Dieser, von den neuen (evolutionären) Atheisten gerne zur Illustration ihrer naturalistischen Manifeste verwendete,
vermeintlich mittelalterliche Holzschnitt ist ein schönes Beispiel dafür, wie
ahnungslos diese
ambitionierten ›Aufklärer‹ die Welt und die Weltgeschichte für sich und ihre Ziele instrumentalisieren.
Keep On Swinging!
Bungee-Trampolin vor dem Kloster Liesborn
Ich wünsche allen Lesern meiner Website einen schwungvollen Start ins Neue Jahr, denn in Schwung zu bleiben,
scheint das beste Mittel zu sein, um sich mit Fragen wie
»Wer zieht die Fäden?«
nicht das Hirn zu zermartern. Deren Beantwortung sollte man Experten überlassen, die dafür bezahlt werden und Freude daran finden, wie z.B. moralinsauren Existenzphilosophen,
durchgeknallten Kernphysikern und erzreaktionären Würdenträgern.
G.M., 01.01.2012
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Die wahrscheinliche Weihnachtsgeschichte
Die meisten Althistoriker hielten die Jungfrauengeburt Jesu in einem Stall am Ort der
Geburtsgrotte
schon immer für eine frivole Göttergeschichte, bei der hellenistische
Mythen Pate gestanden haben. Diese häretische Auffassung fand nun überraschend
naturwissenschaftliche Unterstützung. Bahnbrechende astrophysikalische Experimente auf dem
Weihnachtsmarkt in Delbrück
machen wahrscheinlich, dass das Christuskind vom Stern zu Betlehem auf die Erde
gebeamt wurde!
G.M., 17.12.2011
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Afrikanische Lebensfreude
Für einen Europäer ist es nahezu unfassbar, dass es in Afrika, dem von Bürgerkrieg, Gewalt und
bitterster Armut gequälten Kontinent, unerschütterliche Lebensfreude, die sich z. B. wie hier im
rhythmischen Tanz zeigt, im schlimmsten Elend gibt.
Wohl nicht umsonst hat der einflussreiche Kirchenlehrer Augustinus (354-430) der abendländischen
Christenheit folgenden Spruch mit auf den Weg gegeben: »Oh Mensch lerne tanzen, sonst wissen die
Engel im Himmel mit Dir nichts anzufangen !«
Wer sich darauf einlässt, wird feststellen, was Tanzen für einen Europäer bedeutet, nämlich in
Anlehnung an ein Bonmot, 10 Prozent Inspiration und 90 Prozent Transpiration. Mit anderen Worten,
er wird jeden Afrikaner beneiden, dem die rhythmische Körperbewegung in die Wiege gelegt worden ist.
G.M., 16.04.2011
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Suizidbomber
Tauben sind nicht nur seit Urzeiten Friedenssymbole und Hoffnungsträger, sondern waren noch im ersten
Weltkrieg ein archaisch anmutendes, später oft verklärtes Instrument der Nachrichtenübermittlung zwischen
vorderster Front und Führungsstab. Bis heute ist die tragisch-anrührende Geschichte überliefert, dass die
letzte Taube, die die von den Deutschen im Forts Vaux in Verdun eingeschlossenen Franzosen losschickten,
nach der Überbringung der Nachricht an einer Gasvergiftung starb.
Dagegen amüsiert uns die hier abgebildete, mit einer Dynamitladung aufgerüstete Taube, da sie die
Ikonographie des fanatischen Islamismus karikiert.
Gleichzeitig lässt sie uns aber aufgrund der
nicht enden wollenden Nachrichten über barbarische Selbstmordattentate das Blut in den Adern gefrieren.
Denen fallen zwar vor allem muslimische Zivilisten zum Opfer, aber spätestens die Terroranschläge
vom 11. September haben gezeigt, dass eine Kultur, die den Märtyrertod verherrlicht und als Beitrag
zur (posthumen) Identitätsfindung stilisiert, auch die westliche Zivilisation bedroht.
G.M., 01.04.2011
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Fehlender Elementarbaustein nun endlich gefunden
Die aufwändige Auswertung der jüngsten Large Hadron Collider (LHC) Experimente im europäischen
Kernforschungszentrum (CERN) bei Genf führte zu einem überraschenden Ergebnis. Die geheimnisvollen
Higgs-Boson-Felder, die das gesamte Universum durchdringen sollen, ähneln Druckknopfkarten.
Schon vor hundert Jahren hat der Druckknopf die Herzen fleißiger Hausfrauen und findiger
Heimwerker erobert. Nicht ohne Grund hieß der Werbespruch der Herstellerfirma Prym: »Die Mode wechselt,
aber der Druckknopf bleibt!« Jetzt ist der Knopf auch aus der Welt der Elementarteilchen nicht
mehr wegzudenken.
Immer mehr Hochenergie-Physiker sind davon überzeugt, dass der verbürgt rostfreie Druckknopf,
der aus einem Teilchen und einem Antiteilchen besteht, die durch eine starke, aber sanft lösbare
Wechselwirkung verbunden sind, das Elementarteilchen schlechthin ist, ja das »Gottesteilchen« ist,
das sie seit fünfzig Jahren suchen.
G.M., 05.03.2011
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Patti Smith – Eine stilbildende Rockikone1)
Robert Mappelthorpe
Durch ihr 1975 erschienenes Debütalbum Horses wurde Patti Smith zu einer bekannten Rockpoetin. Der erste
Satz auf Horses »Jesus died for somebody's sins, but not mine« ist bis heute unvergessen. In dem dazu
gehörigem Song Gloria offenbart sich das unglaubliche Spektrum ihres Gesanges: Wispernd, jauchzend, zischend
und heulend. Sie selbst beschrieb ihre künstlerische Unternehmung als »Drei-Akkord-Rock verschmolzen mit
der Macht des Wortes«. In ihrer Poesie kombiniert sie zornige Anklage mit melancholischen Beschwörungen und
tiefer Bewunderung der Schönheit des Lebens.
Auf dem Cover des Albums zeigt sie sich mit selbstbewusstem Blick und in männlicher Pose mit weißem Hemd und dünner
Krawatte. Sie verstieß damit gegen ein fundamentales Gesetz der Plattenindustrie, das besagt, dass weibliche
Rockstars hübsch erotisch sein müssen. Der Plattenproduzent wollte das Porträt, das eine neue bisher ungewohnte
Form von Erotik verkörperte, am Liebsten verbrennen und verlangte, dass zumindest ihr Oberlippenbart retuschiert
würde. Patti gab nicht nach und behielt recht. Heute zählt Horses zu den besten Plattencovern aller Zeiten.
