenphysiologe)
    Prof. Dr. Thomas Junker
    (Biologie-Historiker)
    Dipl.-Ing. Martin Neukamm
    (Chemie-Ingenieur)

         

    Das Begräbnis findet am 06.12.2009 (Niko-Laus) um 13.00 Uhr im Friedwald Reinhardshagen statt. Versehen mit allen Tröstungen des evolutionären Humanismus wird die AG Evolutionsbiologie naturbestattet. Von Beileidsbekundungen während der Trauerzeremonie bitten wir ebenso wie von Freudenbekundungen unerwünscht anwesender Kreationisten abzusehen.

     

    Statt Kränze und Blumen bitten wir im Sinne der Verstorbenen um eine Spende an die Stiftung »Evolutionsbiologieunterricht wieder in Not«.

    G. M., 02.12.09

     

     

     

     

     
    XI. Darwinistischer Brudermord in der frühen Menschheitsgeschichte

    1859 veröffentliche Darwin sein berühmtes Werk »Die Entstehung der Arten«. Die damit verbundene gesellschaftliche Erschütterung löste auch künstlerische Nachbeben aus*): So wurde der Brudermord von Kain und Abel von dem französischen Historienmaler Fernand Cormon auf dem sieben Meter langen Ölbild Caïn (Kain) in die frühe Menschheitsgeschichte verlegt. Das Bild zeigt die Flucht Kains und seiner Familie in die Verbannung, die Gott als Strafe für den Mord an Abel verhängt hatte. Bucklig und mit gebeugten Knien hastet Kain, der nur mit einem spärlichen Fellschurz bekleidet und mit einer Keule bewaffnet ist, durchs monumentale Format, gefolgt von einer zotteligen Sippe, die einen Thron aus Baumstämmen trägt. Im Zentrum der schlammfarbenen Prozession sitzt Kains Frau, mit dem Nachwuchs auf ihrem Schoß und der Jagdbeute in ihrem Rücken.

    Cormon hat aus dem biblischen Kain den Anführer einer steinzeitlichen Horde gemacht, der im darwinistischen Kampf ums Dasein den Sieg des Stärkeren davon getragen hat. Sein Bild illustriert einen Vers aus »La legende des siècles« (Die Legende der Jahrhunderte) von Victor Hugo: »Als Kain mit seinen in Tierfelle gehüllten Kindern, mit wirrem Haar, bleich mitten in den Stürmen, vor Jehova floh, / da es Abend wurde, kam der finstere Mann in einer großen Ebene an den Fuß eines Gebirges [...]«.**) Cormon studierte für die Ausstaffierung seines Bild auch die Ergebnisse archäologischer Forschung. Seine alarmierend-befremdliche Darstellung von Kains Flucht war 1880 die Sensation des Ausstellungssalon der französischen Akademie (Pariser Salon). Sie zählt zu den theatralischsten Bildern in der von Darwin ausgelösten Debatte um die Evolutionstheorie*).


    *) Voss, Julia (2004): »Der Mensch als Mischwesen – Der ›Darwin-Effekt‹ in der Kunst des neunzehnten Jahrhunderts: Klinger, Redon, Degas« - In FAZ vom 15.02.2004

    — (2007) »Das erste Bild der Evolution. Wie Charles Darwin die Unordnung der Naturgeschichte zeichnete und was daraus wurde«. – In: Bayertz, K., Gerhard, M. u. Jaeschke, W. (Hg.): »Weltanschauung, Philosophie und Naturwissenschaft im 19. Jahrhundert«, Bd. 2, »Der Darwinismus-Streit«

    **) http://de.wikipedia.org/wiki/Fernand_Cormon

    G. M., 01.02.10

     

     

     

     

    XII. Theorienstreite um die Rekonstruktion eines fossilen Wundertieres

    Zur Genialität des menschlichen Geistes zählt die Fähigkeit, Unvollständiges zu erkennen und zu vervollständigen. Das klappt im Alltag ganz gut, wenn das Gesamtbild, das wir aus Bruchstücken zusammenfügen, uns vorher schon bekannt ist, etwa wenn schon aus der Ferne von einem typischen Gang oder einer vertrauten Stimme ziemlich sicher auf eine bestimmte Person schließen oder ein nur schemenhaft erkennbares Flugbild eines Vogels ziemlich sicher einer bestimmten Art zuordnen.

    In der Alltagswelt ist das Zusammenfügen von Bruchstücken zu einem Gesamtbild eine Frage der Beobachtungsgabe und Erfahrung (»Man sieht nur was man kennt«), aber auch der Intuition und Stimmung. Dies ist in der wissenschaftlichen Welt nicht anders, nur dass hier die Gegenstände oft nicht unmittelbar sicht- oder greifbar sind, sondern theoretisch konstruiert werden müssen. Man sagt auch, dass sie in hohem Maße theorieinfiziert sind. Das wird immer dann deutlich, wenn sich an der Konstruktion wissenschaftlicher Gegenstände Theorienstreitigkeiten entzünden.

    Für wahr gehaltene Theorien haben genauso wie bewährte alltagsweltliche Ansichten die Eigenart, sich zu stabilen Grundüberzeugungen zu verfestigen. Für die Bewältigung des alltäglichen Lebens sind solche Grundüberzeugungen in der Regel sehr hilfreich, für den wissenschaftlichen Fortschritt können sie aber sehr hinderlich sein. Ein idealer Wissenschaftler verfügt daher über die Fähigkeit, Grundüberzeugungen zu relativieren und intuitiv Dinge zu kombinieren, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben dürfen.

