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›Scharf flammende Hardcore-Realistin‹
Im Editorial der Zeitschrift »Laborjournal« 10/2009 war anlässlich der Eröffnung eines eigenen Wissenschaftsblogs zu
lesen: »Deutschland ist da momentan noch ein wenig anders. Die Wissenschaftsblogs haben gerade erst begonnen, schwach
zu pulsieren. Und dennoch macht bereits ein Vorurteil die Runde: In den USA oder Großbritannien schreiben
Wissenschaftler Wissenschaftsblogs, in Deutschland tun dies vorwiegend Wissenschaftsjournalisten.« Diesem Vorurteil
versuchen auf Scienceblogs, der größten deutschen Diskussionsplattform für bloggende Forscher und Wissenschaftsjournalisten,
einige aufstrebende Nachwuchswissenschaftler entgegenzuarbeiten. In vorderster Front hat sich die Diplom-Physikerin
Ludmila Carone mit ihrem Blog »Hinterm Mond gleich links« positioniert. Laut Wissenschafts-Café brilliert sie durch
ihre »scharfe Argumentation«, ihre »Diskussionsfreudigkeit« und ihre »flammenden Plädoyers für die Wissenschaft«. Sie gilt
als »Aushängeschild« für die wissenschaftliche Blogszene: »Es gibt Wissenschaftsblogger, die sich ausschließlich zum Kernbereich
ihrer wissenschaftlichen Expertise äußern und andere, für die kaum ein Thema zwischen Himmel und Erde nicht Anlaß für einen
Kommentar ist. Es gibt die Lautsprecher und die Bedächtigen…Und es gibt Ludmila Carone!« Im Unterschied zu ihrem exponierten
Status als Bloggerin backt sie im Wissenschaftsbetrieb eher kleine Brötchen. Carone arbeitet als wissenschaftliche Angestellte
in der Abteilung Planetenforschung des Rheinischen Instituts für Umweltforschung an der Universität Köln und promoviert seit
ca. fünf Jahren über die Gezeitenwechselwirkung bei extrasolaren Planeten. Damit ist sie allerdings nur unvollständig beschrieben,
denn sie ist eine Wissenschaftskriegerin, die ihr Leben dem Kampf für die Wissenschaft gewidmet hat. Kein Wunder, dass sich ihre
Blog-Beschreibung wie ein Bekenntnis ihres innigen Glaubens an die Wissenschaft liest:
»Ich halte mich selbst für einen Wissenschaftler aus Leidenschaft und für einen Humanisten und Skeptiker. Ich schreibe für die
Aufklärung und Wissenschaft und wider die Unvernunft. Weil ich den Graben zwischen ›Normalsterblichen‹ und Wissenschaftlern
überbrücken möchte. Weil es mir Spaß macht, Wissen zu vermitteln. Weil ich der Ansicht bin, dass Wissenschaft nicht nur dazu da
ist, um schöne neue Technologien zu entwickeln, sondern auch um den geistigen Horizont zu erweitern. Weil ich finde, dass Wissenschaftler
sich nicht scheuen sollten, zu aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen und der Anwendung von Wissenschaft und Technik insbesondere
Stellung zu beziehen und weil ich glaube, dass diese Beiträge wertvoll und wichtig sind. Weil hinter der Wissenschaft das Ideal der
Aufklärung steht, vernünftig und kritisch die Welt um uns herum zu begreifen und sein Weltbild z.B. nicht darauf zu beschränken, was
andere Leute einem erzählen. Ich halte dies für einen wichtigen Grundpfeiler der westlichen Kultur. Weil aber genau diese Sichtweise immer
wieder von verschiedenen Seiten angegriffen wird. Sei es durch Fundamentalisten, Esoteriker, Extremisten oder sonstige Elemente, die sich
das Prinzip der Unvernunft auf die Fahne geschrieben haben und sich nicht scheuen unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit ihre Thesen zu
verbreiten, obwohl diese keiner kritischen Analyse standhalten. Ja, manche gehen sogar soweit ein verzerrtes Bild der Wissenschaft zu
propagieren. Weil Wissenschaftler immer wieder wegen ihrer Arbeit angegriffen werden, wenn ihre Aussagen unbequem sind oder sie das
Verständnis der Menschen scheinbar überfordern oder sie den Dogmen religiöser Gruppen widersprechen.«
Um diesem freimütigen Bekenntnis des wissenschaftlichen Aberglaubens das i-Tüpfelchen aufzusetzen, fehlt am Ende nur noch das
Wörtchen »Amen«. Carone ist wahrlich ein Fels, auf dem die Wissenschaft ihre Kirche bauen kann. Wissenschaftler sind für sie hohe
Priester, die ›Normalsterblichen‹ nicht nur in forschungsrelevanten Fragen, sondern ganz allgemein bei der Interpretation und
Bewältigung der Welt überlegen sind. Sie ermutigt daher ihre Standeskollegen, ihrem Beispiel zu folgen und auch zu »aktuellen
gesellschaftlichen Entwicklungen« Stellung zu beziehen. Aber ist die Stimme der Wissenschaftler wirklich gewichtiger oder
gehaltvoller als die anderer sozialer Gruppen? Ganz sicher nicht! Denn was qualifiziert z. B. eine Physikerin wie Carone, die
ihre Diplomarbeit über Hochenergiephysik geschrieben hat und über extrasolare Planeten promoviert, besonders »wertvolle und
wichtige Beiträge« zu gesellschaftlichen Problemlagen abzugeben? Ihre hochspeziellen Forschungsgebiete tun dies sicherlich nicht,
sondern wenn überhaupt ihr gesunder Menschenverstand, an dem aber angesichts ihrer Wissenschaftsgläubigkeit Zweifel bestehen.
Im übrigen wird sie genau das tun, was sie Nichtwissenschaftlern vorwirft und sich aus dem, was »andere Leute einem erzählen«,
ihre Meinung bilden. Nur mit dem Unterschied, dass wohl jeder Laie zu einem ausgewogeneren Urteil findet. Carone, die als
Wissenschaftlerin beansprucht, per se einen »vernünftigen und kritischen« Zugang zur »Welt um uns herum« zu haben und läuft
dagegen Gefahr, nur ihren eigenen Klischees aufzusitzen. Oder um es deutlicher zu formulieren, wenn sie nicht gerade über Physik,
sondern über Gott und die Welt oder die Kultur und die Gesellschaft philosophiert, verbreitet sie Bullshit, d. h. sie quatscht mit
dem vermeintlichen Rückenwind ihrer naturwissenschaftlichen Ausbildung und um ihrer extremen Selbstbehauptung willen dummes Zeug
über Dinge, von denen sie nix versteht.
Carone, die sich selbst als »Hardcore-Realistin« bezeichnet, kennt keinen Zweifel. Daher ist sie weder fähig noch willens, ihren
wissenschaftlichen Aberglauben zu reflektieren. In ihrem Blog verschließt sie sich einem tieferem Wissenschaftsverständnis, indem
sie alle, die daran zweifeln, dass die wissenschaftlich rationale Vernunft das Maß aller Dinge ist oder sich überhaupt nicht dafür
begeistern können, von ihr »aufgeklärt« zu werden, zu Ignoranten oder Feinden der Wissenschaft erklärt. Vor allem Letztere sind für
sie ganz widerwärtige »Fundamentalisten, Esoteriker, Extremisten oder sonstige Elemente«, die nach dem »Prinzip der Unvernunft« agieren
und unter dem »Deckmantel der Meinungsfreiheit« »ein verzerrtes Bild der Wissenschaft propagieren«. In die unangenehm kriminell
konnotierende Kategorie »sonstige Elemente« fallen dabei auch Nestbeschmutzer aus den eigenen Reihen. Das sind Leute, die ein
differenziertes Bild von Wissenschaft vermitteln, das weniger an der realen Außenwelt festgezurrt ist, als an den realen Handlungen
von Menschen, die Wissenschaft betreiben. Als einem solchem Wissenschaftler erlaubt wurde, auf Scienceblogs zu bloggen, legte sie
ihr ganzes Gewicht in die Schale, um ihn wieder heraus zu mobben. Was war geschehen?: Der Naturwissenschaftler, Philosoph und
Softwareunternehmer Jörg Friedrich hatte sich in einem provokanten Einstiegsbeitrag »Wann ist Wissenschaft?« darüber Gedanken gemacht,
ob die Wissenschaftler nicht (vergleichbar dem Verhältnis von Künstlern und Museen) eine Öffentlichkeit außerhalb ihres Schaffensbetriebes
benötigen, die entscheidet, was Wissenschaft ist und was nicht. Eine durchaus berechtigte Frage, denn entgegen landläufigen Vorstellungen
gibt es keine allgemeingültige Demarkationslinie zwischen Wissenschaft und sogenannter Pseudowissenschaft, sondern ob etwas Wissenschaft
ist, kann nur im Nachhinein, also aus der historischen Perspektive beurteilt werden.
Dagegen ist für Carone, die an die Existenz einer klar definierten, universellen wissenschaftlichen Methode glaubt, der
Begriff »Pseudowissenschaft« ein ganz wichtiger Kampfbegriff. Sie benötigt ihn, um sich von unliebsamen Gegnern außerhalb des
etablierten Wissenschaftsbetriebes abzugrenzen. Mit Friedrichs Idee, dass eine außerwissenschaftliche Öffentlichkeit über
innerwissenschaftliche Fragen mitentscheiden soll, war für sie die Schmerzgrenze weit überschritten. Wissenschaft hat sich
für sie an der Realität und nicht am Urteil einer aus ihrer Sicht inkompetenten außerwissenschaftlichen Öffentlichkeit zu bewähren.
Und was real ist, hat natürlich nicht die Öffentlichkeit, sondern allein die Wissenschaft zu entscheiden. Damit der Leser sich ein
Bild von ihrer eingeübten Empörung und ihrem aufgeblasenen Umgangston machen kann, zitiere ich etwas ausführlicher aus ihrem ersten
Kommentar zu Friedrichs zuvor angeführten Einstiegsbeitrag: »Herr Friedrich. Das ist also Ihr erster Text hier? Sie reihen
Behauptungen an Behauptung - natürlich ohne Belege. Und besonders neu sind die auch nicht. Sie fassen nur mal eben das zusammen, was
vorgebliche Wissenschaftskritiker an Geschützen gegen die Wissenschaft auffahren. Wobei ganz klar erkennbar ist, was deren Motivation
ist. Ihnen gefallen die Ergebnisse der Wissenschaft nicht und oft möchten sie sogar ihre eigene Doktrin anstelle von objektiven
überprüfbaren und immer wieder kritischer Untersuchung unterzogenen und sich wunderbar bewährenden Prozessen setzen. (...) Es gibt
nämlich ziemlich genau definierte Regeln, wie man wissenschaftlich diskutiert: a) Beleg Deinen Scheiß, b) Begründ Deinen Scheiß und
zwar vernünftig (...) Sonst geht es Ihnen aber gut, ja? Ich soll also mal eben akzeptieren, dass Sie und andere, das Recht für sich
in Anspruch nehmen über uns zu diskutieren und vermutlich auch über uns zu richten. Aber mitsprechen dürfen wir dabei nicht? (...)
Herr Friedrich, ich prophezeie Ihnen eins: Sie werden vor allem Zulauf von folgenden Leuten haben werden: AIDS-Leugner, Kreationisten,
Klimawandelleugnern, Relativitätsleugnern, Esoterikern, usw. usf. Das war jedenfalls mein letzter Besuch hier. Es ist nicht nur so
schlimm, wie ich befürchtet habe, es ist schlimmer.«
Carones aufgeregte Beschimpfungen liefen in mehrfacher Hinsicht ins Leere1). Erstens war es noch lange nicht ihr letzter Besuch auf
Friedrichs Artefakten-Blog und schon gar nicht ihre letzte Auseinandersetzung mit ihm. Und Zweitens war es wirklich »schlimm«, als
sie sich selber in einem Beitrag an der Frage »Was ist Wissenschaft?« versucht hatte. Sie wollte darin das Vorurteil aus der Welt
schaffen, »dass Wissenschaft ein Glaubenssystem« sei und zeigen »wie Wissenschaft ganz grundsätzlich funktioniert«. Das forsche Vorhaben
endete in einem Debakel, denn im Verlauf der Diskussion musste sie einräumen, dass sie sich noch nie ernsthaft mit Wissenschaftstheorie
beschäftigt hatte: »Ich kann weder zu Kuhn, noch zu Popper noch zu Fleck was sagen, weil ich bis vor kurzem noch nie davon gehört habe.
Ist das jetzt eine peinliche Bildungslücke? Ich fürchte schon.« Ihre Einsicht in die eigene Ahnungslosigkeit ist allerdings reine Koketterie,
denn sie verschanzte sich hinter der Behauptung, dass ihr eine derartige Diskussion unter Wissenschaftlern noch nie untergekommen sei und
behaarte auf ihren hanebüchenen Kriterien für echte Wissenschaft. Und die lauten: »Es darf keinen Widerspruch mit der Realität geben«, »auf
die Expertenmeinung vertrauen«, »streng mathematisch vorgehen« und »die richtigen Experimente machen« und »kritisch rational arbeiten«. Für
ähnliche, allerdings viel weniger dümmliche Allgemeinplätze hatte der scharfsinnige Wissenschaftsphilosoph Paul Feyerabend einmal gezeigt,
dass nach solchen Kriterien auch jeder erfolgreiche Tresorknacker ein erfolgreicher Wissenschaftler sei. Und so bemerkte ein Leser von
Carones Beitrag sichtlich irritiert: »(...) ich weiß nicht recht, ob ich ihren Mut oder Vorwitz bewundern soll, ›Wissenschaftstheorie‹ als
Tag hinzuzufügen. Man kann allerdings auf die Dauer nicht Wissenschaft betreiben, ohne sich ernsthaft mit Wissenschaftstheorie (...) zu
beschäftigen, ohne also seine eigene Tätigkeit einigermaßen zu reflektieren.« Aufgrund ihrer unverschämt-harschen Attacken gegen den
wissenschaftstheoretisch versierten Philosophen Friedrich könnte man pointierter auch so formulieren: Dumm und auch noch dreist, das haben wir gerne!
Nehmen wir einige von Carones Allgemeinplätzen einmal näher unter die Lupe. Beginnen wir mit dem Kriterium »Experten zu vertrauen«. Darüber
hatte sie in einem anderen Blogbeitrag mit dem Titel »Wenn Journalisten falsche Experten erschaffen« schon ausführlicher
berichtet: »Medien fallen anscheinend gerne auf falsche Experten herein. Hauptsache sie erzählen spannende Geschichten.
Ob es dann auch wahr ist? Wen interessiert das noch? Richtig schlimm wird es, wenn Journalisten Leute zu Experten überhöhen,
die bei näherem Hinsehen einiges an Renommee verlieren.« Als Beispiel führte sie zwei vermeintliche Experten an, die von
einem Journalisten, der dem Alarmismus der Klimaerwärmungslobby kritisch gegenübersteht, als Gewährsleute dafür zitiert
wurden, dass die Häufigkeit und Intensität von Hurrikanen in den letzten 150 Jahren nicht zugenommen hat. Sie recherchiert
allerdings nicht selber, sondern polemisiert im Fahrwasser eines Blogbeitrages des ambitionierten Klimatologen
Stefan Rahmstorf: »Das soll jetzt ausreichen um Hurrikan-Experte zu werden? Hat der überhaupt mal einen Hurrikan aus
der Nähe gesehen?«2) Das »nähere Hinsehen« überlässt sie den Kommentatoren ihres Beitrags. Die legen zur ihrer Verblüffung
reichlich Belege dafür vor, dass es sich bei den vermeintlich falschen sehr wohl um richtige Experten handelt. Carone streicht
daraufhin fast alle inhaltlich relevanten Passagen ihres Beitrags durch und ergänzt sie durch Richtigstellungen, in denen sie
die von ihr voreilig diskreditierten Experten rehabilitiert. Allerdings versäumt sie den Titel ihres Beitrags anzupassen, der
jetzt treffender lauten müsste: »Wenn Wissenschaftler richtige Experten niedermachen«. Immerhin räumt sie ein: »(...), ich bin
ja auf dem Gebiet auch ›nur‹ Laie und wenn mein Debakel eins gezeigt hat, dann vor allem das: Zu bestimmen wer Experte ist und
wer nicht, das ist heikel«. Mit anderen Worten: Wenn überhaupt, kann nur ein Experte einen Experten erkennen, womit sich das
Kriterium als Argument in den Schwanz beißt. Carone tröstet sich damit, dass sie zum richtigen Thema (vermeintliche) »Experten
in den Medien« einfach »den falschen Aufhänger genommen« hat. Da kann man mit Blick auf ihre anderen Fehleinschätzungen nur
hinzufügen: So ein wiederholtes Pech aber auch!
Ein weiteres Kriterium lautet, »es darf keinen Widerspruch mit der Realität geben«, was ja soviel heißt wie, ›immer schön
mit der Wirklichkeit übereinstimmen...«. Da möchte man stoßseufzend hinzufügen: »O, sancta simplicitas!«, denn es gibt bekanntlich
nicht nur die Wirklichkeit, sondern eine Fülle unterschiedlichster Wirklichkeiten. Und diese Wirklichkeiten liegen nicht wie
Ostereier im Nest herum, sondern sind immer konstruiert. Nach Feyerabend sind nicht die wissenschaftlich konstruierten Wirklichkeiten
die Wirklichkeiten, die letztlich zählen, sondern die Wirklichkeiten, die die Leute für die Wirklichkeit halten, also die Alltagswelt.
An der nimmt z. B. die Planetologin Carone teil, wenn sie bei einem Discounter einkauft, um ihren Kühlschrank aufzufüllen. Wenn sie
über extrasolare Planeten forscht, beschäftigt sie sich allerdings mit einer Wirklichkeit, die nicht nur weit weniger real und wichtig
als die Alltagswelt, sondern auch als fast alle anderen wissenschaftlichen Wirklichkeiten ist. Die Erforschung von Exo-Planeten ist
eine höchst zufällige, hochsubventionierte wissenschaftliche Sonderwirklichkeit, die abgesehen davon, dass sie die Neugierde von
einigen Leuten befriedigt, auch zukünftig wenig technologischen oder gesellschaftlichen Nutzen verspricht. Für die wirkliche Wirklichkeit
außerhalb der Wissenschaft ist sie in etwa so bedeutend wie die Erforschung von Geistererscheinungen oder Klopfzeichen aus dem Jenseits.
Ja, man kann sogar sagen, dass es sich bei Carones Exo-Planeten um eine wissenschaftliche Spielzeugwelt handelt, die weit irrealer
als z. B. die Welt eines Gläubigen ist, der an den lieben Gott glaubt. Denn, während es in 100 Jahren mit Sicherheit noch Leute gibt,
die wie schon ihre Urahnen an Gott glauben, sind nach dieser Zeit die Theorien und Erkenntnisse der erst wenige Jahrzehnte alten und
noch mit vielen Kinderkrankheiten behafteten Exo-Planetenforschung schon längst überholt und zu einem großen Teil im Mülleimer der
Geschichte verschwunden.
Schauen wir uns einmal näher an, wie diese sonderbare wissenschaftliche Spielzeugwelt erzeugt und als Wirklichkeit vermarktet
wird? Carone arbeitet in einem Team, das mit der sogenannten Transitmethode nach extrasolaren Planeten sucht. Dabei werden aus
periodischen Helligkeitsschwankungen von Sternen, Wirklichkeiten herausgekitzelt, die nach Ausfilterung von Störsignalen im
günstigsten Fall als Exo-Planeten klassifiziert werden können. Die Helligkeitsveränderungen werden mittels Teleskopen gemessen,
die auf der Erde oder im Weltraum stationiert sind. Die Daten, die Carone auswertet, stammen von dem Weltraumteleskop CoRoT.
Hinter CoRoT (»Convection Rotation and planetary Transits«) verbirgt sich eine 170-Millionen Euro teure Satellitenmission der
französischen Raumfahrtagentur unter Beteiligung Deutschlands und weiterer Länder. CoRoT umkreist seit Ende 2006 die Erde und
soll bis 2010 nach erdähnlichen Planeten außerhalb des Sonnensystems fahnden, wobei »erdähnlich« sich nicht auf die Bewohnbarkeit,
sondern auf die Größe und Masse eines Planeten bezieht.3) Bisher sind 7 Exo-Planeten (davon 2 erdähnlich) und ein schwer
klassifizierbares planeten- oder sternenähnliches Objekt identifiziert worden. Gemessen an der vor dem Start der Mission
erwarteten Häufigkeit, ist die Ausbeute bisher als eher mager zu bezeichnen. Von den verschiedenen Teams, die nach Exo-Planeten
forschen, sind inzwischen über 400 Planeten-Kandidaten identifiziert worden. Kein Wunder, dass das öffentliche Interesse an dieser
wissenschaftlichen Spielzeugwelt nachlässt. Das spiegelt sich auch darin wider, dass die Entdeckung von neuen Exo-Planeten inzwischen
gleich Dutzendweise bekannt gegeben wird. Um das Interesse an der Exo-Planetenforschung zu fördern und ihre Ergebnisse dinglich
existenter (»realer«) erscheinen zu lassen, werden in populärwissenschaftlichen Veröffentlichungen statt der abstrakten Helligkeitskurven
fast durchweg farbenfrohe künstlerische Darstellungen der konstruierten Planeten abgebildet. Tatsächlich ist, gerade wenn sie einige
hundert oder tausend Lichtjahre entfernt und sehr nahe an ihrem Muttergestirn aufgespürt wurden, aber nicht einmal sicher, ob sie zum
Zeitpunkt ihrer Entdeckung überhaupt noch existieren.

Abstrakte Lichtkurve und künstlerische Darstellung des (Höllen-)Planeten CoRoT-7-b
Carones wichtigstes Kriterium für (echte) Wissenschaft lautet »kritisch rational arbeiten«. Dieses Kriterium leitet sie aus ihrer
persönlichen Erfahrung in Ausbildung und Beruf ab und betont, dass sie auch in ihrem »Privatleben wunderbar damit fahre«... Sie
wirft es gerne in den Ring, wenn in wissenschaftsphilosophischen Diskussionen deutlich wird, dass sie nicht die geringste Ahnung
von Wissenschaftstheorie hat: »Ich kann daher nur sagen, dass sowohl im Laufe unseres Studiums als auch im Rahmen
unserer [wissenschaftlichen] Arbeit nur kritisch rational gearbeitet wird.« Den Begriff »kritisch« verwendet Carone in trivialer
Weise, denn kritisch ist sie nicht ihrer eigenen Forschung oder gar sich selbst, sondern nur Andersdenkenden gegenüber. Z. B.
gegenüber Sven Türpe, der es auf ihrem Blog gewagt hatte, sie auf ihr verklärtes Bild von Wissenschaft und ihren Mangel an
Selbstreflexion aufmerksam zu machen: »Und Sie sitzen beharrlich einem Irrtum auf. Wissenschaft zeichnet sich nicht primär
dadurch aus, dass sie von versierten und erfahrenen Experten ausgeführt wird, sondern durch ihren Umgang mit Beobachtungen, mit
Interpretationen und mit menschlichen Schwächen beim Beobachten und Interpretieren. Einen Umgang, den Sie hier bisher kaum gezeigt
haben, denn sie erlauben sich die wichtigste Tugend des Wissenschaftlers nicht: den Zweifel.« Für Carone war damit die Grenze des
Erträglichen überschritten: »Ist eigentlich jemandem die Rhetorik von Herrn Türpe aufgefallen? Tue und denke (!), was ich Dir sage
und Du wirst gerettet werden (...) tue es nicht und Du wirst verdammt sein. (...) Herr Türpe wird hiermit erneut gesperrt und er
bleibt gesperrt. Es kommen keine neuen Argumente und (...) ich denke niemand hier findet seine Argumente und seine Rhetorik
konstruktiv.« Als ein anderer Kommentator sie mit der Bemerkung »mit der zweiten Aussperraktion gegen Herrn Türpe versuchen Sie
erneut, symbolisch die Tür zu einem tieferen, kritischeren Wissenschaftsverständnis und einer realistischeren Selbsteinschätzung
als Wissenschaftlerin zu schließen« zur Einsicht bewegen wollte, verschanzte Carone sich hinter ihrer Autorität als
Blogherrin: »Das ist immer noch mein Blog und damit habe ich hier das Hausrecht, Kommentatoren auszusperren, wenn ich das Gefühl
habe, dass eine weitere Diskussion nichts bringt.«
Kommen wir nun zu der Frage, was Carone meint, wenn sie behauptet, dass Wissenschaft »rational« funktioniere. In einem Kommentar
auf Friedrichs Arte-Fakten-Blog stellt sie über den Fortschritt in der Wissenschaft fest: »Alles baut aufeinander auf. Es ist eher
eine Pyramide. Aber kein Flickenteppich.« In ihrem bereits erwähnten Beitrag »Was ist Wissenschaft?« führt sie aus: »Wissenschaft
ist niemals die Exklusiv-Veranstaltung eines einzelnen Genies, es sind immer Gemeinschaftsveranstaltungen. Einsteins Theorien hätten
sich nicht durchgesetzt, wenn nicht bis zum heutigen Tag andere Wissenschaftler die Vorhersagen seiner Relativitätstheorien immer
und immer wieder überprüft hätten. Das soll Einsteins Verdienst nicht schmälern, viel früher als der Rest der Menschheit auf den
richtigen Trichter gekommen zu sein, dass Zeit und Raum anders funktionieren, als wir uns das so vorstellen. Genies starten sozusagen
den Turbo in der Wissenschaft, vorwärts kommen tun wir aber auch ohne sie - es dauert nur eben länger.« Carone ist davon überzeugt,
dass Wissenschaftler durchgängig mit rationalen Kriterien arbeiten und nur Genies den Eindruck erwecken, dass es in den Wissenschaften
sprunghaft und nicht schrittweise voran geht. Das ist natürlich purer Blödsinn, denn es ist eine Binsenweisheit, dass jeder bedeutenden
Entdeckung ein Bruch mit den bisherigen Konzepten vorausgeht. Das war bei Newtons Gravitationstheorie nicht anders als bei Einsteins
Relativitätstheorie oder auch Wegeners Kontinentalverschiebungstheorie. Was Carone da über den Fortschritt in der Wissenschaft als
stetige Akkumulation immer besserer Einsichten vorschwebt, das ist höchstens so etwas wie der normalwissenschaftliche Alltag von
Subalternen oder Dogmengläubigen, also günstigstenfalls eine Beschreibung ihrer Wirklichkeit als wissenschaftliche Angestellte. Große
Erfindungen und Entdeckungen beruhen wie Feyerabend einmal formulierte nicht darauf, dass man sich an die Vernunft (also an die
vorhandenen Theorien) gehalten hat, sondern weil man vernünftig genug war, unvernünftig vorzugehen. Er wollte damit übrigens nicht – wie
ihm immer wieder vorgeworfen wurde – die erstaunliche Erkenntniskraft der Naturwissenschaften schmälern (an der angesichts der
technologischen Erfolge kein Zweifel besteht), sondern der fürchterlichen Tyrannei der Objektivität, die für menschliche Kreativität
und Vielfalt kaum mehr Platz lässt, Einhalt gebieten. Und damit meinte er ganz sicher auch die von Carone so vehement verfochtene ebenso
eindimensionale wie einfältige Rationalität der wissenschaftlichen Methodik.
Fortsetzung folgt...
Anmerkungen
1) Die mehrfache Verwendung des Begriffes »Scheiß« in dem angeführten Kommentar ist kein Ausrutscher. Vermutlich um ihrem Standpunkt
mehr Gewicht zu verleihen, meint Carone, sich regelmäßig der Fäkalsprache bedienen zu müssen. Der Begriff »Scheiße« gehört dabei zu
ihrem Standardrepertoire: »Wissen Sie was Herr Friedrich? Irgendwo in Münster wird sich sicherlich auch ein theoretischer Teilchenphysiker
finden lassen, der Ihnen ganz genau erklären kann, wo Sie gequirlte Scheiße über theoretische Teilchenphysik erzählen.(...)« Einen anderen
Kommentator fertigte sie in der gleichen Diskussion mit folgender Bemerkung ab: »Nur wenn Sie mal Ihren Mist zu Ende denken würden, dann
würde Ihnen vielleicht auffallen, dass ein System, das Scheiße mit der größten Weisheit gleichsetzt, nur eines hervorbringt: Einen
ungenießbaren völlig wertlosen Einheitsbrei. Den kein Mensch essen möchte.« Als das Opfer ihrer Beleidigung sie auf ihre Gossensprache
aufmerksam machte, belehrte sie ihn wie folgt: »Tja, Siegmund, echtes Wissen verträgt auch Fäkalsprache. Nur Schwätzer halten die Form
für wichtiger als den Inhalt.«
2) Carones dümmliche Polemik ist schon deshalb ein Rohrkrepierer, weil Deutschlands bekanntester Unwetterprophet und
Klimaerwärmungsapostel Prof. Dr. Mojib Latif laut TAGESSPIEGEL vom 18.08.2002 niemals auf die Idee käme, Unwetterkatastrophen selbst
in Augenschein zu nehmen: »Wenn ein Forschungsaufenthalt in Florida ansteht, legt Latif den Termin in den hurrikansicheren Winter. Er
bevorzugt Sonnenuntergänge und ruhige Spaziergänge an der Elbe oder in Norwegen, wo seine Frau herstammt.«
3) Mit dem Weltraumteleskop CoRoT können nur Objekte entdeckt werden, die sich sehr nahe an ihrem Zentralgestirn befinden
(noch erheblich näher als der Merkur an der Sonne). Die mit dieser Mission gefundenen Planeten sind daher, auch wenn sie bezüglich
der Masse und Größe erdähnlich sind, wie z. B. der »Höllen-Planet« CoRoT-7-b, der sein Zentralgestirn extrem nahe umkreist, mit
an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit unbewohnbar.
G.M., 27.10.09
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Ludmila Carone erforscht Exo-Planeten und mimt auf unserem Heimatplaneten die Wissenschaftskriegerin
»Ich sage in Diskussionen normalerweise nicht: ›Glaub mir, ich bin ein Physiker.‹ Ich versuche wenn schon zu
erklären und hinterfrage höchstens andere, wenn diese aufgrund von weniger Wissen, meinen sich eine bessere
Meinung bilden zu können« (11.09.08)
»Das sind wieder mal so Allgemeinplätze und Pauschalierungen vom Hören und Sagen. Was soll ich mit so etwas anfangen?
Ich bin Wissenschaftler, ich bin im Wissenschaftsbetrieb drin und das nicht erst seit gestern.« (12.09.08)
Hey, das hilft mir weiter!
Ich musste irgendwann die Waffen strecken, weil ich zugegebenermaßen alles andere als bewandert auf dem
Gebiet [Wissenschaftstheorie] bin. (29.02.08)
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Der große Vorsitzende
Prof. Dr. U. Kutschera, ›großer‹ Vorsitzender der AG Evolutionsbiologie, stand schon lange auf meiner Vorwarnliste für die Rubrik
»Übergrößen«. Nachdem er jetzt auch noch eine (zweimonatige) Gastprofessur von der Stanford University erhalten hat, ist der Zeitpunkt
gekommen, ihn in die Ruhmeshalle übergroßer Forscher aufzunehmen.
›Ähre, wem Ähre gebührt!‹
[PDF-Datei, 335 kb]
Im April 2007 habe ich auf meiner Website den Beitrag »Von Egeln und Engeln« eingestellt. Darin habe ich gezeigt, dass der karrierebewusste
Forscher U. Kutschera seine Selbstmotivation aus einer Lügen- oder doch zumindest Selbsttäuschungsgeschichte bezieht und über ein vorsintflutliches Wissenschaftsverständnis verfügt. Nicht ganz unerwartet schlug der Beitrag hohe Wellen.
Umgehend veröffentlichte Kutschera im Newsticker der AG Evolutionsbiologie die Gegendarstellung »Der Kasseler ‚Lügenprofessor’«.
Zu meinem Erstaunen hat er in der Überschrift meine Vorwürfe nicht nur aufgegriffen, sondern auf die Spitze getrieben. Im Text selber weist Kutschera
allerdings alle Vorwürfe vehement zurück: Er unterstellt mir völlige Inkompetenz in biologischen Sachfragen und religiöse Motive für meine
›unqualifizierten‹ Attacken gegen die AG Evolutionsbiologie. Ferner kündigt er eine juristische Prüfung wegen öffentlicher Verleumdung bzw. Beamtenbeleidigung
(einen Tatbestand, den es meines Wissens gar nicht gibt) an.
Weil die Gegendarstellung von schwülstiger Empörung und herablassender Selbstgefälligkeit getragen war, habe ich nicht weiter darauf
reagiert und sie auf meiner Website verlinkt. Kurze Zeit später erhielt ich ein Schreiben des Justiziariats der Universität Kassel in dem ich höflich gebeten
wurde, mich ›verbal‹ etwas zu mäßigen. In der Juniausgabe der Zeitschrift Laborjournal erschien dann auf meine
Initiative hin ein ausführlicher Hintergrundbericht mit dem Titel »Angriff auf einen Evolutionsbiologen«.
Darin stellte der Redakteur Hubert Rehm klar, dass ich weder ein Kreationist noch ein religiös motivierter Kritiker der AG Evolutionsbiologie bin. Dieses Gerücht wird vom
Kutschera-Club seit Jahren wider besseres Wissen mit dem Ziel gestreut, meine massive Kritik an dessen Vorgehen zu entwerten. Der Kutschera-Club: »Menting ist ein Kettenhund des
Kreationisten Lönnig«; Rehm: »Auf Mentings Website ist wenig Religiöses zu finden. (...) Georg Menting ist kein Kreationist, sondern ein Rebell.«
Weniger erfreulich für mich war aber, dass Rehm aufgrund seiner Recherchen zu dem Ergebnis kam, dass alle meine Vorwürfe gegen Kutschera haltlos sind. Dies konnte ich
nicht unkommentiert stehen lassen. Das Laborjournal hat Renommee und ist für seinen investigativen Journalismus bekannt. Hier gab es für mich nur zwei
Möglichkeiten, entweder einzugestehen, dass ich mich (und damit auch andere) getäuscht habe oder zu zeigen, dass Rehm die Faktenlage falsch
dargestellt oder bewertet hat.
Da ich meinen Artikel sorgfältigst recherchiert hatte, war schnell entschieden, dass ich eine Richtigstellung schreiben muss. Dies war
zwar eine »schnelle«, aber keine leichte Entscheidung, denn in den letzten Monaten hatte ich mich hinlänglich mit den seltsamen Methoden
von Kutschera (und seinem Club) beschäftigt und freute mich darauf, neue Herausforderungen anzugehen.
Dieses Vorhaben habe ich erst einmal vertagt und stattdessen eine umfangreiche Replik geschrieben. Darin werden wesentliche
Teile des Laborjournal- Berichts Passage für Passage zitiert und von mir kommentiert. Ein aufwändiges Unternehmen,
das aber notwenig ist, weil viele Leser nur das von der AG Evolutionsbiologie in ihrem Newsticker oder Internetforen
hinausposaunte Resümee (»Kutschera vom Laborjournal rehabilitiert …«) und nicht den Bericht selber kennen.
LJ : »Was ist dran an Mentings Vorwürfen der unberechtigten Erstbeschreibung der Brutpflege beziehungsweise
der falschen Beschreibung einer neuen Art?
Kutscheras erster Artikel über die Brutpflege bei dem Egel Helobdella stagnalis, einem engen Verwandten von Helobdella triserialis, erschien 1986 in Animal
Behaviour (34:941-942). Kutschera hat in diesem Artikel Herrn Pederzani nicht zitiert, denn (so Kutschera) er habe damals keine Kenntnis von dem Artikel gehabt. In der Tat: Welcher
westliche Wissenschaftler las damals schon deutschsprachige Aquarienliebhaber-Zeitschriften aus der DDR?«
GM: Kutschera zählt zu den ausgesprochen publikationsfreudigen Mitgliedern des Wissenschaftsbetriebes.
Seine vermeintliche Erstentdeckung der aktiven Jungenfütterung bei Egeln der Gattung Helobdella hat er 1986 nicht
nur in der Zeitschrift Animal Behaviour, sondern auch noch in Ethology und Mikrokosmos vermarktet. Bei einem
solchen Hang zum Publizieren bleibt nicht selten die sorgfältige Recherche auf der Strecke. Kutschera schreibt, er
habe damals keine Kenntnis von dem Artikel gehabt und Rehm rechtfertigt dies mit der suggestiven Frage, »welcher
westliche Wissenschaftler las damals schon deutschsprachige Aquarienliebhaber-Zeitschriften aus der DDR?« Rehm hätte besser fragen
sollen, welcher westdeutsche Egelforscher diese Zeitschrift damals eigentlich nicht las oder doch zumindest kannte?
Aquarien Terrarien (AT) war nicht eine, sondern die populärwissenschaftliche Aquarienliebhaber-Zeitschrift der DDR, in der
auch viele namhafte Fachleute publizierten. Dies dokumentiert auch ihr Untertitel: »Monatszeitschrift für Vivarienkunde u. Zierfischzucht
(Kulturbund der DDR; Zentrale Kommission Vivaristik)«. Ihr fachliches Niveau war deutlich höher als das der thematisch vergleichbaren
westdeutschen Aquarien- und Terrarienzeitschrift (DATZ). AT wurde auch von vielen westdeutschen
Wissenschaftlern gelesen und war deshalb im Unterschied zur DATZ im Bestand diverser westdeutscher
Universitäts- und Naturkundemuseumsbibliotheken vorhanden. Nach der Wende wurde sie von der finanzstärkeren DATZ
übernommen und ›abgewickelt‹.
Der ambitionierte Egelforscher Kutschera war übrigens selbst ein engagierter Autor für Liebhaberzeitschriften. In der DATZ hat er mindestens zwei Aufsätze
veröffentlicht: »Der Gespornte Hornfrosch« (1974) und »Aufzucht und Pflege des Zwerggürtelschweifes« (1976). Eine weiteren 1983 im Aquarienmagazin
mit dem Titel »Egel, die Vampire unter den Wassertieren«. Es ist also ganz unwahrscheinlich, dass der in der Vivaristenszene aktive Kutschera die Zeitschrift AT nicht kannte.
LJ : »Pederzani machte Kutschera jedoch 1987 in einem Brief mit beigelegten Reprint und einem
Leserbrief in Mikrokosmos (76-95) auf seine Publikation in Aquarien Terrarien aufmerksam. Darauf hin zitierte Kutschera Pederzani in
mehreren seiner Publikationen. Allerdings war und ist Kutschera der Ansicht, dass die Qualität des Pederzanischen Artikels nicht
ausreiche, um als Erstbeobachtung zu gelten. […]«
GM: Auch diese Darstellung ist nicht stimmig und wirft Fragen auf. Pederzani hatte bereits 1986 in der Fachzeitschrift »Mikrokosmos« einen
Artikel mit dem Titel »Fundort Aquarium: Ein Egel blieb jahrzehntelang inkognito« veröffentlicht. Der handelte zwar nicht von der Brutfürsorge, aber in dessen
Literaturliste hat er seinen 1980 in AT erschienenen Beitrag zitiert. Auch Kutschera hat 1986 in Mikrokosmos publiziert. Da er damals
davon überzeugt war, eine neue europäische Egelart entdeckt zu haben, hätte ihn Pederzanis Artikel über in Aquarien gefundene Importegel eigentlich
brennend interessieren müssen. Es verwundert daher, dass Kutschera Pederzanis
Beobachtungen zur aktiven Jungenfütterung nicht schon (spätestens) 1986 kannte, sondern erst 1987 als er von Pederzani brieflich darauf aufmerksam gemacht wurde.
Der österreichische Wissenschaftstheoretiker Gerhard Fröhlich wird in der aktuellen Ausgabe des Laborjournals (7/2007) zur Evaluation von Forschung interviewt.
Er berichtet über das im »Big Science« zu beobachtende Phänomen der Kryptoamnesie: »Kryptoamnesien, also unbewusste Plagiate – nach dem Vergessen der Quelle
wird eine Idee als eigene erlebt – sind bei Multifunktionären, wie sie Peer-Review-Geschäft üblich sind, unvermeidlich.« Ob dieses Phänomen auch ein möglicher Erklärungsansatz
für die Irritationen im vorliegenden Fall (also eher im ›Little Science‹) ist, sei dahingestellt.
Rehm weist daraufhin, dass Kutschera nach 1987 Pederzanis Beobachtungen zur Brutfürsorge in mehreren Publikationen zitiert hat. Dies trifft zwar zu,
aber seltsamerweise hat Kutschera das nicht sofort getan, sondern erst 2001 und 2004 mit fast 15-jähriger Verzögerung. Vorher hat er es vermieden und zwar auch dann,
wenn es inhaltlich angebracht war. Z. B. hat er Pederzani in seinem Artikel »Reproductive Behaviour and Parental Care of the Leech
Helobdella triserialis« (Zoologischen Anzeiger 1992) mit keinem Wort erwähnt. Und dies obwohl Pederzani damals der Auffassung war, dass er seine
Beobachtungen zur aktiven Jungenfütterung an genau dieser Egelart gemacht hatte. (Dass sich Pederzani in diesem Punkt irrte, zeigten definitiv erst 2004 durchgeführte
DNA-Sequenzanalysen.)
Kutschera bemerkt, dass die (wissenschaftliche) Qualität von Pederzanis Artikel nicht ausreicht, um als Erstbeobachtung zu gelten. Natürlich gilt dies nicht für
seine eigenen, in Liebhaberzeitschriften publizierten Artikel. Selbstredend hat er sich nicht gescheut, sie in seine im Internet veröffentlichte Publikationsliste aufzunehmen.
LJ : »Wem gebührt der Lorbeer der Erstbeobachtung? Laborjournal hat die beiden Artikel zwei Fachmännern vorgelegt und sie um ihre Meinung gebeten. Beide seien gestandene
Verhaltensbiologen und Lehrstuhlinhaber.
Der erste schrieb:
›Generell halte ich es für problematisch, eine echte Urheberschaft von Entdeckungen von eher allgemeiner Natur festzuschreiben. Wachsame Naturbeobachter sehen vieles
und nicht selten zeitlich früher als berufsmäßige Forscher.
Wer hat als erster entdeckt, dass der Kuckuck seine Eier in fremde Nester legt? Wer hat als erster gesehen, dass Blutegel saugen? Wer hat
als erster gesehen, dass bestimmte Blutegel Brutpflege betreiben?
Herr Kutschera hat mit Sicherheit als erster dieses Verhalten gründlich untersucht, solide dokumentiert und in einem Fachorgan
publiziert. Dies ist das Zitat, das in Folgearbeiten als Erstlingsentdeckung zitiert werden muss.
Es überrascht nicht, dass ein aufmerksamer Aquarianer diese nicht allzu schwierige Beobachtung ebenfalls gemacht hat. In einem
Aquarienheft-Beitrag, in dem die Haltung und Leben von Blutegeln im Aquarium dargestellt werden, wird die Brutpflege folgerichtig aufgeführt, aber nicht als
besondere oder wichtige Entdeckung hervorgehoben. Im Gegensatz dazu hat Herr Kutschera die Bedeutung dieser biologischen Tatsache als erster entsprechend
eingeordnet und gewürdigt.
Da diese Textstelle (sic!) von Herrn Pederzani aufgetaucht ist, wäre es nicht falsch, diese zu erwähnen, aber nicht als wissenschaftliche
Leistung, sondern als anekdotische Beobachtung, die für sich genommen keine bemerkenswerte Leistung darstellt. Hat man diese Egel im Aquarium, ist die
Brutpflege nicht zu übersehen. Die wissenschaftliche Leistung von Herrn Kutschera würde ich dadurch in keinster Weise geschmälert sehen .‹
Der zweite schrieb:
›Wie sie ja selbst gelesen haben, hat Pederzani beobachten können, dass ein Helobdella-Muttertier eine Mückenlarve an die ihr angehefteten Jungegel
›weiterreichte‹. Er schloss hieraus auf eine ›aktive Fütterung der Jungen
durch das Alttier‹, war sich aber der Tragweite seiner Beobachtungen nicht ganz sicher und stellte sie zur Diskussion.
Kutscheras Beobachtungen sind detaillierter und belegen durch die Beschreibung der Farbveränderungen des Verdauungstrakts der Egel nach
Ansaugen an eine roten Tubifex-Larve, dass sich die Jungen tatsächlich von Beute ernähren, die das Elterntier gefangen hat. Interessant ist hierbei bei
beiden Autoren, dass die Eltern Nahrung weitergeben, ohne selbst daran zu fressen, d. h. die Nahrungsaufnahme durch die Jungen ist kein Nebeneffekt des
Fressens des Elterntiers.
Pederzani zitiert Herter (1930), der schreibt ›…die Jungtiere beteiligen sich an den Mahlzeiten…‹. Insofern wäre Herter der
Erstbeschreiber dieses Verhaltens (obwohl aus dem zitierten Fragment von Herters Arbeit nicht hervorgeht, inwieweit sich Jungen an der Nahrung der
Eltern gütlich tun oder gezielt von den Eltern versorgt werden), Pederzani hat die Beobachtung konkretisiert, zögerte aber mit der Interpretation und
Kutschera hat durch die Beobachtung der Verfärbung die Nahrungsaufnahme nachgewiesen .‹ [...]«
GM: In beiden Stellungnahmen dokumentiert sich eine alte wissenschaftliche Unsitte: Begutachtet wird zwar mit hoher
Reputation, aber von anonymer Warte. Die Gutachter werden namentlich nicht genannt und müssen sich daher für ihre Bewertungen auch nicht
verantworten. Diese Form der Begutachtung ist seit einiger Zeit wissenschaftsbetriebsintern heftig in die Kritik geraten. Da in anonymen
Gutachten völlig unklar bleibt, inwieweit sie durch sachfremde Kumpanei oder Standesdünkel verzerrt sind, ist ihre Aussagekraft naturgemäß von zweifelhaftem
Wert. Von den Redakteuren eines investigativen Journals hätte ich daher erwartet, dass sie auf Gutachter verzichten, die nicht die Zivilcourage
besitzen, für ihre Gutachten mit ihrem Namen einzustehen.
Erst jüngst berichtete die renommierte Universität Zürich in dem Online-Beitrag »Glaube,
Liebe, Peer review« über die Mängel der Methode, die Qualität von wissenschaftlichen Artikeln durch anonyme Fachkollegen bewerten zu lassen
(sogenanntes Peer review): »Peer review ist in der Forschung zwar sehr verbreitet, stösst aber auch auf heftige Kritik. Teuer, langsam,
voreingenommen, einfach zu missbrauchen, schlecht im Aufdecken von Fehlern und Betrügereien, hochgradig subjektiv, eine Art Lotterie: so lauten die schärfsten
Angriffe auf das Verfahren.«
Rehm ist sich der Bedeutung von persönlichen Daten für die Einschätzung der Stellungnahme eines Wissenschaftlers durchaus bewusst.