Das Cover stammt von dem drogensüchtigen New Yorker Skandalfotografen Robert Mapplethorpe, mit dem sie zeitweise
zusammenlebte und der ihr zeitlebens viel bedeutete. Beide waren Genies, beide waren gestrandet und beide hatten
große Ziele. Das Porträt
entstand in Mapplethorpes Appartement. Um das strahlende Weiß ihres Shirts hervorzuheben,
bat er sie, ihr Jackett im Frank Sinatra-Stil locker über die Schulter zu werfen. Sie sagte später, wann immer
sie diese magische Aufnahme anschaue, sehe sie nicht sich, sondern ihn und sie.
Der weltweite Durchbruch gelang der rebellischen Rockpoetin mit ihrem 1978 erschienenen und auch kommerziell sehr
erfolgreichen Album Easter. Darin ist auch ihr größter Hit »Because The Night« enthalten2), den Bruce Springsteen
geschrieben hatte und der eine leidenschaftliche Hymne an die Liebenden ist. Spätestens mit diesem Album wurde
Patti Smith als Sängerin, Dichterin, Gitarristin und Komponistin zu einem Kultstar der Punk-Popkultur (›Godmother of Punk‹)
und zu einer Hohepriesterin der New Wave-Bewegung.
In Deutschland hatte sie besonders viele Bewunderer. Legendär ist ihr Rockpalast-Konzert von 1979 in der Essener Grugahalle,
das im Fernsehen live übertragen und von Millionen gesehen wurde3). Was die Fans damals nicht wussten: Kurze Zeit später würde
sich ihr Idol auf dem Höhepunkt seiner Karriere aus dem Musikgeschäft zurückziehen. Sie hatte sich in den Musiker
Fred ›Soni‹ Smith verliebt, der ihr den ungewöhnlichen Antrag gemacht hatte, sie zu heiraten, Kinder zu bekommen, aufs
Land zu ziehen und in Abgeschiedenheit zu leben.
Ihr Rückzug brachte ihr auch Ärger ein. Patti Smith war nicht nur ein berühmter Rockstar, sondern sie war eine Ikone der aufstrebenden
Frauenbewegung. Für viele Mädchen verkörperte sie eine Identifikationsfigur, die eine starke Erotik ausstrahlte und erfolgreich etwas
darstellte, ohne sich ständig an irgendwelche Mode- und Verhaltensklischees anpassen zu müssen. Einigen Feministinnen war ihr Rückzug
ins Familiäre allerdings ein Dorn im Auge. Ohne Umschweife verlangten sie, dass sie sich als Lesbierin outen solle.
Viele von Patti Smith’s engsten Vertrauten sind früh gestorben. Ihr bester Freund der Fotograf Robert Mapplethorpe starb
1989 an AIDS, ihr Ehemann und Vater ihrer zwei Kinder 1994 an einem Schlaganfall und ihr Bruder und Tourmanager kurz darauf an einem
Herzinfarkt. Trotz vieler Schicksalsschläge und ihrer kritischen Weltsicht hat Patti Smith nie einen Hang zur Selbstzerstörung oder
zur Drogensucht entwickelt4). Stattdessen ist aus der unruhestiftenden Rebellin von einst eine warmherzige, weise Frau
geworden, die es geschafft hat, als Legende alt zu werden5).
Im März 2007 wurde Patti Smith in die Rock ›n‹ Roll Hall of Fame aufgenommen. Sie nahm diese Auszeichnung in Gedenken an
ihren verstorbenen Ehemann Fred ›Soni‹ Smith entgegen. Im November 2010 erhielt sie in New York
für »Just Kids – Die Geschichte einer Freundschaft«, das autobiografische Buch ihres Lebens mit
dem Fotografen Robert Mapplethorpe, den National Book Award für das beste Sachbuch. Mit der Veröffentlichung
des Buches löste sie ein Versprechen ein, das sie Mapplethorpe vor seinem Tod gegeben hatte, seine und ihre
gemeinsame Liebesgeschichte aufzuschreiben.
Anmerkungen
1) Für Nutti, deren bizarren Lebensweg ich in einem ursprünglich auf zwei Monate befristeten Forschungsvorhaben
unvorsichtig und laut verfolgen durfte und die mir faszinierende Einblicke in für mich bislang verschlossene Welten ermöglichte.
2) Because The Night
Take me now baby here as I am
Pull me close, try and understand
Desire is hunger is the fire I breathe
Love is a banquet on which we feed
Come on now try and understand
The way I feel when I'm in your hands
Take my hand come undercover
They can't hurt you now,
Can't hurt you now, can't hurt you now
Because the night belongs to lovers
Because the night belongs to lust
Because the night belongs to lovers
Because the night belongs to us
Have I doubt when I'm alone
Love is a ring, the telephone
Love is an angel disguised as lust
Here in our bed until the morning comes
Come on now try and understand
The way I feel under your command
Take my hand as the sun descends
They can't touch you now,
Can't touch you now, can't touch you now
Because the night belongs to lovers ...
With love we sleep
With doubt the vicious circle
Turn and burns
Without you I cannot live
Forgive, the yearning burning
I believe it's time, too real to feel
So touch me now, touch me now, touch me now
Because the night belongs to lovers ...
Because tonight there are two lovers
If we believe in the night we trust
Because tonight there are two lovers ...
3) Sie sagte später, sie sei zu Beginn des Konzertes eigentlich nicht gut drauf
gewesen, aber die Fans hätten eine unglaubliche Energie gehabt, die sich auf sie übertragen hätte.
4) Patti Smith sagt von sich selber, dass sie nur wenige Male in ihrem Leben harte
Drogen genommen habe und kein suchtgefährdeter Typ sei. Allerdings wäre sie in Szenezeiten auch
nüchtern nie ein ganz normaler Typ gewesen. Mapplethorpe, der LSD nahm, hätte immer behauptet,
dass sie auch ohne Drogen, zugedröhnter als er wirken würde.
5) Musikkritiker meinen, dass dies zwar der menschlichen Seite der faszinierenden
Künstlerin zu gönnen ist, ihr musikalisches Werk aber nicht wesentlich vorangebracht habe. Ohne
Frage kommt diese Wendung aber ihrem schriftstellerischen Werk zu gute, dem sie sich in den
letzten Jahren verstärkt gewidmet hat.