    Hallucigenia – Ein Fossil gewordener Albtraum wird domestiziert

    Ein eindrucksvolles Beispiel für die wissenschaftliche Konstruktion eines Gegenstandes und sich daran entzündende Theorienstreite ist ein kaum 3 cm langes wurmartiges Wesen namens Hallucigenia. Es lebte auf dem Grund von kambrischen Meeren und ist durch seine Rekonstruktionsversuche berühmt geworden. Die in der Lagerstätte »Burgess Shale« in den kanadischen Rocky Mountains gefundenen Fossilien zeigten paarweise angeordnete Stacheln sowie eine Reihe von Tentakeln. Es war zunächst nicht möglich zu sagen, wo der Kopf des Tieres war, da nur ein schwarzer Fleck an jedem Ende des Tieres zu erkennen war.

    Die darauf basierende Rekonstruktion ergab ein sonderbares Tier, welches auf Stacheln lief. Die Tentakeln wurden als Mäuler mit einer kleinen Öffnung an der Spitze angesehen, die der Ernährung dienten. Kein Wunder, dass Simon Conway Morris, der Mitte der 1970er Jahre eine Reihe problematischer Fossilien untersuchte, die der amerikanische Paläontologe Charles Doolittle Walcott (1850–1927) bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts gesammelt und beschrieben hatte, ihm den Gattungsnamen Hallucigenia gab1). Eine Name, der ihre (alb-)traumhafte, keinem zuvor bekannten Bauplan entsprechende Erscheinung charakterisieren sollte.

    Ursprüngliche Rekonstruktion von Hallucigenia sparsa durch Conway Morris (1977)

    Durch neue Funde wurde dieses Bild später in Frage gestellt. 1991 gelang es dem schwedischen Paläontologen Lars Ramsköld und dem Chinesen Xianguang Hou, in der südchinesischen Lagerstätte Chengjiang gefundenen ähnlichen Fossilien eine zweite Tentakelreihe zu entdecken. Daraufhin identifizierten sie die Tentakelreihen als Gliedmaßen, an deren Ende, wie bei heute noch lebenden Stummelfüßern (Onychopora) Klauen saßen. Da sich die Tentakeln als Füße herausstellten, dienten die Stacheln nicht der Bewegung (was einzigartig in der Natur gewesen wäre), sondern der Verteidigung. Durch die revidierte Rekonstruktion hatte das Tier einiges an Fremdartigkeit verloren.

    Revidierte Rekonstruktion von Hallucigenia sparsa durch Ramsköld (1992)

    1992 erhielt Ramsköld die Erlaubnis, den Holotyp von Hallucigenia sparsa aus der Walcott-Sammlung im National Museum of Natural History in Washington zu untersuchen, um letzte Zweifel an der revidierten Rekonstruktion auszuräumen. Nachdem er vorsichtig eine dünne Schicht Schiefer entfernt hatte, fand er auch bei diesem Fossil eine zweite Tentakelreihe. Doch auch seine verbesserte Rekonstruktion ist später in die Kritik geraten. Bergström und Hou (1998) bemängelten, er habe darin neue Fehler eingebaut, weil er den Kopf weggelassen und Vorder- und Hinterteil vertauscht habe. Ferner wurden geschlechterspezifisch abweichende Formen diskutiert.

    Aktuelle Rekonstruktion von Hallucigenia sparsa nach Bergström und Hou (1998)

    Diese Geschichte erscheint auf den ersten Blick nicht ungewöhnlich aufregend. Die Rekonstruktion, in der Conway Morris die Ober- und Unterseite vertauschte, ist zwar mittlerweile berüchtigt, gilt aber als Ergebnis der begrenzten Daten, die aus dem kanadischen Burgess Shale vorlagen, als gerade noch akzeptabel. Bruchstückhaft gefundene Fossilien zeigen oft kaum Ähnlichkeiten zu bekannten taxonomischen Klassen. Es besteht daher ein gewisser Anreiz darin, sie als neue Lebensform zu beschreiben, zumal Paläontologen auch nur Menschen sind und mehr Befriedigung daraus beziehen, Neues zu entdecken als Bekanntes zu beschreiben.

     

     

    Freilegung Dinosaurierskelett
              Tom Nagy 2010

    Nur selten sind die Gegenstände der Wissenschaft so greif- und sichtbar wie in dieser für eine Werbekampagne gefakten Abbildung der Freilegung eines verschütteten Dinosaurierskelettes. Dagegen sind im kanadischen Burgess-Shale, der berühmtesten, über eine halbe Milliarde Jahre alten kambrischen Lagerstätte für vielzellige Tiere die Fossilien nur als feine silbrige Filme auf dunklen Schieferplatten erhalten. Hier bedarf es Technik, Theorie und Phantasie, um daraus dreidimensionale Lebewesen zu rekonstruieren. Da kann das Ergebnis je nach verwendeter Methode, intuitiver Begabung und präferierter Grundüberzeugung schon mal ganz unterschiedlich aussehen.
     