Geht es um die Herabsetzung eines Wissenschaftlers zögert er nicht, selbst persönlichste Daten zu publizieren. Im Kommentar zu seinem Egelbericht
erfahren wir von dem schöpfungsgeschichtlich motivierten Evolutionstheoriekritiker Dr. Wolf-Ekkehard Lönnig nicht nur wo er arbeitet, sondern auch noch welcher Religionsgemeinschaft er
angehört! Dagegen betrachtet er es als offenbar legitim (oder doch zumindest vertretbar), dass bei den von ihm hinzugezogenen Gutachtern schon
der Name oder der Arbeitsplatz unter den Schutz der Persönlichkeitssphäre fällt.
Trotz der genannten Vorbehalte kann man die zweite Stellungnahme noch als erträglich bezeichnen. Die andere ist allerdings –
gelinde formuliert – eine Zumutung! Der erste Gutachter kommentiert vom hohen wissenschaftlichen Ross, hat keine Skrupel die Fakten zu verdrehen
und ergreift unverhohlen Partei für seinen Kollegen Kutschera. Es ist wahrlich nicht zuviel verlangt, wenn man von einem staatlich
finanzierten Lehrstuhlinhaber, der sich als Sachverständiger betätigt, eine gewisse Neutralität bei der Würdigung von Sachverhalten erwartet. Dies ist aber
bei ersten Stellungnahme nicht der Fall. Ihr Autor disqualifiziert sich daher als Gutachter und bestätigt stattdessen eindrucksvoll das Sprichwort, dass eine
(universitäre) Krähe der anderen kein Auge aushackt.
Gleich zu Beginn seiner Stellungnahme führt er den Leser auf Abwege. Er stellt fest, dass »wachsame Naturbeobachter« vieles, »nicht
selten zeitlich früher als berufsmäßige Forscher sehen« und fragt suggestiv : »Wer hat als erster entdeckt, dass der
Kuckuck seine Eier in fremde Nester legt? Wer hat als erster gesehen, dass Blutegel saugen? « Tatsächlich sind dies hier völlig irrelevante Fragen, denn
es handelt sich mit Sicherheit um Beobachtungen, die von Laien gemacht wurden, als es noch gar keinen Wissenschaftsapparat gab. Bei der Beobachtung
der Brutfürsorge bei Egeln haben wir es aber mit der Entdeckung eines völlig unerwarteten und unauffälligen Verhalten durch einen engagierten Vivaristen
zu tun, die erfolgte als es bereits seit über 200 Jahre einen funktionierenden Wissenschaftsbetrieb gab.
Der erste Gutachter ist regelrecht davon besessen, Pederzanis Leistungen abzuwerten. Ihm scheint nicht bewusst zu sein, dass er dabei übers
Ziel hinausschießt und auch Kutscheras Leistung herabwürdigt: So stuft er die von Pederzani gemachten Beobachtungen zur aktiven
Jungenfütterung bei Egeln als »nicht allzu schwierig«, »keine bemerkenswerte oder gar wissenschaftliche Leistung« und »anekdotisch« ein.
Ferner schlussfolgert er: »In einem Aquarienheft-Beitrag, in dem die Haltung und Leben von Blutegeln im Aquarium dargestellt werden, wird die Brutpflege
folgerichtig aufgeführt, aber nicht als besondere oder wichtige Entdeckung hervorgehoben.« Seine absurde Argumentation gipfelt in der Bemerkung: »Hat
man diese Egel im Aquarium, ist die Brutpflege nicht zu übersehen.«
Man weiß gar nicht, wo man anfangen soll, diesen Unsinn richtig zu stellen! Erstens fragt sich, wenn die Beobachtung der Brutfürsorge
wirklich so trivial ist, wie zuvor zitiert, warum stilisiert Kutschera sie dann in seinem MIZ-Artikel zu einer großen wissenschaftlichen Entdeckung?
Zweitens ist fraglich, ob dieser Gutachter Pederzanis Beitrag überhaupt aufmerksam gelesen hat, denn es geht darin nicht (wie dieser bemerkt)
um »die Haltung und das Leben von Blutegeln in Aquarien«, sondern um die Identifizierung von ungebetenen und bisher wenig beachteten Gästen
in Aquarien und der Beschreibung von deren Verhalten. Und drittens ist Pederzani entgegen der Darstellung des Gutachters
durchaus bewusst, dass er eine » besondere oder wichtige Entdeckung« gemacht hat. Dies zeigt sein Resümee:
»Natürlich bin ich mir darüber im klaren, daß diese Darstellung der Abläufe, die ja den Schluß enthält, es handele sich um eine aktive Fütterung der
Jungen durch das Alttier, auf Bedenken und Unglauben stoßen wird, denn wenn ich nicht irre, würde es sich hier ja wohl um den einzigen Fütterungsvorgang
bei niederen Tieren handeln, staatenbildende Insekten ausgenommen. «Interessanterweise findet sich sechs Jahre später bei Kutschera eine
inhaltlich fast identische Passage: »To our knowledge Helobdella striata and H. stagnalis art the first ›prearthropodian‹ species for which
it has been shown that they collect food to present it to their offspring.« Daraus kann man doch nur folgern, wenn Kutschera sich der Bedeutung
seiner Erstentdeckung der Brutfürsorge bei Egeln bewusst war, dann trifft das auch auf Pederzani zu – allerdings mit dem kleinen Unterschied,
dass Pederzani seine Beobachtungen sechs Jahre früher publiziert hat.
Am Rande sei bemerkt, dass es gar nicht so einfach ist, Egel im Aquarium am Leben zu halten und deren Verhalten zu beobachten. Wenn dies der
Fall wäre, hätten berufsmäßige Wissenschaftler deren Brutfürsorge viel früher entdeckt und publiziert. Das dies nicht so ist, hängt auch damit zusammen, dass
Universitätsforscher bis Anfang des 20. Jahrhunderts vorwiegend ›Spiritusforschung‹, also Forschung am toten Objekt betrieben haben. Als sie
dann auch das Verhalten ihrer konservierten Objekte studieren wollten, mussten sie erst von der Vivaristen-Gemeinde lernen, wie man sie am Leben erhält. Erst
als sie das gelernt hatten, war es den Universitätswissenschaftlern überhaupt möglich, Erkenntnisse nachzuvollziehen, die Aquarien- und Terrarienliebhaber
bereits viele Jahre zuvor gemacht hatten.
Angesichts der geschilderten Falschdarstellungen und -bewertungen verwundert es nicht, dass der erste Gutachter zu dem (offenbar
schon im Vorfeld feststehenden) Ergebnis kommt, dass in Folgearbeiten nicht die »Textstelle von Herrn Pederzani«,
sondern Kutscheras Veröffentlichung »als Erstlingsentdeckung zitiert werden muss«. Liest man aber die begrifflich
als bloße »Textstelle« abgewertete umfangreiche Passage (siehe Anlage), in der Pederzani seine Beobachtungen beschreibt,
unvereingenommen und betrachtet die strittige Frage, wem der Lorbeer der Erstbeobachtung zusteht, mit dem gesunden Menschenverstand
und nicht mit der für den Wissenschaftsbetrieb eigentümlichen Arroganz, so kommt man zu einem ganz anderen Ergebnis:
Pederzani hat – wenn auch eingeschränkt durch sein damaliges Equipment – zweifelsfrei als erster beobachtet, dass Egel ihre Jungen
aktiv füttern. (Dies ist im Übrigen auch die persönliche, von den Gutachten nicht irritierte Einschätzung von Rehm).
Er hat ferner andere Beobachter hinzugezogen, um sicherzustellen, dass seine Beobachtungen nicht durch eine übertriebene Entdeckerfreude verfälscht werden.
Er hat seine Forschungsergebnisse in einer Zeitschrift publiziert, die nicht nur von Aquarien- und Terrarienfreunden, sondern auch von vielen
Wissenschaftlern gelesen wird. Und zu guter Letzt hat er auch noch andere Egelforscher aufgefordert, seine (auf den ersten Blick unglaublichen)
Ergebnisse zu prüfen.
Diese Vorgehensweise kann man doch wohl nur als Wissenschaft im besten Sinne bezeichnen. Selbst aus Sicht eines zur Überheblichkeit und
Selbstgefälligkeit neigenden Wissenschaftsbetriebes kann ich hier nur einen Makel erkennen, nämlich den, dass Pederzani
die Beobachtungen im eigenfinanzierten Wohnzimmer und nicht im staatlich subventionierten Labor gemacht hat. Man kann daher die Feststellung des ersten
Gutachters, dass Kutscheras vermeintliche Erstbeschreibung der aktiven Brutfürsorge in »Folgearbeiten als Erstlingsentdeckung
zitiert werden muss« nur als borniert bezeichnen.
Der zweite Gutachter ergreift nicht gleich Partei, sondern beschreibt einigermaßen
unvoreingenommen, wie die Entdeckung der Brutfürsorge abgelaufen ist. Er erwähnt,
dass Pederzani Herter (1930) zitiert. Leider nicht, um
zu zeigen, dass Pederzani gewissenhaft recherchiert hat, ob es in der
Literatur Hinweise gibt, die seine außergewöhnlichen Beobachtungen stützen,
sondern um darüber zu spekulieren, ob nicht Herter aufgrund seiner Erwähnung
der Jungenfütterung als Erstbeschreiber zu gelten hätte. Er kommt zu dem Resümee,
dass Pederzani Herters Beobachtungen konkretisiert und Kutschera
die aktive Nahrungsaufnahme durch die Beobachtung der Verfärbung der Darmblindsäcke
nachgewiesen hat. Tatsächlich hat Kutschera sie aber nur durch ein zusätzliches
Indiz bestätigt, so dass Pederzani zweifelsfrei der Lorbeer für die Erstentdeckung
der Brutfürsorge bei Egeln zusteht.
LB : » Der zweite Vorwurf Mentings lautet: Kutschera habe sich bei der Erstbeschreibung des Egels Helobdella
europaea geirrt, bei diesem handele es sich um die eingeschleppte H. triserialis.
Helobdella europaea
In der Tat sehen die beiden Egelspezies für Nichtspezialisten ähnlich aus. Sie unterscheiden sich jedoch im Fressverhalten, das bei Egeln als taxonomischer
Parameter gilt. Triserialis frisst nur Schnecken, während Europaea auch Kaulquappen, Krebse, tote Fische et cetera verzehrt. H. europaea ist
also tatsächlich eine andere Art als H. triserialis. Das hat Kutschera inzwischen auch durch mtDNA-Analyse nachgewiesen.«
GM: Hier ist Rehm ein
folgenschwerer Lapsus passiert: Er hat Kutschera von einem Vorwurf entlastet, den ich gar nicht erhoben habe. Ich habe nicht behauptet,
dass es sich bei dem von Kutschera als H. europaea beschriebenen Egel um die bereits bekannte Art H. triserialis (Blanchard 1849) handelt,
sondern dass Kutschera aufgrund der ihm vorliegenden Indizien und Hinweise hätte frühzeitig erkennen müssen, dass es sich bei der von ihm
entdeckten Helobdella-Art, um keine neue heimische, sondern um eine invasive Art handelt. Von diesem Vorwurf hat das Laborjournal
Kutschera somit nicht entlastet.
LJ : »Der amerikanische Egelexperte Mark Siddall hat Kutscheras Analysen mit DNA-Barcoding bestätigt, des weiteren Bely
und Weisblat in Evolution & Development (2006, 8:491-501). Siddall glaubt, dass H. europaea mit der 1943 von dem
Argentinier Raul Ringuelet (1914-1982) beschriebenen Art H. triserialis lineata identisch sei, doch basiert diese Identifikation nur auf einem
Schwarzweiß-Foto Ringuelets, und es gibt kein Typenexemplar mehr, mit dem man eine DNA-Analyse durchführen könnte.
Die Identität von H. europaea mit Ringuelets Egel steht also nicht zweifelsfrei fest und ist auch nicht mehr zweifelsfrei festzustellen.
Sicher ist: H. europaea und H. triserialis sind verschiedene Spezies. Zudem ist auch für Siddall H. europaea die gültige
Artbezeichnung, denn Ringuelets Name Helobdella lineata war schon von einem nordamerikanischen Egel vorbesetzt.«
GM : Hier ist Rehms Darstellung und Bewertung zuzustimmen: H. europaea und H. triserialis sind verschiedene
Spezies und die Auffassung von Siddall, dass H. europaea mit der H. triserialis lineata (Ringuelet 1943 ) identisch ist, kann heute nicht
mehr zweifelsfrei bewiesen werden. Es irritiert aber, dass Kutschera die Frage einer möglichen Übereinstimmung der beiden
vorgenannten Egelarten nicht schon bei seiner Erstbeschreibung diskutiert hat. Drängt sich hier nicht der Verdacht auf, dass Kutscheras vorschnelle
Überzeugung, eine neue heimische Art entdeckt zu haben, eine sorgfältige Recherche beeinträchtigt hat?
LJ : » H. europaea ist nicht in Europa heimisch, sondern wurde vermutlich aus Südamerika
eingeschleppt. Die Namensgebung ist also unglücklich aber verzeihlich, denn Kutschera hat seine Typenexemplare
wildlebend in einem Bach bei Freiburg gefunden. Auch hat Kutschera bei der Neubenennung alle Vorsicht walten lassen. So hat
er sich an den Egelspezialisten Roy Sawyer gewendet und erst auf dessen Empfehlung hin die Neubenennung vorgenommen.«
GM: Kutschera war Anfang der 1980er-Jahre (und da war wohl mehr der Ruhm als die Indizienlage der
Vater des Gedankens) der Auffassung, eine neue einheimische Helobdella-Art gefunden zu haben. Er hat sie zunächst als H. striata (1985)
und als sich herausstellte, dass dieser Name präokkupiert ist zwei Jahre später als H. europaea beschrieben. Dies war und ist eine
wissenschaftliche Fehlleistung, denn statt einer neuen heimischen Art hatte er einen weltweit invasiven Importegel bzw. eine neue Subspezies aus dem
ursprünglich in Südamerika beheimateten Helobdella-triserialis-Komplex entdeckt.
Kutschera hat später versucht, seine falsche Beschreibung von H. europaea als neue heimische Art durch diverse Verwirrspiele zu
verschleiern und erst sehr spät eingeräumt, dass er sich geirrt haben könnte. Z. B. hat er in einem 2001 veröffentlichten Fachartikel, seine ursprüngliche,
weniger verfängliche (aber eben präokkupierte) Namensgebung H. striata wieder reaktiviert. Erst 2004 hat er die Frage diskutiert, ob es sich
bei H. europaea um eine invasive Art aus Südamerika handelt. Tatsächlich lagen ihm aber schon spätestens seit 1987 eine Reihe von
gewichtigen Indizien und Hinweisen vor, die für einen invasiven Importegel sprachen:
Erstens hatte man seit über 200 Jahren in Europa keinen neuen heimischen Egel der Gattung Helobdella mehr entdeckt. Zweitens hatte Kutschera
die Egel in einem siedlungsnahen Gewässer gefunden. Drittens hatte ihn der englische Egelspezialist Sawjer bereits 1984 darauf aufmerksam gemacht, dass
ihm Hinweise auf einen nach Europa importieren Egel vorliegen. Viertens hatte der Vivarist Pederzani 1986 in der wissenschaftlichen Fachzeitschrift Mikrokosmos
über in Berliner Aquarien gefundene morphologisch identische, invasive Egel berichtet. Und zu guter Letzt hat er ihn auch noch persönlich angeschrieben und ihm einen Reprint des
Artikels zugeschickt.
Nur Kutschera lagen alle damals genannten Hinweise auf einen Importegel vor. Trotzdem hat er ihn in seinem 1987 erschienenen Artikel erneut
als heimische Art beschrieben, was sich bis heute in dem unglücklichen Epithet europaea dokumentiert. Kutschera
hat später versucht, sich damit rauszureden, dass sein Artikel von der Redaktion bereits abgesegnet war, als ihn Pederzanis
Brief erreichte. Aus dieser Rechtfertigung ergeben sich einige Fragen:
Weshalb hat er den zwar abgesegneten, aber noch nicht gedruckten Artikel eigentlich nicht korrigiert oder zurückgezogen? Und wenn
dies nicht möglich war, warum hat er ihn dann nicht zum nächst möglichen Zeitpunkt, also der nächsten Ausgabe korrigiert? Und wie konnte es passieren,
dass er Pederzanis 1986 in der Fachzeitschrift Mikrokosmos veröffentlichten Artikel über in Berliner Aquarien gefundene, morphologisch
identische Importegel übersehn hat? – Eine Kutschera im übrigen sehr gut bekannte Zeitschrift, da er im selben Jahr darin über seine
vermeintliche Entdeckung der aktiven Jungenfütterung publiziert hat. Der Leser möge sich selbst ein Urteil darüber bilden, ob Kutschera bei seiner
Neubenennung – wie von Rehm behauptet – alle Vorsicht hat walten lassen und ob so sorgfältiges wissenschaftliches Arbeiten aussieht.
LJ : » Pederzanis Egel war nicht H. triserialis, sondern
wahrscheinlich Kutscheras H. europaea, denn Pederzanis Egel fraßen nur Mückenlarven und Triserialis frisst nur
Schnecken. Pederzani (beziehungsweise sein taxonomischer Gewährsmann Gerhard Hartwich vom Zoologischen Museum
Berlin) haben sich also geirrt. Im Aussehen sind Triserialis und Europaeafast identisch, und die Taxonomie der Egel ist schwierig.«
GM : Die Taxonomie der Egel und insbesondere der zum Polymorphismus neigenden H. triserialis-Arten ist
in der Tat – und da ist Rehm zuzustimmen – ein schwieriges Unterfangen. Es ist nicht einfach zu entscheiden,
ob ein abweichendes Merkmal (z. B. abweichende Nahrungspräferenzen) zum normalen Spektrum einer Spezies gehört oder ausreicht, eine neue Subspezies zu
beschreiben. Pederzani vertrat damals die zuerst genannte Auffassung, Kutschera die letztere.
Aufgrund der jetzt vorliegenden DNA-Sequenzanalysen sieht es definitiv so aus, dass Pederzani hier irrte und Kutschera Recht hatte. Bei
den von Kutschera in einem siedlungsnahen Gewässer und von Pederzani in Berliner Aquarien gefundenen Egel handelte es sich nicht um einen bereits
beschriebenen, sondern um eine neue Subspezies aus H. triserialis-Komplex. Pederzanis Irrtum darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass er
in einem entscheidenden Punkt Recht behalten hat und der besagt, dass es sich bei dem Egel um keine neue heimische, sondern
um eine invasive, aufs engste mit H. triserialis verwandte Art handelt.
An dieser Stelle noch ein paar Bemerkungen zu den bereits erwähnten Verwirrspielen, mit denen Kutschera versucht, seine falsche
Beschreibung einer neuen Art (die er offenbar im Nachhinein als Blamage findet) zu verschleiern. Studiert man z. B. Kutschera
Publikationen zum taxonomischen Status der von Pederzani gefundenen Egel so stößt man auf widersprüchlichste Versionen.
Wenn es um die Entdeckung der Brutfürsorge geht, schreibt Kutschera, dass Pederzani seine Beobachtungen an Helobdella-Spezies von
unbekannten taxonomischen Status gemacht:
»It should be noted that Pederzani (1980) mentioned similar observations carried out on several specimens of unknown
taxonomic status. This enigmatic leech, which is very similar to H. striata (sic!), was introduced from South America via aquatic plants into several
warm-water aquaria in Berlin (Germany)« (Kutschera & Wirtz 2001).
Wenn es aber um den Artstatus von Helobdella europaea geht, dann schreibt Kutschera, dass Pederzanis
in Berliner Aquarien gefundenen Egel mit seinen identisch sind:
»Pederzani (1980) reported that a glossiphonid leech that resembles the American warm-water species H. triserialis, later identified by Kutschera
as H. europaea, occurred in aquaria in Berlin« (Pfeiffer, Brenig & Kutschera 2004).
Dieses Verwirrspiel erreicht seinen Gipfel in Kutscheras im Newsticker der AG Evolutionsbiologie veröffentlichten Gegendarstellung »Der Kassler
›Lügenprofessor ‹« zu meinem Artikel »Von Egeln und Engeln«. Hier stellt er fest:
»Entgegen Mentings Spekulation lag keine ausreichende Evidenz vor, dass die von mir beschriebene Egelspezies mit Pederzanis ›Aquarien-Importegel‹ H. triserialis
übereinstimmte. Diese Frage konnte bis heute nicht eindeutig geklärt werden« (2007).
Damit haben wir drei Versionen: Erstens, der taxonomische Status von Pederzanis Egeln ist unbekannt. Zweitens, Pederzanis
Egel konnten von Kutschera als H. europaea identifiziert werden. Und drittens, die Frage der Übereinstimmung konnte bis heute nicht eindeutig
geklärt werden. Es ist übrigens nicht auszuschließen, dass die Versionen nicht zufällig, sondern intentional gewählt werden. Wenn es darum geht, wer die
Brutfürsorge als erster entdeckt hat, wäre es für Kutschera von Vorteil, wenn nicht einmal der taxonomische Status von Pederzanis Egeln bekannt
ist. Wenn es aber darum geht, ob H. europaea eine neue Art ist, schadet es nicht, wenn sie identisch mit Egeln ist, die andernorts also z. B. in
Berliner Aquarien gefunden wurden, zumal H. europaea seit einigen Jahren an ihrem ›locus typicus‹ (ein Gewässer in der Nähe von Freiburg)
verschwunden ist. Und wenn es – wie in Kutscheras Gegendarstellung – um beides geht, ist die Frage eben noch ungeklärt!
Ich überlasse es dem Leser, sich hier selbst ein Urteil darüber zu bilden, was von solcher Art ›wissenschaftlicher‹ Verwirrspielen zu halten ist.
LJ : »Die Gepflogenheiten in der Egelforschung sind übrigens hart, nicht nur zwischen Forschern und Laien, sondern auch
unter den Forschern selbst. So hatte Kutschera 2006 in der Zeitschrift Lauterbornia (56:1-4) die bemerkenswerte Erkenntnis veröffentlicht,
dass es sich bei den heutzutage als medizinische Blutegel Hirudo medicinalis L. verkauften Egeln in Wirklichkeit oft um Hirudo verbana handelt, eine
Egelspezies, die 1820 von H. Carena im Lago Maggiore entdeckt worden war. Verbana und Medicinalis galten lange als Varietäten
derselben Art.«
Kutschera konnte aber zeigen, dass die beiden Egel sich selbst bei gemeinsamer Aufzucht getrennt fortpflanzen und keine Zwischenformen
auftreten. Nach gängiger Definition handelt es sich also um zwei verschiedene Biospezies. Ein Jahr später erschien ein Artikel von Mark Siddall et al. (Proc Biol Sci 2007, 274 (1617):1481-7)
mit dem Titel ›Diverse molecular data demonstrate that commercially available medicinal Leeches are not Hirudo medicinales ‹, der
im wesentlichen das gleiche verkündete wie Kutschera, allerdings gestützt auf DNA-Sequenzen und nicht auf Verhaltensbeobachtungen.
Siddalls Erkenntnisse brachten es in fast jede Zeitung, von Kutschera redete kaum einer. Siddall et al. hatten zwar das Kutschera-Paper zitiert, seine
Ergebnisse jedoch als bloße ›Vermutung‹ abgewertet. Kutschera wird nächstens mit einem Kurzbeitrag in Nature die
Sachlage klarstellen.«
GM: Zweifelsfrei erreicht der Laborjournal-Artikel in dieser abschließenden Passage seine größte Schräglage. Rehm konstatiert, dass die
Gepflogenheiten in der Egelforschung hart sind. Man sollte hinzufügen, dass sie allgemein im Wissenschaftsbetrieb hart sind, wenn es um strittige Sachfragen
geht, die eng mit Karrierefragen verbunden sind. Und dass dies so ist, hängt wesentlich mit so karrierebewussten Forscherpersönlichkeiten wie Kutschera zusammen.
Der kennt – wie ich schon wiederholt zeigen konnte – wenn es um seinen Vorteil geht, wenig Skrupel um Kontrahenten ins wissenschaftliche
oder weltanschauliche Abseits zu drängen. Mich hat er z. B. in seinem Buch »Streitpunkt Evolution« durch eine entstellende Verkürzung des tatsächlichen Sachverhaltes
einer kreationistisch motivierten »Infiltration von Fachzeitschriften« bezichtigt. Ferner hat er in seiner Gegendarstellung »Der Kasseler
›Lügenprofessor‹« die Tatsachenbehauptung verbreitet, dass ich an keiner deutschen Universität eine biologische Zwischenprüfung bestehen würde.
Er unterschlägt dabei dem geneigten Leser, dass ich Botanik (inklusive Laborpraktika) im Nebenfach studiert habe und dieses Studium mit einer Nebenfach-Diplomprüfung
abgeschlossen habe.
Es schlägt dem Fass daher den Boden aus, wenn Rehm Kutschera am Ende seines Berichtes auch noch reichlich Platz dafür einräumt, sich als
Opfer eines anderen Egelforschers zu stilisieren, der angeblich mit seinen »bemerkenswerten Erkenntnissen« hausieren geht.
Rehm wirft mir mangelndes Expertentum in Egelfragen vor. Dies mag zwar zutreffen, denn um den Artikel »Von Egeln und Engeln« zu schreiben,
brauchte ich die einschlägige Literatur nur systematisch auszuwerten und einige Egelexperten befragen, aber eben keine eigene Egelforschung betreiben. Wäre es um die
strittige Erstbeschreibung einer neuen Fischotterart gegangen, hätte meine Geschichte daher statt »Von Egeln und Engeln« auch »Von Ottern und Göttern«
handeln können – und zwar ohne ein ausgewiesener Fischotterexperte zu sein.
H. medicinalis / H. verbana
Wie steht es aber um das Expertentum des Redakteurs Rehm? Hat er den Artikel, in dem Kutschera die Ergebnisse seiner Kreuzungsexperimente
zwischen Hirudo medicinalis und H. verbana dokumentiert eigentlich gelesen? Ich befürchte nicht. Und hat er vertiefende Literatur zu den von Kutschera
für sich reklamierten Erkenntnissen studiert oder gar Experten befragt, ob die Experimente aussagekräftig sind? Ich befürchte, Rehm müsste auch diese
Frage mit ›nein‹ beantworten.
Um eine tragfähige Einschätzung zu der Frage zu bekommen, ob sich Kutschera hier zurecht als Opfer stilisiert, müsste ich mich erneut in die einschlägige Literatur
zu einer sehr speziellen Thematik einarbeiten. Sollte ich dabei herausfinden, dass Kutscheras Version der Geschichte diesmal zutrifft, würde das niemand sonderlich
interessieren. Käme ich allerdings zu dem Ergebnis, dass Kutschera sich hier wieder einmal zu unrecht als Opfer stilisiert, würde mein Urteil weithin nur als unqualifizierte
und böswillige Fortsetzung meiner (sogenannten) ›Hetzkampagne‹ gegen den Kutschera oder sein Club abgewertet.
Mein Urteil ist hier also weder gefragt noch angesagt. Deshalb bin ich froh, in der Rubrik »Forumbeiträge« eine Stellungnahme
des renommierten Egelexperten Clemens Grosser* (Leipzig) zu dem Laborjournal-Artikel »Angriff auf einen Evolutionsbiologen«
vorlegen zu können. Darin werden auch Kutscheras Kreuzungsexperimente und ihre fachliche Bedeutung auf den Prüfstand gestellt.
Literatur
siehe Beitrag von »Von
Egeln und Engeln«
Anmerkung
* Clemens Grosser
ist ausgebildeter Gymnasiallehrer und derzeit Schulleiter von mehreren Fachoberschulen in Leipzig. Er beschäftigt sich seit 1985 intensiv mit der
Faunistik und Biologie von Egeln und hat zwischenzeitlich ca. 30 Fachartikel zu der Thematik publiziert. Grosser betreibt eine eigene Website über Egel
(www.hirudinea.de). In ihr dokumentiert er u. a. die derzeit nachgewiesenen Egeltaxa verschiedener Regionen und informiert
über aktuelle Ergebnisse der Egelforschung. In Sachen Egelfragen ist
er ein kompetenter Ansprechpartner: Er leitet Bestimmungskurse für Egel, ist Ratgeber für Bundes- und Landesbehörden (Umsetzung der FFH-Richtlinie, Erstellung
von ›Rote Listen‹ für Egel) und berät Blutegelzüchter. Auch der ambitionierte Egelforscher U. Kutschera sucht bei kniffeligen Problemen immer wieder
den Rat von Grosser.
Anlage
Entdeckung und Beschreibung der aktiven Jungenfütterung bei Egeln durch H. A. Pederzani:
»Die heranwachsenden jungen Egel üben, mit den hinteren Saugnäpfen am Bauch des Muttertieres angeheftet, oft Suchbewegungen aus (Bild 9), manchmal
gleichzeitig mit der Mutter. Stößt diese nun gegen ein schwebendes Futtertier, z. B. gegen eine Weiße Mückenlarve, so wird das Beutetier mit dem vorderen
Körperdrittel, das ausgestreckt ja weit länger geworden ist als in Ruhe, blitzschnell umrollt und herangezogen. Dies geschieht mit außerordentlicher
Kraft, und die energischen Zuckbewegungen der Larven führen nur selten zu ihrer Befreiung. Nun wird der Rüssel aus der Mundöffnung ausgefahren. Nach wenigen
Sekunden zeigt die Larve kein Lebenszeichen mehr. Einige Minuten später läßt der Egel die ausgesogene Haut der Mückenlarve zu Boden fallen. […]
Nun wollen ja auch die Jungen zu ihrem Recht kommen. Sie sind vom gefangenen Beutetier nicht weit entfernt. Herter (1968) schreibt: ›…Die Jungen
beteiligen sich an den Mahlzeiten….‹ Im Bewusstsein der Gefahr einer Fehldeutung möchte ich nun schildern, wie sich
mir (und mehreren herbeigerufenen weiteren Beobachtern) dieser Vorgang leicht variiert mehrfach darstellte:
Ein Muttertier fing eine Mückenlarve, wartete bis sie bewegungsunfähig war und reichte sie dann zu den Jungegeln hinunter, die die Beute sofort
übernahmen und zu saugen begannen. Inzwischen fing die Mutter eine weitere Larve, ließ sie aber getötet fallen, als sie auch diese den Jungtieren zuführen
wollte, die aber noch mit der ersten Larve beschäftigt waren. Daraufhin nahm die ›Mutter‹ den Jungtieren die Larve ab, drehte sie wie prüfend und reichte
sie dann zurück. Dies wiederholte sie manchmal mehrfach. Schließlich, wenn die Larve nur noch aus Haut zu bestehen schien, ließ das Muttertier sie zu Boden fallen.
In zwei Fällen wurde eine Larve, an der Jungtiere saugten, durch einen anderen Egel der gleichen Art, der mit seinen Suchbewegungen nahe war, geraubt.
Daraufhin griff das Muttertier hinüber, brachte die Larve an sich und gab sie den Jungen zurück.
Natürlich bin ich mir darüber im klaren, daß diese Darstellung der Abläufe, die ja den Schluß enthält, es handele sich um eine aktive Fütterung der Jungen
durch das Alttier, auf Bedenken und Unglauben stoßen wird, denn wenn ich nicht irre, würde es sich hier ja wohl um den einzigen Fütterungsvorgang bei
niederen Tieren handeln, staatenbildende Insekten ausgenommen. Ich glaube aber berechtigt zu sein, diese Beobachtungen zwecks Überprüfung zur Diskussion zu stellen.
Ein Fachwissenschaftler wäre wohl vor Veröffentlichung zu Versuchsreihen und filmischen Beleg verpflichtet (wohl nur mit Infrarot-Material möglich, da die Egel lichtscheu
sind), als interessierter Laie glaube ich aber, das Recht zu haben, auch ohne diese Prämissen andere zu weiterer Beobachtung anzuregen. Gelänge dies, so wäre
der Zweck dieses Beitrages erfüllt.«
aus: H. A. Pederzani
(1980): Ungebetene Gäste in unseren Aquarien. Hirudineen – aber welche? – In: Aquarien Terrarien, Heft 11
G.M., 14.07.07
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Prof. Dr. U. Kutschera, gelernter Pflanzenphysiologe, publikationsfreudiger Evolutionsbiologe, unerbittlicher Kämpfer gegen den Kreationismus
u. ambitionierter Egelforscher, glaubt an nichts mehr als Naturgesetze und Tatsachen
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Kutschera eröffnet eine neue Front im Kampf gegen den Kreationismus
Der Vorsitzende der AG Evolutionsbiologie Ulrich Kutschera verdankt einen Großteil seiner Publizität seinem brachialem Feldzug gegen
den Kreationismus. Jetzt hat er neue Front eröffnet, weil er meint, pseudowissenschaftliche Aktivitäten dort entdeckt zu haben, wo man
sie am wenigsten vermutet, nämlich in den eigenen Reihen. Er mahnt Geisteswissenschaftler ab, die sich »in die inneren Angelegenheiten
und Fragestellungen« der Naturwissenschaften einmischen1). Dies sei inakzeptabel, weil sie sich damit »immer wieder über jene Personen
erheben wollen, die unter Einsatz enormer persönlicher und technischer Aufwendungen reale Phänomene der Natur erforschen«. Kutschera
stützt seine Attacke auf ein Wissenschaftsverständnis, das eher primitiv und trivial als reflektiert und differenziert zu bezeichnen ist.
Er will zwischen den Geisteswissenschaften, die er »Verbalwissenschaften« nennt und den Naturwissenschaften, die für ihn »Realwissenschaften« sind,
einen qualitativ gravierenden Unterschied erkannt haben: Auf der »Primär- und Sekundärliteratur«, die von den »Realwissenschaften« hervorgebracht
würde, baue »letztendlich unser gesamter verlässlicher, technologisch verwertbarer Wissensschatz« auf. Demgegenüber käme der »von manchen
Geisteswissenschaftlern produzierten meist in Buchform verbreiteten Tertiärliteratur« bei weitem nicht dieselbe Bedeutung zu, da sie
sich »bevorzugt damit beschäftigen, das, was andere über reale Sachverhalte gedacht haben, gegeneinander abzuwägen, neu auszulegen und zu kommentieren«.
Nach den Kreationisten zerrt Kutschera nun die Geisteswissenschaftler vor den Richterstuhl seiner eigenen Disziplin der Biologie. Er wirft
ihnen vor, nichts Substanzielles zum wissenschaftlich-technologischen Fortschritt beizutragen und stattdessen eine Art wiederkäuendes bis
wortakrobatisches Privatvergnügen zu betreiben. Den vielzitierten und weithin überbewerteten Satz »Nichts in der Biologie ergibt einen
Sinn außer im Lichte der Evolution« des Evolutionsbiologen Theodosius Dobzhansky noch weiter aufblähend, versteigt er sich zu der
hanebüchenen Äußerung: »Nichts in den Geisteswissenschaften ergibt einen Sinn außer im Lichte der Biologie«. Dabei war der Anlass
für diese Abstrafung vergleichsweise gering. Der Medizinhistoriker Florian Mildenberger hatte im Laborjournal die These vertreten,
dass in den 1930er Jahren Neovitalisten den Darwinisten wichtige Anstöße gegeben hätten, um die unter innerwissenschaftlichen Beschuss
geratenen Theoriemodelle Charles Darwins weiterzuentwickeln. Ähnlich hätte das Erstarken religiös motivierter Evolutionskritiker in
den 1980er Jahren die Evolutionstheoretiker zu verstärkten Anstrengungen veranlasst, bestehende Forschungslücken zu schließen. Kutschera, der
gebeten worden war, dies zu kommentieren, stufte beide Thesen als kompletten Unsinn ein. Der Erkenntnisfortschritt sei durch religiöse oder
vitalistische Glaubensbekenntnisse nicht befördert, sondern vielmehr behindert worden.
Kutschera sieht die tiefere Ursache für Mildenbergers geistige Verirrungen in einer eklatanten Schwäche der »Ghost Scientists«. Diese tendierten
dazu, nicht nur reale Wirkfaktoren, sondern auch »subjektive, übernatürliche Glaubensinhalte in die naturwissenschaftliche Theoriebildung
aufzunehmen«, weil sie beide als »Geistesprodukte des Homo sapiens« betrachteten. Da Geisteswissenschaftler »nicht dem Zwang einer
experimentellen Verifizierung ihrer Thesen unterliegen« würden, seien »imaginäre (biblische) Götter und Designer« für sie »gedanklich
gleichwertig mit dem eines Butterbrotes oder Straßenbesens - jedenfalls solange sie am Schreibtisch sitzen«2). »Verbalwissenschaftler«,
die nicht begriffen hätten, dass in den »Realwissenschaften nur Dinge relevant sind, die sich mit unseren naturwissenschaftlichen
Methodenarsenal nachweisen lassen«, sollten deshalb die Finger von ›realwissenschaftlichen‹ Themen lassen. Eine Generalabsolution
erteilt Kutschera nur einigen Biologiehistorikern: »Die führenden Vertreter dieses Faches der Humanities (Thomas Junker, Uwe Hoßfeld, Olaf Breidbach,
Ekkehard Höxtermann usw.) haben ein naturwissenschaftliches Studium absolviert und somit unsere Denk- und Arbeitsweise im Rahmen aufwändiger
Laborpraktika kennen gelernt.« Selbstverständlich sind alle namentlich angeführten Biologiehistoriker Mitglieder der AG Evolutionsbiologie oder
sie stammen wie Höxtermann aus dem näheren Umfeld des ›Kutschera-Clubs‹.3)
Kutschera eilte bereits vor seinem Frontalangriff auf die Geisteswissenschaft der Ruf voraus, eine vorsintflutliche Erkenntnistheorie zu
verbreiten. So versuchte er, schöpfungsgeschichtlich motivierte Evolutionskritiker mit der Argumentation ins Abseits zu befördern, dass
sich die Biologie nur mit »real existierenden Dingen« beschäftigt und deswegen »irreale Götter und Designer draußen bleiben müssten«.
Tatsächlich beschäftigen sich aber weder die Biologie noch andere Wissenschaften mit real existierenden Dingen. Die Vorstellung einer
gegenständlich fassbaren Welt entstammt der Alltagssprache und nur dort macht sie Sinn. Bei oberflächlicher Betrachtung mögen zwar viele
Objekte der Naturwissenschaften als dinglich real erscheinen. Bei näherem Hinsehen entpuppen sie sich aber immer als epistemische, d. h. konstruierte Objekte4).
Jeder moderne Wissenschaftstheoretiker wäre daher bereit zuzugeben, dass in allem Wissen auch immer Glauben ist, d. h. alles
Wissen (und damit auch der Gegenstand, über den es handelt) ist theorieinfiziert. Die Bruchstelle zwischen wissenschaftlichem
Naturalismus und kreationistischem Supranaturalismus verläuft daher nicht zwischen der Realität und Irrealität ihrer Gegenstände, sondern
ist methodisch durch die bewusste Beschränkung der naturwissenschaftlichen Forschung auf ›objektiv‹ erfahrbare Ursachen und die
Ausklammerung transzendenter Deutungen definiert.
Kutschera führt als Beispiel für reale Dinge »Lebensgemeinschaften im tropischen Regenwald« an. Er scheint offenbar zu glauben, dass Lebensgemeinschaften
wie ›Ostereier im Nest‹ herumliegen und nur gefunden werden müssen. Tatsächlich sind sie aber ein höchst fragwürdiger Term, der nur für Primitivrealisten5)
wie Kutschera als reales Ding gehandelt wird. Bedeutung hat er vor allem in Kinderschulbüchern und in der Heimatkunde, weil er die Herzen der Kinder und
Heimatfreunde höher schlagen lässt! Für einen Fachwissenschaftler sind Lebensgemeinschaften eher Phantom als Realität, weil sie ein höchstes
perspektivisches Gebilde sind. Dass Kutschera das nicht begreift, erstaunt auch deshalb, weil ihm selbst schon mal ein »reales
Objekt« dekonstruiert worden ist. Jahrelang hatte er sich damit gerühmt, einen neuen, bisher unbekannten heimischen Egel entdeckt zu haben.
Schließlich musste er einräumen, was kritischere Egelforscher schon sofort vermutet hatten, dass es sich um eine invasive Variante eines zum
Polymorphismus neigenden, hinlänglich bekannten Neuwelt-Egel handelt. Doch damit nicht genug der Dekonstruktion, nur wenige Jahre nach ihrer
Entdeckung konnte die betreffende Egelpopulation an ihrem locus typicus nicht mehr nachgewiesen werden. Der ausgewiesene ›Realwissenschaftler‹ Kutschera
wird sich doch wohl nicht die ganze Zeit mit einem Egelphantom, also einem eher irrealen Objekt beschäftigt haben?
Mit seiner jüngsten Attacke gegen die Geisteswissenschaften knüpft Kutschera nahtlos an bisherige Tiefpunkte seines Wissenschaftsverständnis an.
Vermutlich seine eigene Ausbildung als Pflanzenphysiologie idealisierend und verabsolutierend, behauptet er, dass man nur im »Rahmen aufwändiger
Laborpraktika« lernen kann, die »Denk- und Arbeitsweise« von Naturwissenschaftlern, d. h. ›richtigen‹ Wissenschaftlern zu verstehen. Dahinter
steht wohl die Vorstellung, dass sich quasi im Laborexperiment entscheide, was in dieser Welt real und irreal ist6). Dies erstaunt, denn
üblicherweise gilt die Laborwelt als eine höchst artifizielle Welt voller ungewisser Annahmen und Fehlerquellen. Wo immer es möglich ist,
versucht daher ein Wissenschaftler, seine im Labor erzielten Ergebnisse unter möglichst realen Bedingungen zu testen. Die Ergebnisse eines
Laborexperimentes sprechen auch nicht – wie Kutschera zu glauben scheint – aus sich selbst heraus, sondern müssen verbalisiert werden, um
entscheiden zu können, ob eine Theorie eher wahr oder falsch ist. Um sich von Geisteswissenschaftlern abzuheben, bezeichnet sich Kutschera
gerne als Labor-Biologen. Aber welchen Teil seiner Arbeitszeit verbringt er tatsächlich im Labor? Schuften in den Laboren nicht meistens
nur die Subalternen, d. h. die Hiwis, Docs oder Postdocs und nur ganz selten Professoren? Zweifellos wird auch der Labor-Biologe Kutschera
die weitaus meiste Zeit mit dem Studium und ›Verwursteln‹ von Primär-, Sekundär- oder Tertiärliteratur verbringen, d. h. genauso arbeiten,
wie dies die von ihm heftig attackierten ›Verbalwissenschaftler‹ tun.
Anmerkungen
1) Kutschera ist zwar bemüht, populistisch zu agieren, vergreift sich aber regelmäßig im Ton. Hier gleicht seine Diktion, mit der er die
Geisteswissenschaftler rügt, auf unappetitliche Weise dem Stil von Protestnoten, mit denen sich Diktaturen verbitten, von Demokratien in
Menschenrechtsfragen belehrt zu werden.
2) Hier will Kutschera wohl andeuten, dass die aus seiner Sicht jenseits experimenteller Zwänge abgehoben und frei fabulierenden ›Verbalwissenschaftler‹
es nicht vermeiden können, in ihrem Alltagsleben mit den Niederungen ›der Realität‹ konfrontiert zu werden – zum Beispiel wenn sie erfahren müssen, dass
nicht die Vorstellung eines Festmahls, sondern nur ein richtiges Butterbrot den Hunger stillt. Tatsächlich zeigt Kutschera uns hier nur, wie eng
seine Erkenntnistheorie der Alltagswelt verbunden ist.
3) Normalerweise wird auf der Website der AG Evolutionsbiologie über jede Attacke Kutscheras gegen Kritiker der Evolutionstheorie dezidiert berichtet.
Daher erstaunt, dass sein aktueller Frontalangriff – trotz der großzügigen Nichtbetroffenheitsregelungen für AG-zugeneigte Biologiehistoriker – bisher
verschwiegen wird. Offenbar verspricht sich die Führungsriege der AG von einer Ausweitung der Diskussion über den substanziellen Nährwert ›verbalwissenschaftlicher‹
Forschung keinen Vorteil. Zurecht, wie der Artikel »Angriff auf den ›Verbalwissenschaftler‹« von Alexander Kissler in der Süddeutschen Zeitung zeigt, in
dem der Fehdehandschuh, den Kutschera den Geisteswissenschaftlern vor die Füße wirft, auf spöttische Weise und zum Schaden des öffentlichen Ansehens
von Evolutionsbiologen aufgenommen wird.
4) Dass auch Fossilien, die auf den ersten Blick eher dinglich real als konstruiert erscheinen, epistemische Objekte sind, zeigen z. B.
Panzerfischfossilien aus dem Erdaltertum (Paläozoikum). Bis vor kurzem war man fest davon überzeugt, dass sich Panzerfische eierlegend vermehren,
weil eindeutige Belege für Lebendgeburten erst 200 Millionen Jahre später für das Erdmittelalter (Mesozoikum) vorlagen. Da man aber Panzerfischfossilien
kannte, die juvenile Exemplare in ihrem Innern zeigten, vermutete man, dass Panzerfische Kannibalen sind, die ihre eigenen Jungen fressen. Diese
Interpretation wurde aufgrund des hohen Alters der Panzerfischfossilien für sicher gehalten. Sie wurde erst in Frage gestellt, als man ein Panzerfischfossil
fand, das einen versteinerten Embryo in seinem Innern zeigte, der noch über eine Nabelschnur mit einem Dottersack verbunden war. Jetzt wurden auch die alten
Fossilien umgehend reinterpretiert und der Panzerfisch als lebendgebärend und nichtkannibalisierend rehabilitiert. Dies ist ein eindrückliches Beispiel dafür,
dass selbst ein so gegenständlich oder dinglich wirkendes Objekt wie ein Fossil stark konstruiert und theorieinfiziert ist.
5) Auch in meiner eigenen Disziplin der Geographie gibt es einen ausgeprägten Hang zum Primitivrealismus. Ein eindruckvolles Beispiel befindet sich auf
der Website der Fachgruppe Geowissenschaften an der Universität Basel. Dort werden in einem Essay Studenten darüber informiert, was Geographen eigentlich
tun. In einer Passage, die in ihrer naiven Ahnungslosigkeit Kutscheras Wissenschaftsverständnis nicht nachsteht, heißt es: »Der Gegenstand der Geographie
ist die Erde. Eine Theorie hat immer Phänomene und Gegenstände als Grundlage, die in der Wirklichkeit existieren und an der Realität geprüft werden müssen,
sofern sie als gesichert gelten sollen.« Dies mag vielleicht die praktische Vorgehensweise eines gewieften Gauners illustrieren, der auf eine Münze (»Gegenstand«)
beißt, um ihre Echtheit (»Realität«) zu prüfen, ist aber völlig untauglich, eine Disziplin erkenntnistheoretisch zu fundieren.