Quellen
Amend, Christoph (2010): Die Überlebende – Sex, Drogen, Rock’n’Roll: Die Sängerin Patti Smith hat
alle Extreme überstanden. Aber wie? – In: ZEITmagazin vom 11.03.2010, Nr. 11
Ameri-Siemens, Anne (2010): Patti Smith im Gespräch – Mir war einfach nie langweilig. – In:
FAZ.NET
Der Skandalfotograf Robert Mapplethorpe war von 1967 – 1975 Patti Smith’s Geliebter und bis zu seinem Tod ihr
engster Vertrauter. Sie gab ihm Kraft und er stärkte ihr Selbstbewusstsein. Als sie erfuhr, dass er homosexuelle
Neigungen hat, dachte sie, er sei schwul geworden, weil sie ihre Rolle als Lebenspartnerin nicht erfüllt habe. Eine Zeit lang
lebten sie im legendären New Yorker Künstlerhotel Chelsea, in dem damals viele bekannte Künstler
wie Jimi Hendrix, Janis Joplin, Bob Dylan, die Bandmitglieder von The Velvet Underground oder
die komplette Andy Warhal-Factory ein- und ausgingen oder logierten.
Postmortale Photographie
Totes Mädchen mit Hund - Foto: Sammlung Eleanor Crook
Das Aufkommen der Photographie im 19. Jahrhundert ermöglichte vielen Menschen, ein Erinnerungsbild
von einem Verstorbenen zu bekommen. Die zuvor verbreitete Porträtmalerei war nur einer Elite vorbehalten.
Bei niedrigem Einkommen war jedoch auch ein Foto noch recht teuer. Daher war ein postmortales Foto
oft das einzige Porträt eines Verstorbenen. Die postmortale Photographie war im 19. Jahrhundert ein
eigenes Genre. Wegen der hohen Säuglingssterblichkeit gab es besonders viele Aufnahmen von verstorbenen
Kleinkindern. Die Kinder wurden nicht im Sarg, sondern in ihrem Bett, auf einer Couch oder auf einem
Stuhl fotografiert, oft mit ihrem Lieblingsspielzeug oder wie hier mit einem Hund. Mit dem Aufkommen
von erschwinglichen Kameras im 20. Jahrhundert gab es weniger Bilder von Leichen. Im
beginnenden 21. Jahrhundert gelang mir auf dem Berliner Kunstmarkt am Zeughaus
folgende (postmortale) Aufnahme.
Das weiße (Leichen)-Tuch und die gefalteten Hände deuten an, dass der Hund tot zu sein scheint.
Tatsächlich war er nur von der hochsommerlichen Hitze und dem bunten Treiben auf dem Markt völlig
erschöpft und schläft.
G.M., 01.11.2010
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Phantastische Säuger
»Phantasie ist wichtiger als Wissen, denn Wissen ist begrenzt!«*)
*) Das Zitat wird Albert Einstein zugeschrieben, ist aber nicht völlig authentisch.
Die Originalversion in englischer Sprache, die auch andere Deutungen/Übersetzungen zulässt,
lautet: »Imagination is more important than knowledge. For knowledge is limited to all
we now know and understand, while imagination embraces the entire world, and all there ever
will be to know and understand.«
G.M., 10.10.2010
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Legendenbildung um ein legendäres Bild*)
Ein Missionar des Mittelalters berichtet,...
Dieser vermeintlich mittelalterliche Holzschnitt ist eine sehr beliebte Illustration, um das menschliche
Erkenntnisstreben zu versinnbildlichen: Der Mensch ist durch sein eigenes Vermögen dazu fähig, Grenzen
zu überwinden und in neue Welten vorzudringen. Es scheint so, als wird hier eine tief in uns sitzende
Sehnsucht in einer kompositorisch recht einfach aufgebauten Darstellung mit geläufigen Bildelementen
ausgedrückt. Die Identifikation mit dem Wanderer, der das Ende der Welt, das Ende seiner bisherigen
Weltkenntnis und seines Wissens erreicht hat und im selben Augenblick erweitert, wird beim Betrachter evoziert.
Diese Abbildung wird von Autoren immer wieder in Büchern,
Zeitschriften
oder auf Webseiten**) – oft
auch koloriert
und umgestaltet – dazu
benutzt, um den aufkommenden Wissensdurst am Übergang vom Mittelalter zur Renaissance zu illustrieren. Doch dies ist
eine (Selbst-)Täuschung, denn es handelt sich um keinen Holzschnitt aus dem 16. Jahrhundert,
sondern um eine Abbildung, die zum ersten Mal in dem im Jahre 1888 erschienenen Buch »L’Atmosphere.
Météorologie Populaire« des französischen Astronoms, Ballonfahrers und Erfolgsautors
Camille Flammarion (1842-1925) veröffentlicht wurde.
Die ironische Bildunterschrift verkündete damals zweideutig: »Ein Missionar des Mittelalters berichtet,
er habe den Punkt gefunden, wo Himmel und Erde sich berühren.« Aus Flammarions Buch geht klar hervor, dass
hier die Erscheinungsform der Atmosphäre illustriert werden sollte, deren Durchdringung auch er selber bei
seinen Höhenflügen mit dem Ballon irrtümlicherweise erwartet hatte. Dass auch beim Besteigen der Berge die
Atmosphäre durchdrungen werden könne – so die Botschaft des Bildes – sei ein noch im Mittelalter wurzelnder
Aberglaube!
**) Bezeichnenderweise hat der Chemie-Ingenieur Martin Neukamm, der sich in Deutschland zu
einer der Hauptpropagandisten des neuen (evolutionären) Atheismus gemausert hat, der Abbildung auf seiner
der ›Aufklärung‹ verpflichteten Website den Namen »Naturalismus« gegeben!
G.M., 08.04.2010
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Der Kosmos des christlichen Abendlandes
Die Säkularisierungsbewegungen in Westeuropa und Nordamerika können nicht darüber hinwegtäuschen, dass
die Idee des Christentums, also der christliche Werte- und Zeichenvorrat, global betrachtet eine beeindruckende
Erfolgsgeschichte ist.