    Man könnte die Geschichte als ein schönes Beispiel dafür nehmen, dass Forschung ein selbstkorrigierendes System ist, das auf der Arbeit von vorangehenden Wissenschaftlern aufbaut und so unser Wissen über die Welt sukzessive vermehrt. Das ist zwar nicht völlig falsch, wäre aber auch in diesem Fall nur die halbe Wahrheit, denn so funktioniert der wissenschaftliche Fortschritt normalerweise nicht. Nur oberflächlich betrachtet, sieht es so aus, als ob Wissenschaftler ein großes Team sind, das gemeinsam an der Lösung von Rätseln arbeitet. Tatsächlich sind sie sich in vielen Fragen spinnefeind und arbeiten nicht mit- sondern eher gegeneinander.

    Wonderful Life – Goulds Botschaft des Burgess Shale

    Und so wurde auch die kleine Hallucigenia zu einem Objekt von Lagerkämpfen. Und das kam so: Nach der ersten Rekonstruktion durch Conway Morris verwandelte sich Hallucigenia von einem sonderbaren Fossil, das keinem bekannten Bauplan ähnelte, in ein bizarres Symbol. Sie wurde zum »Träger der Botschaft des Burgess Shale« erhoben und sollte die unglaubliche anatomische Mannigfaltigkeit symbolisieren, die so früh und plötzlich in der Geschichte des mehrzelligen Lebens entstanden war. Ein völlig unerwarteter, als »kambrische Explosion« bezeichneter Evolutionsschub, dessen Ursache für Paläontologen und Evolutionsbiologen bis heute ein großes Rätsel darstellt.

    Hallucigenia faszinierte nicht nur einen kleinen Kreis fachkundiger Paläobiologen, sondern erlangte auch populärwissenschaftlichen Ruhm, ja wurde sogar zu einem Projekt der Kunstszene. Den verdankte sie nicht ihrem ambitionierten Erstbeschreiber Conway Morris, sondern dem streitbaren Paläontologen und bekannten Wissenschaftsautor Stephen Jay Gould. Der veröffentlichte 1989 den Bestseller »Wonderful Life – The Burgess Shale and the Nature of History«2). Darin analysierte er die Entdeckung und Beschreibung des bemerkenswerten Ensembles von Organismen, das vor rund 520 Millionen Jahren in einem kambrischen Meer entstanden war und deren Fossilien sich außergewöhnlich gut im Burgess Schiefer erhalten hatten.

    Das Hallucigenia-Projekt


    Dem Paläontologen Conway Morris wird es gar nicht gefallen haben, dass seine fehlerhafte Hallucigenia-Rekonstruktion sogar in einem Skulpturprojekt verewigt wurde.

    Der international agierende österreichische Künstler Martin Walde wurde durch Goulds Bestseller zu einem Skulpturprojekt inspiriert. Er schuf kleine Hallucigenia-Modelle aus dünnwandig geblasenen Glaskörpern, in denen verschieden farbige Gase eingeschlossen sind, die mit Hochfrequenztechnik zum Leuchten gebracht werden. Für ihn ist Hallucigenia, was es in den Wissenschaften einmal war: »Das ›Einhorn unserer Zeit‹, ein modernes Fabelwesen, dessen Erscheinung offen ist für Projektionen und Interpretationen«. Sie sei zu einem »modernen Mythos geworden, zwischen Definitionssucht und halluzigenem Rausch«.

    Während die Skulpturen seines Hallucigenia-Projektes ästhetisch ansprechend sind, erscheinen die Interpretationen übersteigert: »Durch das sich bewegende Gas in den reagenzglasähnlichen Röhren wird ein moderner Alchemismus heraufbeschworen, die rätselhaften Urzeitwesen zu neuem, technoiden Leben erweckt«. Zudem extrapolieren sie paläontologisches Halbwissen, da die »rätselhaften Urzeitwesen« des öfteren als »präkambrische Weichkörpertiere« bezeichnet werden. Aus stilistischer Sicht mag dies gerade noch akzeptabel sein, paläontologisch betrachtet wäre ein solcher Fund aber eine Sensation.

    Gould stellt fest, dass in jener dramatischen Zeit neben fast allen für die heutige Tierwelt grundlegenden Bauplänen (taxonomisch als Stämme bezeichnet) sogar noch weitere, kurze Zeit später wieder verschwundene Baupläne entstanden sind. Ausdrücklich rühmt er Conway Morris als den kühnen Vorreiter der Idee, dass die nicht klassifizierbaren Fossilien des Burgess Shale keineswegs primitive Merkmale trugen, aus denen die heute lebenden Stämme hervorgingen. Vielmehr hätte es sich bei diesen aus heutiger Sicht bizarren Lebewesen, um einzigartig spezialisierte Experimente im vielzelligen Körperbau gehandelt, die offenbar schon früh als evolutiver Versuch gescheitert seien.

    Dies widersprach diametral der konventionellen Vorstellung von Evolution, die beginnend mit einem primitiven Anfang von einer allmählich wachsenden Komplexität der Bauplantypen ausging. Dies hatte sich in unzähligen, sich kegelförmig nach oben aufweitenden Diagrammen und Stammbaumdarstellungen niedergeschlagen3). Diese Darstellungen gehen bekanntlich nicht auf Darwin (der sein epochales Werk über die Entstehung der Arten nur mit einem schlichten Diagramm illustriert hatte), sondern auf den großen Morphologen Ernst Haeckel zurück. Der hatte schon kurz nach der Erstveröffentlichung von Darwins Werk Stammbäume als ikonographische Norm für phylogenetische Zusammenhänge eingeführt.