6) Die mit dem Begriff »Makroevolution« bezeichnete Entstehung neuer Baupläne und Funktionen gilt zwar aufgrund der zahlreichen Indizien aus der paläontologischen
Überlieferung als gesichert, konnte aber trotz unzähliger ›realwissenschaftlicher‹ Versuche bisher nicht einmal ansatzweise im Laborexperiment reproduziert werden.
Folgt man Kutscheras Labordoktrin für ›richtige‹ Naturwissenschaft sind Theorien über Makroevolution keine ›Realwissenschaft‹, sondern ›verbalwissenschaftliche‹
Spekulation. Damit befördert Kutschera einen fundamentalen Eckpfeiler der Evolutionstheorie in den Bereich metaphysischer oder naturphilosophischer Betrachtung.
Dort stehen makroevolutive Erklärungsmodelle dann ziemlich einsam, d. h. ohne ›realwissenschaftliche‹ Rückendeckung in Konkurrenz zu schöpfungsgeschichtlich
motivierten Ursprungs-Modellen.
Literatur
Kutschera, Ulrich (2008): Lobenswerte Bemühungen. – In: Laborjournal 15/6, 32-33
Mildenberger, Florian (2008): Steter Stachel fördert die Evolution. – In: Laborjournal 15/6, 30-31
G.M., 16.08.08
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»Gefräßige Stille« im Lesesaal einer Universitätsbibliothek: Folgt man Kutscheras realwissenschaftlicher Labordoktrin sehen wir hier
eine Herde Primär- und Sekundärliteratur wiederkäuender Verbalwissenschaftler bei der Produktion von Tertiärliteratur.
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›Hier fällt Darwin durch – Du nicht!‹ – Einige Bemerkungen zum Artikel »Elite-Student Hahnemann
und der unwissende Darwin« von Ulrich Kutschera, Laborjournal 10/2008
Kutschera versucht derzeit die Welt zu beglücken, indem er seinen Gesinnungsfeldzug gegen den Kreationismus auf weitere,
aus seiner Sicht »pseudowissenschaftliche Aktivitäten« ausdehnt. Erst jüngst hatte ein vergleichsweise harmloser Artikel
zur Geschichte der Evolutionstheorie ihn so provoziert, dass er sich genötigt sah, die geisteswissenschaftlichen Disziplinen
insgesamt vor den Richterstuhl seiner eigenen Disziplin, der Evolutionsbiologie, zu zerren. Diesmal hat es die Homöopathie
erwischt, die er in seinem jüngsten Laborjournalartikel als »quasi-religiöse Pseudowissenschaft« verteufelt. Seine stereotype
Anklage lautet: Eine Disziplin oder Methode, die keine Bestätigung in Laborexperimenten oder Feldstudien findet und sich nicht
wie die Evolutionsbiologie beständig fortentwickelt, kann nur eine volksgefährdende Scharlatanerie sein. Bleibt die Frage, was
einen Evolutionsbiologen, der sich schon als brachial agierender Kreationistenjäger einen fragwürdigen Ruf erworben hat, veranlasst,
gegen eine vergleichsweise harmlose Naturheilmethode vorzugehen? Einleitend zu seinem Laborjournalartikel heißt es
dazu: »In unzähligen Zuschriften mit dem Tenor ›Ich bin gegen die Kreationisten, glaube aber an die Homöopathie‹ musste sich
der Evolutionsbiologe und Physiologe Ulrich Kutschera immer wieder mit den Hahnemannschen Dogmen auseinandersetzen.«1)
Die Existenz »unzähliger« Zuschriften solchen Inhalts scheint mir zweifelhaft. Noch zweifelhafter scheint mir, dass die Leute
explizite geschrieben hätten, sie würden an Homöopathie »glauben«. Dies legt auch das Ergebnis einer (sicherlich nicht
repräsentativen) Befragung in meinem Bekanntenkreis nahe. Diejenigen, die der Homöopathie nicht indifferent oder ablehnend
gegenüberstanden, »glaubten« nicht an sie (oder gar an die »Hahnemannschen Dogmen«), sondern hatten in bestimmten Fällen ganz
gute Erfahrungen mit deren Heilmethoden gemacht. Ein typisches Beispiel sind häufig auftretende Ohrentzündungen bei Kindern.
Hier werden homöopathische Arzneien (oder auch naturheilkundliche Hausmittel) eingesetzt, um sich den lästigen Weg zum Kinderarzt
zu ersparen, zumal diese dazu neigen, die Kinder mit Antibiotika vollzupumpen. Im Fall, dass diese Mittel nicht die gewünschte
Wirkung zeigen, bestehen allerdings keinerlei Bedenken, die bewährten Hammermedikamentationen der konventionellen Medizin in
Anspruch zu nehmen. In einer auf freier Selbstbestimmung basierenden Gesellschaft lässt sich gegen ein pragmatisch-opportunistisches
Vorgehen solcher Art kaum ein vernünftiger Einwand finden. Vielleicht hätte sich Kutschera einmal bei seiner eigenen Mutter erkundigen
sollen, wie sie es in seiner Kindheit mit dem Einsatz von Naturheilmethoden gehalten hat.
Wie nicht anders zu erwarten, beruft sich Kutschera nicht auf die Erfahrungskompetenz seiner Mutter, sondern auf einschlägig
bekannte, bereits in naturwissenschaftlichen Magazinen veröffentlichte homöopathiekritische Studien. Was hat er darüber hinaus
an eigenen Argumenten gegen die Homöopathie vorzubringen? Nichts Originelles, denn wie gehabt benutzt er seine naive Sicht vom
wissenschaftlichen Fortschritt in der Evolutionsbiologie als universelle Richtschnur für die Bewertung einer ihm dubios erscheinenden
Methodik: »Die feststehenden Lehrsätze (Dogmen) der Homöopathie haben sich im Verlauf der vergangenen 200 Jahre nicht verändert.
Würde der Begründer dieser Lehre, Samuel Hahnemann (1755 – 1843), heute eine Prüfung zum Thema ›klassische homöopathische Medizin‹ ablegen
müssen, so könnte er alle Fragen korrekt beantworten und würde als Elite-Absolvent seiner Jahrgangsstufe gewürdigt werden. Charles
Darwin (1809-1882) hätte jedoch keine Chance, im Fach Evolutionsbiologie eine Prüfung zu bestehen, da sich unsere moderne Synthetische
Theorie der biologischen Evolution weit über Darwins klassisches Prinzip der Deszendenz mit Modifikation durch natürliche Selektion
entwickelt hat. (…) Begriffe wie Genotyp, Phänotyp, Keimbahn-Mutationen, Gen-Duplikationen und so weiter waren Darwin unbekannt. Der
Naturforscher nutzte die Methoden seiner Zeit und wurde trotz dieser Beschränkungen zum Urvater der Evolutionsforschung.« Zu dieser
Argumentation ist einiges zu bemerken und richtig zu stellen:
Zunächst ist die Homöopathie aus derselben Geisteshaltung der Aufklärung entstanden, auf der auch die Quacksalberei des Atheismus
hohe Wellen schlug. Allerdings haben die Atheisten – und dafür ist Kutschera ein eindrucksvolles Beispiel – seit dem 18. Jahrhundert
definitiv nichts dazu gelernt. Dagegen sind religiöse oder auch naturheilkundliche Systeme keineswegs so statisch wie Kutschera uns
hier weismachen will. Deren Theoriegebäude sind mindestens ebenso variabel – wenn nicht sogar variabler – wie wissenschaftliche
Erklärungsmodelle. Dies bestätigt schon der Blick in ein altes Homöopathiewerk, das bislang unbeachtet in meiner Büchersammlung,
Abteilung historische Einbände, verstaubte. Es ist das »Handbuch der Homöopathie – Mit Benutzung fremder und eigener Erfahrungen
nach dem neusten Stande der Wissenschaft« bearbeitet von Dr. med. Adolph v. Gerhardt (4. Auflage 1886). In einem aufschlussreichen
Kommentar des Herausgebers heißt es: »In der Anlage dem Lehrbuche des verstorbenen Dr. Arthur Lutze ähnelnd, steht das v. Gerhardt’sche
Werk deswegen höher, weil es nicht den supra-naturalistischen Standpunkt des letztgenannten Werkes einnimmt und auch die Erfahrungen
neuerer homöopathischer Ärzte mit berücksichtigt, sich also nicht blos auf Hahnemann und Jahr stützt.« Mit anderen Worten: Die
Homöopathie war schon im 19. Jahrhundert keine fundamentalistische, ausschließlich auf die Lehrsätze ihres Begründers fixierte Lehre
mehr, sondern eine sich fortentwickelnde, d. h. neue Erfahrungen und Erkenntnisse einbeziehende Methodik.
Jetzt wird auch verständlich, warum Kutschera bei seinem Vergleich zwischen Homöopathie und Evolutionsbiologie einschränkend formuliert,
Hahnemann würde auch heute noch problemlos eine Prüfung in »klassisch-homöopathischer Medizin« bestehen. Offenbar ist ihm nicht
entgangen (vermutlich gewarnt durch einen Blick in den Homöopathie-Artikel bei Wikipedia, wo es im Abschnitt »Verschiedene Richtungen
der Homöopathie« einen Unterabschnitt »Klassische Homöopathie« gibt), dass es heute ein breites Spektrum als »homöopathisch« bezeichneter
Heilmethoden gibt, die weit über den ursprünglich von Samuel Hahnemann gesetzten Rahmen hinausgehen. Wie ist es in diesem Zusammenhang
um das Beharrungsvermögen des Darwinistischen Paradigmas bestellt? Hat sich die moderne Synthetische Theorie der biologischen Evolution
tatsächlich »weit über das klassische Prinzip der Deszendenz mit Modifikation durch natürliche Selektion entwickelt« wie von Kutschera
behauptet? Lassen wir einige unverdächtige Vertreter der Evolutionsbiologie zu Wort kommen. Z. B. stellt der derzeit wohl einflussreichste
Evolutionsbiologe der Gegenwart Richard Dawkins fest2): »Im Hinblick auf sichtbare Veränderungen, die sich auf das Überleben und
Fortpflanzen auswirken, ist die natürliche Selektion allmächtig.« Und der Biologiehistoriker Thomas Junker, der immerhin stellvertretender
Vorsitzender der AG Evolutionsbiologie (also des ›Kutschera-Clubs‹) ist, erklärt3): »Kern und integraler Bestandteil der modernen
Evolutionstheorie ist das Prinzip der natürlichen (Auslese) Selektion als wichtigster kausaler Faktor.«
Die Evolutionsbiologie ist mit ihrem ›allmächtigen Kernprinzip‹ der »natürlichen Selektion« offenbar ein mindestens ebenso dogmatisches
System, wie Kutschera dies von der Homöopathie behauptet. Deren zentraler und bis heute gültiger Lehrsatz lautet bekanntlich: »Ähnliches
werde durch Ähnliches geheilt«. Hahnemann und Darwin konnten nicht mehr erleben, dass die zentralen Dogmen ihrer Theorien durch immer neue
Hilfshypothesen4) erweitert und gegen widersprechende Befunde oder Alternativtheorien immunisiert werden mussten. Die Kernparadigmen, die
durch diese Hilfshypothesen verteidigt wurden, sind aber die Gleichen geblieben. Auch der alte Darwin hätte daher heute noch gute Aussichten,
eine Prüfung im Fach Evolutionsbiologie zu bestehen. Dass dies laut Kutschera nicht der Fall sein soll, erinnert mich an eine Situation, die
jeder kennt, der einmal in ein akademisches Milieu gerochen hat: Ein Altordinarius umgeben von einem Schwarm junger Mitarbeiter, von denen
alle der festen Überzeugung sind, der Alte habe von nichts mehr eine Ahnung. Und alle meinen, dies unwiderlegbar damit illustrieren zu können,
dass er heute keine Vordiplomsprüfung mehr bestehen würde. Das mag vielleicht zutreffen, wenn er an einen äußerst unsensiblen, beschränkten
Prüfer gerät, der immer nur bestimmte Stichwörter hören will. Kutschera hat keine Skrupel, sich als ein solch bonierter Prüfer darzustellen, der
nicht einmal in Lage wäre, das Genie eines Darwins zu erkennen und deshalb fähig wäre, ihn durchfallen zu lassen5). Ich kann mir daher
gut vorstellen, dass Kutschera an die Tür seines Prüfungszimmers zu Erbauung seiner »Elite-Studenten« folgenden Spruch aufgehängt hat: ›Hier fällt Darwin durch – Du nicht!‹
Wohl fast jeder hat im Laufe seines Lebens schon mal ein homöopathisches oder naturheilkundliches Mittel ausprobiert, sei es aus Überzeugung, sei es weil die Schulmedizin
ratlos ist, konventionelle Präparate mehr Nebenwirkungen als Wirkungen zeigen oder damit ein wohlmeinender Ratgeber, der es einem nachhaltig
ans Herz gelegt hat, endlich Ruhe gibt. Nicht selten ist dieser Ratgeber sogar ein normaler Kassenarzt, der empfiehlt, die konservative Therapie
durch naturheilkundliche Methoden zu ergänzen. Ich persönlich stehe der Wirksamkeit naturheilkundlicher Verfahren und insbesondere der Homöopathie
eher kritisch gegenüber. Trotzdem finde ich es richtig, dass sich der Gesetzgeber zu einer wissenschaftspluralistischen Einstellung in der Medizin
durchgerungen hat und homöopathische Mittel auch ohne schulwissenschaftlichen Wirksamkeitsnachweis zugelassen und verordnet werden dürfen. Denn
zweifelsfrei haben die Leute in einer so diffizilen und persönlichen Angelegenheit wie der Gesundheit ein Recht darauf, weitgehend selbst zu
entscheiden, welche Heilmethode ihnen hilft und gut tut, also was für sie wahr und real ist. Ich habe daher kein Verständnis dafür, wenn ein
nachweislich vom Wissenschaftsaberglauben befallener Evolutionsbiologe meint, eine alternative Heilmethode Kraft seiner akademischen Autorität
als »quasi-religiöse« Scharlatanerie verdammen zu können, weil sie nicht in sein simples Weltbild passt oder nach seiner Einschätzung
schulwissenschaftlichen Ansprüchen nicht genügt.
Tatsächlich sollte ein Schulwissenschaftler bei der Abqualifizierung von alternativen Heilmethoden ganz vorsichtig sein. Dies hat erst
jüngst die Geschichte mit der Akupunktur gezeigt. Obwohl sie in China seit Jahrtausenden gegen Krankheit, Schmerz und Sucht eingesetzt wird,
hatten klinische Versuche bezüglich ihrer Wirksamkeit bisher zu widersprüchlichen Ergebnissen geführt. Von den Schulwissenschaftlern wurden
daher für ihre offensichtlichen Erfolge Placebo-Effekte verantwortlich gemacht. Erst durch eine Studie, in der ein äußerst geschickter
Versuchsaufbau verwendet wurde, konnte ein britisches Forscherteam zweifelsfrei nachweisen, dass die Akupunktur auch jenseits des Placebo-Effekts
wirksam ist6). Das Forscherteam von der University of Southampton hatte, um den Placebo-Effekt zu überprüfen, bei seinem klinischen Versuch neben
echten Nadeln teleskopische Nadeln eingesetzt, die ähnlich einem Bühnen-Dolch nicht in die Haut eindringen, dem Probanden aber gleichwohl das Gefühl
vermitteln, gestochen zu werden. Dies zeigt, dass aus einem negativen schulwissenschaftlichen Wirksamkeitsnachweis nicht automatisch folgt, dass ein
alternatives Heilverfahren nichts taugt, sondern dass dies genauso gut bedeuten kann, dass der gewählte Versuchsaufbau mangelhaft ist. Es ist zu
befürchten, dass diese lehrreiche Geschichte Kutschera nicht davon abhalten wird, auch noch die Akupunktur vor seinen akademischen Richterstuhl zu zerren.
Anmerkungen:
1) Kutschera neigt dazu, seine Berufsbezeichnung an das gerade von ihm behandelte Gebiet anzupassen. Er ist bekanntlich ein gelernter
Pflanzenphysiologe, dem später auch das Lehrgebiet Evolutionsbiologie übertragen wurde. Hier, wo es primär um eine medizinische Fragestellung geht,
abstrahiert er den Pflanzenphysiologen zum Physiologen, mit dem ja auch ein Mediziner gemeint sein könnte.
2) Dawkins, Richard (2008): Geschichten vom Ursprung des Lebens – Eine Zeitreise auf Darwins Spuren. – Berlin
3) Junker, Thomas (2007): Schöpfung gegen Evolution – und keine Ende? – In: Kutschera, U. (Hg.): Kreationismus in Deutschland: Fakten und Analysen. – Münster
4) Hier sind die von Kutschera angeführten Begriffe »Genotyp, Phänotyp, Keimbahnmutationen, Genduplikationen« etc. zu nennen. Seine Auflistung
erweckt allerdings den Eindruck als würde er den Prüfungsstoff selbst nicht souverän beherrschen. Bekanntlich ist der Phänotyp eines Organismus
nicht allein durch den Genotyp, sondern auch durch epigenetischen Status (Epigenotyp) bestimmt. Mit der alleinigen Kenntnis der
Begriffe »Phäno- und Genotyp« läuft man daher heutzutage Gefahr, in einer Prüfung ziemlich alt auszusehen...
5) Aussichten, die Prüfung bei Kutschera zu bestehen, hätte Darwin wohl nur, wenn ihm zuvor die Möglichkeit eingeräumt würde, zumindest die erste Auflage
seines Kurzlehrbuches »Evolutionsbiologie« zu lesen. Übrigens ein Lehrbuch, das zeigt, dass man es in der Evolutionsbiologie auch als
pflanzenphysiologischer Quereinsteiger innerhalb kürzester Zeit zum Lehrbuchautor bringen kann, wenn man über ein ausgeprägtes Sendungsbewusstsein
verfügt und bereit ist, in Kauf zu nehmen, dass das Erstlingswerk von Fehlern und Lücken nur so strotzt.
6) Spiegel-Online vom 03.05.2005: »Akupunktur im Hirn messbar«. – URL: http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,354383,00.html
G. M., 31.10.2008
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Im Namen einer rationalen Weltordnung gefällt sich der Wissenschaftsbetrieb
heute darin, alternative Heilverfahren als volksverdummende Scharlatanerie
zu verteufeln. Dabei haben die Schulwissenschaftler oft nicht einmal
einen ›Schnellsiedekurs‹ in den von ihnen kritisierten Heilmethoden gemacht,
so dass ihre einzige Qualifikation in ihrer akademischen Autorität besteht.
Der berühmte Wissenschaftsphilosoph Paul Feyerabend kommentiert diese Arroganz
des Wissenschaftsbetriebs wie folgt:
»Dasselbe Unternehmen, das einst den Menschen die Kraft gab, sich von den
Ängsten und Vorurteilen einer tyrannischen Religion zu befreien, macht sie
nun zum Sklaven ihrer eigenen Interessen.«
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»Der deutsche Dawkins«
Dr. Ulrich Kutschera, der große Vorsitzende der AG Evolutionsbiologie und rabiate Anführer des Widerstands gegen die vergleichsweise harmlosen Aktivitäten der deutschen
Kreationisten ist ein hemmungsloser Propagandist in eigener Sache. Dies bestätigt die Ankündigung des Deutschen Taschenbuch Verlages für sein im Darwin-Jahr 2009
erscheinendes Buch »Tatsache Evolution – Was Darwin nicht wissen konnte«. Darin ist wieder einmal Superlatives über ihn und sein Werk zu lesen: »Ulrich Kutschera
gilt inzwischen als der ›deutsche Dawkins‹« und »Er legt hier das wichtigste Buch zum Darwin-Jahr vor«. Leider lässt der DTV-Verlag im Dunkeln, von wem die
überragende Bewertung des Werkes stammt, so dass man wohl nur den Autor höchstselbst als Quelle vermuten kann. Bessere Informationen liegen zu der Frage vor, wie es
zu der Bezeichnung »deutscher Dawkins« gekommen ist.
2007 hatte Kutschera dem Online-Magazin »Geo.de« ein mit »Der Kreationismus ist ein florierendes Business« übertiteltes Interview gegeben1). Bitterlich
beklagt er darin: »Ich bekomme fast täglich Schmähbriefe, die meist unsachlich sind und völlig laienhafte Vorstellungen zum Thema Evolution enthalten. (...) Manche
vergleichen mich inzwischen mit Richard Dawkins, dem Autor von ›Das egoistische Gen‹, einem bekennenden Atheisten und Religionsgegner.« Offenbar machte sich Kutschera schon damals Hoffnungen, als evolutionsbiologischer Märtyrer in die »Hall of Fame« einzuziehen. Tatsächlich war er aber nicht von etablierten Evolutionsbiologen in die
Nähe Dawkins gerückt worden, sondern von den genervten Adressaten seiner penetranten weltanschaulich motivierten Attacken. Sehen wir aber einmal großzügig über Kutscheras Hang zur Selbstüberhöhung hinweg und vergleichen die deutsche Coverversion mit dem englischen Original.
Der Zoologe und Evolutionsbiologe Richard Dawkins gilt als zutiefst origineller und geistreicher Denker. Für Douglas Adams ist er der beste Wissenschaftsautor, weil
sein (metaphernreicher) Stil »klar, elegant und von hohem intellektuellem Reiz« ist. Dawkins ist Autor des Klassikers »Das egoistische Gen«, ein Werk, das bei seinem
Erscheinen 1976 Furore machte und auch über 30 Jahre später weder an Faszination noch an Aktualität eingebüßt hat. Mit seinem jüngstem Buch »God Delusion« (»Der Gotteswahn«),
das nicht nur in den USA und Großbritannien, sondern auch in Deutschland auf den Bestsellerlisten stand, hat er die Gläubigen aller Religionen provoziert. Er hat fünf
Ehrendoktorwürden erhalten, wurde mit Literaturpreisen ausgezeichnet und ist (meinungs-)führendes Mitglied von diversen atheistisch-humanistischen Organisationen. Laut dem
Nachrichtenmagazin »Der Spiegel« ist er der wohl einflussreichste Biologe unserer Zeit.
Seit 1995 ist Dawkins »Charles Simonyi Professor of the Public Understanding of Science« an der Universität Oxford. Charles Simonyi ist nicht, wie man zunächst annehmen
könnte, ein verdienter Wissenschaftspopularisierer, sondern ein amerikanischer Milliardär, der sein Geld als Softwareentwickler und Mitbegründer von Microsoft verdient hat.
2007 machte er durch seinen Flug als Weltraumtourist zur internationalen Raumstation (ISS) Schlagzeilen. Simonyi, der ein bekennender Anhänger Dawkins ist, hat den
Lehrstuhl mittels einer Spende von 1,5 Millionen Pfund extra für ihn gestiftet. Er beabsichtigte damit, das wissenschaftliche Verständnis der Öffentlichkeit zu erweitern.
Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass der Zoologe Dawkins seine steile evolutionsbiologische Karriere und seinen Ruhm als begnadeter Wissenschaftsautor, nicht nur
seiner außerordentlichen schriftstellerischen Begabung, sondern zu einem Gutteil auch dem Spleen eines amerikanischen Milliardärs verdankt2).
Der Pflanzenphysiologe und Evolutionsbiologe Ulrich Kutschera gilt nicht gerade als eloquenter oder gar origineller Schreiber und schon gar nicht als jemand, der ein
Laienpublikum zu fesseln vermag3). Solange er Pflanzenphysiologe und Egelforscher war, kannten ihnen neben fachlichen Insidern vermutlich nur einige Biologiestudenten als
Lehrbuchautor. Dies änderte sich radikal als er den Kampf gegen den Kreationismus (und in dessen Schlepptau auch die Evolutionsbiologie) als Karrieremotor entdeckt hatte.
Aus dem soliden Pflanzenphysiologen wurde innerhalb weniger Jahre ein evolutionistischer ›Anchorman‹, der fest davon überzeugt war, sich in einem »intellektuellen Krieg« mit
den Kreationisten zu befinden. Vermutlich zeigt er deshalb so wenig Skrupel, bei seinen Auseinandersetzungen mit dem weltanschaulichen Gegner die verbale Brechstange einzusetzen,
und ihn mit unbelegten oder auch irreführenden Behauptungen zu verunglimpfen.
Kutschera wurde 1992 auf den Lehrstuhl für Pflanzenphysiologe der Universität Kassel berufen. Ab 1999 hatte er dann zusätzlich zu seiner pflanzenphysiologischen
Lehr- und Forschungstätigkeit auch eine evolutionsbiologische Anfängervorlesung inklusive Seminar angeboten. Seine »ausformulierten Vorlesungsaufzeichnungen« hat er 2001
innerhalb kürzester Zeit zu einem evolutionsbiologischem Lehrbuch verarbeitet. Daraufhin wurde ihm auf seine Initiative hin vom Fachbereich ab dem WS 2001 das neue Lehrgebiet
Evolutionsbiologie übertragen4). Bereits ein Jahr später wurde er zum Vorsitzenden der neu gegründeten AG Evolutionsbiologie gewählt, die sich als ein »Gegenpol« zu der
schöpfungsgeschichtlich motivierten »Studiengemeinschaft Wort und Wissen« definiert. Seit 2007 ist er zudem Gastprofessor am pflanzenbiologischen (also nicht etwa evolutionsbiologischen)
Carnegie Institut, das der Universität Stanford angegliedert ist.
Ohne Frage spielt Dawkins als evolutionsbiologischer Autor und Religionskritiker in einer Liga, die Kutschera nur von der Zuschauertribüne kennt5). Dawkins gilt als der bedeutendste
lebende Religionskritiker und sein Werk hat nicht nur in der Biologie Furore machte, sondern auch unübersehbare Spuren in vielen anderen Disziplinen von der Psychologie über
die Ökologie und Ökonomie bis hin Epistemologie hinterlassen. Kutschera ist es dagegen außer mit seinen antikreationistischen Hetzkampagnen nicht gelungen, die Fachgebietsgrenzen
zu überspringen. Seine religionskritischen Streitschriften haben zwar erkleckliche Auflagen erzielt, aber bisher die weltanschaulichen Bedürfnisse einer größeren Leserschaft
nicht befriedigen können6). Sein Publikum sind wohl in erster Linie Berufsatheisten, deren Gott den Namen Darwin trägt und Biologielehrer oder -studenten, die durch fundierte,
schöpfungsgeschichtlich motivierte Evolutionstheoriekritik irritiert sind. Ihnen versichert Kutschera, dass der Darwinismus (der immer noch das Zentrum der Evolutionsbiologie bildet)
trotz anderslautender Berichte nicht vor sich hinsiecht, sondern auf einem gutem Weg ist.
Nachbemerkung
In diesem Beitrag wurde geprüft, ob die Bezeichnung Kutscheras als »deutscher Dawkins« substanziell gerechtfertigt oder nur ein hohler Werbegag ist. Das Ergebnis ist
eindeutig: Kutschera ist kein deutscher Dawkins, sondern bestenfalls seine teutonische Gartenzwergausgabe7). Erwartungsgemäß hat Dawkins bei diesem ungleichen Vergleich
über die Maßen gut abgeschnitten. Das hätte ganz anders ausgesehen, wenn man ihn mit einem ernsthaften Konkurrenten, wie dem leider 2002 viel zu früh verstorbenen
amerikanischen Evolutionsbiologen Stephan Jay Gould verglichen hätte? Der war knapp 30 Jahre lang Professor an der renommierten Harvard Universität und für seine
wissenschaftliche Prosa fast ebenso berühmt wie Dawkins. In zwei Dingen unterschied er sich allerdings grundlegend von ihm. Erstens verquacksalberte er die Evolutionstheorie
nicht zur Speerspitze einer religionsfeindlichen Weltanschauung. Und zweitens stand er dem Darwinismus insoweit kritisch gegenüber als für ihn die Evolution nicht in
kleinen Schritten, sondern eher in großen Sprüngen ablief.
Gould war Geologe und Paläontologe und wusste daher nur zu gut, dass sich die Baupläne der Lebewesen sprunghaft ändern. Der Zoologe Dawkins dagegen beharrt bis heute auf
sein Credo, dass die Diskontinuitäten der geologischen Überlieferung täuschen, weil die Zwischenformen ausgestorben und verschollen sind und in Wirklichkeit »buchstäblich
jede Spezies über eine Linie des allmählichen, kontinuierlichen Übergangs mit jeder anderen verbunden ist«. Dawkins hat sich mit dieser Auffassung, die seit Darwin reine
Spekulation ist, in eine Sackgasse manövriert. Er verliert immer dann die Fassung, wenn andere Evolutionsbiologen ihm auf diesem Weg nicht folgen wollen. Überdeutlich
zeigt sich dies in seinem Buch »Geschichten vom Ursprung des Lebens - Eine Zeitreise auf den Spuren Darwins« (Die deutsche Ausgabe erschien 2008). Darin besteht er
darauf, dass selbst die kambrische Explosion vor 530 Millionen Jahren, die so etwas wie der Urknall des vielzelligen Lebens ist, mit nichts anderem als einer
gradualistisch-selektionistischen Verschiebung von Genfrequenzen in Populationen zu erklären ist.
Nun gibt es eine Reihe ernstzunehmender Evolutionsbiologen, die über das plötzliche Auftauchen vielfältigster Baupläne so erstaunt sind, dass sie von
einer »Über-Nacht-Explosion«, einem »entwicklungsgeschichtlichem Sprung«, einer Vielzahl von »Weitsprung-Mutationen« oder einer unbekannten »Triebfeder der
Evolution, die nach dem Kambrium ihre Kraft verlor« sprechen. Für Dawkins ist solche Prosa in keiner Weise akzeptabel und er beschuldigt ihre Urheber, auf
Grundlage einer »romantisch-überspannten« Geisteshaltung »völligen Unsinn« zu verbreiten. Als wenn das nicht schon abwertend genug wäre, fügt er sichtlich
verärgert hinzu: »Das ist alles schlicht und einfach bescheuert.« Was um alles in der Welt lässt Dawkins, der für seine fast poetische Ausdrucksweise berühmt
ist, hier auf so vulgäre Weise arrogant und ausfällig werden? Fragte man die Volkspsychologie so würde die Antwort sicherlich lauten: Dieser Mann ist höchst
verunsichert! Angesichts der erheblichen Diskrepanzen zwischen seinen theoretischen Erwartungen und den empirischen Befunden aus der geologischen Überlieferung
ist dies auch kein Wunder. Dawkins Ego, das uns so erfrischend provokante Geschichten über egoistische Gene erzählt hat, stößt hier offensichtlich an schmerzhafte Grenzen.
Anmerkungen:
1) Dieses Interview hätte eigentlich besser lauten sollen, »Der Antikreationismus ist ein florierendes Business«, denn zweifellos ist Kutschera mit seinen
Büchern erst dann so richtig ins Geschäft gekommen, als er sie zur Plattform seines Kampfes gegen den Kreationismus gemacht hat. Er selbst kommentiert den
Erfolg seines Evolutionslehrbuches auf seiner Website wie folgt: »Die Darstellung und Offenlegung eines bisher tabuisierten Problems hat zur weiten
Verbreitung dieses Buches beigetragen.«
2) Stiftungsprofessuren gibt es auch beim weltanschaulichen Gegner. Z. B gibt es seit 2004 eine über religiöse Stiftungen finanzierte Guardini-Professur
für Religionsphilosophie und Katholische Weltanschauung an der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität in Berlin. Sie ist nach dem bedeutenden
Religionsphilosophen Romano Guardini (1885-1968) benannt. »Aufgabe und Ziel der Professur bestehen darin, im Sinne Guardinis Antworten auf das Woher und
Wohin der Menschheit vor dem Hintergrund immer neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse und technischer Möglichkeiten zu geben«. Von Wissenschaftlern, die
sich dem Atheismus verpflichtet fühlen, werden kirchliche Stiftungsprofessuren gewöhnlich sehr misstrauisch beäugt.
3) Wohl in Anlehnung an sein bedeutendes Vorbild versucht auch Kutschera, seinen Stil durch Metaphern anzureichern. Allerdings kommt regelmäßig ziemlich
Schräges dabei heraus, z. B. wenn er in seinem neustem Werk Darwin als »Mozart der Biologie« würdigt. Selbst das ihm eher wohlgesonnene Magazin Focus,
das in seiner, anlässlich von Darwins 200. Geburtstag der Evolutionstheorie gewidmeten Ausgabe vom 01.12.08 eine Auswahl von Produkten der »regelrechten
Darwin-Buchindustrie« vorstellt, kommentiert wie folgt: »Mehr als unglücklich: Kutscheras ausführliche Interpretation Darwins als ›Mozart der Biologie‹.«
4) Die Bedingung war allerdings, dass seine bisherige Lehr- und Forschungstätigkeit von der zusätzlichen Lehraufgabe nicht beeinträchtigt würde und aus
der freiwilligen Übernahme keine zusätzlichen Mittelansprüche abzuleiten sind. Da Kutschera sicherlich bereits durch seine vorherige Tätigkeit ausgelastet
war, hat er die zusätzliche Lehrtätigkeit quasi in seiner Freizeit durchgeführt. Ich könnte mir daher gut vorstellen, dass er sich zur vollen Entfaltung
seines missionarischen Kampfes gegen den Kreationismus auch so einen großzügigen Sponsor wünscht, wie ihn Dawkins aufweisen kann.
5) Da Dawkins beabsichtigt, seinen Lehrstuhl aus Altersgründen zur Verfügung zu stellen, kann Kutschera in Kürze testen, ob er - wie mir
eingeschätzt - nur auf der Zuschauertribüne sitzt, oder als ›German Player‹ mit internationalen Ambitionen bereits auf der Transferliste steht.
6) Allein von Dawkins Bestseller »Der Gotteswahn« wurden im ersten Jahr nach der Auslieferung in Deutschland mit über 160.000 Exemplaren wohl
weitaus mehr Bücher verkauft als von sämtlichen Büchern, die Kutschera bis heute als Autor oder Herausgeber publiziert hat. Sollte ich mit
dieser Überschlagsrechnung falsch liegen, werde ich sie selbstverständlich korrigieren.
7) Aus dem trivialen Material, das im Vorfeld des Erscheinens von Kutscheras neuem Buch »Tatsache Evolution« der Öffentlichkeit zugänglich
gemacht wurde, kann man keine tiefgründige Geschichte machen. Die Nachbemerkung fällt daher etwas länger als gewöhnlich aus.
G. M., 18.12.2008
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Das englische Original und die deutsche Coverversion: Dawkins ruft weltweit zum ›Dschihad‹ gegen die Ausbreitung des Gottesglaubens
auf, Kutschera agiert nur deutschlandweit. Dawkins provokante Bücher bewegen die Welt, Kutscheras Interviews irritieren Deutschland.
Die unübersehbare Differenz zwischen diesen beiden exponierten Wissenschaftlern zeigt sich nicht nur in der Größe ihres Einflussbereiches
oder ihrer intellektuellen Wertigkeit, sondern auch in ihrem Charisma: Es heißt, dass sich Oxfords Kirchgänger bekreuzigen, wenn sie
Dawkins auf der Straße begegnen und dass auf seinen Lesereisen begeisterte Zuhörer versuchen, ihm - gleich freudetrunkenen Pilgern dem
Papst - die Hände zu schütteln. Von Kutschera sind solcherlei Anekdoten bisher nicht bekannt.
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Wo kommen bloß die Schwulen her?
Der Pflanzenphysiologe und Evolutionsbiologe Prof. Dr. Ulrich Kutschera ist dafür berüchtigt, in seinen Interviews Halbgares und Verstörendes über Gott, die Welt und die Evolution zu verbreiten. Höhepunkte der letztjährigen Saison waren Interviews, die er dem Focus online »Wir sind nur eine von Millionen Tierarten« (29.11.08) und dem Hamburger Abendblatt »In Europa läuft die Evolution rückwärts« (21.10.08) gegeben hat.
Im Focus online Interview schlägt er vor, Schimpansen, deren proteinbildende Gene eine sehr hohe Übereinstimmung mit denen des Menschen aufweisen, als »zweite Menschenart« zu definieren. Dies sei nicht nur »biologisch sinnvoll«, sondern würde sie auch vor »Ausrottung schützen«, da ihnen dann »Menschenrechte« zustünden. Diese »Konsequenz aus der evolutionären Ethik« würde aber »bei christlich-konservativen Personen, die an biblische Dogmen und Wunder glauben« auf Ablehnung stoßen.
Es ist zu befürchten, dass nicht nur Gläubige, sondern auch garantiert Ungläubige, (also die betroffenen Schimpansen selber) mit dieser in jüngster Zeit auch von einigen Philosophen sowie Natur- und Tierschutzorganisationen erhobenen Forderung so ihre Probleme haben werden. Es mag zwar sein, dass die Menschenrechte den Schimpansen einen besseren Schutz vor Verfolgung oder eine Grundversorgung an Bananen garantieren. Aber wie steht es um die Pflichten, die mit der Verleihung von Menschenrechten verbunden sind?
Denken wir nur an den Klanführer einer Horde, der gerade einen anderen Schimpansen zerfleischt hat, weil der sich an seine Weiber rangemacht hat. Läuft der nicht zukünftig Gefahr von der mobilen Eingreiftruppe einer humanitären Organisation* aus seinem Reservat verschleppt und vor einem internationalen Menschenrechtshof gezerrt zu werden? Absehbares Urteil: 20 Jahre Zuchthaus wegen brutalen Mordes aus niederen Motiven mit anschließender Sicherheitsverwahrung wegen ungünstiger Sozialprognose.
Da die Tat des Klanführers gerade aus darwinistischer Sicht unvermeidbar ist, werden die Schimpansen sich bei »evolutionären Ethikern« vom Schlage Kutschera für ihre Zwangshumanisierung bedanken. Was weiß der schon von ihren Bedürfnissen? Offenbar nicht viel, denn auf die Frage des Focus' online, wie sich das Phänomen Homosexualität mit Hilfe der Evolutionstheorie erklären lasse, antwortete er: »(...) Homosexualität gibt es nur (bzw. fast ausschließlich) beim Menschen, wobei hier neben der biologischen die kulturelle Evolution hineinspielt«.
Diese Behauptung ist nun wirklich der pure Blödsinn und bezeugt, dass der Biologe Kutschera von der tierischen Sexualität in etwa so viel Ahnung hat, wie ein enthaltsam lebender päpstlicher Legat vom Analverkehr. Tatsächlich ist homosexuelles Verhalten nicht nur bei Schimpansen, sondern in tausenden Fällen quer durch das gesamte Tierreich dokumentiert. So listet der amerikanische Biologe Bruce Bagemihl (1999) in seinem Standardwerk »Biological Exhuberance – Animal Homosexuality and Natural Diversity« allein über 400 Säugetier- und Vogelarten, bei denen tierische Homosexualität beobachtet wurde.
Dies beginnt bei Hyänenweibchen, die vaginale Pseudopenisse besitzen, und die bei der Begrüßung von anderen Weibchen beleckt werden und vor Freude erigieren, geht über das soziale Gefüge von multigeschlechtlichen Kampfläufern mit vier verschiedenen Kategorien von Männchen, von denen einige umeinander werben und sich miteinander paaren und endet bei Schimpansenweibchen, die über Jahre hinweg durch Brustwarzenstimulierung ihre Trächtigkeit verhindern und gleichwohl Hetero-, Homo- oder auch masturbierenden Sex praktizieren.
An der Wissenschaftsfront wird deshalb schon lange nicht mehr darüber diskutiert, ob es Homosexualität bei Tieren gibt, sondern warum sie solange von der »scientific community« verdrängt wurde. Kutscheras spontane Fehleinschätzung knüpft in diesem Zusammenhang nahtlos an die Erkenntnisverweigerung von homophoben Verhaltensforschern an, die das weit verbreitete Vorkommen von Homosexualität bei Tieren jahrzehntelang ignoriert und heruntergespielt oder als unnatürlich abqualifiziert und verschwiegen haben.
Die Verdrängung der tierischen Homosexualität war wesentlich von zwei Faktoren bestimmt: Erstens von der verbreiteten Vorstellung, dass homosexuelles Verhalten ein dekadentes kulturelles Phänomen ist, das nicht in der (unberührten) Natur, sondern höchstens in der Gefangenschaft oder bei domestizierten Tieren vorkommt. Und zweitens davon, dass sie im Rahmen des (neo-)darwinistischen Standardmodells der Evolutionstheorie, nach der nur diejenigen überleben, die sich erfolgreich fortpflanzen, so schlecht zu erklären ist.
Soll heißen: Was moralisch nicht sein darf und evolutionär nicht sein kann, existiert auch nicht. Gegen solcherlei Wirklichkeitsbeschwörungen ist die tierische ›Lebewelt‹ natürlich immun und wer wie Kutschera nichts von der variantenreichen Hülle und Fülle der tierischen Homosexualität weiß, muss sich vorwerfen lassen, was er selber im Zusammenhang mit der Kenntnis der Evolutionstheorie immer wieder den Laien unterstellt – nämlich über ein »erstaunliches Wissensdefizit« gerade in seinem Fachgebiet zu verfügen.
Wissensdefizit ist im Übrigen nicht gleich Wissensdefizit, denn wenn es auch beim Volke verzeihlich ist, so darf dieses Volk von einem hochbezahlten deutschen Biologieprofessor erwarten, dass er über Phänomene, zu denen er sich in Interviews fachwissenschaftlich äußert, bestens informiert ist und keine lückenhaften, von Vorurteilen genährten Statements abgibt. Das Wort eines Professors gilt schließlich noch etwas in Deutschland und sollte nicht fahrlässig - wie in diesem Fall - homophobe Vorurteile transportieren oder zementieren.
Kutschera greift in dem Interview mit dem Hamburger Abendblatt eine schräge Metapher des populären britischen Genetikers Steve Jones auf, die besagt, dass die biologische Evolution beim Menschen (oder doch zumindest in hochzivilisierten Menschengruppen) zum »Stillstand gekommen« ist bzw. im »Rückwärtsgang abläuft«, weil die natürliche Selektion und die Erzeugung genetischer Variabilität durch die »kulturelle Evolution« ausgeschaltet wird. Tatsächlich zeigen Kutscheras ahnungslose Äußerungen über die Verbreitung der tierischen Homosexualität, dass wenn sich irgendetwas im Rückwärtsgang befindet, es die Qualität der Rede über die Evolutionstheorie aus seinem Munde ist.
Bleibt noch die Eingangsfrage zu beantworten: »Wo kommen bloß die Schwulen her?«. Die Antwort ist relativ simpel: Der liebe Gott hat eben einen großen Tiergarten! Und in dem geht es offenbar erheblich vielfältiger zu als es sich die Neodarwinisten auch noch in Zeiten der »Erweiterten modernen Synthese der darwinistischen Evolutionstheorie« vorstellen können. Wenn überhaupt dann wird in der Evolution nur nachrangig auf Funktions- und Fortpflanzungsfähigkeit oder gar optimale Anpassung, sondern – wie z. B. die vielen schwulen Tiere eindrücklich zeigen – vor allem auf Überfülle und Überschwang selektiert. Oder wie es in der 80er-Jahre Teenie-Komödie »Bill & Ted’s verrückte Reise durch die Zeit« die Ergebnisse auch noch der modernsten evolutionsbiologischen Forschung vorwegnehmend formuliert wird:
»Bunt ist das Leben und granatenstark. Und volle Kanne, Hoschis!«
Nachbemerkung
Mit Datum vom 04.12.08 wurde im Newsticker der Homepage der AG Evolutionsbiologie im Verband der Biologie, Biowissenschaften & Biomedizin (VdBiol)
auf Kutscheras Interview im Focus online aufmerksam gemacht. Der hinweisgebende Text lautet: »Evolution ist keine Theorie mehr,
sondern eine Tatsache, sagt der Evolutionsbiologe Ulrich Kutschera. Und doch gibt es Lücken.« Zu diesem Zeitpunkt war
dem Geschäftsführer der AG Evolutionsbiologie Martin Neukamm bereits aus einem Internet-Diskussionsforum bekannt, dass
nicht nur die Evolutionstheorie, sondern vor allem auch Kutscheras fachwissenschaftliche Kenntnisse über die Homosexualität bei
Tieren ausgesprochen lückenhaft sind. Vor dem Hintergrund der irreführenden Verbreitung von bekanntermaßen falschen Fakten durch
die AG Evolutionsbiologie kann sich jeder Leser selbst ein Urteil darüber bilden, was davon zu halten ist, wenn ihr großer Vorsitzender
nicht nachlassend behauptet: »Evolution ist keine Theorie mehr, sondern eine Tatsache.«
Anmerkung
*Bekanntlich hat die humanitäre Intervention schon bei uns Menschen selber zu manchem Drama geführt. Denken wir hier nur an Somalia, den Irak oder das Kosovo. Es ist zu befürchten, dass es 1000 Kosovos in der afrikanischen Savanne geben wird, wenn die Affen-Menschenrechtler ernst machen.
G.M., 22.01.09
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Homosexuelle Praktiken sind kein – wie auch noch heute von manchem Biologen behauptet wird – (dekadentes) kulturelles Phänomen, sondern im gesamten Tierreich – wie z. B. diese aufreitenden Hirsche zeigen – in geradezu überschäumender Hülle und Fülle verbreitet. |
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»Evolution ist eine Tatsache, das Schnabeltier existiert.«
[Text als PDF-Datei, 222 kb]
Am 16.01.2009 verkündete Kutschera in der 3sat Wissenschaftsserie »nano« seine neuste Parole: »Evolution ist eine Tatsache,
das Schnabeltier existiert.« Wie ich noch zeigen werde, ist sie zweifellos eine der unsinnigsten (und auch ahnungslosesten)
Aussagen, die er je gemacht hat, um dem Laien die Welt zu erklären. Wissenschaftlich ist sie genauso wenig ausweisbar,
wie die Aussage »Schöpfung ist eine Tatsache, der Mensch existiert.« Die hat allerdings noch den Vorzug, dass sie wenigstens
als Glaubenssatz, der sich auf die Genesis berufen kann, Sinn macht. Da Kutschera mit seiner markigen Parole wohl keine neue
Evolutionsreligion begründen wollte, ist zu befürchten, dass er sie ganz naturalistisch verstanden haben will. Etwa in dem
Sinne, dass er einem Laienpublikum, das an Eignung der darwinschen Evolutionstheorie zweifelt, komplexe Lebewesen zu erklären,
versichert: Jeglicher Zweifel an der Evolutionstheorie ist schon deshalb unangebracht, weil für moderne
Evolutionsbiologen (wie vor allem ihn selber) auch noch die paradoxesten Lebewesen kein Rätsel mehr sind. Wir wollen im
Folgenden dokumentieren und rekonstruieren, warum er sich mit einem solchen Ansinnen so richtig verhoben hat. Nebenbei
erfahren wir auch Bemerkenswertes über das seltsame Schnabeltier und die zwar weniger originelle, aber noch seltsamere
Art des Evolutionisten Kutschera, Wissenschaft zu betreiben.