G.M., 02.04.2010
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Über die Himmelsfähigkeit der Gottesanbeterin und dessen Einfluss auf ihr Vorkommen
Horst Helwig
Im Mittelalter gab es eine theologische Diskussion über die Frage, welche Rolle die Vernunftbegabtheit
und Willensfreiheit für das Heil der Seele spielen. Der Titanic-Autor Eckard Henscheid hat diese alte
Diskussion aufgegriffen und sich in seinem tier-theologischen Grundlagenwerk »Welche Tiere und warum
das Himmelreich erlangen können« (1995) entzückende Gedanken über die Himmelsfähigkeit der Tiere gemacht: So
räumt er dem Leoparden keine Chance auf den Himmel ein, weil er seine Beute immer von hinten anfällt,
dem Huhn nicht, weil seine Produkte, für die tückischen Cholesterinwerte verantwortlich sind, und der
Maus nicht, weil sie einfach zu klein und letztlich zutiefst areligiös ist. Als aussichtsreichster Kandidat
für das Paradies gilt dagegen der Nasenbär, weil sein Schwanz ähnlich den Türmen der mittelalterlichen Dome
fast immer (dabei allerdings an der Spitze leicht eingerollt) steil in den Himmel ragt. Favorisiert wird
auch die von Konrad Lorenz beschriebene Graugans Martina, deren Menschenanhänglichkeit auf eine gewisse
allgemeine Gottfähigkeit rückschließen lässt.
Der selbst zu sprachlicher Höchstform auflaufende Autor Klaus Zehrer bemerkt trefflich: »Der geschwollene,
latinismenüberladene und hypotaxenselige Sprachgestus Henscheids, oft ungenießbar, erweist sich hier als
bestens kompatibel mit einem anachronistischen Erzdogmatismus. Auch die selbstherrlich-beliebige Art, mit
der Henscheid so gern ex cathedra richtet, sonst über Menschen, diesmal über Tiere, entfaltet sich zu großer
Schönheit und Komik im Kleide des Steinzeitkatholizismus.«1) In Fortführung von Henscheids willkürlicher Logik
kann es um das Seelenheil der Gottesanbeterin, trotz ihres ausgesprochen himmelsfähigen Namens, nicht gut
bestellt sein, denn sie ist eine einzelgängerische, beutegierige Jägerin, die in getarnter Lauerstellung
heimtückisch über ihre Opfer herfällt und als männermordende Amazone selbst ihre Artgenossen nicht verschont.
Soviel kann sie gar nicht um ihr Seelenheil beten2), wie sie bei der Nahrungssuche Todsünden begeht. Völlig
aussichtslos ist es um ihre Himmelsfähigkeit allerdings auch nicht bestellt, denn in einigen Kulturen wird
oder wurde sie selber als Göttin verehrt.
Ihr wissenschaftlicher Name Mantis stammt aus dem Griechischen und bedeutet Prophetin, Wahrsagerin oder die
Göttliche. Die altägyptischen Priester sahen in der Gottesanbeterin, die den hieroglyphischen Namen
jebat (Tänzerin) trug, die Geleiterin der Verstorbenen in das sehnsuchtsvoll erwartete Himmelreich3).
Sogar im Grab des berühmten Pharao Ramses II. ist sie als Wandmalerei abgebildet. Tote Gottesanbeterinnen
wurden im alten Ägypten einbalsamiert und in kleinen, aus Nilschlamm gebrannten Sarkophagen zu Grabe getragen,
um ihnen ewiges Leben zu sichern. Die Buschmänner (San) im südlichen Afrika, die an der Wurzel des menschlichen
Stammbaums stehen und eine animistische Religion haben, verehrten das Insekt ebenfalls. Eine Gottesanbeterin,
die in ihren Kraal flog, galt ebenso wie der Mensch, auf den sie sich niederließ, als heilig. Bei ihren Wanderungen
durch die Halbwüsten oder Dornsavannen grüßen sie andere Tiere höflich, die kleine Mantis aber lieben sie, sie
sprechen mit ihr und erzählen sich Geschichten über sie. Die ersten weißen Kolonialisten nannten das Tier
deshalb »Gott der Hottentotten«4).
Wie wir gesehen haben, ist es nach Henscheids selbstherrlich-beliebigen Kriterien, mit denen er
im »Kleide eines Steinzeitkatholizismus« über Tiere richtet, um die Himmelsfähigkeit der Gottesanbeterin nicht
gut bestellt. Vielleicht ist dies der Grund dafür, dass das christliche Abendland nicht gerade ihr
Verbreitungsschwerpunkt ist. In Deutschland galt sie bisher als Rarität und war auf bekannte Wärmeinseln, wie
den Kaiserstuhl beschränkt. Inzwischen hat sich die Art deutlich ausgebreitet, was üblicherweise auf die
Klimaerwärmung zurückgeführt wird. An einigen Stellen, wo sie in den letzten Jahren neu aufgetreten ist,
wie z. B. in Berlin, wird dies auf Verschleppung zurückgeführt5). Doch vielleicht sind wir
hier einem neuem, im wissenschaftlichen Milieu bisher nicht erkanntem Standortfaktor auf der Spur. In
Deutschland und insbesondere in der ehemaligen Front- und Freakstadt Berlin sind Naturreligionen und Esoterik
auf dem Vormarsch. Gottesanbeterinnen werden darin wieder als verehrungswürdiges Symbol betrachtet und gewinnen
so stark an Himmelsfähigkeit. Da sie nun nicht mehr um ihr ewiges Leben fürchten muss, nimmt es nicht Wunder,
dass sie sich zunehmend bei uns heimisch fühlt. Wir wollen diesen neuen metaphysischen Standortfaktor oder
auch diese neue ganzheitliche Form der Verschleppung in erster Näherung mit »Halb schob man sie, halb sank sie hin« benennen.
Anmerkungen
1) Zur Illustration führt er in seiner in literaturkritik.de (12/1999) veröffentlichen Rezension folgende Passage
aus Henscheids Grundlagenwerk an: »Wenig Aussicht, der Hölle zu entrinnen, besteht item für den Pinguin, der
schon bald zur Rechenschaft gezogen wird. [...] Im Drüben nichts Gutes erwarte sich in aller Regel der Haubentaucher.
Kaum Hoffnung ist für das ganz und gar häßliche Gnu und das allzu unförmige Giraffentier. Alle Zuversicht fahren aber
lasse das Krokodil [...] Was aber ist schließlich mit dem bis zu 25 cm langen Altai-Pfeifhasen? Der soll
erst mal ins Fegefeuer. Ordentlich ins Fegefeuer.«
2) Auf Beute lauernde Gottesanbeterinnen erinnern an die Verrichtung von Gebeten mit himmelwärts erhobenen Armen
und Händen – eine Andachtstellung, in der Mohammedaner noch heute inbrünstig beten.
3)Levinson, Hermann & Levinson, Anna (2005): »Entomologie - Zur Entomologie des pharaonischen Ägypten«. – Deutsche
Gesellschaft für allgemeine und angewandte Entomologie (DgaaE)-Nachrichten 19, 153-159.