    Nach Gould hätte der erzkonservative Entdecker des Burgess Shale Walcott diese Ikonographie verinnerlicht und die verblüffende anatomische Vielfalt der kambrischen Fossilien in die Schublade der bekannten Tierstämme gezwängt. Ihr plötzliches Auftreten hätte er gleich Darwin mit Lücken in der fossilen Überlieferung des Präkambriums erklärt. Zudem hätte sich in seiner Vorstellung von der allmählichen Entfaltung des Lebens, Gottes Absicht offenbart, das Leben nach einer langen Geschichte des Aufwärtsstrebens mit Bewusstsein zu erfüllen. Erst die über 50 Jahre später durchgeführte Revision hätte daher die tatsächliche Vielfalt und Bizarrheit der Fossilien des Burgess Shale deutlich gemacht.

    Der erfahrene englische Paläontologe Harry Whittington sowie seine beiden begabten Mitarbeiter, der Ire Derek Briggs und der bereits erwähnte Simon Conway Morris, hätten zwar Anfang der 1970er Jahre an Walcotts Interpretationen angeknüpft, sich dann aber zu einer neuen Sicht der Dinge durchgerungen. Für Gould, der wie viele Amerikaner einen Hang zu superlativen Bewertungen hat, ist der Übergang von Walcott zu Whittington ein Meilenstein, dessen Bedeutung kaum zu übertreffen ist4). Seine Schwärmerei war allerdings alles andere als uneigennützig, denn er machte sie zum Ausgangspunkt einer provokanten Theorie über die Rolle von Zufall und Notwendigkeit in der Geschichte des Lebens.

    Gould folgerte aus dem plötzlichen Auftreten grundlegender Baupläne und dem Fortbestand lediglich einzelner davon, dass die Evolution in der Frühphase geradezu fieberhaft Experimentierfreudigkeit war und später ein weit mehr von den Zufälligkeiten der Geschichte bestimmtes Geschehen darstellen würde, bei dem nicht der Tüchtigste, sondern der Glücklichste überlebe. Würde man die Zeit bis ins frühe Kambrium zurückdrehen, dann sähe das Ergebnis nach einem erneuten Ablauf ganz anders aus. Und deshalb stelle auch das menschliche Bewusstsein, das in einer klitzekleinen Seitenverzweigung des evolutiven Stammbusches entstanden sei, kein notwendiges, sondern ein höchst zufälliges Produkt der Evolution dar.

    Was Gould da als neue Theorie der Evolution formuliert hatte, ging den meisten seiner Fachkollegen erheblich gegen den Strich. Sie waren mit seiner radikalen Abkehr von einer reproduzierbaren Entwicklungsrichtung der Evolution als Folge der wechselhaften Geschichte unseres Planeten überhaupt nicht einverstanden. Sie vertraten die Auffassung, dass die Reduktion von Komplexität durch den Verlust von Bauplänen keineswegs irreversibel sei, da die natürliche Auslese kraftvoll genug sei, entstandene Lücken selbst nach Massensterben wieder zu schließen. Zufällig sei nur die Variation während der Selektionsdruck dem Evolutionsgeschehen – wie auch die vielen Konvergenzen zeigen würden – eine wiederholbare Richtung geben würde.

    Wütender Conway Morris – Ein unfreiwilliger Kronzeuge klagt an

    Es ist eine Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet Conway Morris, dem Gould eine Hauptrolle in seiner revolutionären Sicht der Dinge zugedacht hatte, zu einem seiner größten Gegenspieler wurde. Dabei hatte Gould ihn durch seinen Bestseller nicht nur als »intellektuellen Helden« bekannt gemacht, sondern sogar kokett vorgeschlagen (»obwohl es sicherlich keine von seinen Aufgaben sei«), ihm für seine exemplarische Analyse der kambrischen Fossilien den Nobelpreis zu verleihen. Auf den ersten Blick erstaunt daher, dass Conway Morris Goulds Lektionen über das Funktionieren der Evolution, die der Burgess Shale uns lehren sollte, nicht nur in Frage stellt, sondern ihn regelrecht mit Verachtung und Abscheu behandelt.

    In seinem Buch »The Crucible of Creation: The Burgess Shale and the Rise of Animals« (1998) rechnet Conway Morris mit seinem einnehmenden Förderer Gould ab. Er beschuldigt ihn, wieder und wieder zum Angriff auf die herrschende Evolutionstheorie zu blasen und dabei merkwürdig immun gegen tödliche Wirkungstreffer seiner Kontrahenten zu sein. Wenn der Staub und die Verwirrung sich gelegt hätten, würde er wie ein Phönix aus der Asche wieder auferstehen und den staunenden Zuschauern bekannt geben, dass das gegenwärtige Verständnis des Evolutionsprozesses bedenklich defizitär sei und ihnen ein manipuliertes Konzept der Evolutionstheorie unterschieben. Dabei würde er »die feine Linie zwischen Argumentation und Rhetorik« immer wieder verwischen.