Leider bin ich zu spät auf die Sendung, in der Kutschera seine neue Parole laut
3sat-online verkündete, aufmerksam gemacht
worden. Ich greife daher, bezüglich des argumentativen Umfeldes, in das seine Parole einzuordnen ist, auf sein aktuelles,
pünktlich zum Darwin-Jahr 2009 erschienenes Werk »Tatsache Evolution - Was Darwin nicht wissen konnte« zurück. Darin ist
nicht nur – wie der Titel schon ankündigt – viel von der Evolution als einer Tatsache, sondern auch von der Existenz des
Schnabeltieres die Rede. Widmen wir uns zunächst dem ersten Teil der Parole. Kutschera wird häufig beschuldigt, selber
dogmatisch zu argumentieren, weil er den hypothetischen Charakter allen Wissens ignorierend, die Evolution regelmäßig
als eine unverrückbare Tatsache bezeichnet. Hierzu stellt er fest, »dass es in den Naturwissenschaften keine
feststehenden Glaubenssätze (Dogmen) gibt« und fügt dann richtigstellend hinzu: »Den mir hier und anderswo immer wieder
unterstellten Satz ›die Evolutionstheorie ist eine Tatsache‹, habe ich nie ausgesprochen oder gar publiziert. Ich habe
jedoch wiederholt gesagt, dass die Evolution ein realhistorischer Prozess ist, der stattgefunden hat, andauert und mit
naturwissenschaftlichen Methoden analysiert werden kann. Das historische Gewordensein der Organismen ist somit eine
belegte Tatsache, die durch ein System verschiedener Theorien aus den Bio- und Geowissenschaften im Prinzip erklärt werden kann.«
Es hat eine gewisse Komik, dass sich Kutschera in seiner Richtigstellung genau von der falschen Formulierung distanziert.
Es kann nämlich durchaus Sinn machen, von der »Evolutionstheorie als einer Tatsache« zu reden, z. B. wenn man ihre disziplinäre
oder gesellschaftliche Realität oder Virulenz betonen will. Kutschera hat nicht gemerkt, dass seine Kritiker, ihm hier – wohl
eher aus Versehen – etwas halbwegs Intelligentes unterstellt haben. Überhaupt keinen Sinn macht (und überhaupt nicht intelligent ist)
es aber, die »Evolution als eine Tatsache« zu bezeichnen, die mit wissenschaftlichen Theorien abgebildet werden kann. Diese
Auffassung nennt man auch Korrespondenztheorie der Wahrheit. Nach dieser Theorie sind Aussagen genau dann wahr, wenn sie mit
den Tatsachen in der Welt übereinstimmen. Dies ist nun wirklich das primitivste wissenschaftstheoretische Selbstverständnis,
das man sich vorstellen kann. Schon deshalb, weil es einfach keine neutrale Position außerhalb der eigenen Überzeugungen gibt,
von der aus man solche Übereinstimmungen überprüfen könnte. Als ernstzunehmender Wissenschaftler hat sich Kutschera mit seinem
einfältigen Glauben an die Korrespondenztheorie disqualifiziert. Prächtig verstehen würde er sich allerdings mit dem Kirchenlehrer
Thomas von Aquin (1225–1274), der ebenfalls glaubte, dass die Wahrheitsfindung in der Übereinstimmung von Gegenstand und Verstand
bestehen würde.1)
Wenden wir uns nach dieser subfossilen Theorie der Erkenntnisgewinnung einem auf dem ersten Blick leibhaftigen lebenden
Fossil zu, nämlich dem von Kutschera als Evolutionsbeweis angeführten Schnabeltier zu. Es gilt als Inbegriff des biologischen
Kuriosums. Es hat Merkmale, wie das Eierlegen und Brüten, den Giftsporn, die Kloake oder den Schnabel, die auf eine
Verwandtschaft zu Vögeln und Reptilien hinweisen. Andere Merkmale, wie das dichte Fell, die Gehörknöchelchen und die Aufzucht
der Jungen mit Milch deuten auf eine Säugetierverwandtschaft hin. Die vor einem Jahr publizierte Entschlüsselung seines Erbgutes förderte
weitere Überraschungen zu Tage. Nicht ganz unerwartet konnten Warren et al. (2008) zwar zeigen, dass sich sein ungewöhnlicher
Mosaikcharakter in seinem Genom widerspiegelt. Über das Ausmaß der Bizarrheit seiner Genorganisation war man dann aber doch überrascht.
Rund 80 % seines Erbgutes teilt es mit anderen Säugetieren, sowie Reptilien und Vögeln. Die
restlichen 20 % kommen exklusiv nur beim Schnabeltier vor. Der Biologe Richard Gibbs, der das »Human Genome Sequencing Center
at Baylor College of Medicine in Houston, Texas« leitet, kommentiert die Ergebnisse der Genomentzifferung wie
folgt (vgl. Brown 2008): ›Es gibt nichts, was so geheimnisvoll wie ein Schnabeltier ist, wir finden in seinem Genom diese
reptilienähnlichen Muster, diese später evolvierten Milchgene und eine unabhängige Evolution des Giftes. (...).‹. Mit anderen
Worten, die 2008 gelungene Entzifferung seines Genoms hat zwar seinen Patchwork-Charakter bestätigt, seine Evolution aber
nicht weniger rätselhaft gemacht.
Das Schnabeltier (Ornithorhynchus anatinus) ist nicht nur morphologisch, sondern auch genetisch eine bizarre Mixtur.
Da drängt sich dich die Frage auf, weshalb Kutschera ausgerechnet die Existenz eines morphologisch wie genomisch so
außergewöhnlich rätselhaften Tieres als Tatsachenbeweis für Evolution anführt? Warum hat er nicht die Fruchtfliege oder
noch besser den Birkenspanner oder den Darwinfinken selber, die bekanntlich als selektive oder auch darwinistische
Musterknaben gelten, als ultimativen Evolutionsbeweis genommen? Einleitend hatte ich vermutet, dass er mit seiner
markigen Parole gegenüber einer skeptischen Öffentlichkeit klarstellen wollte, dass jegliche Zweifel an der Evolution
schon deshalb unzeitgemäß sind, weil für moderne Evolutionisten auch noch die paradoxesten Lebewesen kein Rätsel mehr
sind. Nun gilt das Schnabeltier aus guten Gründen seit seiner Entdeckung als »Alptraum der Zoologen«. Wenn Kutschera
tatsächlich in der Lage wäre, die Mechanismen zu rekonstruieren, die diesen »Unfall der Evolution« herbeigeführt haben,
dann stünden ihm nicht nur die Spalten der weltweit führenden Wissenschaftsmagazine Nature und Science (die ihm bisher
verschlossen blieben) offen, sondern ein Nobelpreis wäre ihm sicher. Was also steckt dahinter, dass er sich hier soweit
aus dem Fenster herauslehnt? Gewöhnlich tut er dies vor allem dann, wenn er Kreationisten attackiert. Dabei wird er
nicht nur »unangenehm aggressiv«, wie eine FAZ-Redakteurin kürzlich treffend bemerkte, sondern neigt auch dazu, die
abenteuerlichsten Behauptungen in die Welt zu setzen.
Was haben nun die Kreationisten mit dem Schnabeltier zu tun? Dazu muss man wissen, dass das Schnabeltier heute in die
Klasse der Säugetiere gestellt wird, weil es seinen Nachwuchs mit Muttermilch ernährt und ein dichtes Fell hat. So richtig
überzeugend ist diese Klassifikation aufgrund seiner skurrilen Merkmalskombination aber nicht. In Evolutionslehrbüchern
wird es daher gerne, die taxonomischen Probleme überspielend, als Musterbeispiel für eine Übergangsform zwischen Reptilien
und Säugetieren dargestellt. Von Kreationisten wird dies heftig kritisiert. Sie führen das Schnabeltier als Musterbeispiel
dafür an, wie von den Evolutionisten sperrige Befunde zurechtgebogen werden. Sie argumentieren, dass man von einer echten
Übergangsform eine langsame Veränderung von Merkmalen und keine Kombination voll ausgebildeter Merkmale, wie z. B. das
wärmedämmende Fell, die komplexen Gehörknöchelchen, den elektrosensiblen Tastschnabel oder den für Säugetiere eher seltsamen
Giftsporn erwarten würde. Es sei keine Übergangs-, sondern vielmehr eine Mosaikform. Das Schnabeltier ist in der Auseinandersetzung
zwischen Evolutionisten und Kreationisten kein unbeschriebenes Blatt, sondern ein höchst umstrittenes Symboltier, mit dem beide
Konfliktparteien die Richtigkeit ihrer Position untermauern. Kein Wunder, dass der Antikreationist Kutschera es im Darwinjahr
als Evolutionsbeweis reklamiert und demonstrativ auf seine Fahne heftet.
Prüfen wir nun, inwieweit es Kutschera in seinem aktuellen Werk »Tatsache Evolution« gelingt, seine vollmundige
Schnabeltierparole mit Argumenten zu unterfüttern. Im Kapitel »Das australische Schnabeltier: Eine
Bauplan-Zwischenform« erfahren wir, dass es »im frühen 19. Jahrhundert« in den »Flussregionen des östlichen
Australiens und Tasmaniens« entdeckt und »wenig später einzelne ausgestopfte Tiere« nach Europa gebracht wurden.
Ferner habe der französische Naturforscher J.- B. de Lamarck um 1810 aus seiner Untersuchung der Schnabeltiere die
Schlussfolgerung gezogen, dass sie »primitive Ur-Säugetiere (Prototheria) sein könnten«. Diese »scharfsinnige
Lamarcksche Prototheria-Hypothese« habe sich aber erst 1884 bestätigt, als definitiv nachgewiesen wurde, »dass
Schnabeltiere Eier legen und ihre Jungen über abgesonderte Muttermilch ernähren.« Darüber hinaus habe die 2008
erfolgte Genomsequenzierung gezeigt, dass sich die Bauplan-Mischform des Phänotyps im Genotyp widerspiegelt.
Originalton Kutschera: »Der Misch-Phänotyp von Ornithorhynchus – eine ›Eier legende, mit Entenschnabel und
Bieberschwanz versehene Wasserratte‹ – ist somit auch auf dem Niveau des Genotyps ausgeprägt.«2) Auch die
Genom-Analytik habe damit »die erstmals von Lamarck formulierte Proto-Mammalia-Hypothese« bestätigt. Schon hierzu
ist einiges Richtigzustellen und zu ergänzen:
Das Schnabeltier wurde nicht »im frühen 19. Jahrhundert« von europäischen Kolonisten entdeckt und nach Europa gebracht,
sondern dies geschah bereits im späten 18. Jahrhundert. Die erste bekannte Sichtung stammt von einem Oberstleutnant
David Collins, der 1797 an den Ufern eines Sees in der Nähe des Hawkesbury Rivers in Neusüdwales einen amphibisch
lebenden ›Maulwurf‹ beobachtet hatte. In seinem 1802 publizierten »Account of the English Colony in New South
Wales« beschreibt er den von ihm neu entdeckten ›Wassermaulwurf‹ wie folgt: »In size it was considerably larger than
the land mole. (…) The tail of the animal was thick, short and very fat; but the most extraordinary circumstance observed
in its structure was, having instead of the mouth of an animal, the upper and lower mandibles of a duck.« Weitere Sichtungen
sind aus dem darauf folgenden Jahr dokumentiert: So hatte der begeisterte Naturforscher und zweite Gouverneur von Neusüdwales
John Hunter an einem Fluss in der Nähe von Sydney Aborigines dabei beobachtet, wie sie ›ein kleines, amphibisches Tier nach
der Art eines Maulwurfes‹ aufspießten, das heftig um sein Leben kämpfte. Und auch dem britischen Kapitän und bedeutenden
Entdecker Matthew Flinder waren 1798 bei einer Expedition entlang der Südostküste Australiens ›seltsame Wassermaulwürfe‹ aufgefallen.
Die ersten getrockneten (oder auch in Spiritus eingelegten) Bälge wurden bereits 1798 nach Europa geschickt. Die wissenschaftliche
Erstbeschreibung erfolgte durch den Zoologen George Shaw (1751–1813), der Kustos der Abteilung für Naturgeschichte des Britischen
Museum in London war. Die Ergebnisse seiner Untersuchung publizierte er 1799 in Band 10 der damals bedeutenden Reihe »Naturalist’s
Miscellany: or Coloured Figures of Natural Objects Drawn and Described Immediatly from Nature«. Shaw betonte zu Beginn seiner
Beschreibung, dass es unmöglich sei, nicht einige Zweifel an der Echtheit des Tieres zu hegen, weil es das von bisher allen
bekannten Säugetieren am meisten Außergewöhnliche in seiner Gestalt sei. Es habe einen Schnabel, der eine perfekte Ähnlichkeit
zu dem einer Ente zeige, und der auf dem Kopf eines Vierbeiners aufgepflanzt sei. Er gab der Art den wissenschaftlichen Namen
Platypus anatinus. Ein Jahr nach seiner Erstbeschreibung veröffentlichte der deutsche Anatom Johann Friedrich Blumenbach (1752–1840),
der als einer der vielseitigsten Naturforscher seiner Zeit galt, eine zweite Beschreibung des Tieres und nannte es Ornithorhynchus
paradoxus. Da der von Shaw gewählte Gattungsname bereits durch einen früher beschriebenen Käfer taxonomisch belegt war, einigte man
sich in salomonischer Weise auf den Namen Ornithorhynchus anatinus. So wurde aus einem entenartigen Plattfuß und einem paradoxen
Vogelschnabel schlussendlich ein entenartiger Vogelschnabel.3)
Kein Naturforscher der damaligen Zeit hat die Existenz einer solch grotesken Kreatur, die Merkmale aus so unterschiedlichen Tierklassen
in sich vereint, für möglich gehalten. Und zwar obwohl – wie der versierte Naturhistoriker Herbert Wendt (1956) zu recht bemerkt – gerade
im 19. Jahrhundert (dem Zeitalter der Evolutionstheorien) ein immenser Bedarf an hypothetischen, bereits auf dem Papier konstruierten
Wesen vorhanden war, um Lücken in den entworfenen Stammbäumen zu stopfen. Im Gegenteil die ersten Berichte und Bälge wurden von europäischen
Naturforschern mit größter Skepsis und als kolonialer Hoax betrachtet. Auch Shaw hatte den ihm vorliegenden Balg sorgfältigst auf Nahtstellen
untersucht, um sicher zu sein, dass er nicht von chinesischen Tierpräparatoren stammte, die europäische Seefahrer schon mit anderen kunstvoll
angefertigten Fabelwesen-Mumien, wie z. B. Seejungfrauen getäuscht hatten. Der Naturforscher Hunter (einer der kolonialen Erstbeobachter) war
so verwundert, dass er sie als das Ergebnis eines »promiskuitiven Verkehrs unterschiedlicher Tiergeschlechter« auf einem von Gott
vernachlässigten Kontinent betrachtete. Und selbst Darwin stimmte bei seiner Reise mit der Beagle der Anblick von Schnabeltieren so
nachdenklich, dass er 1836 in einem Tagebucheintrag darüber grübelte, ob in Australien und dem Rest der Welt nicht »zwei verschiedene
Schöpfer am Werk gewesen« sind oder »der Schöpfer« doch zumindest eine Ruhepause in seinem »Labor« eingelegt hat, bevor er sich dem
australischen Kontinent zuwandte.
Gleich nach der Erstbeschreibung entbrannte unter den Anhängern unterschiedlicher Naturphilosophien ein jahrzehntelang anhaltender
Streit über die richtige systematische und phylogenetische Einordnung des Schnabeltiers. Der französische Botaniker und Zoologe
Jean Baptiste de Lamarck (1744–1829) stellte dabei allerdings keine – wie von Kutschera betont – scharfsinnigeren Hypothesen als
andere Naturforscher auf. Für seine Transformationstheorie, die eine Stufenleiter der Arten vom einfachen Einzeller bis hinauf
zum komplexen Menschen beinhaltete, suchte er dringend nach Übergangsformen. Da schien ihm das Schnabeltier bestens geeignet,
die Brücke zwischen zwei, durch eine tiefe Kluft getrennte Tierklassen, den Reptilien und den Säugetieren zu schlagen. Um seine
Transformationstheorie zu unterfüttern, bot es sich für Lamarck an, es in den Rang einer eigenen Klasse der Vorsäugetiere (Prototheria)
zu stellen. Sein Widersacher, der erheblich jüngere englische Naturforscher Richard Owen (1804–1892), der noch von separaten Schöpfungsakten
überzeugt war, hielt nichts von Übergangsformen und brachte (nicht weniger scharfsinnig) Argumente dafür vor, die Schnabeltiere zu einem
festem Bestandteil der Klasse der Säugetiere machten. Unterstützung fand er durch den deutschen Anatom Johann
Friedrich Meckel (1781–1833), der 1824 feststellte, dass Schnabeltiere an der Bauchseite zwar keine Zitzen aber Milchdrüsen hatten4).
Es dauerte fast weitere 10 Jahre bis allgemein akzeptiert wurde, dass sie tatsächlich eine milchähnliche Flüssigkeit absonderten. Von
da an machte sich der Streit vorrangig daran fest, ob sie lebendgebärend oder eierlegend sind.
Für Owen war es ein ovoviviparer Säuger, d.h. es produzierte zwar Eier war aber definitiv lebendgebärend. Anderslautende Berichte über
in Nestern gefundene Eier erklärte er damit, dass sie auf Frühgeburten von erschreckten Weibchen zurückzuführen seien. Endgültig entschieden
wurde der Streit von dem Embryologen William Caldwell, der 1884 an den Ufern des Burnett Rivers in Queensland Jagd auf Schnabeltiere machte,
um das Jahrhundertmysterium zu lösen. Es gelang ihm, ein trächtiges Exemplar zu schießen, das kurz zuvor ein Ei gelegt hatte und in dessen
Uterusmund sich noch ein weiteres befand. Sein berühmt gewordenes Telegramm erreichte Englands führende Naturforscher am 2. September 1884
in Montreal. Dort tagte erstmals außerhalb Europas die Britische Zoologische Gesellschaft. Der Inhalt bestand aus vier klassisch gewordenen
Worten: »Monotremes oviparous, ovum meroblastic« (Kloakentiere eierlegend, Ei weichschalig). Nachdem der Präsident das Telegramm verlesen
hatte, erklärte er euphorisch, dies sei die bedeutendste wissenschaftliche Nachricht, die je durch ein Unterseekabel geleitet worden sei5).
Bitter für den alten Owen, dessen jahrzehntelange Dominanz über die Erforschung der Tierwelt Australiens mit dieser Niederlage beendet war.
Die Bezeichnung des längst verstorbenen Lamarcks Prototheria (Vorsäugetiere) hatte sich damit als tendenziell richtig erwiesen: Die Schnabeltiere
schienen tatsächlich über eine Merkmalskombination zur verfügen, die sie zu einer Art ›connecting link‹ zwischen Reptilien und Säuger machten.
Sieht man genauer hin, dann ging die Geschichte für den Naturtheologen Owen doch nicht ganz so schlecht aus. Seine Auffassung, dass Schnabeltiere
lebendgebärend sind, hatte sich zwar als falsch erwiesen, da sie aber über hochgradig spezialisierte morphologische und physiologische Merkmale
verfügten, konnten sie keine eigentlichen Ahnen der Säugetiere sein. (Z. B. war ihr dichtes, weiches Fell in Sachen Wärmedämmung jedem anderen
Säugetier überlegen, was zu Beginn des 20. Jahrhundert fast zu ihrer Ausrottung geführt hätte.) Die Systematiker haben sie daher nicht in die von
Lamarck aufgestellte Klasse der Prototheria erhoben, sondern sie eher im Sinne Owens zu einer Unterklasse herabgestuft, die zusammen mit den
Unterklassen der Beutel- und Plazentatiere die Klasse der Säugetiere bildet. In der Unterklasse der Prototheria bilden die Schnabeltiere zusammen
mit den nahe verwandten und ebenfalls eierlegenden Ameisen- oder Schnabeligeln die (einzige) Ordnung der Kloakentiere (Monotremata, griech. für
Tiere mit ›einer Öffnung‹). Die von Kutschera verbreitete Darstellung, dass Lamarck recht behalten hat, ist also falsch oder doch zumindest genauso
irreführend, wie der vom ihm gewählte Begriff »Bauplan-Mischform«, den er nicht als ausgefallene Merkmalskombination, sondern wie Lamarck
als ›urtümliche Zwischenform‹ oder gar ›primitives Relikt aus der Frühzeit der Säugtierevolution‹ interpretiert wissen will. Für Australiens
führenden Monotremata-Experten Mervyn Griffiths sind Schnabeltiere weit davon entfernt, »altertümliche« oder gar »primitive Übergangsformen« zu sein.
Er bezeichnet sie als »animals of all time«, die sich schon früh vom Mainstream verabschiedet haben und aktiv und ausgesprochen erfolgreich ihre
eigenen Wege gegangen sind.
Kutscheras wissenschaftsgeschichtliches Denken besteht darin, den Naturforschern nach seinem Gutdünken rückblickend Recht oder Unrecht zu geben.
Er nimmt dabei in Kauf, die Geschichte der Entdeckung der Schnabeltiere und die Konflikte um ihre Beschreibung und Klassifizierung auf irreführende
Weise zu verkürzen. Er kapiert einfach nicht, dass man Standpunkte in wissenschaftlichen Auseinandersetzungen nur vor den jeweils dahinterstehenden
Theorien oder Naturphilosophien betrachten und bewerten kann. Und weil er das nicht kapiert, ist derselbe Lamarck für ihn dort, wo er scheinbar Recht
behalten hat »scharfsinnig«, während er dort, wo er scheinbar nicht Recht behalten hat, nämlich bei seiner 150 Jahre lang von den Darwinisten mit
großer Penetranz verunglimpften Lehre von der Vererbung erworbener Merkmale »hypothetisch« oder »widerlegt« ist. Diese ahistorische Art
Wissenschaftsgeschichte zu betreiben, ist stark vom Zeitgeist abhängig. Ihre Urteile sind daher vergänglich und mit einem Verfallsdatum versehen.
Die Beurteilung der Lamarckschen Leistungen ist dafür ein anschauliches Beispiel. Während seine Vorstellung von der Vererbung erworbener Merkmale
durch die Entdeckung der epigenetischen Vererbung eine regelrechte Renaissance erfährt, ist die Brückenfunktion, die Lamarck dem Schnabeltier zuordnen
wollte, aufgrund der vielen festgestellten spezialisierten und konvergenten Merkmale derzeit ziemlich out. Nur der Evolutionist Kutschera ist so fest
in seinem evolutionären Glauben befangen, dass er diese Entwicklungen nicht angemessen erfassen und auch noch in den komplexen Ergebnissen der
Genomanalyse nicht mehr als eine Bestätigung der Lamarckschen »Proto-Mammalia-Hypothese« sehen kann.
Wenden wir uns nun der Evolutionsgeschichte
der Schnabeltiere zu. Die seltsame Mischung aus Reptilien- und Säugetiermerkmalen deutet zwar auf eine lange Evolution von vielleicht 180 Millionen
Jahren hin; sie liegt aber ziemlich im Dunkeln, da es keine gesicherten Erkenntnisse über die phylogenetische Diversifizierung der Monotrematen und
ihre Abspaltung von den frühen Reptilsäugern gibt. Die Gründe dafür, sind in ihrer einzigartigen Merkmalskombination und im spärlichen Fossilbefund
zu suchen. Zudem sind im Fossilbericht von Säugern meistens nur die Zähne und Kiefernknochen überliefert. Die haben bei Schnabeltieren aber nur eine
begrenzte Aussagekraft, weil erwachsene Tiere zahnlos sind und nur die Jungtiere Zähne haben. Einige interessante Entdeckungen gibt es
aber (vgl. Griffiths 1988): In einer 15 Millionen Jahre alten tertiären Ablagerung wurde ein wunderbar erhaltener Schädel gefunden, dessen Kiefer
noch mit Zähnen bestückt war. Dieser Schnabeltiervorfahr (Obdurodon dicksomni) war auch noch als erwach senes Tier bezahnt. 1985 wurde in einer
110 Millionen Jahre alten kreidezeitlichen Schicht ein Unterkieferstück mit drei Molaren gefunden. Dieser frühe Vorfahr des
Schnabeltieres (Steropodon galmani) hatte schon zusammen mit den Dinosauriern gelebt. Dies wurde 1999 durch den Fund eines bezahnten
Unterkiefers eines weiteren Schnabeltier-Urahns (Teinolophos trusleri) in einer etwas älteren Schicht bestätigt. Völlig unerwartet, konnte
bei der computertomographischen Untersuchung des versteinerten Kieferknochens ein für die Wahrnehmung elektrischer Felder erforderlicher
Nervenkanal identifiziert werden (Rowe et al. 2008). Die hochspezialisierten Merkmale der Schnabeltiere waren offenbar schon in der Kreidezeit
vorhanden. Ihre Evolution war völlig anders verlaufen, als die der Beutel- und Plazentatiere, die sich zwar zu Beginn der Kreidezeit aufspalteten,
deren Radiation und Spezialisierung aber erst im Tertiär erfolgte.
Evolution der Säugetiere, Reptilien und Vögel sowie Hervortreten von Eigenschaften in der Säugetier-Linie, aus: Warren et al. (2008)
Wie wird Evolutionsgeschichte der Schnabeltiere bei Kutschera beschrieben? Bei ihm lesen wir: »Die Reptilsäuger der Trias-Periode« [...] stehen
am Anfang der Evolution der Mammalia [...]. Diese Abstammungsfolge lief vor mindestens 166 Mio. J. (späte Juraperiode) auseinander. Eine Linie
evolvierte zu den lebendgebärenden Marsupalia und den Placentalia (Beutel- und Placenta-Säuger); die zweite evolutionäre Generationen-Reihe
führte zu den Monotrematen (Eier legende, urtümliche Säuger, die als Kloakentiere bezeichnet werden).« Er schwadroniert in Siebenmeilenstiefeln
über die dünne Befundlage hinweg und wird nur bei der Datierung der Abspaltung, die er aus der Genomstudie von Warren et al. (2008) übernommen hat,
erstaunlich konkret. Schaut man dort nach, liest sich das erheblich vorsichtiger: ›Die Abspaltung der Kloaken- von den Beutel- und Plazentatieren
fällt in eine große Lücke zwischen der Radiation der Säugetiere und deren Abspaltung von der Sauropsiden-Linie. Die Schätzungen reichen von 160
bis 210 Mio. J. vor heute. Wir gehen auf aufgrund von fossilen und den aktuell sequenzierten molekularen Daten von 166 Mio. J. aus.‹6) In seinem
Lehrbuch »Evolutionsbiologie« (2006) führt Kutschera übrigens ohne Literaturbezug ein Abspaltungsalter von 210 Millionen Jahren an, bewegt sich
also, ohne dies zu begründen, am obersten Rand der Schätzungen. Eine ähnliche Willkür zeigt er bei der Datierung der frühen Säugetiere. In der
Genomstudie wird die Entstehung von säugtierähnlichen Reptilien (Therapsiden) ins frühe Perm verortet. Kutschera verlagert sie hier, ohne dies
weiter zu erläutern, mit Bezug auf eine andere Quelle in die Trias-Periode.
Das Schnabeltier ist auch über 200 Jahre nach seiner wissenschaftlichen Entdeckung alles andere als ein Beweis dafür, dass » Evolution eine
Tatsache ist«. Die Entzifferung seines Erbgutes mag zwar ein Meilenstein für das bessere Verständnis der Schnabeltierevolution sein, hat
aber die Probleme nicht gelöst, sondern eher noch verschärft. Völlig unerwartet war z. B., dass das Gift in seinem Sporn keine › Mitgift‹
der Reptilien ist, sondern unabhängig davon evolviert ist ( Brown 2008). Und ein vor wenigen Jahren entdeckter, fossiler Schädel eines
Schnabeltier-Urahns deutet sogar daraufhin, dass selbst die komplexen, für das scharfe Gehör von Säugetieren so typischen Gehörknöchelchen
eine konvergente Erscheinung sind – also zwei Mal erfunden wurden (Rich et al. 2005). Stellt sich die Frage, welcher evolutive Mechanismus
die im Schnabeltier konzentrierten Unwahrscheinlichkeiten plausibel machen kann? Fangen wir bei Darwin an. Für ihn war das Schnabeltier der
Schlüssel für das Prinzip der evolutionären Anpassung in Isolation. In seinem berühmten Werk » Die Entstehung der Arten« versucht er, das
Schnabeltier, das für ihn ein » lebendes Fossil« war, durch die lange Isolation des australischen Kontinents und den verminderten Wettbewerb
in Süßwasserhabitaten zu erklären. » Lange Isolation« vielleicht, » lebendes Fossil« sicher nicht und » verminderter Wettbewerb« eher fraglich.
Gerade Süßwasserbecken gelten heute als » Inseln der Evolution«, ja als ein Musterbeispiel für explosive Artbildung – und dass konnte Darwin
zu seiner Zeit wirklich nicht wissen.
Kommen wir nun zu unserem Protagonisten Kutschera zurück und schauen, ob er 150 Jahre später neue Erklärungen für die Evolution der Schnabeltiere
anzubieten hat? Auf 3sat-online
lesen wir in diesem Zusammenhang: »Der Mensch kann sich gar nicht vorstellen, was mehr als zwei Milliarden Jahre
Zeit für die Evolution bedeuten. Selbst kleine Schritte führen weit, wenn nur genug davon gegangen werden - und Jahrmilliarden reichen bei
geringsten Wahrscheinlichkeiten.« Erstaunlicherweise sind – wie schon bei Darwin – die unendlich langen Zeiträume auch heute noch die Helden
der Arbeit, die das Wunder der Evolution vollbringen sollen. Und wenn sich unsere Vorstellungskraft dem verweigert, so liegt das nicht an der
Unschärfe dieser Argumentation, sondern an unserem Unvermögen, in Jahrmilliarden zu denken. Merke: Nur die Evolutionisten sind auserkoren, die
Äonen mühelos zu durchschreiten! Und so erstaunt es nicht, dass sich auch Darwins Hypothese vom »verminderten Wettbewerb« in Kutscheras aktuellem
Werk als »verborgene amphibisch-räuberische Lebensweise des nachtaktiven Schnabeltiers« wiederfindet. Diese »speziellen Lebensbedingungen« sollen
für das Überleben »dieses letzten Nachkommen einer ›primitiven‹, uns heute fremdartig erscheinenden Reptil-Vogel-Säugergruppe« verantwortlich sein.
Da kann man nur hinzufügen, das Schnabeltier ist weit davon entfernt, ein ›primitives Überbleibsel‹ einer vergangenen Epoche zu sein. Als anpassungsfähiger
Überlebenskünstler ist es vielmehr ein »animal of all time«. Darüber hinaus »erscheint« es nicht nur »fremdartig«, sondern gerade aus der Perspektive eines
Evolutionsbiologen ist es auch »fremdartig«. Einzige Ausnahme der Evolutionist Kutschera! Der glaubt offenbar so felsenfest an die »Tatsache Evolution«, dass
er selbst eine schwerverdauliche Anomalie in einen vollkommenen Beweis verwandeln kann – ein Mysterium, das ansonsten nur von fundamentalistischen
Religionsführern bekannt ist.
Nachbemerkung I
Dies ist keine gute Geschichte für Kutschera, weil sie wiedereinmal zeigt, dass seine Methode darin besteht, lückenhaftes Hypothesenwissen als belastbares
Faktenwissen zu präsentieren. Zumindest den wissenschaftsgläubigen Leser führt er damit an der Nase herum und vermittelt ihm ein völlig falsches Bild davon,
wie in der Wissenschaft um die Wahrheitsfindung gerungen wird. Dies ist aber auch keine gute Geschichte für die Wissenschaft, weil sich in der Erforschung
des Schnabeltiers ihre imperialistische Arroganz gegenüber einer kolonialen Natur und den ›einfachen‹ Menschen zeigt.
Tausende von Schnabeltieren und Schnabeligeln mussten sterben, um die Begierde von Wissenschaftlern zu befriedigen, sie bis ins kleinste Embryonalstadium zu
beschreiben oder auch nur, um ihnen das Geheimnis ihrer Geburt zu entreißen. Dabei war z. B. die Frage, ob sie lebendgebärend oder eierlegend sind, schon
gelöst, bevor das von europäischen Naturforschern initiierte Schlachten überhaupt begonnen hatte. Die Aborigines hatten jedem Forscher, der sie danach
fragte, versichert, dass Schnabeltiere eierlegend seien und auch Hobbyforscher unter den Kolonisten hatten dies immer wieder bestätigt.
So berichtete ein australischer Arzt im Jahre 1864 in einem Schreiben an europäische Naturforscher, dass ein in Gefangenschaft gehaltenes Schnabeltier
zwei Eier gelegt habe. Kommentar des berühmten englischen Anatomen Owen: Die Eier seien in Folge des Gefangenschaftsstresses zu früh
abgegangen! (vgl. Rismiller et al. 1991). Erst 20 Jahre später war es dem schottischen Embryologen Caldwell vorbehalten, das vermeintliche Rätsel
durch ein Massaker an trächtigen Schnabeltieren offiziell zu lösen7). Dabei hätte man gegen seine Beobachtung den gleichen Einwand vorbringen können,
da das entscheidende Tier sicherlich unter Jagdstress stand8).
Weil einheimische Kolonisten sich als unfähig erwiesen, die scheuen Tiere aufzuspüren, wurden von den europäischen Forschern ganze Armeen von Aborigines
angeheuert, damit sie gegen Kopfprämie (für Weibchen gab es mehr) Jagd auf die verborgen lebenden Monotrematen machten. Ihr Wissen über die von ihnen
als Mallangong oder auch Boondaburra bezeichneten Tiere wurde aber ignoriert. Diese Arroganz war Teil der generellen Einstellung der europäischen
Wissenschaftler gegenüber dem kolonisierten Kontinent. Australien und seine bizarre Tierwelt wurden als eine ›zoologische Strafkolonie‹, ja als
ein ›faunaler Gulag‹ betrachtet, in dem alles gegensätzlich und sonderbar war (Moyal 2001).
Jagende Aborigines – die europäischen Naturforscher waren nicht an ihrem Wissen über Schnabeltiere interessiert, sondern nur an ihrer Fähigkeit, sie aufzuspüren.
John Washington Price, der Schiffsarzt auf einem Segler war, der irische Rebellen in die britische Strafkolonie Neuholland (die damalige Bezeichnung für
Australien) brachte, vertraute die eurozentristische Sicht auf die Tierwelt Australiens 1799 seinem Tagebuch an: ›Wenn wir die verschiedenen Regionen der
Erde betrachten, so finden wir, dass die lebhaftesten und nützlichsten Vierbeiner um den Menschen geschart wurden. Es sind die entfernten Einöden der Welt,
in welchen wir die hilflosen, deformierten und monströsen Werke der Natur zu suchen haben.‹
Nach Auffassung des amerikanischen Paläontologen Stephan Jay Gould (1989) lebt die eurozentrische Vorstellung, dass Plazentatiere den Kloaken- und
Beuteltieren anatomisch und physiologisch überlegen sind, in der Wissenschaft weiter. In seinem »Lob der Beuteltiere« zeigt er, dass sie sich in
der Taxonomie niedergeschlagen hat: Die eierlegenden Kloakentiere werden als Prototheria oder Vorsäugetiere bezeichnet, die armen Beuteltiere als
Metatheria oder halbe Säugetiere und die Plazentatiere nehmen als Eutheria oder wirkliche Säugetiere die höchste Rangstufe ein.
Nachbemerkung II
Es ist zu befürchten, dass Kutschera selbst nach der Lektüre der hier erzählten Geschichte immer noch nicht kapieren würde, dass auch die
Wahrnehmung und Theoriebildung eines noch so modernen und rational im Feld oder Labor arbeitenden Naturwissenschaftlers (wie vor allem er selber)
von Naturphilosophien beeinflusst ist. Vielleicht stimmt ihn aber nachstehende Anekdote nachdenklich:
Bei meinen Recherchen bin auch auf einen Artikel aufmerksam geworden, in dem Folgendes berichtet wurde: Auf der vor der Südostküste Australiens
gelegenen Kängeru-Insel (»Kangaroo-Island«) gäbe es Schnabeltiere, die sich nicht nur im Süßwasser aufhalten, sondern auch im Meer auf Nahrungssuche
gehen würden. Erstaunlicherweise wird diese gut dokumentierte Beobachtung mit keinem Wort in der gesamten anderen, mir bekannten Fach- und auch
populärwissenschaftlichen Literatur erwähnt.
Warum also gerade in diesem Bericht? Des Rätsels Lösung: Der Autor war Kreationist! Ihm lag daran, glaubhaft zu machen, dass Schnabeltiere
aufgrund ihrer Salzwasserverträglichkeit durchaus in der Lage waren, den Weg von der auf dem Berg Ararat gestrandeten Arche Noah bis ins
abgelegene Australien zu bewältigen. Mag uns der ›Genesis-Kontext‹ auch noch so absurd erscheinen, so beeinträchtigt er doch nicht die Wahrheit
dieser Beobachtung. Ein gelungenes Beispiel für das, was in Lehrbüchern als Unabhängigkeit des »context of discovery« vom »context of
justification« beschrieben wird!
Anmerkungen
1) Einem Kirchenlehrer des 13. Jahrhundert sei dies verziehen, obwohl er es auch damals schon – dank Platos Höhlengleichnis – hätte besser wissen können.
Einem Evolutionsbiologen des 21. Jahrhundert, der diese Auffassung immer noch verficht, sollte man allerdings seinen Etat kürzen und nahe legen, umgehend
die Erstsemestervorlesung »Einführung in die Wissenschaftstheorie« zu besuchen.
2) Da Kutschera bekanntlich ein gelernter Pflanzenphysiologe ist, sollte man ihm den »Bieberschwanz« nachsehen.
3) Shaw (1799) und Blumenbach (1800) standen für ihre Erstbeschreibung nur ein getrockneter Schnabeltierbalg zu Verfügung. Die erste
Beschreibung eines sezierten Schnabeltieres veröffentlichte 1802 der englische Anatom Sir Everard Home (1756–1832). Der ließ die Fachwelt
aufhorchen, weil er als erster feststellte, dass Schnabeltiere trotz ihres säugetiertypischen Haarkleides eine für eierlegende Reptilien
und Vögel typische Kloake besäßen.
4) Lamarcks französischer Kollege Étienne Geoffroy Saint-Hilaire (1772–1844) bezweifelte die Existenz der von Meckel gefundenen
Milchdrüsen und behauptete, sie seien in Wirklichkeit Moschusdrüsen, deren Sekret dazu dienen könnte, Männchen anzulocken. Ironisierend
bemerkte er: »Wenn dies Milchdrüsen sein sollen, wo ist die Butter?« Das Schnabeltier sei daher – wie von Lamarck zu Recht vertreten – eine
Klasse für sich und nicht – wie von Owen behauptet – ein Säugetier. Da Frankreich zu Beginn der Auseinandersetzung mit England im Krieg lag,
wurde der Krieg von den Naturforschern quasi auf dem Papier weitergeführt.
5) Bedeutend auch für die Schnabeltiere, denn Tausende mussten ihr Leben lassen, bis das wissenschaftliche Mysterium endlich gelöst war.
Zoologie wurde wie der Naturhistoriker Wendt (1956) pointiert bemerkte, von den damaligen Naturforschern vor allem mit der Flinte betrieben.
Allein Caldwell soll mit seinen 150 einheimischen Helfern einige hundert Schnabeltiere erlegt haben bis es ihm am 24. August 1884 endlich
gelang, das entscheidende Weibchen zu finden. Darüber hinaus tötete sein Team in der gleichen Saison über 1.300 Schnabeligel (Echidna), um
lückenlose embryonale Stadien zu erhalten (Robin 2005).
6) Es wurde schon vielfach nachgewiesen, dass die Datierung von Ereignissen mit molekularen Uhren mit großen Unsicherheitsfaktoren verbunden
ist. Rowe et al. (2008) konnten dies eindrücklich an der Datierung der Aufspaltung der Monotremata, d. h. der Abspaltung der Schnabeltiere
von den Schnabeligeln (Echidna) zeigen. Die aus unterschiedlichen DNA- und Protein-Sequenzen abgeleiteten Schätzungen liegen zwischen 17 und
80 Millionen Jahren, wobei von den Molekulargenetikern jüngere Datierungen präferiert werden. Z. B. schätzen Warren et al. (2008) in ihrer a
ktuellen Genomstudie das Alter des letzten gemeinsamen Vorfahren der beiden Taxa auf 21 Millionen Jahre. Durch die computertomographische
Untersuchung eines fossilen Kiefernknochen konnten Rowe et al. aber zeigen, dass ein ausgestorbener Monotremat der Gattung Teinolophos bereits
über eine ausgeprägte Elektrosensivität verfügte, also der Schnabeltierlinie zuzurechnen ist. Das Alter der fossilführenden Schicht wurde auf
rund 120 Millionen Jahre datiert. Selbst die älteste Schätzung durch eine molekulare Uhr liegt folglich um 50 % zu niedrig.
7) Das Verhalten der europäischen Naturforscher gegenüber den australischen Hobbyforschern erinnert mich ein bisschen an den Streit um die
Entdeckung der Brutfürsorge bei Egeln. Die ruhmreiche Erstbeobachtung reklamiert Kutschera bis heute für sich, obwohl der pfiffige ostdeutsche
Vivarist Pederzani sie nachweislich sechs Jahre vor ihm gemacht und publiziert hat. Auch hier wurde hochnäsigst argumentiert, dass eine Beobachtung
erst dann als vertrauenswürdige Entdeckung gilt, wenn sie von einem ausgewiesenem Wissenschaftler gemacht wird. Diese Geschichte habe ich in aller
gebotener Ausführlichkeit an anderer Stelle erzählt.
8) Das dies nicht geschah, lag wohl vorrangig daran, dass der Kreationist Owen gegen Ende des 19. Jahrhunderts ein verblassender Stern am
wissenschaftlichen Himmel war, während der Darwinist Caldwell die naturgeschichtliche Weltanschauung vertrat, die damals im Aufwind war. Und
so konnte er (wie einst Owen und heute Kutschera...) in seinen Vorträgen erklären, seine Erkenntnisse seien keine Theorien, sondern Tatsachen
und könnten daher nicht in Frage gestellt werden.
Literatur
Brown, Susan (2008): »Top billing for platypus at end of evolution tree - Monotreme’s genome shares feature with mammals, birds and
reptiles«. – In: Nature 453, 138-139
Gould, Stephan J. (1989): »Der Daumen des Panda – Betrachtungen zur Naturgeschichte«. – Hamburg
Griffiths, Mervyn (1988): »Das Schnabeltier«. – In: Spektrum der Wissenschaft, H. 7, 76-83
Kutschera, Ulrich (2006): »Evolutionsbiologie«. – Stuttgart
Kutschera, Ulrich (2009): »Tatsache Evolution - Was Darwin nicht wissen konnte«. – München
Moyal, Ann (2001): »Platypus – The extraordinary story of how a curios creature baffeld the world«. – Washington
Rich, Thomas et al. (2005): »Independent origins of middle ear bones in monotremes and therians«. – In: Science 307, 910-914
Rismiller, Peggy, D. (1995): »Australiens geheimnisvolle Echidna«. – In: Naturwissenschaften 82, 551-556
Rismiller, Peggy, D. u. Seymour, Roger S. (1991): »Fortpflanzung des australischen Ameisenigels«. – In: Spektrum der Wissenschaft, H. 4, 96-103
Robin, Libby (2005): »The platypus frontier: eggs, Aborigines and empire in 19th century Queensland«. – In: Rose, Deborah Bird (Hg.): »Dislocating the frontier: essaying the mystique outback«. – Canberra
Rowe, Thomas et al. (2008): »The oldest platypus and ist bearing on divergence timing of the platypus and echidna clades«. In: PNAS, 1238-1242
Warren, Wesley C. et al. (2008): »Genome analysis of the platypus reveals unique signatures of Evolution«. – In: Nature 453, 175-184
Wendt, Herbert (1956): »Auf Noahs Spuren – Die Entdeckung der Tiere«. – Hamm
G. M., 10.03.2009
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Kein lebendes Tier hat die Wissenschaft seit seiner Entdeckung so irritiert wie das Schnabeltier. Dies spiegelt sich
auch in seinen Bezeichnungen wider: Alptraum der Zoologen, biologisches Kuriosum, Laune der Natur, Wechselbalg oder
Unfall der Evolution, einzigartiges Zwitterwesen, bizarre Melange, Ergebnis eines promiskuitiven Verkehrs, fleischgewordene
Wollmilchsau oder australischer Wolpertinger.
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›Den Elefanten zu wenig Zähne gemacht‹
Manimali, Guido Danielle
Darwin war eher ein zauderhafter, dezenter Revolutionär, der jeder direkten und lautstarken Konfrontation mit der Kirche aus dem Weg gegangen ist.
Wenn er noch leben würde, hätte er sicherlich wenig Verständnis für herumpolternde Berufsatheisten, die meinen, sich damit profilieren zu müssen,
in seinem Namen den Glauben lächerlich zu machen oder auf Gläubige einzudreschen. Auch dem Kassler Evolutionsbiologen Ulrich Kutschera, der sich
durch sein »unangenehm aggressives« (FAZ) Verhalten gegenüber Kreationisten eine gewisse Popularität verschafft hat, scheint Darwins umsichtiges
Vorgehen ein Dorn im Auge zu sein. In seinem neusten Werk »Tatsache Evolution – Was Darwin nicht wissen konnte« glaubt er, den Grund dafür gefunden
zu haben, warum Darwin sich bezüglich der theologischen Implikationen seiner naturalistischen Zufallstheorie so erstaunlich zurückhaltend und
diplomatisch verhalten hat. Zu Beginn seiner Argumentation zitiert Kutschera eine bekannte Passage aus einem Brief, den Darwin im Jahr 1860, also
ein Jahr nach dem Erscheinen seines berühmten Werkes über die Entstehung der Arten, an den amerikanischen Botaniker Asa Gray geschrieben hatte:
»Ich kann mich nicht dazu überreden, dass ein gütiger und allmächtiger Gott mit Absicht die Schlupfwespen erschaffen haben würde mit dem
ausdrücklichen Auftrag, sich im Körper lebender Raupen zu ernähren, oder das Katzen mit Mäusen spielen sollen. Da ich nicht daran glaube,
sehe ich auch keine Notwendigkeit in dem Glauben, dass das Auge bewusst geplant worden ist. Andererseits kann ich mich keineswegs damit
abfinden, dieses wunderbare Universum und insbesondere die Natur des Menschen zu betrachten und zu folgern, dass das alles nur das Ergebnis
roher Kräfte sei. Ich neige dazu, alles als Resultat vorbestimmter Gesetze aufzufassen, wobei die Einzelheiten, ob gut oder schlecht, dem
Wirken dessen überlassen bleiben, was wir Zufall nennen können.«
Darwin legt hier nüchtern und plausibel dar, dass das Bild eines gütigen und allmächtigen Schöpfers, der die Welt bis ins kleinste Detail
plant, nur schwer mit den kaum übersehbaren Grausamkeiten in der Natur in Übereinstimmung zu bringen ist. Er nimmt dies allerdings nicht
zum Anlass, die Existenz eines wohlmeinenden Schöpfers an sich zu verneinen, sondern rückt ihn vom Zentrum des aktuellen Naturgeschehens
an dessen Ursprung. Dort fungiert er als Begründer von Naturgesetzen, während die Ausformung der konkreten Naturzustände (also z. B. der Arten
und ihrer Interaktionen) weniger vorher- als zufallsbestimmt ist1). Eine solche Haltung ist für Evolutionsbiologen, die ihre Disziplin als Mittel
zur Erlangung einer erfüllenden Weltanschauung und sogar letztgültigen ideologischen Meinungsführerschaft betrachten, nicht konsequent zu Ende
gedacht, ja unerträglich. Dies gilt im besonderen Maße für unseren Akteur Kutschera, der sich in fetten Lettern auf seine Fahnen geschrieben hat,
dass in dieser Welt kein Platz für Götter, Geister und Designer ist. Er meint Darwins nachsichtigen Umgang mit dem Glauben damit erklären zu können,
dass ihm das ganze Ausmaß der Unvollkommenheit und Grausamkeit des Naturgeschehens nicht bewusst war:
»Ein wesentlich eindrucksvolleres Beispiel für die unglaublichen Grausamkeiten in der Natur liefern jedoch die Afrikanischen und Asiatischen Elefanten.