4) Das Wissen darum verdanken wir den ethnoentomologischen Studien von Peter Kolb, der das Volk der Hottentotten
von 1705 – 1712 sorgfältig beobachtet und seine Sitten und Gebräuche mit Begeisterung beschrieben hat. Unter
Ethnoentomologie versteht man die Beschreibung der Beziehungen zu Insekten bei sogenannten primitiven
Gesellschaften. Vgl. hierzu: Weidner, H. (1987): »Peter Kolbs ethnoentomologische Berichte über die
Hottentotten Anfang des 18. Jahrhunderts«. – In: Anzeiger für Schädlingskunde, Pflanzenschutz, Umweltschutz 60, 120 –127.
5) Bei der Verschleppung kann man zwischen zufälliger und gezielter Ansiedlung von Tieren oder auch Pflanzen unterscheiden.
Ein Beispiel für eine zufällige Ansiedlung sind mediterrane Schnecken, die an den Karossen der Fahrzeuge von Urlaubern
nach Mitteleuropa verschleppt werden. Ein Beispiel für eine gezielte Verschleppung sind dagegen Arten, die von
übereifrigen Naturliebhabern aus ihrem Gartenteich oder einer Zoohandlung in der Landschaft angesiedelt werden, um die
lokale Artenvielfalt zu mehren.
G.M., 02.01.2009
Drosophila (das Haustier der Genetiker) steht für Wissenschaft und
Rationalität, Mantis (Das Totemtier der Mystiker) steht für Magie und Metaphysik.
Sie sind gelandet...
Sie sind gelandet, sie haben einen Virus gewählt*). Keine schlechte Wahl, denn Viren sind ausgesprochen robuste Parasiten an der Grenze
zwischen belebter und unbelebter Materie. Einige von ihnen sind in der Lage, sich selbst in toten Zellen mit zerstörten Erbgut zu vermehren,
indem sie die noch verbleibende zelluläre Maschinerie nutzen, um ihr eigenes Erbgut zu vervielfältigen. Und selbst durch starkes
UV-Licht inaktivierte Viren können sich gegenseitig ergänzen, indem sie aus noch intakten Puzzleteilen ein komplettes Virusgenom zusammen
setzen. Viren sind damit die einzigen biologischen Systeme, die wie der sagenhafte Phönix aus ihrer Asche wieder auferstehen können.
Einige Astrobiologen vermuten, dass nicht die Planeten, sondern das Innere von Kometen die Brutstätten des Lebens sind (»Panspermia-Theorie«).
Vielleicht waren es sogar robuste Viren, die sich als Initialwesen via Kometen auf lebensfreundliche Planeten ausgebreitet haben. Nun wird man
einwenden, dass Viren zur Vermehrung auf einen zellulären Wirt angewiesen sind. Aber folgt daraus zwangsläufig, dass Zellen auch die ursprünglichere
biologische Substanz und Viren nur abtrünnige Teile des Genoms einer Zelle sind? Könnten Viren nicht auch aus einfachsten Molekülen entstanden sein,
die zur Selbstverdoppelung in der Lage waren? Erst später hätten sich aus Viren dann höherorganisierte zellähnliche Einheiten entwickelt.
*) Frei nach dem den Liedtext »Sie sind gelandet...sie haben Deutschland gewählt« von Heinz Rudolf Kunze
Literatur
Villareal, Luis P. (2005): »Leben Viren?« – In: Spektrum der Wissenschaft, 2/2005
G.M., 27.10.2009
Bakteriophagen sind Viren, die auf Bakterien und Archaeen als Wirtszellen spezialisiert sind. Sie sind
die auf der Erde am häufigsten vorkommenden Mikroorganismen
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Wenn die Kosmologie zum Religionsersatz wird
Was für die Geographie (die sich als integrative Raumwissenschaft für die Krone der wissenschaftlichen Disziplinen hält)
die Länderkunde ist, ist für die Physik (die noch viel mehr beansprucht, die Krone der wissenschaftlichen Disziplinen
zu sein) die Kosmologie. Während in der Länderkunde auf mehr oder weniger originelle Weise regionalgeographische
Informationen zusammengestellt werde, beschäftigt sich die Kosmologie mit »der Entstehung und den grundlegenden
Strukturen des Universums«. Der Länderkunde ist es zwar gelungen, bis in gymnasiale Schulbücher oder professionelle
Reiseführer vorzudringen, doch hat es die Kosmologie zu erheblich mehr Ruhm gebracht. Denken wir nur an Konzepte
wie »Schwarze Löcher« oder den »Urknall«, die auf viele Menschen eine geradezu existenzielle Faszination ausüben und
Kultstatus erlangt haben. (Stephen Hawkins rühmt sich in seinem Werk »Eine kurze Geschichte der Zeit« ganz ungeniert
damit, mehr Bücher über Physik als Madonna über Sex verkauft zu haben.) Dagegen tun sich länderkundliche Konzepte
wie »Italien, das Land, wo die Zitronen blühen« oder »Grönland, das Land des ewigen Eises« heute eher schwer, das
Publikum zu begeistern.
Von Laien werden die faszinierenden physikalischen Konstrukte für mindestens so real, wie Ostereier in einem Nest
gehalten. Es gerät dabei völlig aus dem Blickfeld, dass kosmologische Kultbegriffe wie »Urknall« oder »Schwarze Löcher«
umgangssprachliche Metaphern für komplizierte astrophysikalisch- mathematische Gleichungen sind, die unter bestimmten
Randbedingungen im Universum realisiert sein könnten. Kein Physiker kann daher heute mit Gewissheit behaupten, dass
der Urknall tatsächlich stattgefunden hat und dass Schwarze Löcher wirklich existieren. Mit Gewissheit kann man nur
sagen, dass kein Kosmologe beim Urknall dabei war und bisher niemand ein Schwarzes Loch gesehen hat, geschweige denn
darin verschwunden ist. Obwohl den Kosmologen bekannt ist, dass ihre Konstrukte hochgradig »theorieinfiziert« sind,
wird der Öffentlichkeit gegenüber so getan, als könnten einem Schwarze Löcher hinter jeder Straßenecke begegnen und
als habe der Urknall mindestens so aussagekräftige Spuren wie ein »smoking gun« in einem Mordfall hinterlassen. Da
verwundert es nicht, dass die meisten Laien davon überzeugt sind, dass es sich bei diesen Konstrukten um dinglich
existente Phänomene handelt.