    Diese »feine Linie« hatte zweifelsfrei auch Conway Morris bei seinem Kreuzzug gegen Gould verwischt. Und dies liegt nicht nur daran, dass er ein völlig anderes Verständnis von der Bedeutung des Burgess Shale für die Geschichte des Lebens hat, sondern auch daran, dass er sich von Goulds Schachzug, ihn als Kronzeugen für seine provokante Theorie zu präsentieren, überrumpelt fühlte. Conway Morris war darüber hinaus verärgert, dass Gould seine forsche Rekonstruktion von Hallucigenia, kurz bevor sie als Fehlinterpretation erkannt wurde, an so herausragender Stelle für die Nachwelt erhalten hatte. Und zu guter letzt wollte er nicht als Gewährsmann für jemand herhalten, der das menschliche Bewusstsein für eine fürchterlich unwahrscheinliche Laune der Natur hält.

    Um seinen Angriff auf Gould Glaubwürdigkeit zu verleihen, war Conway Morris gezwungen, sich von einigen seiner frühen Forschungsarbeiten zu distanzieren, die eng mit seiner wissenschaftlichen Karriere verbunden waren: Er und seine Kollegen hätten bei der Klassifizierung der Fossilien aus Walcotts Nachlass Fehler gemacht. Zu oft hätten sie gedacht, über einen neuen Bauplan gestolpert zu sein und in einigen Fällen hätte sie nicht erkannt, dass als eigenständig beschriebene Fossilien tatsächlich Fragmente eines einzigen Organismus waren. Zudem hätten neue Entdeckungen in chinesischen und grönländischen Lagerstätten Verbindungen geliefert, mit denen zuvor als bizarr betrachtete Burgess Shale-Fossilien in bestehende Tierstämme eingeordnet werden konnten 5).

    Der Pionier Walcott hätte keineswegs versucht, die von ihm entdeckten Fossilien in etablierte Kategorien zu bugsieren, sondern – wie sich später gezeigt habe – solide wissenschaftliche Arbeit geleistet. Dagegen habe sich das von Gould in seinem Buch »Wonderful Life« beschworene Starensemble »irrer Wundertiere« als ein Hirngespinst entpuppt. Süffisant fügte Conway Morris hinzu, dass der fossile Befund durch die Zähmung der kambrischen Chimären zwar nicht weniger interessant, aber Goulds ausladendes Theoriegebäude über den kontingenten Verlauf der Evolution damit ohne Grundlage sei. Die Burgess Shale-Kreaturen seien ganz normale Lebewesen und kein kauziges Kabinett, das eine Abkehr vom orthodoxen Mechanismus der Evolution erforderlich machen würde.

    Verständlicherweise war Gould von Conway Morris’ harscher Attacke überhaupt nicht angetan. Schließlich hätte er ihn über die Maßen gelobt und ihm eine Hauptrolle in seiner provokanten Geschichte über die Evolution des Lebens zugestanden. Conway Morris hätte zwar Fehler bei der Rekonstruktion von Fossilien eingeräumt, wollte aber offenbar vergessen machen, dass er damals die selben Schlüsse aus der Interpretation der Burgess Shale-Fossilien gezogen hatte, wie er (Gould) dies später getan hätte6). Aus seiner Sicht biss hier jemand in die Hand, die ihm einst das Brot gereicht hatte und zwar in einer Art, wie der Paläontologe Richard Fortey (1998) trefflich bemerkte, die für einem Schwarm Piranhas schicklich gewesen wäre.

    Darüber hinaus hätten die jüngsten Neuinterpretationen nicht die Fragen entschärft, mit welchem Mechanismus die verblüffende anatomische Vielfalt im frühen Kambrium evolviert sei und weshalb seitdem so gut wie kein neuer Tierstamm entstanden sei. Folglich sei weiterhin die Frage virulent, ob heute erfolgreiche Linien aus reproduzierbaren Gründen, wie überragendes biomechanisches Design oder perfekte ökologische Anpassung, überlebt hätten, oder ob die Natur eine große Lotterie mit der ursprünglich entstandenen Vielfalt gespielt hätte und moderne Taxa inklusive unserer eigenen Wirbeltierlinie einfach nur Glück bei der initialen Auslosung und auf ihren weiteren Wegen durch die Unwägbarkeiten der späteren Geschichte gehabt hätten?

    Eigenwillige Wundertiere – Vom zwiespältigen Umgang mit Symbolen

    Diese äußerst komplexen Fragen sollen und können hier nicht entschieden werden. Es sei nur darauf hingewiesen, dass das plötzliche Auftreten der »Hauptabteilungen des Tierreichs in den ältesten der bekannten fossilführenden Schichten« schon von dem Gradualisten Darwin zu einem Prüfstein für seine Theorie gemacht worden war: »Wer unsere geologischen Urkunden für annähernd vollständig hält, muss meine Theorie verwerfen.« Stattdessen wollen wir uns anschauen, wie Gould mit der Dekonstruktion von Hallucigenia, die er zu einem Symbol für die bizarre Vielfalt und Einzigartigkeit der Burgess Shale-Fossilien erhoben hatte, umgegangen ist

    Er schreibt: »Wir brauchen Symbole zur Darstellung einer Mannigfaltigkeit, die wir uns im Kopf nicht vollständig vergegenwärtigen können.« Das trifft zwar zu, ist aber mit Risiken verbunden, denn wenn das Symbol in die Kritik gerät, wird auch die Sache, für die es steht, in Frage gestellt. So auch in diesem Fall: Das »irre Wundertier« Hallucigenia wurde aufgrund von neuen paläontologischen Befunden gezähmt und seines ursprünglichen Symbolgehaltes beraubt und verwandelte sich von einem Symbol, das für die bizarre Vielfalt der Burgess Shale-Fossilien steht, zu einem Symbol für die kuriose Fehlleistung eines übereifrigen Paläontologen.