Diese Dickhäuter, die über ein außergewöhnlich großes Gehirn verfügen, empfinden beim Tod verwandter und fremder Artgenossen Trauer. Elefanten leiden
im menschlichen Sinne und verfügen möglicherweise sogar über ein Todesbewusstsein, da auch verstorbene, in der Verwesung befindliche Körper von Artgenossen
besucht werden. Besonders grausam ist der natürliche Tod der Alttiere. Nachdem die letzten Mahlzähne (Molaren) dieser durch lange Stoßzähne gekennzeichneten
Dickhäuter abgerieben sind (Zahnschmelz-Verbrauch), verhungern die Tiere nach und nach, da sie ihre Nahrung nicht mehr kauen können. Diese intelligenten Trauer
und Schmerz empfindenden Großsäuger sterben somit einen langsamen, qualvollen Hungertod (…). Diese Ausführungen zu Leiden und Tod der Dickhäuter sollen
das ›Darwinsche Gleichnis‹ vom grausamen, aber dennoch angeblich ›allmächtigen Schöpfer-Gott bzw. Designer‹ ergänzen. Hätte Darwin vom langsamen Hungertod
der Elefanten, der auf ›un-intelligentes Zahn-Design‹ zurückführbar ist, gewusst, so wären seine negativen Bemerkungen zum ›guten biblischen Gott‹
vermutlich noch drastischer ausgefallen.«
Ist es Kutschera hier wirklich gelungen, dem biblischen Schöpfergott die Maske vom Gesicht zu reißen und ihn als stümperhaften und seelisch grausamen
Designer zu entlarven? Betrachten wir zunächst die Frage, ob Elefanten im menschlichen Sinne trauern können. Der renommierte Gießener Literaturwissenschaftler
Erwin Leibfried (2009) hat Kutscheras Ausführungen erfrischend kommentiert. Er stellt zunächst fest, dass der »Ursprung der menschlichen Emotionen« zu
den »Problemzonen der Evolutionstheorie« gehört. Es gäbe zwar »Vorformen von Sprache«, man gerate aber in »windige Regionen«, wenn man »die qualitative Differenz
zwischen Mensch und Tier einebnet« und wie Kutschera »mitleidende Sorge bei Elefanten als Faktum« konstatiert. Hier seien »bei entsprechender Kreativität und
Sachkenntnis, andere Interpretationen möglich. Der Elefant als Herdentier ›kümmert‹ sich um die Angehörigen seiner Horde, das hat er als Instinkt, er hat
aber kein Mitleid«. Ironisierend fügt er hinzu: »Er verhält sich wie weiland die Genossen in der ruhmreichen DDR: keinen zurücklassen, alle mitnehmen, war
da einmal die Devise bei der bei der Verwirklichung des Sozialismus. Solche Beschreibungen unterliegen wissenschaftstheoretisch einem uralten, gut
bekannten Topos: der Anthropomorphisierung. Was im Hirn dieses Viehzeugs vorgeht, bleibt vorderhand ignotum.«
Da es niemanden möglich ist, sich in ein Elefantenhirn zu versetzen, schließt auch Leibfried die Existenz der menschlichen Emotion »mitleidende Sorge« bei
Elefanten nicht kategorisch aus. Er warnt aber Naturwissenschaftlicher davor, bei der Beobachtung und Interpretation tierischer Verhaltensweisen die emotionale
Distanz zu den Untersuchungsobjekten zu verlieren. Beachten sie dies nicht, laufen sie Gefahr, nicht nur persönliche, sondern auch gesellschaftliche
Verhaltensmuster unreflektiert auf tierisches Verhalten zu projizieren. Kutscheras von Empörung getragene Darstellung der vermeintlich »unglaublichen Grausamkeiten«
im Elefantendesign ist ein anschauliches Beispiel dafür. Sie erweckt Passagenweise den Eindruck, als wenn er selbst in die Rolle eines dahinsiechenden Elefanten
geschlüpft wäre, der keine Nahrung mehr zu sich nehmen kann und Kondolenzbesuche seiner trauernden Herde empfängt. Und vor allem diese Überidentifizierung motiviert
ihn, einen für Elefanten typischen Verschleißschaden in einen gravierenden und in Zusammenhang mit der Intelligenz von Elefanten besonders grausamen Designfehler
umzuinterpretieren und als schwerwiegenden Befund gegen die Existenz eines gütigen und allmächtigen Schöpfergottes ins Feld zu führen.
Versuchen wir die Angelegenheit einmal nüchterner zu betrachten: Elefanten gehören neben den Menschen zu den Landsäugern mit der höchsten Lebenserwartung.
Sie müssen kein anderes Tier fürchten, sind ausgesprochen intelligent und führen ein entwickeltes soziales Herdenleben. Wegen ihrer enormen Größe verfügen sie
über einige ausgeklügelte anatomische Besonderheiten, die ihnen beispielsweise ermöglichen, zu schwimmen, ohne dass ihre Lungen kollabieren oder sich trotz ihres
kolossalen Gewichtes in sumpfigem Gelände zu bewegen. Kurz: Elefanten bestechen durch hervorragendes Design und sind alles anderes als ein überzeugendes Beispiel
für schlechtes Design. Dies gilt auch für ihre Backenzähne, die sich während eines langen Elefantenlebens bis zu sechs Mal erneuern. Wenn es überhaupt etwas zu
bemängeln gibt, dann ist es ihre schlechte Futterverwertung. Sie zwingt die Elefanten dazu, täglich riesige Mengen Pflanzennahrung aufzunehmen und zu zerkleinern.
Sie ist folglich ursächlich dafür verantwortlich, dass der vorzeitige Verschleiß der Mahlzähne zu einem lebensbegrenzenden Faktor für Elefanten werden kann. Allerdings
verhungern erheblich mehr Elefanten an Nahrungsknappheit als an der Unfähigkeit Pflanzen zu zerkleinern. Die Ursache dafür liegt neben Dürren an ihren verschwenderischen
Ernährungsgewohnheiten, die oft zur Verwüstung ganzer Wälder führt.
Wenn bei einem alten Elefanten, der von anderen Todesursachen verschont geblieben ist, der letzte Mahlzahn weitestgehend abgenutzt ist, zieht er sich manchmal an Orte
wie z. B. Sümpfen zurück, wo ihm weichere Pflanzennahrung zur Verfügung steht2). Auch dort kann er aber nicht dauerhaft dem Verhungern entgehen, weil er selbst weiches
Grünfutter nach der völligen Abnutzung seiner Molaren nicht mehr zerkleinern und verdauen kann. Der immer schwächer werdende Elefant wird an seinem Sterbeort von der
eigenen Herde, aber auch von fremden Herden aufgesucht. Dabei ist ein ganzes Spektrum von Verhaltensweisen zu beobachten: Die Elefanten versuchen ihren geschwächten
Artgenossen wieder aufzurichten, zu füttern und Raubtiere von ihm fernzuhalten. Wenn er dann verendet ist, decken sie ihn manchmal sogar mit Ästen, Steinen und Blättern
zu, weil es sie offenbar stört, wenn Löwen, Hyänen oder Geier sich an dem verwesenden Kadaver vergreifen. Dieses außergewöhnliche Verhalten kann nur schwer als von
der natürlichen Selektion begünstigte Umweltanpassung interpretiert werden, denn Elefanten laufen durch den Kontakt mit ihren dahinsiechenden oder verendeten Artgenossen
Gefahr, sich mit gefährlichen Krankheiten zu infizieren (vgl. Douglas-Hamilton et al. 2006). Man muss also davon ausgehen, dass Elefanten ein besonderes Bewusstsein für
kranke und tote Artgenossen haben, das in dieser Form bei anderen Tierarten bisher nicht beobachtet wurde3).
Da ein solches Bewusstsein bei uns Menschen viel stärker ausgeprägt ist, fragt sich, warum Kutschera nicht den Menschen als besonders eindrucksvolles Beispiel für
seelisch grausames Design angeführt hat? Laut seiner Argumentation wählt er den Elefanten, weil bei ihm ein schlechtes Altersdesign mit einem Bewusstsein kombiniert
ist, das mitleidende Sorge empfindet. Beides trifft aber in viel höherem Maße auf uns Menschen zu. Unsere Spezies leidet nicht nur an unzähligen Alterskrankheiten,
sondern ist aufgrund ihrer einzigartigen Intelligenz auch zu regelrechten Fürsorge- und Trauerexzessen fähig4). Warum also der Elefant und nicht der Mensch? Es ist
zu vermuten, dass Kutscheras Wahl weniger reflektiert als intuitiv erfolgte. Von dem Ziel besessen, den biblischen Schöpfergott der Unfähigkeit und Grausamkeit zu
überführen, wählt er den Elefanten, weil wir Menschen für das Leiden einer uns sympathisch erscheinenden Tierspezies oft mehr Mitgefühl als für das Leiden der eigenen
Art zeigen. Wenn es sich nicht gerade um ekelerregende Spinnen oder Würmer handelt, sind Tiere ein Sinnbild für die unschuldige Natur, während wir dazu neigen, uns eher
als eine dekadente Spezies zu betrachten, die diese unschuldige Natur bedroht und daher Bestrafung verdient. Für viele Menschen ist das Schicksal von
Tieren (selbst wenn sie ihnen persönlich nicht bekannt sind) eine angenehmere, d. h. mit weniger Widersprüchen behaftete Projektionsfläche für ihr Mitgefühl.5)
Kutschera appelliert aus gutem Grund mehr an unser Mitgefühl als an unseren Verstand. Rein logisch macht es wenig Sinn, ein vermeintlich schlechtes oder gar
grausames Design bei Lebewesen als Indiz gegen die Existenz eines (biblischen) Designers ins Feld zu führen. Vergänglichkeit gehört einfach mit zum Design
und Unvollkommenheit ist nur schlecht dingfest zu machen. Betrachten wir z. B. die Eintagsfliege, deren (Einweg-)Design auf dem ersten Blick gegenüber dem
Design des Menschen oder Elefanten wenig meisterhaft und lebenswert wirkt. Sie scheint das Pech zu haben, nicht zu den entwickelsten Säugetieren, sondern
zu den ursprünglichsten unter den Fluginsekten zu gehören. Ihre erwachsene Form (Imago) verfügt nicht einmal über richtige Mundwerkzeuge oder einen funktionsfähigen
Magen und wird nur wenige Minuten bis einige Tage alt. Ihr einzig erkennbarer Lebenssinn besteht darin, sich zu paaren und ziemlich bewusstseinslos Gene in die
nächste Generation zu transportieren. Aber ist sie deswegen schlecht designt? Selbst Kutschera müsste einräumen, dass sie nach seiner Logik im Vergleich zu Menschen
oder Elefanten, bei denen sich das Dahinsiechen in die Länge ziehen kann, zumindest über ein optimiertes Todesdesign verfügt. Und wie ist es um ihre Lebensqualität
bestellt? Ist sie wegen der sprichwörtlichen Kürze ihres irdischen Daseins ein bedauernswertes Lebewesen? Keinesfalls, wenn man Arne Bister’s Gedicht über das aus
anthropomorpher Sicht erstaunlich beneidenswerte Leben der Eintagsfliegen liest:
»Glücklich sind die Eintagsfliegen.
Woran mag denn das bloß liegen?
Wenn sich turtelnd zwei betören
und auf ewig Liebe schwören,
hält ihr Glück ihr Leben lang.
Glücklich sind die Eintagsfliegen,
weil sie niemals Heimweh kriegen,
denn sie fliegen nie weit fort
von dem angestammten Ort.
Fremd ist ihnen Reisedrang.
Glücklich sind die Eintagsfliegen,
weil sie sich ja nie bekriegen.
Will sich eine Fliege hauen,
rät man ihr ganz im Vertrauen,
bis zum nächsten Tag zu warten.
Ach, was wissen Eintagsfliegen
über Ströme, die versiegen,
über Meere, die verschwinden,
auch den Wandel in den Winden
und den Tod von vielen Arten?
Glücklich sind die Eintagsfliegen,
weil sie niemals sich verbiegen,
um wie and're Glück zu jagen,
die nach freudlos schweren Tagen
ihrem Leben erst erliegen.«
Drängt sich die Frage auf, ob wir mit den aus anthropomorpher Sicht beneidenswert glücklichen Eintagsfliegen das Ende der Fahnenstange erreicht haben?
Gibt es womöglich noch glückseligere Lebewesen als Eintagsfliegen? Wie ist es eigentlich um das ›Glücksdesign‹ von noch erheblich einfacher organisierten
Lebensformen wie Einzellern im Vergleich zu höher organisierten Lebewesen bestellt? Darüber hat sich der scharfsinnige Dichter Gottfried Benn (1886-1956)
schon vor knapp hundert Jahren melancholisch-regressive Gedanken gemacht:
»O dass wir unsere Urahnen wären.
Ein Klümpchen Schleim im warmen Moor.
Leben und Tod, Befruchten und Gebären
glitte aus unseren stummen Säften vor.
Ein Algenblatt oder ein Dünenhügel,
vom Wind geformtes und nach unten schwer.
Schon ein Libellenkopf, ein Möwenflügel
wäre zu weit und litte schon zu sehr.«
Mit anderen Worten, jede Höherentwicklung, die über den Organisationsgrad eines Bakteriums oder einer Amöbe hinausgeht, ist zwangsläufig mit einer Zunahme
an Leiden oder – wie Kutschera es formulieren würde – unintelligenten und (seelisch) grausamen Design verbunden. So betrachtet, spricht die gesamte Evolution
jenseits des Einzellers gegen einen gütigen und allmächtigen Schöpfergott. Kutscheras massive Kritik am Elefantendesign ist ahnungslos und willkürlich, zumal
er gemäß seiner Argumentation den im besonderen Maße leidensfähigen (und leidverursachenden) Menschen als vorläufigen Höhepunkt misslungenen Designs hätte
anführen müssen. Darwin - den Kutschera posthum und von vermeintlich hoher Warte belehren und gegen den biblischen Schöpfergott aufstacheln möchte - hat
vernünftiger argumentiert: Erstens hat er nicht seine an einer Krankheit früh verstorbene Lieblingstochter als schweres Geschütz gegen den Glauben an einen gütigen und allmächtigen
Schöpfergott ins Feld geführt, sondern ganz nüchtern die bestialische Vermehrungspraxis eines Insektes6). Zweitens hat er deswegen nicht die Existenz eines
biblischen Schöpfergottes an sich in Frage gestellt, sondern daraus nur geschlossen, dass der die Welt nicht bis in kleinste Detail vorherbestimmt. Und
Drittens hat er damit sein Ziel erreicht, den biblischen Gott soweit aus der Welt heraushalten, dass er genügend Platz für seine Theorie von der
Wandelbarkeit (und eben nicht Schöpfung) der Arten hatte. Demgegenüber hat der selbsternannte Darwin-Experte Kutschera, der uns seit einigen Jahren in
marktschreierischer Manier ebenso kontextarme wie verworrene Geschichtsrevisionen präsentiert, wieder einmal nichts kapiert.
Anmerkungen
1) In der an das Zitat anschließenden (und von Kutschera ausgelassenen) Passage wird deutlich, dass Darwin sich bewusst ist, dass der menschliche
Intellekt angesichts der Dimension solcher Fragen an prinzipielle Grenzen stößt und keine zufriedenstellenden Antworten finden kann: »Nicht,
dass mich diese Einsicht im mindesten befriedigte. Ich fühlte zutiefst, dass das ganze Problem für den Intellekt des Menschen zu hoch ist. Ebensogut
könnte ein Hund über den Geist Newtons spekulieren. Jeder Mensch soll hoffen und glauben was er kann.« Darwin nimmt also keine – wie es die evolutionären
Ideologen vom Schlage Kutschera gerne sehen würden – atheistisch-fundamentalistische, sondern eine zurückhaltendere und einem reflektierten Geist angemessene
agnostisch-liberale Haltung ein. Er knüpft damit an einen wohltuenden Gedanken der antiken Skepsis an, nämlich wo immer es nötig ist, Urteilsenthaltung
zu üben (vgl. Leibfried 2009).
2) Dieses Verhalten hat auch den Mythos von sogenannten Elefantenfriedhöfen befördert, weil man an solchen Orten oft größere Mengen Knochen findet. Seinen
Ursprung hat der Mythos jedoch in den »Tausendundeine Nacht«-Geschichten von Sindbad dem Seefahrer. Der sah sich in seiner Zeit als Elfenbeinjäger eines
Morgens von wütenden Elefanten umringt, die ihn zu einen Hügel führten, der ganz mit Elefantenknochen und Elefantenzähnen bedeckt war. Sindbad zweifelte
nicht daran, dass es sich um einen Elefantenfriedhof handelte und dass die Elefanten ihn dort hingebracht hatten, um ihm zu zeigen, dass es keinen Grund gab,
Elefanten wegen ihrer Stoßzähne zu töten. Man musste sich an solchen Orten nur die Mühe machen, sie aufzuheben.
3) Trotz naheliegender Parallelen zu menschlichen Trauer- und Fürsorgeverhalten ist bezüglich der genauen Intention (oder Interpretation) tierischen Verhaltens
große Vorsicht angesagt. Es ist z. B. wiederholt beobachtet worden, dass Elefanten nicht nur tote Artgenossen, sondern auch Menschen, die von ihnen zuvor brutal
verletzt oder getötet wurden, mit Ästen zugedeckten (vgl. Meredith 2003).
4) Der Besuch einer Intensivstation oder eines Friedhofes sollte ausreichen, um sich davon zu überzeugen, dass das Fürsorge- und Trauerverhalten der Elefanten
gegenüber dem von uns Menschen maximal als rudimentär einzustufen ist.
5) Kutschera wird in seinen vielen Interviews nicht müde zu behaupten, dass wir Menschen »nur eine von Millionen Tierarten sind«. Hier sieht man, dass
er - wenn es um seine propagandistischen Zwecke geht - sehr gut zwischen Tieren und Menschen zu differenzieren weiß.
6) Das verzehrende Leiden seiner Lieblingstochter Annie, die 1851 im Alter von acht Jahren gestorben ist, ist ihm sicherlich erheblich näher gegangen,
als es die Kenntnis von Kutscheras einfältiger Geschichte über zahnlos dahinsiechende Elefanten jemals vermocht hätte. Ihr früher Tod war der
maßgebliche Auslöser dafür, dass Darwin sich vom konventionellen religiösen Glauben abwendete (vgl. Quammen 2008).
Literatur
Benn, Gottfried (1960): »Gesammelte Werke 1, Gedichte«. – Wiesbaden
Douglas-Hamilton, Ian, Bhalla, S., Wittemyer, G. & Vollrath, F. (2006): »Behavioural reactions of elephants towards a dying and deceased matriarch«. – In: Applied Animal Behaviour Science
Kutschera, Ulrich (2009): »Tatsache Evolution – Was Darwin nicht wissen konnte«. – München
Leibfried, Erwin (2009): »Rezension: Tatsache Evolution – Was Darwin nicht wissen konnte«. – In: Wissenschaftlicher Literaturanzeiger
Meredith, Martin ( 2003): »Der afrikanische Elefant«. – Kreuzlingen/München
Quammen, David (2008): »Charles Darwin – Der große Forscher und seine Theorie der Evolution«. – München
G. M., 28.04.2009
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Im Unterschied zu anderen Tieren haben Elefanten in jedem Kiefer sechs ›Sätze‹ von Backenzähnen, die satzweise von hinten her nachwachsen, sich
langsam nach vorne schieben und die alten vorne hinausdrücken, wenn diese abgenutzt sind:
»Den ersten Satz verlieren Elefanten, wenn sie etwas zwei Jahre alt sind; den zweiten etwa mit sechs Jahren, den dritten mit 15 Jahren, den
vierten mit etwa 28 Jahren, den fünften mit etwa 43 Jahren. Der sechste Satz Backenzähne entsteht, wenn die Tiere etwa 30 Jahre alt, und er
kommt in Gebrauch wenn der Elefant Anfang 40 ist. Der letzte Satz hält weitere 20 Jahre. Wenn er abgenutzt ist, können Elefanten ihre Nahrung
nicht mehr richtig aufnehmen und sterben.« (Meredith 2003)
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Kladistik als Lebensform
Die Diplom-Biologin Sabine Schu ist offenbar eine selbstbewusste Nachwuchswissenschaftlerin. Als ich ihr anerkennend attestierte,
dass es ihr an »evolutionsbiologischen Sachverstand« nicht mangelt (und damit andeuten wollte, dass dies im Allgemeinen kein Zustand
ist, der sich in der wissenschaftlichen Laufbahn automatisch einstellt) antwortete sie mir schnippisch bis entrüstet: »Ich weiß nicht,
ob Dir das entgangen ist, aber ich *bin* Naturwissenschaftler. Ich weiß aus eigener Anschauung, aus eigener *Anwendung*, weil ich seit
Jahren in der Forschung arbeite, wie die wissenschaftliche Methode aussieht, *UND SIE FUNKTIONIERT*.« Wenn man bedenkt, dass Generationen
von Wissenschaftsphilosophen verbissen darüber gestritten haben (und immer noch streiten), wie und wie gut die wissenschaftliche Methode
funktioniert, kommt Schu’s methodischer Optimismus doch etwas unreflektiert daher. Man muss ja nicht so weit wie der Wissenschaftsphilosoph
Paul Feyerabend gehen, der pointiert formuliert hat, dass den wissenschaftlichen Fortschritt eine grausame Mischung aus Ehrgeiz, Konkurrenz
und echter Gehirnakrobatik vorantreibt, aber zu behaupten, dass bei der wissenschaftlichen Wahrheitssuche alles seinen geregelten Weg geht, ist
entweder naiv oder heuchlerisch1).
Schu macht keinen Hehl aus ihrem Motiv für ihren betont engen Schulterschluss mit der Wissenschaft: Sie fühlt sich (und ihren Berufsstand)
von der allgemeinen Wissenschaftsfeindlichkeit und Welle der religiös motivierten Evolutionskritik, die nach ihrer Einschätzung zunehmend von
Amerika nach Europa schwappt, persönlich beleidigt. Da kam es ihr gerade recht, dass ihr in 2007 die Mitgliedschaft in der AG Evolutionsbiologie, ein
von dem gelernten Pflanzenphysiologen Ulrich Kutschera geführtes akademisches Agitationsbündnis gegen
fachlich zunehmend versierter argumentierende deutsche Kreationisten, angetragen wurde. Schu willigte sichtlich bewegt ein: »Ich bin jetzt Mitglied in
der AG Evolutionsbiologie des VdBiol, ich bin ganz stolz«.2) Dass die AG Evolutionsbiologie auf sie aufmerksam wurde, verdankt sie maßgeblich
ihrem Weblog »Evil under the sun«. Der ist eine durchaus peppige Mischung aus fundierter bis
scholastischer evolutionsbiologischer Information, stereotypen bis burschikosem Kreationisten-Bashing und bissiger bis politisch korrekter Gesellschaftskritik.
In ihrem Blog, in dem sie »den Unterschied zwischen Wissenschaft und kompletten Bullshit«3), deutlich machen möchte,
nutzt sie jede Gelegenheit, die Fahne des Wissenschaftsbetriebs hochzuhalten. Ein solcher Anlass bot sich offenbar, als sie (vermutlich von
Martin Neukamm, dem umtriebigen Geschäftsführer der AG Evolutionsbiologie) auf meinen evolutionstheoriekritischen
Website-Beitrag »Von Korallen und Menschen« aufmerksam gemacht wurde.
Ich hatte den verblüffenden Befund, dass Korallen mehr gemeinsame Gene mit dem Menschen- als mit dem Fliegen- oder Fadenwurmgenom haben,
zum Anlass genommen, die herrschende Evolutionstheorie auf den Prüfstand zu stellen. Bisher hatte man bei einer Reihe von Genen, die zwar
bei höheren Wirbeltieren, wie z. B. Menschen aber nicht bei Insekten oder Fadenwürmern vorhanden sind, angenommen, dass sie erst im
Verlauf der Wirbeltierevolution entstanden sind. Jetzt wurde überraschend festgestellt, dass diese Gene bereits bei Korallen vorhanden
waren. Korallen sind ausgesprochen einfach gebaute tierische Organismen, die sich schon früh von der Entwicklungslinie, die zu höheren
Tieren führt, abgespalten haben. Daraus musste man schließen, dass diese Gene schon bei dem letzten gemeinsamen Vorfahren von Korallen
und höheren Tieren, den Ureumetazoa(Urgewebetiere), vorhanden waren und bei Insekten und Fadenwürmern (die sich erst viel später von
der Linie, die zu Wirbeltieren führt, abgespalten haben) wieder verlorengegangen sind. Offenbar spielten Genverluste bei diesen
Modellinvertebraten eine viel größere Rolle als man bisher angenommen hatte. Diese Entdeckungen waren geeignet, die gesamte Theorie
von der Entwicklung des Erbguts höherer Tiere zu revolutionieren.
Die Ergebnisse wurden bestätigt durch die Untersuchung der Genausstattung der Seeanemone, einem Lebewesen, das wie die Korallen zum
Stamm der Nesseltiere (Cnidaria) gehört. Die morphologisch einfach gebaute Seeanemone gilt als lebendes Fossil, weil sie sich seit der
Abspaltung (vor 700 Millionen Jahren) von der Entwicklungslinie, die zu höheren Tieren führt, kaum verändert hat. Hier stellten die
Forscher fest, dass dieser urtümliche Organismus über einen kompletten Satz von Wnt-Genen verfügt. Das sind Gene, die bei höheren
Wirbeltieren die Organisation der Zelltypisierung während seiner komplexen Embryonalentwicklung steuern. Völlig unerwartet war die
Genausstattung für diesen Vorgang schon bei einem urtümlichen Lebewesen vorhanden, das einen so komplexen Organisator für seine
Konstruktion gar nicht benötigte. Die Wissenschaftler folgerten daraus, dass der Grundtypus des Bauplans tierischer Organismen nur
einmal ›erfunden‹ worden war, ohne allerdings erklären zu können, wie er evolviert wurde. Dies war ein harter Schlag für die
darwinistische Evolutionsbiologie, denn hier waren offenbar auf rätselhafte Weise, d. h. ohne erkennbaren Selektionswert komplexe
Genausstattungen evolviert und über Jahrmillionen erhalten geblieben.
Die Autoren der verschiedenen Studien waren sich sichtlich irritiert über die neuen Befunde, wie folgende Auszüge aus ihren Kommentare
eindrücklich belegen: »Unglaublich«, »Sensation«, »mehr als nur ein bißchen aufregend«, »wirklich atemberaubend«, »Zusammenhänge entdeckt,
die noch vor wenigen Jahren ins Genre der Fantasyliteratur verwiesen worden wären«, »gesamte Sichtweise verändert«, »bisherige Entwicklungslinien
der Biologie müssen neu überdacht werden«, »tiefe Implikationen für die Evolutionsbiologie«, »Theorie der Evolution höherer Tiere
revolutioniert«, »verwirrend«, »ernster Irrtum«, »aufrüttelndes Paradoxon« und »Paradigmenwechsel«. Ganz anders die Reaktion von Schu.
In ihren Blog-Beiträgen »Den Wald vor Bäumen nicht sehen…« (Teil eins u.
zwei) unterfüttert, ergänzt und korrigiert4) sie zwar die von
mir vorgestellten Befunde auf informative Weise, kann aber in ihren Bewertungen der Befunde nichts Erstaunliches an ihnen entdecken
und schon gar nicht, dass sie die aktuelle Evolutionstheorie in Frage stellen: »Wer natürlich heutige Befunde mit Vorstellungen in Einklang
zu bringen versucht, die fast ein halbes Jahrhundert alt sind, braucht sich nicht wundern, wenn er damit Probleme bekommt. Das als Widerspruch
zur Evolutionstheorie zu bezeichnen, ist aber purer Unfug.«
Schu präsentiert sich als Wissenschaftlerin, die nichts verblüffen und alles erklären kann. Solche Wissenschaftler bezeichnet man gewöhnlich
als dumm, denn sich von neuen Befunden irritieren zu lassen, ist zweifellos eine der wichtigsten Eigenschaften eines fähigen Forschers. Dass Schu hier Defizite zeigt, liegt an ihrem idealisierten Wissenschaftsverständnis. Als ich sie darauf aufmerksam machte, dass zu einem brauchbaren
biologischen Sachverstand eine »ordentliche Prise Skeptizismus« gehört, belehrte sie mich umgehend, dass ich Eulen nach Athen tragen würde,
weil »Skepsis eine Grundvoraussetzung zum Betreiben von Wissenschaft sei«. Im selben Atemzug legt sich, bei ihrem Hauptanliegen, die
Evolutionstheorie vor kritischer Infragestellung zu schützen, so ins Zeug, dass sie selbst ins Schussfeld gerät. So mag es zwar noch angehen,
dass sie mir unterstellt, grundlegende Vorstellungen der aktuellen Evolutionstheorie nicht zu kennen, aber sie provoziert erhebliche Zweifel
an ihrem eigenen Fachverstand, wenn sie meint, dass dies auch für die von mir zitierten Evolutionsbiologen gelten soll. Soll heißen: Wenn
führende Evolutionsbiologen aufs Tiefste über neue Befunde irritiert sind, dann täte sie als wissenschaftliche Novizin gut daran, ebenfalls
stark verwundert zu sein. Ist sie aber nicht und sieht stattdessen die Ursache für die Irritationen in vier Missverständnissen über die
tatsächliche Funktionsweise der Evolution.
Angebliches Missverständnis Nr. 1: »Evolution würde von einfach nach komplex verlaufen und dies erfolge durch die Addition neuer
Gene.« Erläuternd fügt sie an anderer Stelle hinzu: »Dass der Verlust von Genfunktionen oder auch ganzen Organen genauso vorkommt, wie die
Entstehung neuer Genfunktionen und Organen ist doch offensichtlich! Man denke an Darmparasiten, die keinen eigenen Verdauungsapparat mehr
haben, Höhlenfische, die blind sind oder keine Augen mehr haben (…).«
Schu’s Hinweis, dass die Evolution nicht nur von einfach nach komplex, sondern bedingt durch Verluste von Genfunktionen5) auch umgekehrt
verlaufen kann, ist zwar völlig korrekt, trägt aber wenig zur Erhellung der rätselhaften Befunde bei. Die erfordern eine Erklärung dafür,
warum eine im Stammbaum basal angesiedelte, morphologisch einfach gebaute Lebensform über ein genetisches Potenzial verfügt, das so komplex
ist, dass es seine Funktionen erst einige hundert Millionen Jahre später in höheren Wirbeltieren entfalten kann. Mit dem Kernmechanismus
der Evolutionstheorie, der seit Darwin darin besteht, dass die natürliche Selektion in einer sich wandelnden Umwelt die Lebewesen mit der
besseren Anpassung bzw. Fitness begünstigt, ist dies nicht zu erklären, da gar kein Selektionsdruck vorstellbar ist, der eine solch
komplexe Genausstattung bei primitivsten Tieren erzeugt haben könnte. Der von Schu angeführte Verlust der Sehfunktion bei Höhlenfischen oder
des Verdauungsapparates bei Darmparasiten ist in diesem Zusammenhang trivial, weil es sich in beiden Beispielen nicht um komplizierten
Funktionsaufbau, sondern um simple Funktionsverluste handelt, für die sich eine anpassungsbedingte Erklärung geradezu aufdrängt. Hier
wird dagegen ein plausibler Mechanismus für einen nicht oder doch zumindest nicht erkennbar anpassungsbedingten, ausgesprochen komplexen Funktionsaufbau gesucht.
Angebliches Missverständnis Nr. 2: Die verbreitete Vorstellung, dass der Gegensatz von primitiv fortgeschritten ist und es
ein ›unten‹ und ›oben‹ im evolutionären Stammbaum gebe. Schu stellt hierzu unmissverständlich klar, »dass der Gegensatz von ›primitiv‹ (besser: ursprünglich) in
Bezug auf Evolution nicht ›fortgeschritten‹, sondern ›abgeleitet‹ ist, und sich immer nur auf einzelne Merkmale bezieht, nicht etwa auf den
ganzen Organismus.« Ergänzend fügt sie an anderer Stelle hinzu: »Dass es eben *keine* Scala naturae gibt, keine in unterschiedlicher Perfektion
geschaffenen Arten und auch keine ›Evolutionsleiter‹, ist gerade die Kernaussage der Evolutionstheorie: Evolution ist ungerichtet, es gibt kein ›nach oben‹.«
Zweifellos hat sich die Erkenntnis, dass Evolution eine Variation ist, die keinesfalls automatisch zu mehr Fortschritt oder Komplexität führt,
noch nicht überall verbreitet. So wird häufig übersehen, dass unzählige einfache Formen (vor allem Einzeller) gibt, die sich seit Jahrmillionen
erfolgreich verweigern, komplexer zu werden, ohne dass dies zu Lasten ihrer Fitness geht. Und auch in Entwicklungslinien, in denen die Organismen
bereits eine gewisse Komplexität aufgebaut haben, kommt es bei verschiedenen Merkmalen immer wieder zu Komplexitätsreduktionen. Daraus aber zu
folgern, dass bei der Beschreibung evolutiver Merkmale die Begriffe »primitiv« und »fortgeschritten« (im Sinne von komplex) gestrichen und nur
noch »ursprünglich« oder »abgeleitet« verwendet werden sollten, führt zu einer trivialisierenden Wahrnehmung evolutiver Trends, in denen es
augenscheinlich bei vielen Merkmalen eine Komplexitätszunahme gegeben hat. Bekanntestes Beispiel ist sicherlich die Entwicklungslinie, die
von den Fischen über die Amphibien und Reptilien zu den Säugetieren führt. Dies bedeutet nicht, dass komplexere Merkmale einfacheren
generell überlegen sind, denn die Ausdifferenzierung von Merkmalen ist nicht nur vorteilhaft, weil sie z. B. häufig zu einer
Verminderung ihrer Regenerationsfähigkeit oder Robustheit führt.
Weshalb riskiert Schu, die Vielschichtigkeit evolutiver Trends nur reduziert wahrzunehmen? Der Grund dafür, scheint mir darin zu liegen,
dass sie eine überzeugte Kladistin ist. Die Kladistik ist eine phylogenetische Klassifizierungsmethode, die nicht an möglichst vielen,
sondern ausschließlich anhand von abgeleiteten (apomorphen), d. h. in Bezug auf den Rest des Stammbaums neuen Merkmalen versucht, die
Verwandtschaftsbeziehungen zwischen Arten zu klären. Ob ein Merkmal ursprünglich oder abgeleitet ist, wird im Zweifelsfall an einem
sogenannten Außengruppenvergleich bestimmt. Alle Arten, die nach kladistischer Klassifizierung auf eine gemeinsame Stammart zurückgehen,
werden zu einer monophyletischen Gruppe zusammengefasst. Im Unterschied zur klassischen Systematik gibt es in der Kladistik weder
hierarchische Kategorien (Klasse, Ordnung etc.) noch paraphyletische Taxa, d. h. Gruppen, die nicht alle Nachfahren einer Art enthalten.
Die Kladistik basiert zwar auf der genealogischen Verwandtschaft konstruiert aber keine genealogischen Stammbäume, sondern Kladogramme,
in denen die Beziehungen zwischen verschiedenen Arten als Folge von regelmäßigen Verzweigungen dargestellt werden. An den Gabelpunkten
befindet sich jedoch keine benannte Stammform, sondern hier wurde ein neues Merkmal erworben, das an jede Art, die sich im Diagramm
oberhalb des Verzweigungspunktes befindet, weitergegeben wird. Aufgrund ihrer rigiden Methodik beansprucht die Kladistik, den wahren
oder doch zumindest wahrscheinlichsten Evolutionsablauf nachzuzeichnen.
Die Kladistik ist heute die vorherrschende Methode zur Ermittlung stammesgeschichtlicher Verwandtschaftsverhältnisse. Aufgrund ihrer
Fehleranfälligkeit ist sie aber keineswegs unumstritten6). Bereits ihre Etablierung war mit heftigsten Geburtswehen verbunden und gilt
als Paradebeispiel für einen Paradigmenwechsel. Den frühen Kladisten standen die klassischen Systematiker als ausgesprochen feindlich
gesinntes Establishment gegenüber. Der Paläontologe Richard Fortey (2002) beschreibt in seinem Buch »Leben - Eine Biographie« treffend
die religiöse Dimension des damaligen Theorienstreits: »Der Gründervater der Kladistik, der deutsche Entomologe Willy Hennig, wurde zu
einem weltlichen Heiligen erhoben. (…) Kollegen erkundigten sich mit gesenkter Stimme bei ihren Freunden ›Bist Du oder bist Du
nicht?‹ Man wurde Kladist, wie man anderweitig Buddhist wurde.« Die Kladisten waren eine Art verschworene Bewegung, die sich den
klassischen Systematikern weit überlegen fühlte. Ihre Methodik knüpfte schließlich an die Darwinsche Evolutionslehre an, während die
klassische Systematik auf Linné zurückging und deshalb als vordarwinistisch betrachtet wurde. Von ambitionierten Kladisten wird daher
immer wieder gefordert, die klassische Systematik weitgehend aufzugeben. Sie sei inkonsequent, weil sie überflüssige Kategorien und
paraphyletische Taxa enthalte, welche die Errichtung eines konsequent phylogenetischen Systems verhindern würden. Das Paradebeispiel
dafür sei die systematische Klasse der Vögel, die ihre kladistische Schwestergruppe Krokodile ausklammere und daher irreal sei.
Die Kladisten übersehen in ihrer Argumentation, dass paraphyletische Gruppen genauso real sind, wie die von ihnen präferierten
Monophyla. Sie müssen dies übersehen, weil sie ihre rigide Klassifizierungsmethodik, die nur das Merkmal der gemeinsamen Abstammung
und keine anderen, womöglich widersprüchlichen Ähnlichkeitsmerkmale als Systematisierungskriterium zulässt, mit der Wirklichkeit
gleichsetzen. Der Systematiker Rüdiger Schmelz kommentiert diesen Trugschluss wie folgt: »Paraphyletische Gruppen kommen zustande,
wenn neben gemeinsamer Abstammung (descent) ein zweites die Evolution der Organismen prägendes Element systematisierungsrelevant ist,
das der abstammungsbedingten Ähnlichkeit bzw. Abwandlung (modification). Zwei unterschiedliche Systematisierungskriterien führen aber
unweigerlich zu Entscheidungskonflikten. Nun sind mehrere phylogenetische Systeme möglich, und man muss abwägen. Um das zu vermeiden,
wird Modifikation als Kriterium ausgeblendet. Das Argument ist also verfahrenstechnisch und nicht sachlich: Wir wählen diejenige
Methode, mit der nur ein System zustande kommt. Dieses muss aber nicht das beste sein, auf keinen Fall ist es das einzig
Wahre. (...) Wer behauptet, dass Paraphyla nicht ›tatsächlich exisitieren‹, sagt im Grunde nicht mehr, als dass sie eben
keine Monophyla sind. Das Realitätsargument ist also zirkulär oder metaphysisch; in beiden Fällen ist es biologisch
irrelevant.« (GfBS-Newsletter 13/2004, vgl. Anmerkung 6)
Eine rigide und dazu noch ausgesprochen fehleranfällige Methode, die sich, um eindeutige Ergebnisse präsentieren zu können,
Doppeldeutigkeiten verschließt, spiegelt aber höchst selten die Wirklichkeit wider. Und genau hier liegt bei Schu’s
Verabsolutierung des reduzierten kladistischen Begriffsvokabulars der Hase im Pfeffer7). Sie ontologisiert die kladistische
Methode und begreift nicht, dass Klassifizierungssysteme vorrangig der Kommunikation dienen. Im günstigen Fall befruchten
sich solche Systeme gegenseitig und führen zu Neubetrachtungen von erfolgten Gruppierungen. Die Inhalte und Anwendungsgebiete
der unterschiedlichen Systeme werden aber nie identisch. Soll heißen: Im Extremfall ist die Kladistik eine Sprache, die nur für
Kladisten gilt! Es erweckt häufig den Eindruck, dass die Attraktivität der Kladistik weniger auf ihre methodische Effizienz, als auf
willkommene Nebeneffekte gründet. So bewirkt der Wegfall der systematischen Kategorien, dass sich das schwärende Problem fehlender
Übergangsformen zwischen höheren Kategorien und makroevolutiver Mechanismen nahezu in Luft auflöst. Auch bei der Entwicklungslinie,
die von den Nesseltieren zu den Wirbeltieren führt, verschleiern die kladistischen Begriffe »ursprünglich« und »abgeleitet«, dass hier der
Evolutionsverlauf regelrecht auf den Kopf gestellt wurde, denn hier beginnt die Evolution, nicht mit geringst möglicher (›primitiver‹),
sondern nahezu höchst möglicher (›fortgeschrittener‹) genetischer Komplexität.
Für einen überzeugten Kladisten zählt die Verwendung des Begriffes »Fortschritt« in Zusammenhang mit der Beschreibung evolutiver
Abläufe zu den schlimmst möglichen Vergehen. Auch Schu weist wiederholt darauf hin, dass die Evolution nicht nach Perfektion strebt,
sondern ungerichtet und zufällig zu sein hat. Tatsächlich gibt es heute kaum noch einen Evolutionsbiologen, der nicht vor der
Verwendung des Forschrittsbegriffes in Zusammenhang mit Evolution warnt: Der Begriff sei undefinierbar, benötige einen Bezugspunkt
und sei durch seine Verwendung bei der Beschreibung der kulturellen oder technischen Evolution stark anthropozentrisch geprägt.
Ebenso oft ist allerdings festzustellen, dass die Autoren (und dies beginnt schon mit Darwin) ihre eigenen Warnungen missachten
und progressive Begriffe bei der Beschreibung stammesgeschichtlicher Entwicklungen verwenden. Dort ist dann nicht nur von
Ausdifferenzierung von Merkmalen oder Komplexitätszunahme, sondern auch von verbesserter Anpassung, Höherentwicklung oder
höherem Organisationsgrad die Rede8). Und dies bezieht sich nicht nur auf einzelne Merkmale, sondern auf ganze Organismen.
Tatsächlich liegt es z. B. nahe, ein urtümliches Lebewesen, das aus erheblich weniger Zelltypen als ein anderes der gleichen
Entwicklungslinie besteht, als primitiver oder doch zumindest weniger hoch entwickelt zu beschreiben. Auf die Wahrnehmung solcher
Phänomene nur deshalb zu verzichten, weil die Begriffe, mit denen sie beschrieben werden, verfängliche Konnotationen haben oder
nicht exakt definiert sind, scheint mir jedenfalls kein angemessener wissenschaftlicher Umgang mit ›Unbekanntem‹ bzw. noch
weithin ungeklärten evolutiven Trends zu sein.
Angebliches Missverständnis Nr. 3: »Die Vorstellung, beispielsweise Korallen wären primitive Organismen, weil die Linie, zu der sie
gehören, sich früh von der Linie abgespalten hat, zu der wir Menschen gehören, ist Blödsinn. Korallen mögen in manchen Eigenschaften
ihren Vorfahren ähnlich sehen, aber in manchen Eigenschaften werden sie sich stark von ihren Vorfahren unterscheiden. Dasselbe gilt
für Menschen, Fadenwürmer, Fruchtfliegen und jede andere Tier- oder Pflanzenart, die heute auf der Erde zu finden ist.«
In meinem Beitrag wurden Korallen nicht als primitive Organismen bezeichnet, weil sie sich früh von der Entwicklungslinie der
Wirbeltiere abgespalten haben, sondern weil sie über eine sehr einfache Gewebemorphologie (z. B. das primitivste Nervensystem)
verfügen. Darüber hinaus ist der Hinweis, dass sich alle Arten bezüglich der einen oder anderen Eigenschaft von ihren Vorfahren
unterscheiden mindestens trivial. Schu versucht hier, von dem Phänomen stark abweichender Evolutionsgeschwindigkeiten9) und der
Existenz ›lebender Fossilien‹ abzulenken. Darunter versteht man rezente Arten, die während langer geologischer Zeitspannen wenig
oder keine evolutiven Änderungen zeigen. Da dies meistens anhand des Vergleiches mit dem Fossilbefund nachgewiesen wird, steht die
morphologische Stagnation im Vordergrund. Von Kladisten wird dies nicht akzeptiert, weil der morphologische Befund nicht ausreiche,
um die artliche Identität festzustellen. Dieses Kriterium ist aber praktisch bei keinem ›lebenden Fossil‹ erfüllbar. Der Paläontologe
Erich Thenius (2000) bemerkt dazu in seinem Buch »Lebende Fossilien«: »Deshalb aber die Existenz ›lebender Fossilien‹ überhaupt zu leugnen,
hieße das Kind mit dem Bade ausschütten. Eine derartige Ansicht wird hauptsächlich von jenen Evolutionsbiologen vertreten, die ein
weitgehendes Stagnieren der Evolution bei manchen Gruppen nicht wahrhaben wollen (...).« Man könnte Schu’s Plattitüde vom
immerwährenden evolutiven Wandel einen guten Sinn abgewinnen, wenn man sie auf die Konstanz der molekularen Evolution bezieht.
Für die ist aber charakteristisch, dass sie von den Grundfunktionen oder -strukturen, also den Eigenschaften eines Organismus
weitgehend abgekoppelt ist.