Das ist jedoch nicht das einzige Vermittlungsproblem zwischen der Welt der Physiker und der Laien. Viele Physiker
halten den Begriff »Universum« für so »grundlegend«, dass sie ihn, seine astrophysikalisch-theoretischen Grenzen
weit überschreitend, in seiner umgangssprachlichen Bedeutung verwenden. So trivialisiert und ontologisiert verwandelt
sich der Begriff »Universum« von einer fachspezifischen Perspektive in einen Behälter, der so ziemlich alles enthält,
was es auf der Welt gibt: Nicht nur Elektronen, Atome, Planeten oder Fixsterne, sondern auch glitzernde Sandkörner,
eine knorrige Eiche, eine alte Kirche, eine imposante Autobahnbrücke, ein schöner Garten, eine gute Flasche Wein oder
ein romantischer, mit unbewaffnetem Auge betrachteter, sternenklarer Nachthimmel inklusive aller menschlichen Seelen,
die womöglich darin herumschwirren... Tatsächlich steckt aber in jedem der zuvor genannten fachwissenschaftlichen
oder alltagsweltlichen Gebilde mindestens ein eigenes Universum. Mit anderen Worten, es mag zwar einen sehr umfassendes
Verständnis vom Begriff »Universum« geben, es gibt aber keine grundlegende universale Struktur, die etwa von einem
Elektron zu einer knorrigen Eiche alle zuvor genannten Seinsbereiche verbindet.
Besonders die modernen Elementarteilchen- Physiker sind von diesem universalistischen Aberglauben befallen. Ganz
im faustischen Sinne sind sie davon überzeugt, mit ihren theoretischen Modellen und Hochenergie-Experimenten zu
erforschen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Damit begeben sie sich ganz bewusst auf ein Feld, das bisher
religiösen Deutungen vorbehalten war. Sie glauben, den ›lieben Gott‹ von seinem Thron verbannen zu können, weil
ihre Theorien über den Ursprung, die Struktur und das Schicksal des Universums auf einem vernunftorientierten,
analytisch-experimentellen und nicht auf einem eher mythischen Fundament stehen. Der derzeit verheißungsvollste
Ort, an dem die Physiker versuchen, den fundamentalen Grundsatzfragen dieser Welt auf die Spur zu kommen, ist
das CERN (»Conseil Européen pour la Recherche Nucléaire«) in Genf. Hier hat die europäische Organisation für
Kernforschung tief unter der Erde eine Kathedrale der Physik errichtet. Die besteht aus einem 27 km langen
unterirdischen Ringtunnel, in dem sich der mächtigste und teuerste jemals gebaute Teilchenbeschleuniger,
der »Large Hadron Collider« (LHC), befindet.
Im weltgrößten Experiment sollen im LHC mit bisher unerreichter Kraft Kernbausteine aufeinander prallen, um
sogenannte »Gottesteilchen« zu finden. Das sind theoretisch vorhergesagte »Higgs-Boson-Felder«, die das ganze
Universum durchdringen und den anderen Elementarteilchen ihre Masse verleihen sollen. Rolf-Dieter Heuer, der
Leiter des CERN, erläutert, warum das bisherige Standardmodell der Elementarteilchen zwar sehr elegant ist, aber
einen gewichtigen Fehler hat: »Alle dieses Partikel, aus denen die Welt zusammengebaut ist, waren laut Theorie
schwerelos und bewegten sich mit Lichtgeschwindigkeit. Das stimmt aber nicht. Wir wiegen etwas, haben eine Masse
und sind langsam.« Statt die gewünschten Daten zu liefern, zog es der einige Milliarden Euro teure »Large Hadron Collider«
kurz nach seinem verspäteten Erststart im September 2008 jedoch erst einmal vor, gründlich kaputt zu gehen. Auch sein
Neustart musste wegen aufwendiger Reparaturarbeiten mehrfach verschoben werden. Jetzt soll er ab November 2009
(allerdings nur schrittweise) wieder angefahren werden.
Die erste grundlegende Erkenntnis, die der LHC der Welt offenbart hat, lautet: Die superlativen Experimente der
Hochenergiephysik stellen die Wissenschaft vor technische Probleme, die nur schwer in den Griff zu kriegen sind.
Der Physiker und Philosoph »Jörg Friedrich« kommentiert das LHC-Dilemma auf seinem Arte-Fakten-Scienceblog wie
folgt: »Die physikalisch-technische Großforschung scheint in einer Sackgasse zu stecken. Die Anlagen werden immer
gewaltiger, die Systeme immer komplexer. Überwachungsgeräte überwachen Überwachungsgeräte, die die Funktion von
Sensoren und Sicherungsmechanismen kontrollieren. So soll die Komplexität moderner Versuchsanordnungen beherrschbar
werden. Aber es wird nur die Zahl der voneinander abhängigen Komponenten erhöht. Die Möglichkeiten, dass Fehler und
Ungenauigkeiten auftreten, vervielfachen sich.« Und weiter heißt es: »Vielleicht zeigt der Großbeschleuniger bei
Genf niemals einen Ursprung von irgendwas, sondern vielmehr eine Grenze: die Grenze dessen, was für den Menschen
technologisch beherrschbar ist.«
Diese eher pessimistische Bewertung will sogar nicht zu den euphorischen Erwartungen der Elementarteilchen-Physiker passen.
Die hoffen in dem ungeheurem Datenwust, den ihnen der LHC – wenn er denn endlich funktionieren sollte – liefern wird,
nicht nur »Gottesteilchen«, sondern langersehnte Hinweise auf die »Theorie für alles«, die sogenannte »Weltformel« zu
finden. Darunter versteht man eine geschlossene Theorie für alle in der Welt der elementaren Teilchen beobachteten Phänomene.
Für die starke, schwache und die elektromagnetische Wechselwirkung ist dies schon gelungen, nur die quantentheoretisch nicht
erklärbare Gravitation verweigert sich standhaft einer solchen Vereinheitlichung. Der bisher ambitionierteste Ansatz, mit dem
eine solche Vereinheitlichung angestrebt werden soll, ist die »Stringtheorie«. Das ist eine Metatheorie, die besagt, dass
Elementarteilchen aus sogenannten »Strings« (engl. für Saite) aufgebaut sind. In ihren Vorhersagen ist sie allerdings so vage,
dass selbst viele Experten sie mehr für eine wilde Spekulation als eine überprüfbare Theorie halten. Um »Strings« experimentell
nachzuweisen, bräuchte man einen Beschleuniger, der in etwa die Größe des Sonnensystems hat.