    Goulds provokante Geschichte über die Dominanz des Kontingenten in der Evolution büßte durch die Entzauberung des »irren Wundertieres« spürbar an Überzeugungskraft ein. Er geriet in die Defensive und sein Rückgriff auf eine naive Fehlkonstruktion wurde als symptomatisch dafür angesehen, dass die Geschichte insgesamt keine solide Grundlage hätte. Diese Bewertung bot sich zwar an, war aber nicht viel mehr als ein rhetorischer Kunstgriff, denn Goulds umstrittene Theorie über die Rolle von Zufall und Notwendigkeit in der Evolution fußte nicht nur auf einer überinterpretierten Fehlkonstruktion, sondern war solide ausgearbeitet.

    Da Gould nicht zur Belehrbarkeit neigt, regierte er auf die Kritik betont gelassen. Er zeigte sich interessiert an der Neukonstruktion und versuchte, ihre Bedeutung für seine Theorie herunterzuspielen7). Was nicht so einfach war, denn den beiden Autoren der Revision war es gelungen, ihren Artikel »New Early Cambrian Animal and Onychophoran Affinities of Enigmatic Metazoans« im führenden englischen Wissenschaftsmagazin Nature zu veröffentlichen. Dass deren Redaktion sich für die Zähmung bizarrer kambrischer Würmer interessierte, hing sicherlich auch mit Goulds umstrittenen Bestseller zusammen.

    Knapp ein dreiviertel Jahr später schrieb Gould für seine Kolumne in der Zeitschrift »Natural History« einen Beitrag mit dem Titel »The Reversal of Hallucigenia - Scientists have recently uncovered the impressive pedigree of a lowly, misunderstood creature«. Wer jetzt allerdings glaubt, dass er ihn damit einleitet, dass er die fehlerhafte Rekonstruktion von Hallucigenia zum Träger der oder genauer gesagt seiner »Botschaft des Burgess Shale« erhoben hatte, der täuscht sich. Außer in der Überschrift und in einer Abbildung sucht man den Namen Hallucigenia in der ersten Hälfte des knapp acht Seiten umfassenden Beitrages vergeblich.

    Stattdessen schwärmt Gould über die lateinische Bezeichnung des Samtwurmes. Dessen entzückender Name »Peripatus«, der übersetzt soviel wie schreitender Wurm bedeute, sei die von ihm favorisierte Bezeichnung für eine Tiergattung. Schon der berühmte Aristoteles hätte es geliebt, beim Unterrichten in einem Wandelgang (Peripatos) auf und ab zu gehen... Der einzig erkennbare Zusammenhang zwischen diesem gestelzten Einstieg und der im Titel angekündigten Thematik: Der in tropischen Regenwäldern lebende Samtwurm ist das prominenteste Mitglied des kleinen Tierstammes der Stummelfüßer, an dessen Basis die revidierte Rekonstruktion von Hallucigenia eingeordnet wurde.

    Erst spät kommt Gould zum (wunden) Punkt, also zur Dekonstruktion seines »irren Wundertieres« Hallucigenia8). Geschickt umgeht er die Frage, ob sich daraus Konsequenzen für seine provokante Theorie ergeben. Ja, er lässt sogar seinen Helden Conway Morris im Regen stehen und ihn die ganze Schmach der Dekonstruktion von Hallucigenia tragen, deren Konstruktion er einst so bejubelt hatte. Erst am Ende seines Beitrages bedauert er tränenreich, ein kauziges Symbol verloren zu haben. Heuchelnd fügt er hinzu, dieser Verlust würde durch neue faszinierende Einsichten in die ruhmreiche Geschichte der Vorfahren seines bevorzugten Namensträgers Peripatus mehr als kompensiert.

    Conway Morris, Gould und Dawkins – Eine komplizierte Gemengelage

    Wir verstehen jetzt vielleicht etwas besser, warum Conway Morris eine an Abscheu grenzende Abneigung gegen Gould entwickelt hat. Der hatte einer kuriosen Fehlleistung von ihm zu zweifelhaftem Ruhm verholfen, eine provokante Theorie darauf aufgebaut, die ihm zuwider war und sich von ihm distanziert als es brenzlig wurde. Was wir noch nicht so richtig verstehen, ist sein Sinneswandel bezüglich seiner kambrischen Würmer, die er Ende der 1970er Jahre in Publikationen und auf Tagungen einem erstaunten Fachpublikum präsentierte und die ihm damals nicht »bizarr, traumartig und enigmatisch« genug sein konnten. Dafür gibt es nur eine plausible Erklärung und die hängt damit zusammen, dass er ein bekennender Christ ist oder doch zumindest geworden war.

    Durch Goulds Buch scheint ihm bewusst geworden zu sein, dass man auf seiner Interpretation der Burgess Shale-Fossilien ein Theoriegebäude errichten konnte, das nicht zu seiner Weltanschauung passte. Als Christ war für ihn undenkbar, dass das Ergebnis der Evolution auf einem niedrigeren Bewusstseinsniveau stehen bleiben könnte, wenn man das Band zurückspulte und noch einmal ablaufen lassen würde. Er glaubte an einen großen Plan, der in das Gesamtsystem der Natur einprogrammiert war und beginnend mit dem Urknall zwangläufig zum Menschen oder dich zumindest zu einem menschenähnlichen Wesen führen würde. Und damit dieser Plan funktionierte, musste es eine kontinuierliche, von Notwendigkeiten gesteuerte und keine kontingente, Zufällen ausgelieferte Evolution geben.