Angebliches Missverständnis Nr. 4: Der Mensch sei die am meisten ›evolvierte‹ Art: »Die Untersuchung [des Korallengenoms] widerlegt,
wenn überhaupt irgendetwas, zunächst mal die Vorstellung, dass der Mensch die am meisten ›evolvierte‹ Art darstellt. Wir sind jedenfalls
bezogen auf die untersuchten Sequenzen, näher dran an unser aller gemeinsamer Vorfahren als Fadenwürmer und Fruchtfliegen, so sehr uns das
auch manchen gegen den Strich gehen mag.« Die Irritation der von mir zitierten Autoren erklärend fügt sie hinzu: »Ich behaupte, die Ergebnisse
waren deshalb überraschend, weil sie einer ›anthropozentrischen‹ Erwartungshaltung widersprechen, nach der der Mensch am weitesten ›evolviert‹ sein soll.«
Spätestens seit dem Ende der 1980er Jahre erschienenen Buch »Zufall Mensch - Das Wunder des Lebens als Spiel der Natur« des Paläontologen Stephen
Jay Gould ist selbst einem evolutiv interessierten Laienpublikum bekannt, dass der Mensch aus darwinistischer Perspektive kein Ziel der Evolution,
sondern ein Produkt unzähliger evolutiver Zufälle ist. Diese Relativierung seiner Herkunft ändert allerdings nichts an seiner außergewöhnlichen
Stellung. Kein anderes Lebewesen hat eine im Vergleich zu ihm nennenswerte technische und kulturelle Evolution hervorgebracht und kein Lebewesen
neigt dazu, Theorien über die Umstände seiner Entstehung zu machen. Zumindest ist solcherlei Reflexionstätigkeit von anderen Lebewesen bisher nicht
bekannt geworden. Um die Sonderstellung des Menschen unverdächtig zum Ausdruck zu bringen, könnte man ihn in Anlehnung an eine Formulierung des
Ultradarwinisten Richard Dawkins vielleicht als einen ›skurrilen Gipfel der Unwahrscheinlichkeit‹ bezeichnen. Schu würde solcherart Relativierung
des einstigen Spitzenproduktes der Evolution sicherlich nicht ausreichen. Aus kladistischer Perspektive ist für sie der Mensch eine im Vergleich
zu Fadenwürmern und Fruchtfliegen sogar ausgesprochen wenig ›evolvierte‹ Art. Dieser zwar nicht uninteressanten aber absurden Interpretation von
Evolution möchte man hinzufügen: Da sieht man mal was dabei herauskommt, wenn man eine Methode mit der Realität verwechselt und Kladistik als
Lebensform betreibt.
Nachbemerkung: Sollte Schu’s Beurteilung des evolutiven Status des Menschen wirklich zutreffen, führt der Weg von der kalten Rigidität der
Kladistik direkt in den warmen Schoß der Religion. Wenn es kein extremer, sondern nur ein untergeordneter evolutiver Wandel war, der den
Menschen hervorgebracht haben soll – Evolution also quasi irrelevant war, dann kann es doch nur der Gott der Evangelien gewesen sein, der
in seiner unendlichen Güte ein minderes, evolutiv weit unter Fadenwürmern und Insekten angesiedeltes Geschöpf auserwählt hat, um es mittels
Erleuchtung durch den heiligen Geist zu dem außergewöhnlichen Lebewesen zu machen, das es ist. Wenn das mal nicht der siebte Gottesbeweis ist?!
Anmerkungen
1) Es ist eine Binsenweisheit, dass jeder bedeutenden Entdeckung einen Bruch mit den bisherigen Konzepten vorausgeht. Das war bei
Newtons Gravitationstheorie nicht anders als bei Einsteins Relativitätstheorie. Was Schu da als »funktionierende wissenschaftliche
Methode« beschreibt, das ist höchstens so etwas wie der normalwissenschaftliche Alltag von Subalternen oder Dogmengläubigen.
2) Die Geschäftsführung AG Evolutionsbiologie war von Schu so angetan, dass sie auf der Website der AG gleich mit einem Doktortitel
vorgestellt wurde. Ihre erste Amtshandlung bestand daher darin, postwendend klarzustellen, dass dies zuviel der Ehre sei und sie die
Promotion derzeit noch anstrebe.
3) Es erstaunt immer wieder, wie einfach überzeugte Anhänger des Wissenschaftsbetriebes zwischen echter Wissenschaft
und »kompletten Bullshit« unterscheiden können. Ein Beispiel ist Schu’s Kommentar zu meiner Bemerkung, dass der finnische
Physiker Pitkänen, die DNA nicht nur als einen biochemischen, sondern auch als einen elektromagnetischen Informationsspeicher
betrachtet: »Was Pitkänen angeht, darauf bin ich gar nicht erst eingegangen, weil das alles aber auch nicht den letzten Schimmer
einer irgendwie in der Realität basierende Grundlage hat.« Zweifellos fällt Schu ihr vernichtendes Urteil, ohne auch nur den
Schimmer eines Blickes in Pitkänens umfangreiches Werk geworfen oder auch nur den Schimmer einer Vorstellung von seiner komplexen
Argumentation zu haben. Dabei gäbe es für einen wirklich erkenntnisinteressierten Evolutionsbiologen reichlich Anlass, sich mit
Pitkänen zu beschäftigen. Er ist der einzige Forscher, der eine Hypothese für die Erklärung der verblüffenden Elektrofeldexperimente
liefert. Das derzeit wohl einzige Experiment, das verdient, im Zusammenhang mit den noch weithin ungeklärten Mechanismen für
Makroevolution genannt zu werden.
4) Ich hatte aus der Tatsache, dass die Evolutionsbiologen sich verblüfft über die genetischen Übereinstimmungen zwischen
Korallen und Menschen und die genetischen Divergenzen zwischen Korallen und Fadenwürmer sowie Insekten zeigten, spontan
geschlossen, dass Korallen näher mit Fadenwürmern und Fruchtfliegen als mit den Menschen verwandt sind. Dies trifft nicht zu,
wie Schu aufs Ausführlichste an der Darstellung und Interpretation von Kladogrammen (die ich gar nicht zu Rate gezogen hatte) klarstellt.
Für meine Intention, zu zeigen, dass durch die Befunde fundamentale evolutionstheoretische Erklärungsansätze ins Wanken geraten, ist
dies aber unerheblich, weil Schu’s Korrektur nichts an der evolutionsbiologischen Erwartungshaltung bezüglich der abgestuften
Ähnlichkeiten der Genausstattungen der angeführten Organismen ändert. Die orientiert sich an dem Zeitpunkt der Abspaltung von der
Entwicklungslinie des Menschen, d. h. Organismen wie Fruchtfliege und Fadenwurm, die sich erst später von der Entwicklungslinie
des Menschen abspalteten, sollten mehr Gemeinsamkeiten mit seiner Genausstattung zeigen, wie Korallen, die dies bereits viele Millionen
Jahre früher getan haben.
5) Es trifft zwar zu, dass während der Evolution Genverluste genauso vorkommen, wie die Entstehung neuer Genfunktionen. Zwischen
beiden Phänomenen, besteht aber ein qualitativer Unterschied. Bevor es zu dem relativ trivialen Verlust einer Genfunktion kommen
kann, muss sie erst einmal aufgebaut werden. Oder plakativ formuliert: Es ist erheblicher einfacher Sand ins Getriebe zu werfen,
als ein Getriebe zu konstruieren oder zu verändern.
6) Im Newsletter 12/2004 der Gesellschaft für biologische Systematik (GfBS-News) hatte der Berliner Zoologe Walter
Sudhaus in einem »Zwischenruf«, die Abschaffung der Kategorien in der Systematik zur Schaffung eines konsequent phylogenetischen
System gefordert. Im darauf folgenden Newsletter (13/2004) stieß die Forderung auf massiven Widerspruch. So stellte der Kieler
Zoologe Sievert Lorenzen in seinem Beitrag »Das Richtige wollen, das Falsche tun – die Kladistik als Quelle von
Unwissenschaft« die Wissenschaftlichkeit der Kladistik grundsätzlich in Frage: »Bis heute kann ich nicht verstehen, warum
Kladisten nicht aufgefallen ist, dass der Außengruppenvergleich bestenfalls nutzlos ist und im schlimmeren Fall sogar als Rezept
für Zirkelschlüsse benutzt werden kann. Letztere werden immer dann produziert, wenn ein behauptetes System zur Grundlage für die
Bestimmung von Innen- und Außengruppen auf verschiedenen taxonomischen Niveaus gemacht und wenn der Außengruppen dann dazu
benutzt wird, das behauptete System zu begründen. Dann aber wird eine Behauptung als Voraussetzung benutzt, um die Behauptung
zu begründen, ganz wie dies für Zirkelschlüsse erforderlich ist. (...) Wenn Autoren eines Systems die von ihnen angeführten
Autapomorphien nicht begründen, so unterstelle ich ihnen also, dass sie den Außengruppenvergleich als Zirkelschlussmethode
angewandt und somit Unwissenschaft betrieben haben.«
7) Der bereits zitierte Fortey hat auch den überzeugten Kladisten vom Typ Schu treffend beschrieben: »Diplomanden und
Doktoranden sind meist die eifrigsten Konvertiten, denn in ihnen vereint sich die Energie der Jugend mit dem Wunsch, ihrem
neuen Herrn zu gefallen. Sie möchten gerne dazu ›gehören‹.«
8) Ein anschauliches Beispiel ist der Vorsitzende der AG Evolutionsbiologie Ulrich Kutschera. Der weist in seinem
Lehrbuch »Evolutionsbiologie« daraufhin, dass eine »›Höherentwicklung« (d. h. Komplexitätszunahme)« nicht zwangsläufig
mit Evolution verbunden sein muss und stellt an anderer Stelle des selben Buches den Menschen und die Maispflanze ganz
unbefangen in klassischer Stufenleitersymbolik als »zwei der am höchsten entwickelten (komplexesten) Organismen unserer
Biosphäre« und sogar als »›Kronen der Stammesentwicklung‹« dar. Schu richtet ihre aufklärerischen Ansprachen, in denen
sie das »Missverständnis ausmerzen« möchte, dass es in »unterschiedlicher Perfektion geschaffene Arten« und
eine »Hauptevolutionslinie, die letztendlich zu den Menschen führte« gäbe, gerne an »Kreationisten und Konsorten«.
Das angeführte Beispiel zeigt, dass der Begriff »Konsorten« offenbar selbst höchstrangige Funktionsträger aus den eigenen Reihen einschließt.
9) Sie befindet sich damit in guter Tradition, denn auch den Darwinisten ist es nie gelungen, ihre Vorstellung einer graduell
fortschreitenden Zufallsevolution mit der fossilen Überlieferung in Einklang zu bringen. Die leistet dem darwinistischen
Gradualismus erbitterten Widerstand, weil sie zweifelsfrei dokumentiert, dass sich kurze Zeiten der Artbildung mit langen
Zeiten ablösen, in denen sich die Arten nicht oder so gut wie nicht verändern.
G. M., 16.07.2008
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Sabine Schu, furchtlose Aufklärerin im Namen der biologischen Wissenschaft, hat
auch bei Flaute die Hände fest am Ruder und den Blick herausfordernd gen Himmel gerichtet.
Von Evolutionisten wird sie als kreationistenbissige Frontfrau hofiert, bei Kreationisten
ist sie als evolutionsbiologische »Madame Luzifer«* verhasst, wenn sie auf ihrem
Weblog »Evil under the sun« mal wieder echte Wissenschaft von »kompletten Bullshit« unterscheidet.
*als hätte der ›Teufel‹ sie persönlich zur Evolutionsbiologin gemacht...!
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Illig der Große
Majestätsbeleidigung
Dr. Heribert Illig versierter Karlsleugner und langjähriger Herausgeber des chronologiekritischen Zeitensprünge-Bulletins kopiert seine ärgsten Gegner.
Seit Jahren prangert Illig an, dass die etablierten Mediävisten ihn zensieren, weil sie eine faire Auseinandersetzung mit seiner Phantomzeitthese in allen halbwegs seriösen Publikationen
unterdrücken. Um den Mediävisten zu demonstrieren, dass er sich davon nicht entmutigen lässt, dokumentiert Illig trotzig und mit unermüdlichem Eifer jede auch noch so belanglose
Erwähnung seiner These in der berüchtigten Zeitensprünge-Rubrik »Fortsetzung der Mittelalterdebatte«. Das Ergebnis liest sich dann häufig wie folgt: ›Neues Buch
zur Völkerwanderung mit unterschwelligem Rempler gegen Illig in der zweiten Zeile der vorletzten Fußnote auf Seite 397 unten‹ oder ›Gastkommentar mit subliminalem Querverweis
zu Illig im Lokalteil Sulzbach des unterfränkischen Dorfboten‹.
Jetzt ist Illig selbst unter die Zensoren gegangen. Der folgende Leserbrief (»Stachelloser Gesang«), der den Niedergang der naturgeschichtlichen Berichterstattung im Zeitensprünge-Bulletin
auf amüsante Weise Einhalt gebieten wollte, wurde empört zurückgewiesen, weil der Herausgeber ihn als Majestätsbeleidigung betrachtet. Auf Nachfrage betonte Illig, dass er im Bulletin
keinen Zweifel an seiner historischen Universalkompetenz duldet und der Leserbrief für ihn ein üble Beleidigung und Verspottung des Herausgebers darstellt. Es bleibt abzuwarten, ob Illig nach
dieser, für die wissenschaftliche Reputation seines Bulletins nicht unbedingt zuträglichen Geschichte mehr Verständnis für die ignorante Verweigerungshaltung seiner mediävistischen
Widersacher aufbringt. Dies könnte ihm helfen, sich von dem Zwang zu befreien, täglich sämtliche Printmedien nach seinem Namen zu durchforsten. Als erwünschte Nebenwirkung hätte er
dann wieder mehr Zeit, sich ernsthafter mit naturgeschichtlichen Themen auseinander zusetzen.
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»Stachelloser Gesang«
(Vom Herausgeber zurückgewiesener Leserbrief zum Zeitensprünge-Artikel »Bienen
im Angriff auf den Sauriertod-Impakt«, 3/2004)
Heribert Illig referiert unter der Überschrift »Bienen im Angriff auf den Sauriertod-Impakt« den Artikel »Bienen mit Beweiskraft.
Die etablierte Theorie über das Ende der Saurier wankt« von Bernward Gesang in der Süddeutschen Zeitung vom 09.11.04. Mit diesem Beitrag
ist die Talsohle der naturgeschichtlichen Berichterstattung im Zeitensprünge-Bulletin erreicht. Ich interpretiere ihn daher als Provokation des Herausgebers,
um naturgeschichtlich interessierte Leser aus der Reserve zu locken.
Zur Sache: Jacqueline Kozisek, eine graduierte Studentin der Paläontologie an der Universität von New Orleans, hatte auf der Jahrestagung
der Geologischen Gesellschaft der USA in Denver ein Stück Bernstein präsentiert, in dem eine tropische stachellose Honigbiene der Art Cretotrigona
prisca eingeschlossen war. Diese Honigbiene lebt sowohl vor als auch nach dem großen Einschlag und lässt sich morphologisch von modernen tropischen
Bienen kaum unterscheiden. Von diesen rezenten Bienen weiß man, dass sie keine Honigvorräte anlegen und daher ständig auf blühende Pflanzen
in der Umgebung angewiesen sind. Für ihr Überleben benötigt sie Temperaturen zwischen 31 und 34 Grad Celsius. Daraus folgerte Kozisek, dass die
globale Durchschnittstemperatur nicht wie in bisherigen Szenarien angenommen nach dem Kometeneinschlag um 7 bis 12 Grad Celsius, sondern höchstens um 2 bis 7 Grad gesunken ist.
Um sich nicht zu weit aus dem Fenster zu lehnen, betonte Kozisek gegenüber der Presse, die ihre Hypothese sofort aufgegriffen und einen breiten Öffentlichkeit präsentiert
hatte: »Ich sage nicht, dass der Einschlag nicht stattfand. Ich versuche lediglich, seine Auswirkungen besser abzuschätzen.« Der ›Wissenschaftsjournalist‹
der Süddeutschen Zeitung Bernward Gesang ist nicht so vorsichtig. Er resümiert die Geschichte wie folgt [zit. nach ZS]: »Der wichtigsten Theorie über das Aussterben
der Dinosaurier droht nun selbst der Garaus. [...] Allerdings sind etablierte Theorien widerstandsfähig. Den Honigbienen dürfte es daher schwer fallen, die alten Erklärungsgewohnheiten
zu verändern«. Doch damit nicht genug, Heribert Illig überbietet Gesangs Resümee noch, in dem er mit Hinweis auf das geringe Alter der Impakttheorie
kommentiert: »Insofern darf man sich wohl bei 200 bis 300 Jahren alten Denkverhärtungen, nicht über das zähe Beharrungsvermögen, wie im Fall mittelalterlicher Urkunden wundern«.
Dazu ist einiges zu bemerken und richtig zu stellen:
Bernward Gesang ist habilitierter Philosoph, der sich mit erkenntnis- und gesellschaftstheoretischen sowie ethisch-moralischen Problemen beschäftigt. Seit 2003 arbeitet er nach
eigener Darstellung als freier Journalist mit den Schwerpunkten »Umweltjournalismus« und »Bioethik«, wobei er bisher im wesentlichen zu gentechnisch-ethischen
und wirtschaftsökologischen Fragestellungen publiziert hat. In seiner im Internet veröffentlichen Biographie weist nichts darauf hin, dass er von naturgeschichtlicher
Forschung und insbesondere von stachellosen Bienen und dem Sauriertod-Impakt mehr versteht, als er aus Kinderbüchern kennt oder gerade auf dem populistischen Online-Ticker
eines Wissenschaftsmagazins gelesen hat. In einem Interview mit »German Watch« hat er mit einer Empfehlung an die Leser indirekt sein Geheimnis preisgegeben, wie man
sich in einem fremden Sachgebiet auf die Schnelle zu einem Experten machen kann: »Man braucht ja nur ›Ökologisches Investment‹ in die Suchmaschine werfen,
schwups, ist man ein informierter Bürger«.
Gesang bezeichnet die Theorie über den Dinosaurier-Impakt (und Impaktwinter) in dem o. a. Zitat als »etabliert«. Dies wäre vertretbar, wenn er damit
auf ihre durch zahllose Untersuchungen gefestigten und sicher gegründeten Inhalte hinweisen will. Gesang will aber mit seiner Begriffswahl etwas ganz anderes betonen, nämlich
dass es sich bei der Impakttheorie um eine statische, d. h. konventionell verfestigte Theorie handelt. Damit zeigt Gesang, dass er von dem heftigen Streit über die Ursachen
des massiven Niederganges der Lebewelt an der Kreide/Tertiär-Grenze, der 1980 durch eine Veröffentlichung der Impakt-Hypothese in der führenden amerikanischen
Wissenschaftszeitschrift »Science« ausgelöst wurde, keinen blassen Schimmer hat.
Sonst wüsste er nämlich, dass es wenige geologische Hypothesen gibt, denen soviel Widerstand von den Verfechtern scholastischer Theorien entgegengebracht
wurde, wie die Theorie vom endkreidezeitlichen Impakt. Der Grund dafür waren nicht etwa unzureichende Belege, sondern ihre Unvereinbarkeit mit den zu Beginn der 1980er
Jahre noch dominierenden gradualistischen Vorstellungen. Der amerikanische Astrophysiker John S. Lewis [1997] kommentiert wie folgt: »...im Jahre 1985 waren die Inquisitoren
von Beruf Paläontologen«. Dass die Impakt-Hypothese sich trotzdem relativ schnell durchsetzen konnte, lag an ihrer evidenten Erklärungskraft und daran, dass
einer der Hauptverfechter der Theorie ›zufällig‹ ein Nobelpreisträger war.
Die seit etwas mehr als einem Jahrzehnt »etablierte« Theorie vom endkreidezeitlichen Boliden-Impakt und Impakt-Winter ist daher ein ganz schlechtes Beispiel für eine
einflussreiche Theorie, die sich weigert, durch eine »schmutzige kleine Tatsache« (so die berühmte Formulierung von T. H. Huxley) zu Fall gebracht zu werden. Zudem
ist fraglich, ob es sich die Geschichte von den tropischen Honigbienen, die den Sauriertod-Impakt überlebt haben, überhaupt eignet, um ein
kleines ›hässliches‹ Totschlagargument für eine an sich überzeugende Theorie zu sein. Die Idee das Ausmaß der
endkreidezeitlichen Umweltveränderungen nicht über die Zahl der ausgestorbenen, sondern über die Umweltansprüche einer überlebenden
Art zu bestimmen, hat nämlich einige Schwachstellen:
Erstens kann von dem Überleben einer in tropischen Klimaten vorkommenden Art nicht auf globale, sondern nur auf regionale oder lokale Umweltbedingungen geschlossen werden.
Der amerikanische Geologe Matthew Huber hält in diesem Zusammenhang lokale Variationen innerhalb größerer globaler Temperaturänderungen für durchaus möglich.
Im Fall der von Kozisek diskutierten stachellosen Bienen könnten dies nach seiner Auffassung küstennahe Gebiete in den Tropen sein [http://www.geotimes.org/current/NN_honeybee.html].
Huber ist Koautor einer empirischen Studie [Galeotti et al. 2004] über die K/T-Grenze, in der die prognostizierten Auswirkungen der Impakt-Winter-Hypothese bestätigt wurden.
Zweitens kann man von der morphologischen Ähnlichkeit von Bienen, die Impakt überlebten, mit heutigen Formen nicht unbedingt schließen, dass sie auch das gleiche Verhalten haben.
Aus der Beobachtung, dass moderne stachellose Bienen ohne Vorratshaltung leben, folgt daher nicht zwangsläufig, dass dies auch für ihre fossilen Vorfahren gilt. Rezente Bienen finden
in tropische Regionen ganzjährig unzählige Blütenpflanzen vor. Ob dies auch in der kreidezeitlichen oder tertiären Regenwäldern so war, ist zwar nicht auszuschließen,
lässt sich aber nur schwer abschätzen.
Drittens kann man das Ausmaß von Umweltveränderungen besser mit Untersuchungen abschätzen, die das Aussterben quantifizieren, als mit Unersuchungen, die das Überleben einzelner
Arten dokumentieren. Das Überleben einer einzelnen Art kann durch ein zufälliges Zusammenwirken günstiger Umstände (»Überleben des Glücklichsten«)
bedingt sein, also einer Faktorenkonstellation, die im Nachhinein nur schwer zu rekonstruieren ist. Demgegenüber kann man aus dem Forschungsergebnis, dass 70 % der hochspezialisierten
und 30 % der mäßig spezialisierten phytophagen (pflanzenfressenden) Insekten am K/T-Übergang ausgestorben sind, die plausible Schlussfolgerung ziehen, dass es zu einem
schnellen und katastrophalen Zusammenbruch der terrestrischen Ökosysteme gekommen ist [vgl. Labandeira et al. 2002].
Welches Resümee ist nun aus dieser Geschichte zu ziehen: Der jungen Forscherin, die vermutlich selbst von der überwältigenden Presseresonanz anlässlich ihres
Vortrages überrascht war, ist zu raten, dass sie den Medienrummel nicht als Beleg für ihre etwas forsche These verbucht. Dem Philosophen Gesang sei empfohlen, seine Finger
von stachellosen Honigbienen zu lassen und seine zweifelsfrei vorhandenen wissenschaftstheoretischen Kenntnisse nicht auf Phänomenbereiche anzuwenden, von denen er keine Ahnung hat.
Schon Alexander von Humboldt soll über den Philosophen Hegel gesagt haben: »Die gefährlichste Weltanschauung ist die Weltanschauung der Leute, die die Welt nie angeschaut
haben« [zit. nach Osten 1999]. Und Heribert Illig tut sich keinen Gefallen, wenn er leichtfertig Denkverhärtungen wie im Fall mittelalterlicher Urkunden mit dem berechtigten
Selbstbehauptungsvermögen dynamischer Theorien wie der Theorie vom Sauriertod-Impakt und dem impaktbedingten Temperatursturz in Verbindung bringt.
Literatur
Galeotti, S., Brinkhuis, H. & Huber, M. (2004): Records of post-Cretaceous-Tertiary boundary millennial-scale cooling from the western Tethys:
A smoking gun for the impact-winter hypothesis? Geology 32 (6), 529-532.
Labandeira, C.C., Johnson, K.R. & Wilf, P.(2002): Impact of the terminal Cretaceous event on plant-insect associations. Proceedings
of the National Academy of Sciences, USA, 99 (4), 2061-2066.
Lewis J.S. (1997): Bomben aus dem All - Die kosmische Bedrohung. Basel, Boston & Berlin
Osten, M., Hrsg. (1999): Alexander von Humboldt: Über die Freiheit des Menschen. Frankfurt/M. & Leipzig
Nachgesang: Heribert Illig stutzt mit den Lesern, »dass die späten Saurier nicht nur zwischen Schachtelhalmen wandelten,
sondern auch an Blüten schnuppern konnten«. Solcherlei Irritationen sind häufig semantisch begründet, denn wer Saurier sagt,
assoziiert eher »Schachtelhalm« als »Blütenpflanze«. Muttersprachlich rühren sie oft von altem Liedgut her.
Solche Lieder sind allerdings wie das folgende alte Studentenlied von Joseph Victor von Scheffel (1867) zeigt allemal informativer als philosophischer Gesang:
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Der Ichthyosaurus
Es rauscht in den Schachtelhalmen,
Verdächtig leuchtet das Meer,
Da schwimmt mit Tränen im Auge
Ein Ichthyosaurus daher.
Ihn jammert der Zeiten Verderbnis,
Denn ein sehr bedenklicher Ton
War neuerlich eingerissen
In der Liasformation.
Der Plesiosaurus, der Alte,
Er jubelt in Saus und Braus,
Der Pterodaktylus selber
Flog neulich betrunken nach Haus.
Der Iguanodon, der Lümmel,
Wird frecher zu jeglicher Frist,
Schon hat er am hellen Tage
Die Ichthyosaura geküßt.
»Mir ahnt eine Weltkatastrophe,
So kann es länger nicht gehen;
Was soll aus dem Lias noch werden;
Wenn solche Dinge geschehn?«
So klagte der Ichthyosaurus,
Da ward es ihm kreidig zumut';
Sein letzter Seufzer verhallte
Im Qualmen und Zischen der Flut.
Es starb zu derselbigen Stunde
Die ganze Saurierei,
Sie kamen zu tief in die Kreide,
Da war es natürlich vorbei.
Und der uns hat gesungen
Dies petrefaktische Lied,
Der fand's als fossiles Albumblatt
Auf einem Koprolith.
(Als Koprolithe, d. h. Kotsteine bezeichnet man die vielfach gefundenen versteinerten Exkremente der Saurier.)
G.M., 10.01.05
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Illig der Große
Wahre Größe I
»Im frühen Mittelalter sind die Menschen
erstaunlich groß geworden.« wissenschaft-online
[Kein Wunder bei einer durchschnittlichen
Lebenserwartung von 350 Jahren..., G.M.]
Wahre Größe II
»Macht besitzen und nicht ausüben ist wahre Größe.« Friedl Beutelrock
Wahre Größe III
»Wahre Größe offenbart sich im Dienen.«Lao-tzu Tao Te Ching
Wahre Größe IV
»Kompetenz schafft wahre Größe.«
Continental Industriereifen
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›Lex Illig‹
Dr. Heribert Illig will es seinen Kritikern noch mal zeigen. Im neuen Zeitensprünge-Bulletin (01/2005) gibt er
sich redlich Mühe, seine angeschlagene naturgeschichtliche Reputation (siehe Artikel »Majestätsbeleidigung«)
aufzubessern. Gestützt auf den Artikel »Bombe oder Blindgänger« aus der Süddeutschen Zeitung von
Axel Bojanowski und eine »namenlose« VOX-Sendung über den Chicxulub-Impaktkrater versucht sich Illig trotzig
erneut am Aussterben der Saurier. Um diesmal keinen Zweifel an seiner Souveränität im Umgang mit der diffizilen Thematik
aufkommen zu lassen, legt er sich mit bilderschwangerer Kommentierung richtig ins Zeug. So lässt er das »Präzisionsuhrwerk
moderner high-tech-Forschung wie das ausgeschlagene Lager eines alten Schiffsdiesels rattern« und die Asteroiden »Saurier meucheln«.
Da sein Hauptgewährsmann diesmal ein studierter Geologe (und kein Philosoph) ist, ist das fachliche Ergebnis einigermaßen erträglich.
Nur die Literaturangaben wirken etwas zusammengestümpert und wären in einem mediävistischen Artikel vom Herausgeber sicherlich
so kaum akzeptiert worden. Dies ist aber hinnehmbar, weil es in dem Beitrag nur vordergründig um das Sauriersterben und die strittige
Interpretation von Sedimentschichten im Chicxulub-Impaktkrater¹) auf der Halbinsel Yucatan in Mexiko geht. Dies deutet sich schon in dem
doppelsinnigen Titel »Saurier-Impakt in Turbulenzen« des Beitrages an, denn die Formulierung ›turbulenter Impakt‹ ist
zweifelsfrei auch eine Anspielung auf den aus Sicht des Herausgebers ›meuchlerischen‹ Angriff auf seine universale
Autorität in allen historischen Fragen.
Das wird spätestens in der Schlusspassage endgültig deutlich, in der Illig nach erfolgter Darstellung der vordergründigen
Thematik glaubt feststellen zu können, dass der wissenschaftliche Diskurs in allen Fachdisziplinen von den gleichen »Finten
und Fallen« bestimmt ist, und dass in den ›Sedimentschichten‹ nirgends überliefert ist, dass »Naturwissenschaftlicher
eine andere species als wir sein müssten«. Mit dem Pluralis majestatis »wir« meint der Herausgeber selbstredend vor allem sich
als ›Geisteswissenschaftler‹ und irrt hier fundamental. Aus der Erkenntnis, dass der naturwissenschaftliche Diskurs ähnlich dem
geisteswissenschaftlichen auch von »menschlichen Schwächen« bestimmt ist, folgt nämlich nicht, dass jeder über alles
fachlich angemessen mitreden, sondern bestenfalls, dass jeder über alles mitplappern kann.
Fazit:
Nur wer sich mit der komplexen Fachliteratur zu einer Problematik aus möglichst vielen Quellen intensiv auseinandergesetzt hat,
kann darüber urteilen, wo evidente Empirie und Theorie und wo »Finten und Fallen« im Spiel sind. Diese simple Einsicht
bleibt, das macht der Schlussakkord des neuerlichen Beitrages über das Sauriersterben deutlich, dem Herausgeber aber weiterhin verborgen.
Und so hat er die für Leser und Bulletin unselige ›Lex Illig‹, die vorgibt, dass der Herausgeber über alles urteilen
und mitschreiben kann, weiter einsedimentiert und verfestigt. Vor solcherlei Kritik aus den eigenen Reihen kann er sich – dank
engagierter Mitstreiter – auch nicht schützen, in dem er seinem derzeit ärgsten Kritiker das aktuelle Bulletin
trotz pünktlich bezahltem Abonnement bis zum Beginn des Jahrestreffens in Zürich vorenthält.
¹) Der Maya-Begriff »Chicxulub« kann übrigens bezeichnenderweise mit »Schwanz
des Teufels« übersetzt werden!
G.M., 03.05.05
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Erfreuliche Flaute
Dr. Heribert Illig – versierter Karlsleugner und langjähriger Herausgeber des Zeitensprünge-Bulletins – gibt sich redlich Mühe, seinen Kritikern aus den eigenen Reihen den Wind aus den Segeln zu nehmen.
In der neusten Ausgabe des Bulletins (2/2005) ist kein (im Sinne von überhaupt kein) Beitrag enthalten, der den Niedergang der naturgeschichtlichen Berichterstattung fortsetzen könnte, wurde auf die
nervende Rubrik »Chronik der Mittelalterdebatte« verzichtet (ihre Neuauflage wird allerdings angedroht), kann bei fünf veröffentlichten Leserbriefen und Repliken von Zensur kaum noch die Rede sein und
erschien erstmals seit langer Zeit sogar von Dr. Peter Winzeler (weiter so Peter!) ein lesbarer Beitrag. Chronologiekritiker wissen, dass dies nicht unbedingt als positiver Trend zu interpretieren ist,
da zumindest die wirkliche Geschichte nun mal ein Abfolge einmaliger Ereignisse ist.
Woher zukünftig der Wind wehen wird, deutet der Herausgeber ziemlich unverblümt im Editorial an. Er hat sich nicht nur zum Ziel gesetzt, sein Bulletin noch mindestens bis zum Jahre 2043 alleine zu
produzieren, sondern hofft sogar, insoweit vom internetverursachten Periodikasterben zu profitieren, dass er schlussendlich mit seinem chronologiekritischen Bulletin eine Monopolstellung einnimmt.
Bereits jetzt arbeitet der Herausgeber an dieser kühnen Vision. Die verlagseigene Internetseite ist so langweilig, inhaltsarm und schlecht gepflegt, dass für jeden ernsthaft an der Chronologiekritik
interessierten Leser dieser Seite der Kauf des Bulletins schon jetzt unverzichtbar ist. Mit Blick auf die etwas fernere Zukunft scheint uns hier allerdings ein spannender (wenn auch etwas unfairer)
Wettlauf zwischen der unvermeidlichen Vergreisung des Herausgebers und dem ewigen Jungbrunnen Internet bevorzustehen.
G.M., 31.07.05
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Illig und kein Ende
– Der Herausgeber, der Streitpunkt Evolution, die Buntbarsche und der Sinn des Leben –
[Text als PDF-DATEI 84 KB]
Prolog über Zufälle oder dreimal Kutschera im April 2006
Im Januar 2005 verlor in den Redaktionsräumen der Zeitschrift »Laborjournal« ein meterhoher Papierstapel sein Gleichgewicht und stürzte
in sich zusammen. Zum Vorsch(w)ein kam ein Rezensionsexemplar des Buches »Streitpunkt Evolution« von Ulrich Kutschera. Der zuständige
Redakteur Hubert Rehm (alias Siegfried Bär auch Autor des wissenschaftsbetrieb-pessimistischen Standardwerkes: »Die Zunft – Das Wesen der
Universität, dargestellt an der Geschichte des Professorwerdens...«) hielt das für ein »Wink Gottes« machte sich an die Lektüre
(des bereits in 2004 zugesandten Buches) und veröffentlichte das Ergebnis in der April 2006 Ausgabe des Laborjournals.
Dr. Heribert Illig, den nach eigenem (fast schon verdächtig häufigem) Bekunden weder »Kreationismus noch Intelligent Design als wissenschaftlichen Ansatz
beeindrucken« kann, greift, nachdem er Anfang Februar 2006 während des Vesperns in einer Sendung des Deutschlandfunks vom Nachweis eines neuen (bisher umstrittenen)
Mechanismus der Artbildung bei ›Buntbarschen‹ erfahren hatte, nicht etwa zur Flasche..., sondern zur Feder und dem »einschlägigen« Werk »Streitpunkt Evolution«
von Ulrich Kutschera – dem nach Einschätzung von Illig »wohl engagiertesten Biologen in Deutschland«. Er bespricht das Werk in
der April 2006 Ausgabe seines Zeitensprünge-Bulletin.
Der Website-Betreiber Georg Menting eröffnet Anfang Februar 2006 in dem Forum des Internationalen Bundes der Konfessionslosen u. Atheisten e. V. »Freigeisterhaus« eine
neue Front zur Beförderung und Verbreitung der Evolutions- und Chronologiekritik. Bis Ende April 2006 schreibt er rund 390 provokante
Beiträge. Durch seine heftigen Attacken auf die innovationsfeindliche und irrtumsanfällige Schulwissenschaft im Allgemeinen sowie den sich ›inquisitorisch‹ aufführenden
Evolutionsbiologen Ulrich Kutschera im Speziellen avanciert er innerhalb kürzester Zeit zum meist beschimpften Forumsmitglied in der
Rubrik »Wissenschaft und Technik«.
Hauptabteilung über was dabei herauskommt, wenn der Herausgeber selber in die Bresche springt
Dr. Heribert Illig, der designierte ›Nestor‹ der deutschen Chronologiekritik und eifrige evolutionäre Laienprediger, hat wieder einmal versucht, die offene naturgeschichtliche Flanke in
seinem Zeitensprünge-Bulletin zu schließen. Trotz seines von ihm immer wieder beklagten, äußerst angespannten Zeitbudgets – als völlig überlasteter Herausgeber, Autor und Redakteur des
Zeitensprünge-Bulletins sowie äußerst penibeler Chronologist in eigener Sache – hat er nicht gezögert, den Mangel an qualifizierten Autoren dazu zu nutzen, selbst in die Bresche zu springen.
Das Ergebnis seiner umfangreichen, 26 Seiten füllenden Anstrengungen hat er mit der Überschrift »Gerät der Evolutionismus ins Abseits?« in sein Bulletin gestellt. Wo aber die Hauptüberschrift
höchste inhaltliche Erwartungen weckt, holt einen der Untertitel des Beitrages schnell wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Statt »Von Charles Darwin bis Ernst Mayr – Ein kritische
Bilanz oder… – ein Vergleich der Fakten mit den Theorien« kündigt der von Illig gewählte Untertitel »Ulrich Kutschera – Hermann Müller-Karpe« Verwirrung
oder zumindest Stückwerk an. Wer sind diese beiden von Illig vereinten Hauptakteure und was mag sie außer Illigs Evolutionismus-Artikel verbinden?
»karrierebewusster Hüter der reinen darwinistischen Lehre«
Der Pflanzenphysiologe und Vorsitzende der AG Evolutionsbiologe im Verband deutscher Biologen (vdBiol) Prof. Dr. Ulrich Kutschera profiliert sich seit einigen Jahren als eine Art missionarischer
und zugleich karrierebewusster Hüter der reinen darwinistischen Lehre und darüber hinaus als lautstark agierender Verteidiger der universitären Wissenschaften vor kreationistischer Unterwanderung oder
gar Bevormundung. In meiner Rezension seines Lehrbuches »Evolutionsbiologie« konnte ich zeigen, dass er der Glaubwürdigkeit des Wissenschaftsbetriebes mit seinem von Eigennutz und Empörung
getragenen ›Kreuzzug‹ gegen – von ihm zumindest für die deutsche Wirklichkeit völlig überzogen herbeigeredete – kreationistische Bedrohungen eher schadet als nützt. Dies liegt
erstens an seiner Neigung zum verwegenen weltanschaulichen Herumschwadronieren, zweitens an seinem schlichten Bild vom wissenschaftlichen Fortschritt, drittens an seiner erstaunlich geringen Kenntnis
von evolutionsbiologischen Forschungsfronten und viertens auch an einer kaum übersehbaren Angst vor einer direkten Konfrontation mit den führenden Vertretern seines kreationistischen Feindbildes.
»weitgehend unbeabsichtigte Ausarbeitung eines ›Altersticks‹«
Von ganz anderem Kaliber (und Alter) ist der Prähistoriker und Urnenfelderzeit-Spezialist Prof. Dr. Hermann Müller-Karpe. Im Unterschied zu Kutschera ist er bereits seit Jahrzehnten ein
verdienter – wenn auch ausgesprochen scholastisch agierender – Nestor der vorgeschichtlichen Forschung. Von Evolution oder gar Artbildungsmechanismen hat er allerdings – vielleicht abgesehen von
einer gewissen Kenntnis der spätpleistozänen Menschheitsgeschichte – keinen blassen Schimmer. Was Müller-Karpe da in seinem von Illig diskutierten Artikel »Geschichtlichkeit
des paläolithischen Menschen. Fakten und Anschauungen« zur übersinnlichen Herkunft der menschlichen Geistnatur zum Besten gegeben hat, darf man als wohl weitgehend unbeabsichtigte Ausarbeitung eines ›Altersticks‹ beschreiben.
Solche Ticks sind zuhauf von renommierten, während ihrer beruflichen Karriere völlig naturalistisch arbeitenden Physikern, wie z. B. Max Planck bekannt. In die Jahre gekommen, neigen sie
zur ›Altersfrömmelei‹ und entdecken plötzlich ›übersinnliche‹ oder ›hochgeistige‹ Wirkmechanismen in ›der Natur‹. Und nähert sich der Zeitpunkt der ›Letzten Ölung‹ scheuen sie sich nicht, diese
Wirkmechanismen sogar mit einem (christlichen) ›Gott‹ zu identifizieren. Von anständigen Biographen werden solche ›Altersticks‹ in der Regel übergangen oder in einer Randnotiz vermerkt.
Für Kreationisten sind sie eine äußert beliebte Berufungsinstanz.
»kein großer Wurf, sondern ein ›Kessel Buntes‹«
Illig, der von der Zeitschrift »Erwägen Wissen Ethik« (EWE) um Stellungnahme zu Müller-Karpes Artikel gebeten wurde, hat für solche Befindlichkeiten und Hintergründe wenig Gespür. Dies mag daran liegen,
dass sein Sachverstand arg leidet, wenn er sich wie hier – ausgelöst durch die Anfrage einer Zeitschrift – unerwartet hofiert fühlt. Getragen von dem Ziel endlich die Anerkennung zu erlangen, die seinem chronologiekritischem Wirken angemessen wäre, neigt er mit
der ihm eigenen Gründlichkeit dazu, nicht nur sich selbst, sondern auch die ›Ergüsse‹ derer, die überhaupt auf ihn eingehen, ernster zu nehmen als es der Sache förderlich ist. (Von solcher Art Motivlage
kann sich natürlich kaum jemand freisprechen, nur dass die meisten eine erheblich höhere Hemmschwelle haben, die Produkte solcher Motivlagen öffentlich auszubreiten). Wie immer kommt dabei in Abhängigkeit
von der tatsächlichen Sachkompetenz mal mehr und mal weniger Originelles und Erträgliches heraus. Illig hat in seinem Evolutionismus-Artikel den Bogen weit gespannt. Er versucht, seine Gedanken zu neu
entdeckten Artbildungsmechanismen, seine Stellungnahme zu Müller-Karpes ›Altersfrömmeleien‹, seine Besprechung von Kutscheras »Streitpunkt Evolution« und auch noch seine Auseinandersetzung mit den Gedanken
des Biophilosophen Franz M. Wuketits zur Sinnfrage in einen großen evolutionskritischen Zusammenhang zu stellen. Herausgekommen ist kein großer Wurf, sondern ein ›Kessel Buntes‹, in dem Stümperarbeit überwiegt.
»thematisch arg verdächtiges Signalwort ›billig‹«
Wie gelingt es Illig, den ihm viel zu großen Schuh auszufüllen, ohne dass dem braven Zeitensprünge-Leser die Mogelpackung sofort ins Auge sticht? Ein hilfreicher Blick ins Literaturverzeichnis seines Evolutionismus-Artikel zeigt, dass er die
Aufgabe nur bewältigen kann, indem er quellenmäßig aus zweiter oder gar dritter Hand in den Mund lebt. Illig ernährt sich also überwiegend sekundär bis tertiär und muss dabei in Kauf nehmen, dem Leser ungewöhnlich großzügige
Einblicke in sein Alltagsleben zu geben. Wir erfahren, dass Illig das meinungsbildende und ziemlich geschwätzige Nachrichtenmagazin »Der Spiegel« (wohl auch in der verzückten und nach all den Jahren vielleicht schon etwas
vergilbten Hoffnung, eines trüben Montagmorgen seines eigenes Konterfei auf dem Titel zu erblicken) liest, als bajuwarischer Patriot, die nicht gerade durch ihren Wissenschaftsteil bekannte Süddeutsche Zeitung abonniert
und regelmäßig das durch seine eher oberflächlich-spektakuläre Berichterstattung glänzende Wissenschaftsblättchen »Bild der Wissenschaft« konsumiert. Ferner dürfen wir vermuten, dass er gelegentlich die »FAZ« (z. B. wenn in einer
Überschrift das thematisch arg verdächtige Signalwort ›billig‹ auftaucht) kauft und dass er beim Vespern schon mal (vor allem wenn es um sein Steckenpferd »Evolution« geht) die Sendung »Forschung aktuell« im seriösen Deutschlandfunk hört.
»ein reichlich verstaubtes Werk des übergroßen Altmeisters‹
Vor diesem sekundären Hintergrunde kann und will Illig uns nicht verbergen, dass er stolz darauf ist, schon seit über einem Jahrzehnt Eigentümer eines relativ aktuellen evolutionären Werkes zu sein, das vielleicht noch am Ehesten den
Titel ›Primärquelle‹ in seiner Literaturliste verdient, nämlich das Buch: »...und Darwin hat doch recht. Charles Darwin, seine Lehre und die moderne Evolutionstheorie« von dem im letzten Jahr in hohem Alter verstorbenen Apostel Darwins »Ernst Mayr«.
Dieses in 1994 in deutscher Übersetzung erschienene, rund 230 Taschenbuchseiten füllende kleinformatige Buch wendet sich nach eigener Darstellung an »alle gebildeten Leser, nicht nur an Biologen«. Da hat es mit Illig gerade den richtigen Leser gefunden,
denn gebildet ist er allemal, auch wenn es ihm substanziell an biologischem Sachverstand mangelt. Hinsichtlich seines eigenen sachlichen Nährwertes ist das Büchlein allerdings zwischenzeitlich reichlich verstaubt. Trotzdem scheint das Werk des übergroßen
Altmeisters der Evolutionslehre unserem Herausgeber so ans Herz gewachsen zu sein, dass er es bei passender Gelegenheit immer wieder gerne in Hand nimmt, um daraus fachkundig zu zitieren und sich daran krittelnd zu profilieren.
»sichtlich bemüht aber doch ziemlich einfältig agierend«
Man könnte dies als verzeihliche ›Marotte‹ abtun, wenn es da nicht z. B. meine – für Illig mindestens ebenso gut wie sein verstaubtes Buch zugängliche – Internetseite geben würde, die er aus verständlichen oder doch zumindest bekannten
Gründen vor seiner Zeitensprünge-Leserschaft vorenthält. Darin sind alle von ihm in seinem Evolutionismus-Artikel angeschnittenen Fragen vom ›Rätselraten um den Artbegriff‹, zu ›sympatrischer, allopatrischer oder wie auch
immer Artbildung‹ und ›Irritationen über (wechselnde) Evolutionsgeschwindigkeiten‹ bis hin zu den ›geläufigen Weginterpretationsversuchen der lückenhaften fossilen Überlieferung‹ schon außerordentlich differenziert, kritisch
und aktuell abgehandelt. Und zwar auf einem weit höherem Niveau als es ›unser‹ zwar sichtlich bemühter aber bezüglich evolutionärer Forschungsfronten doch ziemlich einfältig und bruchstückhaft agierender Herausgeber jemals zu
schaffen vermag. Kurz: Menting statt Mayr! Und an dieser Einschätzung wird sich auch dann nichts ändern, wenn die noch verbleibende Restlebenszeit ›unseres‹ Herausgebers – vergleichbar dem im Methusalemalter von 100 Jahren
verstorbenen Evolutionsbiologen Ernst Mayr – sehr großzügig bemessen wird! Weshalb so harte Worte?