Angesichts solcher Perspektiven sind immer mehr Experten davon überzeugt, dass sich die Hochenergie-Physiker mit ihrer Suche nach
einer einzigen »Urkraft« für alle zwischen Elementarteilchen beobachteten Wechselwirkungen in eine gefährliche Sackgasse manövriert
haben. Und selbst wenn es den Physikern gelingen sollte, bei den LHC-Experimenten Indizien für eine »Urkraft« zu finden, so bleibt
es doch ein großer Irrsinn, zu glauben, damit entdeckt zu haben, was die Welt im Innersten zusammenhält. Jede »Weltformel« und
jede »Urkraft« ist im besten Fall partiell, idealisiert und abstrakt. Diese Eigenschaften machen sie vielleicht nützlich, begrenzen
aber zugleich Behauptungen über die Universalität ihres Gültigkeitsbereiches. Eine einzige allgemeingültige Weltformel kann es
schon deshalb nicht geben, weil es unendlich viele Weltversionen gibt. Sie werden von ebenso vielen Perspektiven oder
Aufmerksamkeitshorizonten erzeugt und zusammengehalten. Eine dieser Weltversionen ist zweifellos die Welt der
Elementarteilchen-Physiker, die durch deren hochspezielles Bestreben (das keinesfalls von allgemeinem Interesse ist) erzeugt
wird, kleinste Teilchen zu finden.
Eine andere Weltversion ist die Welt der geographischen Länderkunde und noch ein andere ist die Welt der Rassekaninchen oder
genauer gesagt der Züchter, die solche Spitzenrammler züchten. Zweifellos haben Geographen in den Blütezeiten der Länderkunde
im disziplinären Überschwang schon oft behauptet, sie beschrieben, was die Welt zusammenhält. Sie nannten dies dann den großen
landschaftlichen Zusammenhang. Und sicherlich hat auch ein Rassekaninchenzüchter schon einmal gedacht, dass sein Spitzenrammler
ein göttliches Wesen sei, dessen Same die Welt im Innersten zusammenhält. Wenn er das allerdings auf der Jahreshauptversammlung
seines Vereins behaupten würde, hätte man ihm sicherlich geraten, sich in eine Anstalt einweisen zu lassen. Was nun für den
Rassekaninchenzüchter der Same seines Spitzenrammlers ist, das sind für den Physiker seine Elementarteilchen. Wenn ein Kosmologe
nun verkündet, sein vereinheitlichtes Modell der Elementarteilchen würde erklären, was die Welt im Innersten zusammenhält,
dann wird ihm nicht nahegelegt, sich psychiatrisch behandeln zu lassen, sondern dann falten viele dumme Leute andächtig die Hände.
Sie tun dies, weil sie vom Wissenschaftsaberglauben befallen und wie diese Physiker davon überzeugt sind, ein Tisch, ein Stuhl
oder gar ein Spitzenrammler würde letztlich wie alles in der Welt aus wechselwirkenden Elementarteilchen bestehen. Tatsächlich
ist es aber von einem Elementarteilchen zum Tisch, Stuhl oder Spitzenrammler ein sehr weiter und steiniger Weg, der von der
Physik alleine gar nicht begangen werden kann. Der Weg der Physik endet bekanntlich schon in der Chemie, deren Sprache und
der Experimente es bedarf, weil die Physik eben nicht vorhersagen kann, wie sich Elementarteilchen in Atomen oder Molekülen
verhalten. Genauso ist es mit der Ebene der Biologie. Wenn Biochemiker vorhersagen könnten, wie sich die elementaren Bausteine
des Lebens, wie z. B. die DNA oder Aminosäuren sich in Organismen verhalten, dann wären große Teile der Biologie überflüssig.
Die Biochemiker können es aber genauso wenig wie die Elementarteilchen-Physiker. Neuerdings versuchen die Physiker, diesen Makel
mit der Wunderwaffe »Emergenz« aus dem Weg zu räumen. Dies ist aber nur ein billiges Ablenkmanöver. Zwar kann man makroskopische
Phänomene als spontane Herausbildung des Zusammenspiels von kleinen Partikeln beschreiben, man kann sie aber nicht dann am Besten
verstehen, wenn man sie in ihre kleinsten Bestandteile zerlegt.
Der US-amerikanische Physiker »Philipp W. Anderson« warnte schon vor vierzig Jahren in »Science« vor einer reduktionistischen
Forschungsphilosophie. Er hielt dagegen, dass man makroskopische Phänomene (wie Festkörper, Pflanzen, Menschen oder gar das
ganze Universum) niemals vollständig aus ihren Bestandteilen wird erklären können. Pointiert formulierte er: »Das Ganze ist
nicht mehr, sondern etwas ganz anderes als die Summe seiner Teile«. Man beachte insbesondere den zweiten Teil der Aussage,
der deutlich macht, dass Anderson hier nicht einem trivialen Holismus das Wort redet. Statt immer größere Summen in die
Erforschung kleinster Partikel (›Flitterkram‹) zu versenken, ist es erheblich vernünftiger, die Finanzmittel direkt in die
fundamentale Erforschung von komplexen Konglomeraten zu investieren, also in die ganz normale Physik, Chemie, Biologie,
Geologie, Soziologie und mit Vorbehalt auch in die Geographie. Darüber hinaus sollte man die Suche nach »Gottesteilchen«,
der »Weltformel« und dem, »was die Welt im Innersten zusammenhält«, besser den Religionen (oder vielleicht auch den Psychologen)
überlassen. Bleibt dann noch die Frage, was man mit den vielen Elementarteilchen-Physikern macht?
Die phantasieren – wie z. B. der CERN-Physiker »Rolf Landau« – inzwischen ziemlich abgehoben darüber, dass wir vielleicht
gerade »den Beginn der nächsten Stufe der Bewusstseinsentwicklung« erleben. Die würde dadurch ausgelöst,
dass »ein einzelner Verstand« die extrem komplexen Probleme der Hochenergie-Physik »nicht mehr überblicken kann«.
Sie müssten daher im »quasi-neuronalen Verbund aus Tausenden miteinander kommunizierenden Physikern« gelöst werden.
Mit solchen ›quasi-naturwissenschaftlichen‹ Utopien kommt Landau der Entwicklung spiritueller Bewusstseinsstufen verdächtig
nahe. Deren Beschwörung fiel bisher in den Zuständigkeitsbereich der Esoterik, also dem ausgewiesenen Feindbild der Physik.