    Nach seinen eher wilden Jahren zu Beginn seiner wissenschaftlichen Karriere kehrte Conway Morris in Darwins Schoß zurück. Dem standen allerdings noch die von ihm selbst geschaffenen Monster im Weg, die beziehungslos in der Geschichte zu stehen schienen. Deshalb sah er Eingliederung von Hallucigenia und einigen anderen kambrischen Wundertieren in rezente Stämme – abgesehen davon, dass er sie nicht selbst durchgeführt hatte – insgesamt positiv. Sein Beitrag zur Stärkung des Gradualismus bestand darin, anhand von Konvergenzen zu zeigen, dass ähnliche Problemlagen in der Natur immer wieder zu ähnlichen Lösungen geführt hätten. Das Auftreten komplexer biologischer Systeme sei daher keine zufällige, sondern eine notwendige evolutionäre Entwicklung.

    Gould vertrat die Auffassung, dass die Bedeutung konvergenter Entwicklungen vielfach überbewertet würde. Zudem würden diese nicht aus dem Nichts entstehen, sondern aus ähnlichem genetischen Ausgangsmaterial, das aber eben historisch zufällig entstanden sei. Als Agnostiker fand er die Vorstellung nicht befremdlich, dass die Evolution bei einem erneutem Abspulen des Bandes statt eines intelligenten Großsäugers nur einen dementen Trilobiten hervorbracht hätte. Und selbst wenn die Evolution weitergegangen wäre, gab es nicht das geringste Indiz dafür, dass die Dinosaurier, wenn sie keinem Asteroidenschlag zum Opfer gefallen wären und den Säugern keinen Platz gemacht hätten, das Potenzial gehabt hätten, zu intelligenten Lebewesen zu evolvieren.

    Erstaunlicherweise wurde im Verlauf der Auseinandersetzung nicht Conway Morris, der an einen großen Plan hinter den Dingen glaubte, sondern dem Agnostiker Gould vorgeworfen, den Kreationismus zu unterstützen. Mit seiner Überbetonung der Bedeutung des zügellosen Zufalls und seinem Infragestellen der kontinuierlichen Gestaltungskraft der natürlichen Auslese (also seiner Kritik am Darwinschen Gradualismus) würde er christlichen Fundamentalisten in die Hände spielen. Man warf ihm vor, ein »zufälliger Schöpfungstheoretiker« zu sein, der schlecht für die Sache der Evolution sei. Das ganze gipfelte darin, dass sich sogar der erklärte Berufsatheist Richard Dawkins der Kritik anschloss und auf die Seite des bekennenden Christen Conway Morris schlug.

    Nun ist zwar bekannt, dass Dawkins kein Freund des brillanten Evolutionstheoretikers und begnadeten Geschichtenerzählers Gould ist, weil er mit ihm darum konkurriert, wer Darwins legitimer Stellvertreter auf Erden ist. Allerdings irritiert dann doch, dass Dawkins, der sich als biologistischer Hassprediger einen Namen gemacht hat, sich mit jemand verbündet, der keinen Hehl daraus macht, dass er mit seinem Glauben an eine kontinuierliche Evolution Naturwissenschaft und Theologie versöhnen möchte. Daraus kann man nur schließen, dass Dawkins die von Gould angestrebte Revision des Darwinschen Gradualismus erheblich mehr fürchtet als dessen religiöse Interpretation.

    Dawkins schwärmt davon, dass die Evolution Lebewesen hervorgebracht hat, die in der Lage sind, ihre eigene Entstehung zu reflektieren. Von dieser Vorstellung ist er auch deshalb verzückt, weil er wie kaum ein anderer die Fähigkeit besitzt, darüber auf poetisch ansprechende Weise zu schreiben. Seine wohlformulierten Geschichten basieren allerdings alle auf dem gleichen Grundmuster einer kontinuierlichen Evolution. Er folgt damit unbewusst, einem Grundbedürfnis des menschlichen Bewusstseins, bruchstückhafte Informationen zu lückenlosen Geschichten zusammenzufügen. Und hier schließt sich der Kreis zu dem Beginn dieses Beitrages: Wir Menschen haben nicht nur das Genie, Unvollständiges zu vervollständigen, wir haben auch einen Zwang dies zu tun, und der verleiht unseren Geschichten oft mehr märchenhafte als Züge uns lieb ist.

    Anmerkungen

    1) Walcott hatte das Fossil fälschlicherweise für einen Vielborster (also einen gewöhnlichen Ringelwurm) gehalten. Er gab ihm den Namen Canadia sparsa. Davon hat sich nach der Neubeschreibung durch Conway Morris nur das Epitheton »sparsa« erhalten.

    2) Titel der deutschen Ausgabe (1991): »Zufall Mensch – Das Wunder des Lebens als Spiel der Natur«.

    3) Gould bemerkte, dass das Bild des Stammbaumes durch einen Evolutionsbusch ersetzt werden müsse und diese gleiche aufgrund der maximalen anfänglichen Vielfalt der Baupläne mehr einem Weihnachtsbaum als einem auf die Spitze gestellten Kegel!

    4) Im Kontrast dazu formulierte Whittington mit typisch britischen Understatement, dass der Burgess Shale viele Tiere von ungewisser Zugehörigkeit enthalte.