»sturer Herausgeber und rigider Lektor«
Bereits während unserer ersten Krise in der redaktionellen Zusammenarbeit in 2001 hatte ich Illig gebeten, mich in seinen ›kritischen‹ Beiträgen zur Evolution möglichst nicht mehr, d. h. vor allem nicht als Gewährsmann zu zitieren.
Schon damals war mir klar, dass es Illig hier an Substanz und Verständnistiefe fehlte. Seine Beiträge wiesen regelmäßig Schieflagen auf und verwässerten oder entstellten meine Argumentation. In seinem neuerlichen Evolutionismus-Artikel
ist Illig meiner Bitte (und durchaus eigennützigen Warnung), sich nicht auf mich zu berufen, wieder einmal nicht gefolgt. In seinen einleitenden Einlassungen zu neu entdeckten oder bestätigten Artbildungsmechanismen ohne räumliche
Trennung verweist er auf meinen Artikel zur explosiven Artbildung bei ostafrikanischen Buntbarschen. Selbstgefällig und stur wie unser Herausgeber nun mal ist, zitiert er nicht die brandaktuelle Fassung auf meiner Website oder die
immerhin schon aktualisierte Fassung in der Naturwissenschaftlichen Rundschau, sondern die zwischenzeitlich ziemlich veraltete ursprünglich in seinem Bulletin veröffentlichte Version. Dies kann man wohlwollend als Zugeständnis an
bequeme Zeitensprünge-Leser oder auch weniger wohlwollend als fahrlässige oder gar gezielte Provokation interpretieren. Ich befürchte aber noch Schlimmeres, nämlich dass Illig sich für die älteste Version entschieden hat,
weil – wie er schon einmal bemerkte – alles was unter seinem rigiden Lektorat im Bulletin erschienen ist, so gut wie kein Verfallsdatum hat.
»wenn die ebay-Software einfach nur ›-arsch‹ versteht«
Auf eine detaillierte inhaltliche Auseinandersetzung mit Illigs neuerlichen Einlassungen zu Artbildungsmechanismen verzichte ich hier, weil dabei nur herauskommen kann, was ich auf meiner Internetseite schon pointiert herausgearbeitet habe.
Ich versuche daher, die Bauchschmerzen, die mich bei Illigs Bearbeitung der Evolutionsthematik regelmäßig befallen, an einer kleinen Anekdote zu verdeutlichen. Bei meinen ersten Versuch, mich bei ebay einzuloggen, machte ich folgende
Erfahrung: Zu Beginn des eigentlich narrensicheren Vorganges wurde ich von der ebay-Software wiederholt freundlichst darauf hingewiesen, dass Mammut, Wollnashorn, Säbelzahntiger, Dodo und andere spektakuläre ausgestorbene Arten als Benutzername
schon vergeben wären. Als relativ versierter Naturkundler habe ich es dann – in der Gewissheit das Programm zu überlisten, mit meinem ›Flaggfisch‹ Buntbarsch versucht. Ziemlich überraschend wurde auch dieser Begriff von dem Anmeldeprogramm
abgelehnt, aber diesmal aus einem anderen Grund, nämlich mit dem Kommentar »ordinär«! Wie das? Die ebay-Software hatte einfach nur »-arsch« verstanden, weil sie kein elementares Verständnis vom Buntbarsch als artenreiche Fischfamilie oder
erfolgreiches Evolutionsvehikel hat. Nicht viel besser ist es um Illigs hauseigene ›Software‹ in Sachen »Evolutionsmechanismen« bestellt. Für das ebay-Anmeldeprogramm wäre sie aber sicherlich eine sinnvolle Erweiterung...
»ahnungsloser Herumschwadronierer in theologischen Sachfragen«
Bei aller Neigung zur schonungslosen Kritik können und wollen wir hier nicht verschweigen, dass Illigs Evolutionismus-Artikel auch gelungene Passagen enthält. Zu diesen zählt neben dem Kapitel »Wasserschlauch und Automobil« zweifellos
das Kapitel »Christentum und Naturwissenschaften«. Hier macht sich Illig die lohnende Mühe, Kutscheras Analyse der Christlichen Glaubenslehre, Kirchengeschichte und religiösen Symbolik zu hinterfragen. Kutschera gibt sich auch in
diesem – ihm eigentlich fachfremden – Themenbereich demonstrativ als »logisch-nüchtern-sachlich« denkender Wissenschaftler. Illig gelingt es hier überzeugend, Kutschera als ahnungslosen Herumschwadronierer in theologischen
Sachfragen zu entlarven. Z. B. interpretiert Kutschera eine auch für Experten kaum überzeugend zu deutende Adler/Fisch-Abbildung aus dem ersten Jahrtausend ohne Literaturbezug aus dem hohlen Bauch heraus als Versinnbildlichung
der »Wiedergeburt durch die Taufe und Christi Himmelfahrt«. Kutschera praktiziert hier genau das, was er den Kreationisten immer wieder unterstellt, nämlich ›saudumm‹ über Sachen daher zu reden, von denen er zwar ›null‹ Ahnung,
aber dafür umso mehr anmaßende Gewissheit hat. Und so dürfen wir uns mit Illig wundern, »wie kraus und unbedarft sich ein reiner Verstandesmensch geben kann, wenn er die Grundzüge abendländischer Religion skizzieren will«.
»von maßloser Selbstgefälligkeit motivierter Herausgeber«
Meine Zustimmung gilt jedoch nicht fürs ganze Kapitel, denn was Illig da an dessen Ende fabriziert, untermauert das Bild eines immer wieder von maßloser Selbstgefälligkeit motivierten Herausgebers. Aber der Reihenfolge nach: Kutschera
hatte meinen in der Naturwissenschaftlichen Rundschau (NR) erschienenen Buntbarschartikel – worauf mich erst Illigs Evolutionismus-Artikel aufmerksam machte – in seinem Buch »Streitpunkt Evolution« im Unterkapitel »Infiltration von
Fachzeitschriften« - zitiert und zwar als erstklassiges Beispiel für die »subtile Strategie der zwar kaum bekannten aber sehr aktiven deutschen Kreationisten«, »Einfluss auf Schule und Universität zu gewinnen«. (Im Übrigen ein schönes Beispiel
für die Paranoia orthodoxer Evolutionisten gegenüber Kreationisten oder auch nur Evolutionskritikern.) Wie kam ich zu der Ehre? In meinem bereits erwähnten, in der NR erschienenen Übersichtsbeitrag zur Buntbarschevolution hatte ich
mir (mit Einverständnis der Redaktion) erlaubt, neben anderen Evolutionsmodellen auch kurz das kreationistische Grundtypenmodell zu erwähnen. Der zum biologischen Wissenschaftsaberglauben neigende Wissenschaftstheoretiker Dr. M. Mahner
hatte darauf hin in einem empörten Leserbrief dagegen protestiert, dass in einer naturwissenschaftlichen Zeitschrift kreationistische Pseudowissenschaft beworben wird.
»genussvolle Reinwaschung von einem selbstkonstruierten Verdacht«
In Mahners Leserbrief und meiner später veröffentlichten Replik wird auch auf meine Autorentätigkeit für das Zeitensprünge-Bulletin Bezug genommen, Illig aber namentlich nicht erwähnt. Kutschera hat sogar in seiner Rezeption des Konfliktes
im »Streitpunkt Evolution« sorgfältigst die Verweise auf das Bulletin herausgeschnitten. Der Grund für diese ›Schnibbelarbeit‹ liegt auf der Hand: Kein Leser seiner wissenschaftseuphorischen Streitschrift sollte mehr als unbedingt erforderlich
auf ›pseudowissenschaftliches‹ Gedankengut aufmerksam gemacht werden. Trotzdem zeigt sich Illig in seiner Funktion als Verleger von Mentings kurzer Geschichte des Waldes im höchstem Maße betroffen. Schließlich war eine Ursprungsversion des
Buntbarschartikels in seinem Zeitensprünge-Bulletin erschienen. Für Illig ist dies Anlass genug, sich von dem – ›freilich‹ von ihm selbst konstruierten – Verdacht reinzuwaschen, auch er habe in seinem Bulletin kreationistisches Gedankengut
beworben. Anhand eines äußerst ›dürftigen‹ Textvergleiches der Passage meines Buntbarschartikels, in der es um das kreationistische Grundtypenmodell geht, kommt er zu folgendem verblüffenden Ergebnis: Aufgrund der Auslassung des relativierenden
Wörtchens »sollen« in der Version, die in der NR erschienen war, soll sich der entsprechende Passus im Zeitensprünge-Bulletin »entscheidend [!] anders«, d. h. weniger Kreationismus bewerbend lesen.
»Wahn, der sich schon erheblich von der Realität gelöst hat«
Das grenzt zweifellos an Wahn im fortgeschrittenem Stadium, also Wahn, der sich schon erheblich von der Realität gelöst hat. Ich darf hier ›ungefragt‹, d. h. ohne vorliegendes Einverständnis des Absenders, aus einer an mich gerichteten Mail
von Prof. Dr. Werner Kunz (Institut für Genetische Parasitologie der Universität Düsseldorf) zitieren. Kunz teilte mir mit, dass er zwar mit Mahners Ablehnung des kreationistischen Gedankengutes übereinstimmt, in meinem in der NR veröffentlichten
Buntbarschartikel aber »nichts« entdecken konnte, worauf sich Mahners Verdächtigungen beziehen könnten. Für Zweifler darf ich hinzufügen, dass Kunz schon deshalb ein vertrauenswürdiger Gewährsmann ist, weil er mit dem Ankläger Mahner befreundet ist.
Von den Realitäten nun wieder zu den Wahnvorstellungen: Wie meistens entwickeln sich diese aus sehr pragmatischen Ängsten: Illig musste sich von Beginn der Phantomzeitdebatte an heftigst (und zeitraubend) gegen den Verdacht wehren, Pseudowissenschaft
zu betreiben. Daher fasst er – um böswilligen Kritikern nicht noch zusätzliche Angriffsflächen zu bieten – kreationistisches Gedankengut nur mit äußert spitzen Fingern an. Zweifelsfrei wäre er, um der Beförderung seiner Phantomzeitthese willen,
sogar bereit, seine eigene Religiosität zu verleugnen.
»hetzerische und verleumderische Antikreationismus-Kampagne«
Angesichts der geschilderten Sachzwänge habe ich für Illigs monomanes Verhalten, sich ständig als nüchternst und objektivst denkender Wissenschaftlicher zu profilieren zu müssen, ein gewisses Verständnis. Das hört allerdings auf, wenn ihm vor lauter Genuss an
öffentlichen Reinwaschungen der eigenen Haut von (selbst-) konstruierten Verdächtigungen, der eigentliche Skandal an der Geschichte verborgen bleibt. Kutschera zitiert nämlich bei seiner Schilderung des Konfliktes in seinem »Streitpunkt Evolution« zwar ellenlang
aus dem empörten Leserbrief von Mahner aber nur einen (!) Halbsatz aus meiner ebenfalls veröffentlichten Replik. So gekürzt und entstellt, ist es nicht verwunderlich, dass sich der unbedarfte oder wissenschaftsgläubige Leser ein falsches Bild von meiner Position
in der Kreationismus-Evolutionismus-Debatte machen muss. Tatsächlich habe ich aber in meiner Replik unmissverständlich klargestellt, »dass ich die evolutionsbiologisch engagierten Anhänger des Schöpfungsglauben gerade, wenn es um Evolution geht, zwar für höchst
interessante Gesprächspartner halte, selbst aber ihren Schöpfungsglauben nicht teile«. Dies alles muss Kutschera natürlich unterschlagen, weil es nicht in seine hetzerische Antikreationismus-Kampagne und schon gar nicht unter seine verleumderische
Kapitelunterschrift (kreationistische) »Infiltration anderer Fachzeitschriften« passt.
»eine gewisse Seelenverwandtschaft zwischen Illig und Kutschera«
Aber warum bleibt unserem Herausgeber der eigentliche Skandal in dieser Geschichte verborgen? Allein aus Selbstgefälligkeit? Nein, da scheint noch mehr im Spiel zu sein! Zum Einen fehlt unserem evolutionistischen Wiederkäuer Illig schlicht die
Primärliteratur, um auf die wahren Untiefen der Geschichte zu stoßen. (Und selbst wenn sie ihm vorliegen würde, hätte er wegen seiner vielfältigen Verpflichtungen an den Phantomzeit-Fronten kaum Zeit, sie sorgfältig auszuwerten). Zum Anderen
scheint es da, eine gewisse Seelenverwandtschaft zwischen Illig und Kutschera zu geben. Beide dulden nämlich keine Kritik an ihrer (fachlichen) Person und neigen dazu, diese in ihren Texten großzügig herauszuschneiden oder gleich ganz zu
eliminieren. Solche Be- oder Empfindlichkeiten verbinden, trüben aber den klaren Blick und das Selbstreflexionsvermögen. Der Großinquisitor Kutschera geht als Zensor allerdings erheblich skrupelloser als Illig vor. Bei Kutschera hat die
vorsätzliche Verstümmelung von kritischen Texten – wie das angeführte Beispiel zeigt – schon Züge angenommen, die den Tatbestand der Verleumdung erfüllen, während entsprechende Zensurmaßnahmen bei Illig eher unbeholfen und ehrenrührig wirken.
»wo die legitime Zweitverwertung ihre verschwiegenen Grenzen hat«
So zitiert Illig in seinem Evolutionismus-Artikel ziemlich ausführlich seine ursprünglich in der Zeitschrift »Erwägen Wissen Ethik« veröffentlichte und mit »Kippt die naturwissenschaftliche Weltsicht?« übertitelte Stellungnahme zu den alterswirren
Einlassungen des Prähistorikers Müller-Karpe über die angeblich »nicht evolutiv« entstandene »Geistbefähigung« des Menschen. Dies geschieht sicherlich nicht nur aus reiner Eitelkeit, sondern auch aus legitimen Gründen der Zweitverwertung, d. h. hier,
um auch die braven Zeitensprünge-Leser an seinen emsigen ›externen‹ chronologiekritischen Aktivitäten teilhaben zu lassen. Illigs Mitteilungsbedürfnis hat allerdings Grenzen und die fangen dort an, wo es ihm extern an den Kragen geht. Erheblich weniger
ausführlich zitiert unser Herausgeber nämlich aus Müller-Karpes Replik zu seiner Stellungnahme. Die entscheidende – für ihn offenbar kritische – Passage unterschlägt er der geneigten Zeitensprünge-Leserschaft. Ich darf sie hier ergänzend
anführen: »Illigs Bemerkungen zur Aussagekraft paläolithischer Hinterlassenschaften [...] zeigen, dass er mit diesem Denkmälerbestand in seiner archäologischen Erforschung und kritischen Interpretation nicht hinreichend vertraut ist«.
»halbumfängliche Vertrautheit verbiegt den geradesten Verstand«
Die verbreitete Strategie, kritische Texte zu unterschlagen oder zu verstümmeln, ist zwar für den informierten Leser relativ leicht zu entlarven ist, bringt aber häufig durchaus den gewünschten Erfolg. Dies zeigt auch die Rezension
von Kutscheras »Streitpunkt Evolution« in dem ansonsten erfrischend kritischen Laborjournal, einem Service-Magazin für Medizin und Biowissenschaften. Der Autor der Rezension, der Redakteur Hubert Rehm gehört zweifellos zu den von
der konservativen Professorenschaft am meisten gefürchteten Kritikern des deutschen Wissenschaftsbetriebes. Weil er aber wie Illig mit der Evolutionismus-Kreationismus-Debatte nur ›halbumfänglich‹ vertraut ist, kommt er in seiner
Rezension von Kutscheras Machwerk zu dem überraschenden Ergebnis: »Kutschera bleibt immer fair. Bei allem Engagement lässt er die Gegenseite zu Wort kommen. Er verteufelt nicht, er bleibt kühl – [...]«. So ein hanebüchener Unsinn!
Das genaue Gegenteil trifft zu. Kutschera bleibt nicht »fair«, sondern agiert inquisitorisch. Und »kühl« ist er nur bei der Verstümmelung und Unterschlagung kritischer Textpassagen, wie ich zuvor und auch schon in meiner
Rezension von Kutscheras Lehrbuch »Evolutionsbiologie« zeigen konnte. (Ich habe Herrn Rehm – leider ohne jegliche Reaktion – darauf
aufmerksam gemacht, dass er für mich der lebendige Beweis dafür ist, dass es auch noch dem aufrichtigsten Kritiker den Verstand verbiegt, wenn ihm Hintergrundinformationen zu einem Themenbereich fehlen.)
»weithin das übliche chronologiekritische Standardgequatsche«
Illig der sich – wie zu Beginn dieses Beitrages angedeutet – durch die Anfrage der Zeitschrift »Erwägen Wissen Ethik« (EWE) wohl arg hofiert gefühlt hat, ist in der Replik von Müller-Karpe nicht ganz zu Unrecht der Unkenntnis der Materie bezichtigt worden.
Schon ein Blick in das Literaturverzeichnis von Illigs in EWE veröffentlichter Originalstellungnahme zeigt das bereits bekannte Bild: Dreimal »Der Spiegel« (einmal als Leserbrief), zweimal »Illig« (einmal sogar über Darwin-Finken!), einmal der »Rheinische Merkur«,
einmal »Bild der Wissenschaft« und wie immer, einmal »Blöss/Niemitz’ »C14-Crash« und einmal Heinsohns »Wie alt ist das Menschengeschlecht?«. Darüber hinaus nur zweimal so etwas wie Fachliteratur; ansonsten fast ausschließlich populäre Sekundärliteratur und
zwischenzeitlich reichlich in die Jahre gekommene chronologiekritische ›Inzucht‹-Literatur. Den Inhalt von Illigs mit »Kippt die naturwissenschaftliche Weltsicht?« übertitelter Stellungnahme kann zumindest ein Zeitensprünge-Leser anhand dieser Literaturliste
schon fast konstruieren. Weithin das übliche chronologiekritische Standardgequatsche über verdrängte katastrophische Ereignisse, unzureichend verstandene Evolutionsmechanismen und gravierende Datierungsirrtümer im Allgemeinen sowie wissenschaftliches
Intrigantentum im Speziellen.
»sensationelle Speerfunde zerstören das ›dumpfe‹ Bild vom Homo erectus«
Illig hätte gut daran getan, sich mit Bezug auf frische Fachliteratur auf die eigentliche Thematik, die Menschheitsgeschichte und Menschwerdung im Paläolithikum zu konzentrieren und schonungslos die Schwächen von Müller-Karpes alterswirrer Argumentation aufzudecken.
Anderen von EWE angefragten Autoren, wie dem Frühgeschichtler Thomas Terberger ist dies mit ›bestechendem‹ Hinweis auf die sensationellen altpaläolitischen Speerfunde im Braunkohletagebau bei Schöningen gelungen. Diese Speere passen nicht ins
konventionelle ›dumpfe‹ Bild vom Homo erectus, weil sie in ihrer Aerodynamik den Vergleich mit modernen im Hochleistungssport verwendeten Speeren nicht scheuen müssen. Und der Geologe Karl Dietrich Adam fragt erkennbar irritiert, weshalb Müller-Karpe es in
seiner »inhaltschweren« und »axiomatischen« Studie eigentlich versäumt hat, den Neandertaler zu erwähnen, der zweifelsfrei ebenso wie die modernen Menschen über eine »Geistbefähigung« verfügte. Demgegenüber meint Illig, die ›gute Sache‹ der
Chronologiekritik voranbringen zu können, indem er in seiner Stellungnahme neben einigen sachbezogenen Anmerkungen als ›übergroßen Rucksack‹ die Chronologiekritik von Immanuel Velikovsky über Alfred de Grazia hin zu Blöss/Niemitz und Gunnar Heinsohn und
natürlich nicht zu vergessen sich selber gleich mittransportiert.
»moralisierend dahinplätscherndes ›Wort zum Sonntag‹«
Selbst für einen ›paläolithischen Laien‹ ist unschwer zu erkennen, dass Müller-Karpe einen Text zur Diskussion gestellt hat, der sich in seinen ›faktischen‹ Teilen in (chronologischer) Unschärfe verliert und der in seinen ›weltanschaulichen‹ Teilen fast ungekürzt als moralisierend
dahinplätscherndes »Wort zum Sonntag« veröffentlicht werden könnte. Originalton Müller-Karpe: »Vielmehr ist von Anbeginn an eine menschliche Identität gegeben, da die elterlichen Ei- und Samenzellen von Menschen [von wem denn wohl sonst?, G. M.] stammen.
Diese (im pränatalen Zustand allein die Mutter) verwalten treuhänderisch [!] in der frühen Entwicklungsstadien des Heranwachsenden dessen vollwertiges [!] Menschensein, so lange dieses nicht von ihm selbst wahrgenommen werden kann«. Wie sollte Müller-Karpe auch wissen, dass die
Vorstellung von einer pränatalen Harmonie zwischen Mutter und Embryo nach den neusten Erkenntnissen der Genforschung zutiefst erschüttert wurde, wenn dies nach Matt Ridley nur den wenigsten Evolutionsbiologen bekannt ist? Tatsächlich stellt sich Schwangerschaft dem
Genetiker heute als Schlachtfeld zwischen elterlichen und kindlichen Genen dar. Auch von der neuen ›Biologie des Geistes‹ (vgl. z. B. Eric Kandel) scheint Müller-Karpe entweder noch nie gehört oder wie viele Menschen schlicht verstört zu sein. Deren Experimente liefern
gute Gründe dafür, dass unser Geist und unsere Spiritualität von nichts anderem als einem physischen Organ (gemeinhin »Gehirn« genannt) erzeugt werden.
»willkommene Legitimation für dreiste Eigenpropaganda«
Den letzten Teil seines Evolutionismus-Artikels widmet Illig der Frage nach der Organisation und dem Sinn des Lebens. Hier zeigt er – sich auf den umtriebigen Biophilosophen Franz M. Wuketits berufend – einmal mehr, dass er dazu neigt, den fachlichen Nährwert von Autoren falsch einzuschätzen.
Dies ist mir erstmals in 2001 bei Illigs Rezension von Zillmers Bestseller »Irrtümer der Erdgeschichte« aufgefallen. Ich habe damals eindringlich versucht, ihn davon abzuhalten, Zillmers in weiten Teilen aus chronologiekritischen Versatzstücken zusammengeschustertes Werk,
auf eine Stufe (oder gar noch darüber) mit Immanuel Velikovskys »Erde im Aufruhr« zu stellen. Ferner habe ich ihn darauf aufmerksam gemacht, dass er der ›guten Sache‹ der Chronologiekritik mit Verbündeten vom Kaliber Zillmers nur Schaden zufügen könne. Solche zum ungezügelten ›Spektakulieren‹
neigende, aber durchaus erfolgreiche Außenseiter sollten dort brillieren, wo sie der Chronologiekritik keinen Schaden zufügen, nämlich z. B. im P.M.-Magazin. Knorrig-gekränkt teilte Illig mir daraufhin mit, ihm sei es bisher noch nicht vorgekommen, dass eine Rezension schon
vorab, d. h. vor der Veröffentlichung (aus-)gebremst würde. Stur und unbelehrbar wie unser Herausgeber nun mal ist, fiel seine Besprechung dann (trotz oder auch wegen meiner Warnung) so positiv aus, dass Zillmer keine Bedenken hatte, sie ungekürzt auf seiner Internetseite zu
veröffentlichen. Dort kann man sie bis heute als aus Zillmers Sicht willkommene Legitimation für seine dreiste Eigenpropaganda nachlesen.
»Kritik, die im selbstgefälligen Lamentieren verflacht«
Erst drei Jahre später scheint Illig seine Fehleinschätzung erkannt und bereut zu haben. Sein durchaus lesenswerter Veriss von Zillmers »Kolumbus kam als Letzter« (ZS 3/2004) endet wie folgt: »Insgesamt wirkt der Versuch eines Autors, der bislang praktisch nicht zu historischen Zeiten publiziert hat, allzu
ambitioniert. Ob der strittig voranschreitenden Chronologiekritik mit diesem überaus eiligen ›großen Wurf‹ Hilfestellung oder ein Bärendienst geleistet worden ist, wird sich zeigen«. Der pfiffige Selbstvermarkter Zillmer hat diesmal natürlich darauf verzichtet, Illigs Rezension auf seine Website zu stellen,
bedankt sich aber »recht herzlich« bei Illig (u. anderen) für die »Unterstützung zur Erstellung dieses Buches und für konstruktive Hinweise«. Tatsächlich hatte sich Zillmer großzügig bei diversen Autoren (und diesmal eben auch bei Illig) bedient, ohne dies im Text angemessen kenntlich zu machen.
Im Nachhinein ist zu bedauern, dass sich Illigs zweifellos vorhandener kritischer Sachverstand immer erst dann einschaltet, wenn er bemerkt, von einem vermeintlichen Mitstreiter plagiiert zu werden. Illigs Kritik geht dann aber nicht in Selbstkritik über, sondern verflacht in einem selbstgefälligen Lamentieren.
Auf diese Weise muss ihm verborgen bleiben, dass auch seine ›Versuche‹ über evolutionäre oder geologische Sachverhalte häufig reichlich bemüht und »allzu ambitioniert« sind.
»schwer fassbare, unglaublich erfinderische Evolutionsmaschinerie«
Nach Zillmer hat Illig in seinem neuen Evolutionismus-Aufsatz den Wiener Biologietheoretiker Franz M. Wuketits entdeckt. Wuketits hatte in der Oktober-2005-Ausgabe der Zeitschrift »Aufklärung und Kritik« zu einer Diskussion Stellung bezogen, die durch einen kurzen, in der New York Times veröffentlichten Artikel des konservativen
Wiener Kardinal Christoph angezettelt worden war. Schönborn hatte in seinem kurzen »Finding Design in Nature« überschriebenen Artikel zwar eingeräumt, dass die Evolution im Sinne einer gemeinsamen Abstammung der Lebewesen richtig sein könnte. Die neodarwinistische Vorstellung eines ungeplant, ungerichteten Evolutionsprozesses sei
aber falsch, weil hinter der komplexen Organisation und großartigen Zweckhaftigkeit des Lebens unzweifelhaft Design durch einen Schöpfer stünde. Wuketits hat sich darauf hin, ähnlich wie zuvor Mayr, Kutschera und wie die evolutionsbiologischen ›Übergrößen‹ alle heißen, relativ vergeblich darin versucht, die unglaublich
erfinderische Evolutionsmaschinerie sprachlich so zu umschreiben, dass sie nicht als Resultat einer »Organisationskraft« oder einem (höheren) »Plan« erscheint. Diese Bemühungen amüsieren auch Illig und so zitiert er abschließend den offenbar doch noch über ein Mindestmaß an wienerische Ironie verfügenden Wuketits mit der
(allerdings auf den begeisterten Neodarwinisten Michael Ruse zurückgehenden) Bemerkung: »Die Evolution schreitet nirgendwo hin – und das ziemlich langsam«.
»Katastrophenbeschleuniger und evolutionäres Auslaufmodell«
Dieser Wuketits ist mir erstmalig in 1999 begegnet, als ich mir – auf seine Einschätzung des endpleistozänen Massensterben gespannt – sein frisch erschienenes Buch »Die Selbstzerstörung der Natur – Evolution und die Abgründe des Lebens« gekauft habe. Mir kamen schon erste Zweifel als ich angesichts des abgründigen Buchtitels
im Literaturverzeichnis vergeblich nach Ulrich Horstmanns heimlichen Untergangsklassiker »Das Untier« suchte. Nach kurzer Lektüre des Kapitels über das endpleistozäne Massensterben bestätigten sich meine schlimmsten Befürchtungen: Wuketits gehört zu der Sorte von Philosophen, deren Werke nicht ideologiekritischer und
stichhaltiger Überlegung entspringen, sondern die weithin – wissenschaftshistorisch und sprachlich etwas aufgepeppt – nachbeten, was sie im Mainstream gelesen haben. Schlussendlich erfahren wir über unser Verhältnis zur Natur, was wir in jeder einfältigen ›Naturschutzveröffentlichung‹ schon x-mal über das ›pessimistische
Bild vom Umgang des Menschen mit der Natur‹ gelesen haben: »Der Mensch ist zum größten Katastrophenbeschleuniger in der Natur geworden und schon jetzt ein evolutionäres Auslaufmodell«. Aus Verärgerung habe ich die Postkarte, auf der man höflich gefragt wird, wie man auf das Buch aufmerksam geworden ist und ob man mehr über
das Verlagsprogramm erfahren möchte, gleich dazu genutzt, den Verlag auf Wuketits’ Neigung, auf der Ebene des Mainstreams Herumzuschwadronieren aufmerksam zu machen. Natürlich ohne jegliche Reaktion...
»›Zigeuner-am-Rande-des-Universums‹-Metaphorik«
Jetzt hat Illig, der - in »einer guten [!], strikt der ›Aufklärung und Kritik‹ verschriebenen und deshalb so benannten Zeitschrift« - auf Ratgeber Wuketits gestoßen ist, mir eine Gelegenheit gegeben, noch mal nachzulegen. Im Kapitel »Vom Sinn« zitiert Illig erneut Wuketits und zwar diesmal als wichtigen Hilfesteller
bei der Sinnsuche. Einem Sinn, der den Menschen laut Illig als unerwünschte Nebenwirkung der Evolutionstheorie abhanden gekommen ist. Wuketits geht den ziemlich erbaulich formulierenden Joachim Kahl zitierend (der wiederum an Jacques Monods originelle »Zigeuner-am-Rande-des-Universums«-Metaphorik anknüpft)
davon aus, dass die darwinistische Evolutionstheorie dafür gesorgt hat, dass es »keine unzerstörbare, ideale Sinnstruktur der Welt, der wir uns vertrauensvoll, gläubig, einzufügen hätten und darin geborgen wären« mehr gibt. Schon hier stutzt der Laie! Gab es da nicht schon vor Darwin Aufklärer, die
diese »ideale Sinnstruktur der Welt« mit Hohn und Spott überschüttet haben? Denken wir z. B. nur an einen Voltaire, der weder einen Darwin kannte, noch einer darwinschen Evolutionstheorie bedurfte, um die damalige ›religiöse Werterepublik‹ zu karikieren. Aber damit nicht genug, der Darwinismus
hat laut Wuketits nicht nur das Potenzial falsche Sinngebung zu zerstören, sondern soll uns auch noch Hilfestellung bei der Sinnsuche geben.
»Marionetten eines letztlich undurchschaubaren Designers«
Wuketits an die Philosophie des Ultra-Darwinisten Richard Dawkins angelehnte Argumentation lautet wie folgt: »Wäre nämlich die Evolution geplant, jeder einzelne Mensch das Ergebnis eines umfassenden Plans, dann wäre es um unsere Individualität schlecht bestellt. Wir wären Marionetten eines in seinen Absichten
letztlich undurchschaubaren Designers. Hingegen gibt uns die Annahme einer sinnlosen Evolution die Möglichkeit, unseren Sinn – gemäß unseren individuellen Neigungen, Vorstellungen und Wünschen – selbst zu suchen (und zu finden) und uns dabei (selbst wenn's eine Illusion ist) frei zu wähnen«. So ein Quatsch!
Wenn uns erst die Ultra-Darwinisten ermöglicht hätten, unseren Lebenssinn frei und individuell suchen können, dann hätte ich ja auch die Möglichkeit, wieder an einen großen Designer zu glauben und den Evolutionismus zu verteufeln. Womit die freiheitliche Sinnsuche ja irgendwie wieder hin wäre... Da beißt
sich doch die Katze in den Schwanz, d. h. die Evolutionisten müssen sich entscheiden, ob sie nun wahrheitssuchende Naturwissenschaftler oder sinnspendende Befreiungstheologen sein wollen. Im Übrigen liest, wer auf der Suche nach einem tragfähigen Sinn ist, in der Regel weder Darwin, noch Dawkins oder gar
einen Wuketits, sondern schlicht gute Romane über die Abgründe und Höhenflüge des Lebens. Alternativ kann man sich natürlich auch gleich gezielt bei lebenserfahrenen und lebenstüchtigen Philosophen, wie z. B. Schopenhauer informieren.
»keine mildernden Umstände für das Pestbakterium«
Völlig abstrus wird Wuketits Argumentation als er behauptet, dass »Evolutionsdenken« sei auch deshalb eine der »tragenden Säulen« eines »säkularen, humanistischen Weltbildes«, weil das Wissen um den »gemeinsamen Ursprung« dazu beiträgt, uns von »rassistischen Parolen nicht blenden zu lassen«. Gibt es da im Protokoll der
berüchtigten Wannsee-Konferenz, in der die »Endlösung der Judenfrage« dokumentiert ist, nicht eine sich explizit auf das »Evolutionsdenken« beziehende Passage, in der die Ausmerzung des »widerstandsfähigsten«, »verbleibenden Restbestandes« der Juden gefordert wird, damit diese nicht »eine natürliche Auslese darstellend,
bei Freilassung als Keimzelle eines neuen jüdischen Aufbaues« fungieren können? Und ist die »natürliche Auslese« für Darwinisten nicht der zentrale Mechanismus, der den evolutiven Wandel und damit letztlich auch den »gemeinsamen Ursprung« bewirken soll? Und verbindet die Menschheit nicht auch mit dem Pestbakterium
ein »gemeinsamer Ursprung«, ohne dass dies irgendwelche mildernden Umstände für unser ausgesprochen feindlich gesinntes Verhältnis zu ihm hat? Der Gedanke an den »gemeinsamen Ursprung« kann es also nicht sein, der uns zu friedlichen Wesen werden lassen könnte, dann schon eher die christliche Angst vor jüngstem
Gericht, die jüdische Botschaft der Brüderlichkeit oder die laut »Kritischer Theorie« speziesneutrale, d. h. auch (Wirbel-)Tiere einbeziehende Wertsetzung eines quälbaren Körpers‹(vgl. Susann Witt Stahl).
»offenbar nie einen deutschen Biologieunterricht besucht«
Illig, der ja zumindest mit geschichtlichem Wissen bestens vertraut sein sollte, kommentiert Wuketits naive Sinnstiftungs-Philosophie in seinem Evolutionismus-Artikel ziemlich ›blauäugig‹ und ahnungslos wie folgt: »Solche sinnstiftenden Hilfestellungen muss die Evolutionsbiologie leisten, sonst
wird sie im Wettbewerb mit anderen Erklärungen unterliegen oder ein in der Schule nicht weiter beachtetes Schattendasein führen«. Kann es sein, dass Illig nie einen deutschen Biologieunterricht besucht hat und daher nicht wissen kann, dass die Biologie aufgrund ihrer lebensweltlichen
Anschaulichkeit schon jetzt zu den sinnstiftesten naturwissenschaftlichen Schulfächern zählt? Und kann es sein, dass er sich deshalb von der unter Evolutionsbiologen grassierenden Paranoia hat anstecken lassen, kreationistische Sinngebungs-Metaphorik würde deutsche Schulen infiltrieren?
Erinnern wir uns, dass Illig in seinem Evolutionismus-Artikel auch die empörte Rüge des Evolutionisten Kutschera an den leider viel zu früh verstorbenen Anglisten, Philosophen und Sachbuchautor Dietrich Schwanitz kommentiert. Schwanitz hatte in seinem Bestseller »Bildung – Alles, was
man wissen muss« kurz und knapp bemerkt: Naturwissenschaftliche Erkenntnisse tragen »einiges zum Verständnis der Natur, aber wenig zum Verständnis der Kultur bei«. [...] Sie »müssen zwar nicht versteckt werden, aber zur Bildung gehören sie nicht«. Illig kommentiert Kutscheras Rüge
mit der Bemerkung, dass heftige Kritik am Überbringer der Botschaft nicht viele ändere und die Biologie gut beraten wäre, sich stärker darauf zu besinnen, »nun einmal sehr starke Überschneidungen mit den Aussagen der Religionen zu haben«.
»die Wirklichkeit verzerrende, weltanschauliche Überfrachtungen«
Wieder so ein verbrämter, aus Stückwerkwissen zusammengezimmerter Illigscher Unsinn! Von den naturtheologischen Wurzeln der Biologie einmal abgesehen, kann ich überhaupt keine Überschneidungen zwischen Religion und Biologie erkennen. Offenbar ist Illig hier mangels fundiertem naturwissenschaftlichem Wissen erneut
den Ultra-Darwinisten auf den Leim gegangen. Bereits vor 20 Jahren hat der begeisterte Neodarwinist Michael Ruse deren disziplinären Größenwahn unverblümt formuliert: »With a growing number of distinguished evolutionists - including Ernst Mayr, Edward O. Wilson, and Francisco F. Ayala - I believe that Darwinism is
more than just a scientific theory. It is the basis for a full world view, a Weltanschauung«. Auch der Ultra-Darwinist Richard Dawkins bezeichnet in seinem bekannten Buch »Der Blinde Uhrmacher« das darwinsche Erklärungsmodell als eine Theorie, »die es Wissenschaftlern ermögliche, intellektuell erfüllte Atheisten zu sein«.
Da kein Zweifel daran besteht, dass auch der Atheismus eine Weltanschauung ist, missbraucht Dawkins hier offenbar die Evolutionstheorie zur Absicherung einer weltanschaulichen Grundeinstellung. Dies bleibt nicht ohne Konsequenzen: Ein solch fundamentales weltanschauliches Interesse an einer Theorie hat
keinen günstigen Einfluss auf eine möglichst unbefangene Prüfung ihrer Tauglichkeit. Offenbar leiden Kreationisten wie Evolutionisten an der gleichen, die Wirklichkeit verzerrenden weltanschaulichen Überfrachtung.
»kaum zu entschlüsselnde, kryptische Zitierverweise«
Ein paar randständige Bemerkungen zur Zitierweise im Zeitensprünge-Bulletin, auf deren korrekte Beachtung (wie jeder ZS-Autor weiß) unser Herausgeber einen besonders großen Wert legt. Allein in dieser Bulletinausgabe finden wir diverse Zitiervarianten: Nur den Autorennamen, den Autorennamen mit Jahresangabe oder
mit Seitenangabe sowie den Autorennamen mit beiden Angaben. Dies alles gibt es dann noch in einer weiteren Variante mit ›verstümmelten‹ Autorennamen. Im Kapitel »Kippt die naturwissenschaftliche Weltsicht?« seines Evolutionismus-Potpourri hat Illig schließlich selbst den Überblick verloren. Hier führt Illig in
gekürzter Form seine Stellungnahme zu Müller-Karpes ›Altersfrömmeleien‹ an und weist vieldeutig auf eine »geänderte Zitationsweise« hin. Wie sieht diese nun tatsächlich aus? Alle von ihm in eckige Klammern gesetzten, zum Teil höchst kryptischen Zitierverweise etwa »[K.-W. ((11))]« sind im Literaturverzeichnis
ohne Gegenstück. Ohne Rückgriff auf die als Einzelheft 23,00 Euro teure EWE-Zeitschrift ist die Zitation nicht zu entschlüsseln. Auch diese Posse wird der Herausgeber als lässliche Verfehlung mit Hinweis auf seine übermenschlichen Anstrengungen als Redakteur, Autor und Dienstbote in eigener Sache aussitzen.
Auf eine professionelle numerische, im Literaturverzeichnis alphabetisierte Zitation werden wir wohl weiterhin verzichten müssen.
»Autorennamen gleich Reihenweise verhunzt«
Es gibt noch ein weiteres, eher formales Indiz dafür, dass Illig sich mit seinem evolutiven »Kessel Buntes« übernommen hat. Unser Herausgeber ist nämlich nicht nur für sein starres Festhalten an der einmal eingeführten Zitationsweise bekannt, sondern auch dafür, ausgesprochen viel Wert, auf eine korrekte Orthographie
in den Bulletin-Artikeln zu legen. Da überrascht, dass er diesmal Höchstselbst gleich Reihenweise die Autorennamen verhunzt: Aus einem »Franz M. Wuketits« wird durchgängig und sogar in den Überschrift ein »Franz Wuketis«, aus einem »Niles Eldredge« ein »Niles Eldridge« und aus einem »Dietrich Schwanitz« wird
ein »Dieter Schwanitz«. Im Editorial kündigt Illig schon fast rituell, d. h. hier wie immer ziemlich unbescheiden an, dass sein Bulletin dieses Mal »vom Umfang und von seiner Beteiligung her nicht zu überbieten ist«. Im ungenierten Malle-Deutsch übersetzt, heißt das: ›Ich bin so toll, das ist mir klar, so
toll wie ich noch niemals war...!‹
»das Recht des ›Contributing Editors‹ auf den ersten Beitrag«
Noch ein Wort zum »Contributing Editor« Prof. Dr. phil. Dr. rer. pol. Gunnar Heinsohn (das »pol.« ist dabei kein ›ehernes‹ Kürzel für ›Polska‹, der Heimat seine Gattin, sondern für ›politicarum‹...). Weil er im Wissenschaftsbetrieb gut aufgestellt ist, hat er neben dem ›contributen‹ vor allem die Funktion, das akademische Ansehen des Bulletins zu steigern.
Da kann er sich schon mal – ohne Sanktionen befürchten zu müssen – erlauben, unserem Herausgeber ziemlich dahingeworfene Artikel (z. B. »Kopflaus und Hominiden-Chronologie« in ZS 3/2004) anzudienen. Mit seinem aktuellen »Tyrannosaurus rex«-Beitrag hat er dieses Mal anständige Arbeit abgeliefert. Aber muss Illig deshalb dem kaum fünf
Seiten ›langen‹ Artikelchen (angesichts eines über 250 Seiten umfassenden Bulletin) gleich das Titelbild widmen? So ist unser Herausgeber nun mal: Der hofierte »Contributing Editor« bekommt völlig unabhängig von der Qualität seiner Artikel entweder das Recht des ersten Beitrages, das Titelbild oder wie in diesem Fall beides.
Die Polposition hätte ich diesmal Hans-Erdmann Korths vielschichtiger »Chronologie des Abendlandes« gegönnt, die Heinsohns Kurzabriss der chinesischen Chronologie weit überragt. Wir sehen, im Prinzip herrscht in Illigs Bulletin derselbe elende Klüngel wie im akademischen Wissenschaftsbetrieb. Illig scheint hier kaum lernfähig
zu sein, denn erst kürzlich war er noch selber ›Opfer‹ eines solchen Geschachers. Während Müller-Karpe seinem ›verdienten‹ Kollegen Müller-Beck eine ganzseitige Replik widmet, wird der offenbar für Müller-Karpe innerwissenschaftlich nicht satisfaktionsfähige Illig mit einem kurzen Absatz abgefertigt.
»Tyrannosaurus rex: Sprintstarker Jäger oder feiger Aasfresser?«
Zurück zu unserem ›titelbildenden‹ Tyrannosaurus rex, dessen Bezeichnung sinngemäß soviel wie »Furchtbare Königsechse« heißt. Das Titelbild zeigt ihn in klassischer Darstellung als schnellen und brutalen Jäger. Unser omnipotenter Herausgeber meint, dazu erläuternd bemerken zu müssen: »Sprintstarker Tyrannosaurus, wie
ihn die Realität nie kannte«. Woher aber kennt Illig »die Realität>«? Wie wir zwischenzeitlich rekonstruieren konnten vor allem aus zweiter Hand in den Mund, nämlich der Süddeutschen Zeitung, dem Spiegel und dem Deutschlandfunk. Illig will uns mit seiner Bemerkung zeigen, dass er bestens über die Zweifel am Killer-Image
des T-Rex informiert ist. Gegen einen schnellen Raubsaurier spricht dabei vor allem das ungeheuer große Gewicht des elefantenschweren Kolosses. Entschieden ist die Kontroverse, ob der T-Rex ein sprintstarker Jäger oder ein feiger Aasfresser war, deshalb keineswegs. Müssen wir Chronologiekritiker und Neokatastrophisten
uns aber damit hervortun, aktuelle wissenschaftliche Diskussionen nachzubeten? Sollten wir nicht vielmehr eigene Positionen erarbeiten und z. B. hier darauf hinweisen, dass beide Seiten in aktualistischer Sichtweise davon ausgehen, dass damals die gleichen Schwerkraftverhältnisse wie heute herrschten? Schließlich hat
schon Immanuel Velikovsky über ein von elektromagnetischen Kräften beherrschtes Universum geschrieben, in dem die ›Gravitation‹ zu einer sehr variablen Größe wird.
»wissenschaftliche Intriganten und kreationistische Frühwarnsysteme«
Illig gibt sich in der Evolutionismus-Kreationismus-Debatte als ausgesprochen linientreu und mehrheitsfähig, um den zahllosen und vielfach ›widerlichen‹ Gegnern seiner Phantomzeitthese nicht noch zusätzliche Angriffsflächen zu bieten. Damit er nicht zu wissenschaftskonform wirkt, empört er sich dafür um so mehr über die unglaublichen
Eskapaden des dreist-schillernden Anthropologieprofessors und skrupellosen C14-Fälschers Reiner Protsch von Zieten. Protsch (der erst spät seine adeligen Wurzeln als »von Zieten« entdeckte und sich schon früh als Schüler des Nobelpreisträgers Libby stilisierte) hat über ein viertel Jahrhundert lang, offenbar völlig unbehelligt von
den Kontrollinstanzen des Wissenschaftsbetriebes, sein Fälscherhandwerk ausgeübt. Erst als der Skandal öffentlich ruchbar wurde, jagte man ihn als personifiziertes wissenschaftliches Intrigantentum aus den Ämtern. Als Chronologiekritiker kann man mit Illig nur hoffen: Mehr von dieser Sorte, damit bei deren »Fallen« die »komplette
Chronologie inklusive aller darauf aufbauenden Theorien in den Abgrund« gerissen wird. Wer ist diesem Protsch eigentlich als Erster mit einer gehörigen Portion Skepsis entgegengetreten? Nein, nicht der Frühgeschichtler Thomas Terberger, der sich in 2001 über die Vielzahl von Protsch datierter ›alter Schädel‹ wunderte, sondern
die (Hindu-)Kreationisten Michael A. Cremo und Richard L. Thompson in ihrem 1993 erschienenen Buch »Forbidden Archeology«. Zu Protsch’ C14-Datierung eines umstrittenen, für die Fundschicht zu modernen Homo-Skelettes, beziehen sie wie folgt Stellung: »Alles in allem scheint Protsch einen erwünschten Dienst geleistet zu haben: Er
brachte ›Licht‹ in eine problematische Entdeckung, und siehe da, jetzt paßte sie in die akzeptierte Evolutionssequenz«. Ohne Frage, die Kreationisten sind und waren das beste Frühwarnsystem und unbestechlichste Korrektiv für die Wissenschaftszunft.