Um die Physiker vor ihren eigenen überbordenden Phantasien zu schützen, ist es höchste Zeit, die Notbremse zu ziehen und
den »Large Hadron Collider« vom Netz zu nehmen. In den riesigen Katakomben des stillgelegten LHC könnten die Abertausenden
Hochenergie-Physiker dann (unter therapeutischer Anleitung) ganz unbeschwert mit Elementarteilchen im Legoformat ›Wir basteln
uns ein Universum oder auch eine Weltformel‹ spielen. Das käme dem Steuerzahler alle mal billiger als eine Fortsetzung
der LHC-Experimente.
G.M., 08.09.2009
Der Large Hadron Collider (LHC) im europäischen Kernforschungszentrum (CERN) bei Genf ist der
leistungsstärkste und teuerste Teilchenbeschleuniger der Welt. Hier bringen Physiker Kernbausteine
mit bisher unerreichten Energien zum Zusammenstoß, um in den Trümmern nach »Gottesteilchen«,
bisher verborgenen Raumdimensionen und der »Weltformel«, d h. einer »Theorie für alles« zu suchen.
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Sakrale Anomalien
Marc Steinmetz
Trotz klinischer Vorsichtsmaßnahmen und Einsatz von Hochtechnologien kommt es bei der Restaurierung von sakralen Kunstgegenständen
immer wieder vor, dass Wissenschaftler spontan gläubig werden. Hier sehen wir eine Restauratorin, die sich während der
UV-Fluoreszenzuntersuchung von zwei Altarfiguren einem hohem Infektionsrisiko aussetzt.
Schaut man genauer hin, fällt auf, dass sie das mobile UV-Fluoreszenzgerät bereits wie eine Monstranz vor sich trägt und ihr
Gesichtsausdruck schon deutlich kontemplative Züge angenommen hat. Beides Symptome, die darauf hindeuten, dass die Restauration
sich noch während der wissenschaftlichen Untersuchung der Altarfiguren eine sakrale Infektion zugezogen hat.
Die »Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften« (GWUP) bestreitet vehement die Existenz sakraler
Infektionen, weil sie weder in Selbst- noch in Laborversuchen reproduziert werden konnten. Die Gewerkschaft der Restauratoren
fordert dagegen, dass solche Infektionen als Berufskrankheit anerkannt und die Betroffenen dauerhaft von der Kirchensteuer befreit werden.
Auch der umgekehrte Fall birgt ein hohes Konfliktpotenzial. Der tritt immer dann ein, wenn zu tiefst Gläubige unverhofft auf
profanierte sakrale Kunst stoßen. Erst jüngst soll sich eine Gruppe frommer Landfrauen aus dem Pfaffenwinkel bei einem Besuch
des Münchener Stadtmuseums vor einer barocken Heiligenfigur spontan hingekniet und den Rosenkranz gebetet haben.
Solche Vorfälle führen regelmäßig zu peinlichen Irritationen bei Besuchern, die zwischen der sakralen und profanen Bedeutung
eines Kunstwerkes differenzieren können, also der Mehrheit der Museumsbesucher. Ein Arbeitsgruppe von Leitern betroffener
Museen hat nun Vorschläge erarbeitet, wie solche Störungen des Museumsbetriebes zukünftig verhindert werden können.
Als mehrheitsfähig erwies sich nach kontroverser Diskussion der Vorschlag, an den Eingängen der Museen und in besonders
gefährdeten Räumen »Beten verboten!«-Schilder aufzustellen. Ein erster Entwurf, der durch seine plakative Bild- und Textsprache
besticht, wurde jetzt der Öffentlichkeit vorgestellt:
G.M., 06.09.2009
»Kathedrale der Astronomie«
Das kürzlich fertiggestellte Gran Telescopio Canarias (Grantecan) ist das weltweit größte Spiegelteleskop. Sein Herzstück ist
ein Spiegel von über 10 Metern Durchmesser. Er besteht aus 36 Teilstücken und wiegt rund 18 Tonnen. Die Wissenschaftler
wollen mit diesem Teleskop nicht nur Planeten außerhalb unseres Sonnensystems finden, sondern in bislang unerreichte
Tiefen des Weltalls fast bis zum sogenannten Urknall vordringen. Man mag aber bezweifeln, dass es ihnen gelingen wird,
dem lieben Gott bis in die (Ur-)Suppenküche zu gucken und das Geheimnis der Schöpfung zu enträtseln.
Denn, ›schon um ein leckeres Hühnchen zu kochen, bedarf es bekanntlich mehr als Physik‹*).
*) Zitiert frei nach Luc de Vauvenargues, der ein bedeutender französischer Philosoph u. Schriftsteller
des 18. Jahrhunderts war: »Man muss nicht lang nachdenken, um ein Huhn zu kochen, und doch sehen wir Menschen, die
ihr ganzes Leben lang schlechte Köche bleiben, so sehr muss man zu jedem Beruf durch einen besonderen, von der
Vernunft unabhängigen Instinkt berufen sein.«
G.M., 23.08.09
Und es hat ›Peng‹ gemacht...
»Was, das soll der ›Big Bang‹ sein?«
Nach dem Standardmodell der Kosmologie begann das Universum mit einem gewaltigen auch »Big Bang« genannten Urknall. Nach einer
anderen weniger bekannten und akzeptierten Theorie gibt es keinen Anfang der Zeit und des Raumes. In diesem Fall wäre unser
Universum nur eine zeitlich und räumlich begrenzte Blase in einem unendlich großen und alten Multiuniversum und
der »Big Bang« nur einer von vielen »Little Bangs«. Diese Vorstellung besticht zwar durch ihre Eleganz,
weil sie die unangenehme Frage überflüssig macht, was vor dem Urknall war; sie ist aber mangels belastbarer Indizien bisher wenig überzeugend.
Jetzt wurde im Kloster »Weltenburg« bei Regensburg in einer uralten Handschrift eine Abbildung gefunden, die diese
Multiuniversen-Theorie nicht nur unterstützt, sondern auf anschauliche Weise physikalische und biblische Mythen in die richtige
Relation bringt. Die arg verunsicherten Physiker hoffen nun, dass der auch als Urknallmaschine bezeichnete weltgrößte
Teilchenbeschleuniger im CERN bei Genf diese unerträgliche Schieflage wieder richten wird. Doch noch kann das größte und teuerste
Experiment aller Zeiten nicht ausgeführt werden, weil der »Large Hadron Collider« immer noch krank in seinem unterirdischen Tempel
daniederliegt.