    5) U. a. hat man raupenähnliche Fossilien mit ungegliederten Extremitäten (wie eben Hallucigenia) in die ausgestorbene Gruppe der Lobopoden gepackt, die an der Basis des heute noch existenten Stammes der Stummelfüßer (Onychophora) stehen soll. Die systematische Stellung der Lobopoden im Speziellen und der Stummelfüßer im Allgemeinen ist aufgrund ihrer widersprüchlichen Merkmalskombinationen umstritten. In einer Hypothese werden sie als evolutionäres Bindeglied zwischen den Ringelwürmern (Annelida) und Gliederfüßern (Arthropoda) betrachtet, in einer anderen als Schwesterngruppe der Gliederfüßer. Da die phylogenetischen Beziehungen bei der Entstehung von vielzelligen Lebwesen bis heute unklar sind, herrscht an der Basis der Stammbäume eine taxonomische Verwirrung.

    6) Conway Morris schrieb Ende der 1970er Jahre: »Our hypothetical time travellers would have no means of predicting which groups would be destined to success, which to failure by extinction. ( … . ) If the Cambrian explosion were to be rerun, I think it likely that about the same number of basic body-plans would emerge from this initial radiation. However there seems little guarantee that the same phyla would emerge«. Nichts anderes hatte Gould in seinem Bestseller proklamiert.

    7) Gould neigt dazu, neue wissenschaftliche Befunde ziemlich schnell als tragende Pfeiler in seine provokanten, etwas abseits vom Mainstream errichteten Gedankengebäude einzubauen. Da es immer wieder vorkommt, dass neue Befunde später revidiert werden, hat Gould eine gewisse Routine entwickelt, seine in Schräglage geratenen Gedankengebäude stabil zu reden.

    8) Gould wörtlich: »But the big boost (...) finally occurred on May 16,1991,...«. Womit sich die alte Frauenklage bestätigt, dass man bei einem Mann jede Schwärmerei, die vor einem »aber« steht, vergessen kann.

    Literatur

    Bergström, Jan & Hou, Xiangung (1998): Chengjiang Arthropods and Their Bearing on Early Arthropod Evolution. – In: Edgecombe, Gregory D. (Hg.): Arthropod Fossils and Phylogeny. – New York

    Conway Morris, Simon (1977): A new metazoen from the Cambrium Burgess Shale, British Columbia. – In: Palaeontology 20: 623-640

    — (1998): The Crucible of of Creation: The Burgess Shale and the Rise of Animals. – Oxford University Press

    Dawkins, Richard (2008): Geschichten vom Ursprung des Lebens – Eine Zeitreise auf Darwins Spuren. – Berlin

    Fortey, Richard (1998): Shock Lobster – The Crucible of Creation: The Burgess Shale and the Rise of Animals by Simon Conway Morris. – In: London Review of Books 20 (19): 24-25

    Gilberti, Walter (2002): Zum Tode des Paläontologen Stephen Jay Gould. – In: World Socialist Web Site vom 12.Juli 2002 (www.wsws.org)

    Gould, Stephen Jay (1991): Zufall Mensch – Das Wunder des Lebens als Spiel der Natur. –München/Wien

    — (1992): The Reversal of Hallucigenia – Scientists have recently uncovered the impressive pedigree of a lowly, misunderstood creature. – In: Natural History 101 (1): 12-20

    Gould, Stephen Jay & Conway Morris, Simon (1998): Showdown on the Burgess Shale (The Challenge by Conway Morris / The Reply by Gould). – in: Natural History 107 (10): 48-50

    Hou, Xianguang & Bergström, Jan (2003): The Chengjiang fauna – the oldest preserved animal community. – In: Palaeontological Research 7(1): 55-70

    Levinton, Jeffrey S. (1993): Die explosive Entfaltung der Tierwelt im Kambrium. – In: Spektrum der Wissenschaft, H. 1: 54-62

    Nessler, Susanne (2005): Zufall Mensch – Vom großen Plan hinter den Dingen des Lebens. – www.dradio.de/dkultur/sendungen/thema/392795/

    Ramsköld, Lars & Hou, Xianguang (1991): New Early Cambrian animal and onychophoran affinities of enigmatic metazoans. – In: Nature 351: 225–228.

    Ramsköld, Lars (1992): The second leg row of Hallucigenia discovered. – In: Lethaia 25: 443–460

    Whittington, Harry B. (2002): The Burgess Shale, retrospekt and prospekt. – In: Palaeontological Research 7(1): 3-7

    G. M., 12.06.10


     

     

    Teamwork

    Hallucigenia

    Verblüffende Ähnlichkeit zwischen dem Signet einer Beratungsfirma und der Fehlkonstruktion von Hallucigenia durch Conway Morris. Das Signet suggeriert funktionierende Teamarbeit als Schlüssel zum Erfolg. Dies mag für die Bewältigung definierter Aufgaben gelten, aber nicht für die Lösung von Rätseln, wie dies z. B. bei der Rekonstruktion und taxonomischen Einordnung von schlecht erhaltenen Fossilien der Fall ist. Hier ist der Schlüssel zum Erfolg weniger ein Produkt von gut organisierter Teamarbeit als vielmehr das Ergebnis eines oft erbitterten Streits zwischen eingefahrenen Grundüberzeugungen und abartigen Ideen.
     

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