Epilog über Illig und Birken
Dr. Heribert Illig schreibt im Editorial: »Die vorliegende Zeitensprünge-Ausgabe ist [...] von meiner Beteiligung her nicht zu überbieten«. Das bewahrheitet er ganz unverblümt in seinem ergänzenden Artikel »Italia praeparata« zu dem Beitrag »Italiens Phantomzeit« von Dr. Andreas Birken. Dieser hatte den unverzeihlichen
Fauxpas begangen, Illig in einem Themenbereich, in dem er bereits umfängliche Vorarbeit geleistet hatte, nur einmal im Literaturverzeichnis zu erwähnen. Illig schritt darauf hin ›lektionierend‹ ein, konnte aber offenbar den störrisch reagierenden Birken nicht überzeugen, dies gehorsamst einzusehen und selbst gebührend
zu ändern. Birken kam dem eifrigen Lektor in eigener Sache aber insoweit entgegen, als er Illig zugestand, die Literaturliste seines Beitrages nebst Anmerkungen eigenständig zu ergänzen. Dies ist nicht ohne Logik, denn keiner kennt die vielen fehlenden Illigs so gut wie Illig selber.... Es mag den ein oder anderen
Zeitensprünge-Leser überrascht haben, dass Illig dieses Ansinnen abgelehnt hat. Weshalb? Ich denke, hier ist unserem – ansonsten bekanntermaßen ziemlich hemmungslos agierendem – Herausgeber in einem Augenblick der Selbsterkenntnis klar geworden, dass eine Umsetzung von Birkens Vorschlag, seine Selbstgefälligkeit
allzu sehr bloßgestellt und einen altgedienten Autor womöglich nachhaltig vergrault hätte. Doch Illig konnte und wollte sein persönliches Anliegen dennoch nicht aufgeben und findet den Ausweg in einem umfänglichen Ergänzungsartikel. Dieser soll dem geneigten Leser ohne Eingriff in Birkens Artikel, sein Vergehen
oder genauer gesagt Übergehen Illigs in aller Deutlichkeit vor Augen führen. Und so stammen dann auch in diesem Artikel nicht weniger als 16 der insgesamt 24 Literaturtitel von Illig. Illig und kein Ende...
Literatur
Adam, Karl Dietrich (2005): Nosce te ipsum – die Sonderstellung der Gattung Homo in der menschlichen Geschichte. – In: Erwägen Wissen Ethik (EWE)16 (1), 92-95
Bär, Siegfried (2003): Die Zunft – Das Wesen der Universität, dargestellt an der Geschichte des Professorwerdens und des professoralen Liebesleben. – Merzhausen
Cremo, Michael A. & Thompson, Richard L. (1996): Verbotene Archäologie – Sensationelle Funde verändern die Welt. – Essen
Dawkins, Richard (1987): Der blinde Uhrmacher – Ein Plädoyer für den Darwinismus. – München
Heinsohn, Gunnar (2006): Tyrannosaurus rex und seine taufrischen Blutgefäße. – In: ZS 18 (1), 208-212
Horstmann Ulrich (1985): Das Untier – Konturen einer Philosophie der Menschflucht. – Frankfurt/M.
Illig, Heribert (2005): Kippt die naturwissenschaftliche Weltsicht? – In: EWE 16 (1), 119-120
– (2006): Gerät der Evolutionismus ins Abseits? Ulrich Kutschera – Hermann Müller-Karpe. – In: ZS 18 (1), 213-238
Kahl, Joachim (2001): Die Frage nach dem Sinn des Lebens. – In: Aufklärung und Kritik 8 (1), 63-71
Kampe, Norbert, Hg. (2000): Villenkolonien in Wannsee 1870 – 1945, Großbürgerliche Lebenswelt und Ort der Wannsee-Konferenz. Berlin
Kandel, Eric (2006): Auf der Suche nach dem Gedächtnis – Die Entstehung einer neuen Wissenschaft des Geistes. – München
Korth, Hans-Erdmann (2006): Zur Chronologie des Abendlandes. – In: ZS 18 (1), 164-184
Kutschera, Ulrich (2004): Streitpunkt Evolution – Darwinismus und Intelligentes Design. – Münster
Mayr, Ernst (1994): ...und Darwin hat doch recht. Charles Darwin, seine Lehre und die moderne Evolutionstheorie. – München & Zürich
Menting, Georg (2001): Explosive Artbildung bei ostafrikanischen Buntbarschen. In: Naturwissenschaftliche Rundschau 54 (8), 401-410
Monod, Jacques (1996 zuerst 1970): Zufall und Notwendigkeit – Philosophische Fragen der modernen Biologie. – München & Zürich
Müller-Karpe, Hermann (2005): Geschichtlichkeit des paläolithischen Menschen. Fakten und Anschauungen. – In: EWE 16 (1), 85-92
– (2005): Replik – Anthropologisches oder humanes Weltbild. – In: EWE 16 (1), 136-146
Müller-Karpe (1999): Zur frühen Menschheitsgeschichte. – In: Sitzungsberichte der wissenschaftlichen Gesellschaft an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main.
Rehm, Hubert (2006): »Spannend und amüsant aber auch anspruchsvoll« – Rezension von Ulrich Kutscheras »Streitpunkt Evolution«. – In: Laborjournal – Service-Magazin für Medizin und Biowissenschaften, H. 4, 101
Ridley, Matt (2000): Alphabet des Lebens – Die Geschichte des menschlichen Genoms. – München
Ruse, Michael (1986): Taking Darwin seriously – A naturalistic approach to philosophy. New York
Schönborn (Kardinal), Christoph (2005): Finding Design in Nature. – In: New York Times vom 07.07.2005
Schopenhauer, Arthur (1988, zuerst 1851): Parerga und Paralipomena II. – Zürich
Schwanitz, Dietrich (2002): Bildung – Alles, was man wissen muss. München
Terberger, Thomas (2005): Der Speerwerfer und Feuerhüter – Mensch oder nur biologisch determinierter Hominide. – In: EWE 16/1, 130-133
Velikovsky, Immanuel (1946 ): Cosmos without gravitation – Attraction, repulsion and electromagnetic circumduction in the solar system.– In: http://www.varchive.org/ce/cosmos.htm
Witt Stahl, Susann (2005): Kirchenkritiker Karlheinz Deschner im Interview: »Eine Revolution wäre nötig«. – In: natürlich vegetarisch H. 3, 9-12 (www.deschner.info/de/person/interviews/vebu.pdf)
Wuketits, Franz M. (1999): Die Selbstzerstörung der Natur: Evolution und die Abgründe des Lebens. – Düsseldorf
– (2005): (Un-)Intelligent Design? Bemerkungen zur aktuellen Diskussion über Evolution und Sinn. – In: Aufklärung und Kritik 12 (2), 7-17; (www.gkpn.de)
G.M., 12.06.06
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Der Dodo, Illig und die Pinguine
Dr. Heribert Illig – versierter Karlsleugner und langjähriger Herausgeber des chronologiekritischen Zeitensprünge-Bulletins - juckt es in den Fingern. Da es ja bekanntlich
schwer fällt, nicht nicht zu kommunizieren, ist jede neue Zeitensprünge-Ausgabe für mich immer auch ein willkommener Anlass zu prüfen, ob wir noch kommunizieren.
In der neusten Ausgabe seines Bulletins (3/2006) ist es wieder so weit. Illig versucht sich erneut an der Naturgeschichte und als ob dies nicht schon genug wäre, auch
noch an meinem naturgeschichtlichen Steckenpferd, dem »Dodo«. Unter der blumigen Artikelüberschrift »Nachtarock zu Themen im Heft« finden wir den
Kurzbeitrag »Der immens schwimmfähige Dodo«.
Illig problematisiert darin - in Anlehnung an Gunnar Heinsohns Artikel über die rätselhafte Herkunft der Meeresleguane auf dem Galápagos-Archipel - wie es den Vorfahren des
Dodo eigentlich gelungen ist, »die äonenweite Reise durch Zeit und Raum« (also übers Meer!) nach Mauritus zu bewältigen? Eine durchaus überraschende, weil eigentlich überflüssige
Frage, denn sie ist bereits ziemlich schlüssig beantwortet: Die äußerst flugfähigen Vorfahren des Dodos haben die abgelegene Insel fliegend erreicht!
Wie dem auch sei, Illig konnte sich denken, dass ich einen Beitrag zum Dodo nicht unkommentiert lasse. Ich ging daher bei der ersten Lektüre seines Artikels davon aus, dass
er besonders sorgfältig recherchiert ist. Doch was muss ich da zu Beginn des zweiten Abschnittes lesen: »Der im 17. Jh. auf Mauritius ausgestorbene flugunfähige Dodo lässt sich
per DNA von Pinguinen herleiten.«
Mein erster Gedanke, jetzt will dich aufs Glatteis führen und dir eine Falle stellen, denn zweifelsfrei ist der Dodo nicht mit Pinguinen, sondern mit der (sehr flugfähigen)
ostasiatischen Kragentaube (Caloenas nicobarica) verwandt. Mein zweiter Gedanke, Illig meint es wirklich ernst und irgendwo in der ihm zugänglichen Sekundärliteratur muss sich
ein übler Fehler eingeschlichen haben.
Wo konnte Illig gesucht haben? Da unwahrscheinlich ist, dass er über aktuelle Literatur zum Dodo verfügt, vermutete ich sofort im Internet. Und was steht heute an oberster
Stelle, wenn man einen Begriff in Google eingibt? Natürlich ein Link auf die freie Enzyklopädie WIKIPEDIA! Erstaunlicherweise enthält (bzw. enthielt) der dortige Dodo-Artikel
nur einen Hinweis auf DNA-Abgleiche und nicht deren Ergebnisse. Aber es gibt einen internen Link auf Beth Shapiro, eine US-amerikanische Evolutionsbiologin, deren Forscherteam
die DNA- Untersuchungen vorgenommen hat.
Und was steht in diesem Artikel über das Ergebnis der DNA-Abgleiche von Dodo-Knochen mit anderen Vogelarten? »Der DNA-Vergleich zeigte eine enge Verwandtschaft zu dem ebenfalls
ausgestorbenen Rodrigues-Solitär und dem Pinguin«. Wie ist dieser Unsinn in WIKIPEDIA gekommen? Ein eifriger User hatte wohl aufgrund des englischen Namen »Nicobar pigeon« für die
ostasiatische Kragentaube »Pinguin« assoziiert. Da ich selbst in WIKIPEDIA aktiv bin, habe ich den peinlichen Fehler – Illig sei Dank – schnell korrigiert.
Natürlich zu spät für Illig, der aufgrund der falschen Abstammungsverhältnisse meint, über den »immens schwimmfähigen Dodo« spötteln zu müssen. Dieser Spott ist sogar in mehrfacher
Hinsicht nicht durchdacht: Pinguine sind vorrangig keine Schwimmer, sondern immens gute Taucher, die durchaus in der Lage sind, im Meer, weite Strecken zu überbrücken. Dies zeigt auch
die am Weitesten nördlich lebende Art, die wie das Schicksal so will, auch noch zufällig auf dem von Heinsohn angeführten Galápagos-Archipel (also vom Breitengrad her einige 1.000 km
weiter nördlich als Mauritius!) lebt.
Illig hätte zur Absicherung nur auf meine Internetseite den selbstredenden Artikel »Vom Dodo lernen[!]«
lesen müssen; aber diese Website meidet er ja bekanntlich (oder auch verständlich) wie der Teufel das Weihwasser. Das eigentliche Problem liegt aber wohl grundsätzlicher: Illig maßt sich
in der Nachfolge des großen Dr. Immanuel Velikovsky an, jegliche Thematik chronologiekritisch erhellen zu können. Das war zu Zeiten als die Chronologiekritik noch in den Kinderschuhen steckte,
vielleicht noch möglich und sinnvoll. Aber heute weht ein anderer Wind:
Erstens hat die Chronologiekritik sich zwischenzeitlich so ausdifferenziert, dass eine einzelne Person nicht mehr alle Themenbereiche abdecken kann, zweitens mangelt es Illig an fundierten
naturgeschichtlichen Grundkenntnissen (und auch qualifizierten Gesprächspartnern, die ihm diese vermitteln könnten), drittens ist er so in die erfolgversprechende und zukunftsträchtige
Mittelalterdebatte verstrickt, dass er gar keine Zeit dazu hat, einen naturgeschichtlichen Beitrag gründlich zu recherchieren und ›last but not least‹ hat Illig, der sicherlich nicht nur
in seiner Selbstinterpretation, sondern in diversen Themenbereichen auch objektiv eine ›Übergröße‹ ist, doch nicht ganz das Format eines Velikovsky!
Von diesem, für Illig inzwischen typischen Ausrutscher einmal abgesehen, kann ich allen Lesern die letzte Zeitensprünge-Ausgabe nur wärmstens zur Lektüre empfehlen: Alt bewährte
(also auch mehrfach Illig), aber auch neu hinzugekommene Autoren haben viele interessante und erhellende Beiträge zur Chronologiekritik geschrieben.
Allerdings muss sich der Leser auch wieder auf einen hochspezifisch bis kryptisch schreibenden Dr. Peter Winzeler gefasst machen. Und so will z. B. folgende Passage aus seinem
Beitrag »Eine Schwurformel auf Schuppilulijama II. – Weissgerbers Mittelhethiter (Abirrungen III)« erst einmal verdaut sein:
»Wenn die Arnuwanda am Arnon gewaltet haben, fällt das Auge auf das Jebus des Arauna, wo Jauchazi (Joachaz, Ahasia) Tiglatpileser zu Hilfe rief [2Kön 16,7, Js 7,1]. Doch da
Salmanasser das Bit-Agusi beschlagnahmte (10. Jahr) und in Babel im Neumonat Juli (Ululu) seinen Kronprinzen installiert, schrieb Elijahu an Joram-Muwattallis einen hasserfüllten
Brief… [2Chr 21,12-20]:«
Alles verstanden?! Etwa nicht?! Ich kann versichern, dass die zitierten, kaum auszusprechenden und geschweige denn verständlichen Begriffsabfolgen keinen Fehler enthalten. Ich
habe alles Buchstabe für Buchstabe abgeschrieben. Immerhin hatte ich bei dem Begriff »Schuppilulijama« aus der Artikelüberschrift eine vage Assoziation, die ich nach langem
Inmichgehen fixieren konnte:
Es gab in meiner Grundschulzeit ein argloses Lesebuch, das die »Die sieben Ähren« hieß. Darin stand ein schönes Kindergedicht, das aufgrund seiner Aufbaus relativ einfach auswendig
zu lernen war. In den Tiefen des Internets konnte ich den Reim mit einiger Mühe wieder finden:
Zipplilippmalonimilipp
Es war einmal ein Mann,
der hatte drei Söhne.
Der erste hieß Zapp,
der zweite hieß Zapplilapp,
der dritte Zapplilappmalonimilapp.
Es war einmal ´ne Frau,
die hatte drei Töchter.
Die erste hieß Zipp,
die zweite hieß Zipplilipp,
die dritte Zipplilippmalonimilipp.
Eines Tages trafen sich die Frau und der Mann und heirateten.
Da nahm der Zapp die Zipp.
Der Zapplilapp die Zipplilipp.
Der Zapplalappmalonimilapp die Zipplilippmalonimilipp.
G.M., 17.01.07
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Hier kann man lesen, wie eine flügellahme Taube auf antarktisches Glatteis gerät und in den Brunnen fällt.
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»Das große Jubiläumsheft« - Große Jubiläen werfen ihre Schatten vor und zurück
Eigentlich wird im interdisziplinären Zeitensprünge-Bulletin von Dr. Heribert Illig aufgrund der evidenzorientierten
Streichung überflüssiger Jahrhunderte und Jahrtausende ja fast alles immer jünger. Doch wie im richtigen Leben wird auch hier
vieles immer älter, weil der Zahn der Zeit an in die Jahre gekommenen Autoren und Ausgaben nagt. So ist Heft 3/2008
eine große Jubiläumsausgabe, auf deren Titel uns der 65. Jahre alt gewordene Mitherausgeber Prof. Dr. phil. Dr. rer. pol. Gunnar Heinsohn entgegenstrahlt.
Mit etwas über 300 Seiten ist es nicht nur das umfang- und artikelreichste, sondern wohl auch das schrulligste und unprofessionellste Bulletin,
das je erschienen ist. (Was nicht mit uninteressant gleichzusetzen ist, weil es wohl auch zukünftig noch eine ergiebige Fundgrube für
Schrullensucher sein wird.*) Und dass dies so ist, liegt vor allem an dem nicht abschwellen wollenden, schwer erträglichen Festschriftgesäusel,
das fast alle Beiträge (auch die guten) auf den (fast schon bemitleidenswerten) Mitherausgeber und Jubilar Heinsohn hin verbiegt.
Es liegt aber auch an Illig selber, der sich (wie schon öfters) darin sonnt, mit der Fertigstellung eines superlativen Heftes als
Herausgeber wieder einmal Übermenschliches geleistet zu haben. In seiner in provokante Ironie verpackten flotten Lobeshymne ist er auf
den fast schon verboten erfolgreichen - weil leichtfüßig von Event zu Mega-Event durch die Welt lustwandelnden - Mitherausgeber
insoweit nicht gut zu sprechen, als dieser sich der redaktionellen Kärrnerarbeit elegant entzieht und nur sporadisch einige
Beitrags-Rosinen beisteuert.
Verschiedene Passagen von Illigs fulminanter Festrede sind allerdings selbst für einen langjährigen Bezieher des Bulletins kaum
verdaulich, weil sie wohl einer Motivlage entspringen, in der respektvolle Anerkennung seines Mitherausgebers, unverhohlener Ärger über
dessen Untätigkeit und kaum verdeckter Neid über seine nicht enden wollende Erfolgsgeschichte eine merkwürdig verquaste Melange
eingehen. Unglücklich verworren auch das Kapitel »Ausblick: Zwei Drittel«, in dem sich der
Herausgeber trübsinnig-verschrobene Gedanken darüber macht, wie lange es die Zeitensprünge noch geben wird.
Darin vermischt er völlig abstruse Gefahren für den Fortbestand des Bulletins durch »die Weltfinanz- und -wirtschaftskrise«
oder »die demographische Entwicklung« mit eher realen wie »eine schwer zu interessierende Jugend«.
Ferner bemisst er die Lebenserwartung des Mitherausgebers an der des erst kürzlich sagenhafte 105 Jahre alt gewordenen Künstlers Johannes Heesters.
Daraus ergibt sich für ihn »wie selbstverständlich«, dass »bislang erst ein Drittel des periodikalen
Potentials ausgeschöpft ist« und das Bulletin noch 40 Jahre (oder eben zwei Drittel) vor der Brust hat.
Was soll diese irrwitzige Hochrechnung? Soll sie Heinsohn, von dem wir wiederholt erfahren, dass er seine Aufgaben sträflichst
und ohne Aussicht auf Besserung vernachlässigt, anspornen? Weshalb eigentlich, wo doch jedem Insider bekannt ist, dass allein die
Lebenserwartung von Illig für den Fortbestand des Bulletins entscheidend ist. Der tut sich bekanntlich schwer, mit überhaupt
irgendjemandem zusammenzuarbeiten, so dass ihm die Untätigkeit des Mitherausgebers zwar Anlass zum Jammern ist, aber sicherlich
nicht ganz ungelegen kommt.
Im übrigen drohen dem Bulletin ganz andere Gefahren, denn Illig will oder kann nicht merken, dass da schon jemand mit den Hufen
in den Startlöchern scharrt und es gar nicht erwarten kann, das ehrenvolle und arbeitsreiche Zepter zu übernehmen. In der kleinen,
aber umtriebigen ostwestfälischen Gruppe »Freundeskreis karolingischer Baukunst« wurde er schon frühzeitig
als Illig-Nachfolger gehandelt. Dabei verbindet beide nur, dass sie ein ausgeprägtes Organisationstalent haben und begeisterte
Erbsenzähler sind, mehr nicht. Wer ist dieser Schattenprinz im Wartestand direkt vor Illigs Nase?
Illig zählt in seiner Festschrift sieben Jubiläen (20 / 25 / 65 / 75 / 80 / 12.000 / 18.000), von denen hier zwei, nämlich
der 65. Geburtstag des Mitherausgebers Heinsohn und 20 Jahre Zeitensprünge-Bulletin (inklusive
seines Vorläuferheftes Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) schon genannt sind.** Ein Jubiläum hat Illig
allerdings übersehen, und das besteht darin, dass in Ausgabe 3/2008, die zugleich die 75. ist, erstmalig 20 mal der Name des
zunehmend ungenierter agierenden ostwestfälischen Informatikers A. Otte auftaucht.
Auf meiner Website hatte ich Otte schon anlässlich seiner forschen Herausgabe einer Festschrift zu Heribert Illigs 60. Geburtstag
eine kleine Grußadresse gewidmet. Seine bisher einzige wirklich verdienstvollste Leistung besteht darin,
dem Zeitensprünge-Bulletin mit seinem Weblog www.fantomzeit.de eine attraktive Internetplattform
verschafft zu haben. Das hat der gelernte Systemanalytiker Illig aus unerfindlichen Gründen nicht hinbekommen. Stattdessen nimmt er
fahrlässig in Kauf, sich in schwer kalkulierbare Abhängigkeitsverhältnisse zu Administratoren zu begeben.
Dies deutete sich schon in Heft 1/2008 an. Illig hatte in einem Beitrag mit dem programmatischen Titel »Standortbestimmung für die
Chronologiekritik« klargestellt, dass der zuvor von ihm protegierte Zeitensprünge-Autor Hans-Erdmann Korth mit seinen
neuerlichen Weiterungen der Phantomzeitthese den durch ihn gesetzten Rahmen des im Bulletin Denkbaren sprengen würde. Im Untertitel des Beitrages
war zu lesen »...in Abstimmung mit Gunnar Heinsohn und Konsultation von Jan Beaufort und A. Otte«.
Abstimmung mit dem Mitherausgeber und Konsultation von einem kritischen Kenner der antiken Chronologie ja, aber warum, um alles in der Welt,
mit A. Otte? Musste Illig hier Otte den Hof machen, um dessen Weblog auf seinen neuen Kurs einzunorden?
Wie dem auch sei, was haben die multiplen Ottes uns im neuen Zeitensprünge-Bulletin zu sagen? Zunächst einmal
findet sich da eine für einen chronologiekritischen Newcomer befremdliche, weil eine nicht existente Honorigkeit simulierende Gückwunschadresse
an den Jubilar:
»Staunend und etwas ehrfürchtig steht man vor dem Gesamtwerk von Gunnar Heinsohn, bei dem so vieles ineinander greift. (...)«
Nun ja, »staunend« vielleicht, »ehrfürchtig« wohl Geschmacksache, aber »vieles
ineinandergreifend« eher nicht. Ist das nicht ein Kennzeichen der etablierten schulwissenschaftlichen Forschung, in der via
Zirkelschlüssen allzu vieles ineinander greift? Demgegenüber brilliert Heinsohns Gesamtwerk durch die fachliche
Souveränität, mit der er ein außergewöhnlich vielschichtiges Themenspektrum bearbeitet.
Dann gibt es da noch den zweiten Teil seines Artikels »Das elektrische Universum«. Ein durchaus lesbarer, wenn
auch ziemlich naseweis geschriebener Beitrag (»Jeder weiß...«, »Kaum einer weiß
jedoch…«). Otte versucht damit ein Lücke zu füllen, die im deutschsprachigen Raum
gegenüber amerikanischen Vorläufern besteht. Seine umfangreiche (Internet-)Literaturliste besteht nur aus
englischsprachigen Titeln, die er aber kaum zitiert. Was zeigt, dass er wohl nur referiert und ein guter Übersetzer
ist und den Artikel treffender mit »Das eklektische Universum« überschrieben hätte. Weiterhin
warten wir auf einen halbwegs originellen Text von Otte.
Und schließlich ist es ihm gelungen, erneut die schon in seiner Illig-Festschrift veröffentlichte, groteske
Zahlenakrobatik über die jahrgenaue Entwicklung der Anzahl von Autoren und Beiträgen im Zeitensprünge-Bulletin
zu publizieren. Wiederholtes Ergebnis: Mehr, immer mehr und das zunehmend... Die einzig wirklich interessante Frage, wie sich
die Auflage des Bulletins entwickelt hat, bleibt auch diesmal unbeantwortet und weiterhin das Geheimnis Illigs und
der (wohl aus konspirativen Gründen wechselnden) Poststellen, über die das Bulletin versendet wird.
Otte hat seiner elenden Statistik angeblich »aus gegebenem festlichem Anlass« eine Spalte
hinzugefügt. Darin wird, sicherlich von Illig abgesegnet, die Entwicklung der Anzahl der Beiträge des
Jubilars dokumentiert. Sie ist direkt neben der Spalte des Herausgebers platziert und gereicht dem Jubilar damit wohl absichtlich
weniger zur Ehre als zur Mahnung. Am Ende steht es nämlich 240 zu 80, also 3 : 1 für Illig, wobei die sinkende
Anzahl von Beiträgen des Mitherausgebers sich stetig der X-Achse anschmiegt, während die steigende Anzahl
bei Illig eher die Y-Achse im Visier hat.***
Die Krönung von Ottes Artikel ist eine einleitende Bemerkung, in der uns dieser chronologiekritische Frischling - der die
Pubertät noch vor sich hatte, als sich die legendären Heroen der Gründungsversammlung (der oft beschworene Elferrat!)
erstmalig trafen - erzählen will, wie sich ein Zeitenspringer-Novize zu verhalten hat: »Zum guten Ton gehört es,
dass sich Neuabonnenten (…) alle alten Hefte besorgen, die weiterhin vorrätig gehalten werden, denn nur dann kann wirklich
mitgeredet werden.« Otte übersieht, dass seine Beiträge regelmäßig beweisen, dass dies
offenbar nicht ausreicht.
Apropos Krönung, zumindest Illigs Unterbewusstsein scheinen Ottes Pläne, seine Thronnachfolge anzutreten,
bereits bekannt zu sein. Unter Ottes Grußadresse an den Jubilar Heinsohn ist zu lesen: »A. Otte,
Oerlenbach«. Ist dies nicht ein feinsinniges Amalgam aus dem Örtchen Oerlinghausen, in dem Otte wohnt
und der Lenbachstraße, in der Illig sein Zuhause inklusive Redaktionsleitstelle hat? Das Unbewusste ist uns zweifellos ein wertvoller Helfer und Wegweiser, um das schlimmst Denkbare zu verhüten.
Nachbemerkung
Der Neffe des Jubilars U. Heinsohn schließt seinen in knapp 100 Anmerkungen erstickenden Beitrag »Gunnar Heinsohn –
Leistung und Anstöße« mit der jiddischen Abschiedsphrase »Zay gesunt«. Er spielt damit darauf an, dass
sein Onkel aufgrund dessen intensiven Erforschung des jüdischen Tötungsverbotes (›Abschaffung des Menschenopfers‹)
dem Judentum sehr nahe steht. Mit Blick auf die schwer erträgliche Schrulligkeit des ›übergroßen Jubliäumsheftes‹
juckt es einen in den Fingern, Herausgeber und manchem Autoren nachzurufen: Zayt ihr alle noch gesunt im Kopp?
Anmerkungen
*Z. B. der Beitrag der Heinsohns über ihre Familiensaga. Der Heinsohnclan legt großen Wert darauf, eng mit dunklen
Kapiteln der deutschen Geschichte verwoben zu sein und wurde erst durch die Arbeiten des Jubilars von seinem
vermeintlichen »Sündenstolz« befreit. Hier könnten z. B. findige Historiker die Frage
stellen, wie sich die deutsche Nachkriegsgeschichte verändert hätte, wenn 1945 auf der Flucht aus Vorpommern
statt ›Mamis große Handtasche mit Papieren und der Barschaft‹ tatsächlich (wie rückblickend
ausgeschmückt wurde) ›Mamis kleiner Liebling Gunnar‹ vom Pferdeschlitten gefallen wäre. Wäre es überhaupt
bemerkt worden, oder hätte der Bauer ihn auch aufgehoben und zurückgegeben?
** Die fünfstelligen Jubiläen sind keine, wie Chronologiekritiker zunächst glauben könnten, eingesparten
Jahrtausende, sondern beziehen sich - Erbsenzählerei sei Dank - auf das herausgeberisch verlegte Seitenvolumen.
***Nimmt man als Maßstab für die Verdienste um die Chronologiekritik nicht die Anzahl der Zeitensprünge-Beiträge,
sondern den tatsächlichen Marktwert der beiden Herausgeber, sieht das Ergebnis ganz anders
aus. Während Heinsohn 19.000 Google-Einträge aufweisen kann, muss sich Illig mit ziemlich
genau der Hälfte begnügen.
G.M., 22.01.09
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Der renommierte Hochschulwissenschaftler und brillante Chronologiekritiker Prof. Dr. phil. rer. pol. Gunnar Heinsohn ziert anlässlich
seines 65. Geburtstages (zu dem ich ihm hier herzlich gratuliere) die Titelseite des Zeitensprünge-Bulletins. Laut Festrede des von
Altersknurrigkeit befallenen Herausgebers Illig hat sein Mitherausgeber es nicht besser verdient!
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»Apostel Darwins«
»Vom Ententeich in Moritzburg zu olympischen Höhen in Harvard«
[Text als PDF-DATEI 47 KB]
Am 03.02.05 ist der Evolutionsbiologe Ernst Mayr nach kurzer Krankheit im Alter von 100 Jahren gestorben. Mayr, der sich selbst als
letzten Überlebenden des goldenen Zeitalters der Evolutionären Synthese bezeichnete, war schon zu
Lebzeiten ein Denkmal. Er hatte einen monumentalen Einfluss auf das Denken über fast alle wichtigen Fragen in der Evolutionsbiologie.
Mit seinen über 700 Fachpublikationen und 25 Büchern hat er mehrere Generationen von Biologen
geprägt. Ihm wurden an die 20 Ehrendoktorwürden verliehen, darunter sogar eine in Philosophie, auf die er besonders stolz
war [1]. Er wurde zum Mitglied in mehr wissenschaftliche Akademien gewählt als irgendein anderer Wissenschaftler.
Darüber hinaus hat er praktisch jede bedeutende Auszeichnung bekommen, die an Biologen verliehen wird. Er ist der erste Wissenschaftler,
der die »triple crown« der Biologie erhielt: Den Balzan-, den Crafoord- u. den Internationalen Preis für Biologie. Die mit den Auszeichnungen
verbundenen Preisgelder hat er gestiftet und waren ihm nicht so wichtig, aber »vom süßen Duft des Ruhmes« konnte er gar nicht genug
bekommen [2]. Böse Zungen haben sogar spekuliert, dass seine enorme bis ins hohe Alter vorhandene Schaffenskraft (noch in seinem letzten
Lebensjahr hat er ein Buch veröffentlicht) sich dadurch erklärt, dass er bis zum Schluss auf die Verleihung des Nobelpreises gehofft hat.
Wenn er von Reportern darauf angesprochen wurde, wies er daraufhin, dass es keinen Nobelpreis für Biologie gäbe und fügte etwas
verbittert hinzu, »dass nicht einmal Darwin einen Nobelpreis bekommen hätte, wenn er nach derart von der Physik infizierten Kriterien
vergeben würde wie die anderen naturwissenschaftlichen Nobelpreise« [3].
Der Apostel Darwins
Bei seinen zahlreichen runden Geburtstagen, dienstlichen Jubiläen, Preisverleihungen wurde er von seinen Schülern und Jüngern und
sogar selbst von Evolutionsbiologen, mit denen er sich zerstritten hatte (die ärgsten Feinde hat er allerdings überlebt)
mit Superlativen überhäuft: »Der größte lebende Evolutionsbiologe«, »Bedeutendster Evolutionstheoretiker nach
Darwin«, »Darwin des 20. Jahrhunderts«,»Der Apostel Darwins«, »Nestor des Neodarwinismus«, »Der Jahrhundert-Biologe«, »Gigant der Biologie«,
»The grand old man of biology«, »Der Meister des Warum«, »Der Zusammendenker« ? um nur die geläufigsten zu nennen. Da er vor
Selbstvertrauen nur so strotzte, machte er keinen Hehl daraus, dass diese Superlative auf ihn zutrafen. Auf die Frage eine Interviewerin,
wie man sich fühlt, wenn man als Darwin unserer Zeit gefeiert wird, antwortete er: »(...) Es mag übertrieben klingen, aber ich kenne
niemanden, der sich mit den Feinheiten der Evolutionsbiologie besser auskennt als ich. Man hat mich einmal gefragt, wer die Nummer zwei sei.
Das brachte mich in Verlegenheit. Denn offen gestanden: Da ist niemand, der mir sehr stark Konkurrenz macht«[4]. Wer war dieser Mensch,
wie verlief seine Karriere und welche wissenschaftlichen Leistungen lassen ihn für sich selbst und die Fachwelt so bedeutend erscheinen?
The key to heaven
Der am 05.07.1904 in Kempten (Allgäu) geborene Ernst Mayr konnte schon als Teenager sämtliche heimischen Vögel am Gesang oder Gefieder erkennen. Schon früh machte er
durch eine außergewöhnliche Naturbeobachtung auf sich aufmerksam. 1923 entdeckte er auf einem Teich in der Nähe von Dresden (mit dem Fernglas, das ihm seine Mutter zum
gerade bestandenen Abitur geschenkt hatte) ein Kolbenentenpaar (Netta rufina), eine damals äußert seltene Art, die schon seit 80 Jahren nicht mehr in Mitteleuropa gesichtet
worden war. Daraus ergab sich ein Kontakt mit dem berühmten Berliner Ornithologen Erwin Stresemann, der sein erster Mentor wurde. Stresemann war von den ornithologischen Kenntnissen
Mayrs und seinem Enthusiasmus beeindruckt und lud ihn ein (Mayr hatte zwischenzeitlich in alter Familientradition ein Medizinstudium in Greifswald begonnen), in den Semesterferien als
Volontär am Berliner Zoologischen Museum zu arbeiten. Mayr sagte sofort zu und bemerkte später: »It was as if someone had given me the key to heaven« [5]. Im
Jahre 1925 überredete Stresemann den jungen Mayr, sein Medizinstudium abzubrechen und ein Zoologiestudium in Berlin zu beginnen, »wenn er denn jemals die Tropen sehen wollte«[6].
Und natürlich wollte Mayr die Tropen sehen: Im Schnellverfahren von nur 16 Monaten (!) schloss Mayr Studium und Promotion, die Voraussetzung für eine Assistentenstelle am
Zoologischen Museum war, im Alter von nur 21 Jahren ab. Der Titel seiner Doktorarbeit lautete »Die Ausbreitung des Girlitz«. (Der Girlitz ist ein kleiner, ursprünglich mediterraner
Finkenvogel, der sich erst zu Beginn des 20. Jh. in Norddeutschland ausgebreitet hat). Parallel zu seinem zoologischen Blitzstudium absolvierte er auch noch sein Medizinstudium bis zum
Physikum, um für den Fall eines Scheiterns seiner zoologischen Karriere auf Nummer sicher zugehen.
Gucken und Päng
In der Tradition von Darwin und anderen viktorianischen Naturforschern begann Mayr seine wissenschaftliche Karriere mit einer Expedition in abgelegene Teile der Erde. Die Möglichkeit
dafür ergab sich, als Lord Rothschild (ein Spross der gleichnamigen Bankerdynastie) jemand suchte, der für ihn nach Neuguinea ging, um Paradiesvögel zu sammeln. Rothschild
besaß auf dem Sitz der Familie in Tring (nördlich von London) die größte private Sammlung von Vogelbälgen. Auf Empfehlung von Stresemann stimmte er zu, den
ersten 23-jährigen Mayr auf die Reise zu schicken. Im April 1928 brach Mayr zu einer abenteuerlichen Ein-Mann Expedition, die ihn zunächst in die unzugänglichen Bergwälder
Neuguineas und direkt anschließend mit der Whitney-Expedition auch noch zu den Salomon-Inseln führte. Er überlebte den Sturz von einem Wasserfall, das Kentern seines Kanus,
diverse Tropenkrankheiten und sogar eine voreilig, nach Berlin telegrafierte Meldung, dass er bei der Begegnung mit feindlich gesinnten Ureinwohnern umgekommen sei. Und vor allem schoss er
mehrere Tausend Paradies- und andere exotische Vögel. Die Federbälge wurden sorgfältig präpariert, während das Innere in der Regel im Kochtopf landete. »Gucken
und päng. Ich habe über 4.000 Vogelhäute zurückgeschickt«, schilderte Mayr gegenüber einem Journalisten seine damalige Exkursionsarbeit [7]. Sein Doktorvater
Stresemann schrieb ihm nach Neuguinea: »Also mein liebes Schlaumayrchen, halten Sie die Ohren steif, vergessen Sie nicht, Chinin zu nehmen, das Pulver trocken zu halten und
die Vögel zu lieben...«[8]. Da Liebe bekanntlich durch den Magen geht, aß Mayr auf seiner insgesamt zweieinhalb Jahre dauernden Expedition so viele verschiedene Arten von
Paradiesvögeln, dass er später den Weltrekord dafür beanspruchte. Er fügte aber stets hinzu, dass sie alle gleich schmecken...
Eine infame Lady als Karrieremotor
Schon kurz nach seiner Rückkehr bot man Mayr eine befristete Stelle am American Museum of Natural History (AMNH) in New York, die ihn 1931 nach Amerika führte. Dort betreute
er zunächst die Whitney-Sammlung und später auch die auch die 280.000 Bälge umfassende Vogelsammlung von Lord Rothschild. Eine außereheliche Affäre mit einer
(erpresserischen) Dame hatte den Lord in schwere Finanznöte gebracht, so dass er seine Privatsammlung an das Naturkundemuseum verkaufen musste. Der infamen Lady verdankt Mayr nach
eigenem Bekunden, dass er nicht, wie von Lord Rothschild beabsichtigt, als Kurator seiner Sammlung in der englischen Provinz endete, sondern die olympischen Höhen als Alexander
Agassiz Professor für Zoologie in Harvard erreichen konnte. Als Kurator der Whitney-Rothschild-Sammlung am Museum of Natural History machte sich Mayr sofort intensiv an die
Arbeit über die Systematik und Biogeography der Südpazifikvögel. Dabei beschrieb er mit 26 neuen Arten und 445 neuen Subspezies mehr Taxa als jeder andere zeitgenössische
Ornithologe [5]. Das für den jungen Mayr bedeutendste Ergebnis seiner Expedition war jedoch nicht die Entdeckung neuer Arten, sondern der vermeintlich endgültige Nachweis, dass
Arten objektive Entitäten der Welt sind. Mayr hatte festgestellt, dass von den 138 von ihm in Neuguinea beschriebenen Arten, der einheimische Stamm der Papuas 137 davon einen eigenen
Namen gegeben hatte [9]. Das mag auf den ersten Blick für die Objektivität der Art überzeugend klingen, sollte einen kritischen Wissenschaftler aber stutzig machen. Der
Molekularbiologe Werner Kunz bringt die Geschichte auf den Punkt: »Intuitive ?Volksbiologie? ist kein Wahrheitskriterium. Wissenschaftliches Denken muss ein theoretisches Konzept haben,
auf dessen Basis eine Aussage als richtig oder falsch eingestuft werden kann« [10].
Architekt der neuen Synthese
Ab Mitte der 1930er Jahre beschäftigte sich Mayr verstärkt mit mehr theoretischen Fragen der geographischen Variation und Evolution von Vögeln. Er konnte
dabei auf die Erfahrungen aus seiner Südsee-Expedition, seinen intensiven Studien zur Systematik und die Arbeiten anderer zeitgenössischer Evolutionsforscher zurückgreifen.
Vor allem der russischstämmige Käferspezialist und Genetiker Theodosius Dobzhansky hat ihn, wie er später betonte, stark beeinflusst: »Here is finally a geneticist who understands
us taxonomists!« [11]. Auf seiner Expedition hatte Mayr beobachtet, dass sich die Populationen von Arten auf Inseln von denen auf dem Festland oder anderen Inseln in ihren Merkmalen unterscheiden,
so dass sie je nach Ausprägung der Unterschiede als Subspezies oder sogar als eigene Art klassifiziert werden mussten. Mayr schloss daraus auf die Bedeutung der geographischen Isolation
für die Artbildung und definierte Arten nicht mehr morphologisch, sondern als genetisch isolierte Reproduktionsgemeinschaften. Er veröffentlichte seine Erkenntnisse in seinem 1942
erschienenen und vielleicht einflussreichstem Buch »Systematics and the Origin of Species« [24]. Es hat wesentlich zu seinem Ruf als Architekt der sogenannten »Modern Evolutionary Synthesis«
beigetragen. Etwa zwischen 1930 und 1950 bestand das Ziel der »Neuen Synthese der Evolution« darin, Darwins Theorie der natürlichen Selektion und des graduellen Wandels mit den neuen
Erkenntnissen der (Populations-)Genetik und der Systematik unter einem theoretischen Dach zu vereinen. Nachdem Mayr während seiner Tätigkeit im Naturkundemuseum bereits an der
New Yorker Columbia Universität gelehrt hatte, wechselte er 1953 als Professor der Zoologie an die Harvard Universität in Massachusetts, wo er von 1961 bis 1970 auch noch Direktor
des Museums für vergleichende Zoologie der Universität war. Im Jahre 1975 wurde er emeritiert, was ihn aber bekanntlich nicht daran hinderte, weiterhin als Vollblut-Wissenschaftler
zu agieren.
Schweigsame Synthetiker
Mayr hat bis zu seinem Tod die Auffassung vertreten, dass mit der Formulierung der modernen Synthese alle Hauptprobleme der Darwinschen Evolutionslehre, die seit der Wiederentdeckung der
Mendelschen Genetik zu Beginn des 20. Jahrhundert in eine schwere Krise geriet, gelöst waren [4]. In Interviews machte er nie einen Hehl daraus, dass sein Beitrag dazu
von überragender Bedeutung gewesen sei. Wissenschaftshistoriker haben wiederholt versucht, das Geflecht von Beziehungen, in dem die synthetische Theorie geboren wurde, zu analysieren
und die tatsächlichen Leistungen der beteiligten Forscher zu würdigen. Ein aussichtsloses Unterfangen nicht nur wegen der Vielzahl der beteiligten Forschergruppen, sondern
auch, weil die ?scientific community? sich bei genauerer Betrachtung häufig als ein undurchsichtiges, von persönlichen Eitelkeiten, Sympathien und Abneigungen gesteuertes
Geflecht entpuppt. Dies sei durch eine Anekdote illustriert: »Als Ernst Mayr und der Paläontologe G. Simpson an Ideen arbeitenden, welche später in die ?neue Synthese? eingingen,
waren beide am New Yorker ?Museum of Natural History? angestellt. Fast 20 Jahre lang saßen sie mittags zusammen mit anderen Kollegen am Tisch, der den Angestellten reserviert war, und
beide bestätigten, dass sie in diesen Jahren nie über Biologie gesprochen haben!« [3]. Auch hier wird weitgehend darauf verzichtet, die Originalität von Mayrs Beiträgen
zur synthetischen Evolutionstheorie zu kommentieren. Stattdessen sollen diejenigen Beiträge, die er selbst immer wieder als seine wichtigsten bezeichnet hat, nämlich die Formulierung
der Art als Fortpflanzungsgemeinschaft und die Artbildung durch geographische Isolation, etwas genauer unter die Lupe genommen werden.
Ungebildete Idioten
Nach Mayrs Definition aus dem Jahre 1942 sind Arten Gruppen sich tatsächlich oder potentiell kreuzender natürlicher Populationen, die reproduktiv isoliert sind von anderen solchen Gruppen.
Diese Definition wird häufig als »biologischer Artbegriff« bezeichnet. Dies ist jedoch eine verbale Überschätzung, denn der morphologische Artbegriff ist genauso biologisch, wie der
reproduktive Artbegriff. Im biologischen Alltag hat der morphologische Artbegriff sogar die größere Bedeutung, denn kein Taxonom bestimmt z. B. Insekten (die bekanntlich die größte
Artengruppe bilden) danach, ob sie reproduktiv voneinander isoliert sind. Darüber hinaus ist Mayrs Definition auf Lebewesen, die sich ungeschlechtlich vermehren, nicht anwendbar. Mayr selbst
schätzt seine Leistung wie folgt ein: »Was ich gemacht habe, ist eine Definition der ?biologischen Art? vorzuschlagen, die so gut ist, dass kein Mensch sie hat verbessern können« [6].
Ironischerweise hat Mayr sie später selbst verbessert, in dem er das problematische Wort »potentiell« gestrichen hat. Mit dieser geringfügig erscheinenden Auslassung hat Mayr die Zahl
der Arten kurzerhand um einige hunderttausend vermehrt [12]. Die mit der Definition von Arten verbundenen vielschichtigen Probleme können hier nur angerissen werden. So werden von der modernen
Forschung (verblüffender Weise wie schon von Darwin) Arten nicht mehr als reale Objekte, sondern als subjektive Gebilde (»Konstrukte«) betrachtet [10]. Pointiert formuliert: Eine Art ist das,
was ein Spezialist dafür hält. Von solchen Entwicklungen will Mayr nichts wissen und Kollegen, die sich an neuen Definitionen und Konzepten versuchen, bezeichnet er wie folgt: »Das sind
Idioten. (...) Die Leute sind ungebildet, sie kennen die Literatur nicht, sie verstehen die Sachen nicht. Sie wollen nur Neues machen, damit sie berühmt werden« [6]. Bei allem Respekt vor
seiner Lebensleistung möchte man hinzufügen, dass dies in Sachen Artbegriff auch eine Selbstcharakterisierung gewesen sein könnte.
Mayrs Irrtum
Mayrs zweiter wichtiger Beitrag zur Evolutionsbiologie die Hervorhebung der Bedeutung der geographischen Isolation von Populationen für die Bildung der Artenvielfalt. Nach Mayr wird durch
eine geographische Barriere (Gewässer, Wüste, Gebirge etc.) der genetische Austausch zwischen zwei Populationen einer Art unterbunden; so häufen sich schließlich so viele
genetische Unterschiede an, dass sich die beiden Populationen auch beim Wegfall der Barriere nicht mehr erfolgreich paaren können. Dieser auch »allopatrische Artbildung« genannte Mechanismus
war nicht wirklich neu. Mayr war aber aufgrund seiner hervorragenden feldbiologischen und taxonomischen Kenntnisse in der Lage ihn mit vielen Beispielen zu unterstützen [13]. In der Folge wurde
er nicht nur von Mayr und seinen vielen Schülern, sondern auch in allen Lehrbüchern als der dominante, wenn nicht gar einzige Mechanismus der Artbildung propagiert. So entstand der Mythos,
dass Mayr das Rätsel der Bildung der Artenvielfalt gelöst und Darwins Werk vollendet hätte [z. B. 14]. Tatsächlich hatte sich Darwin bereits in seinen frühen Arbeiten mit
der Bedeutung der geographischen Isolation für Artbildung auseinander gesetzt, bevor er später zu der Auffassung gelangte, dass sich Arten ohne Barrieren vor allem durch ökologische
Spezialisierung bilden [15]. Von Mayr wurde eine »sympatrische Artbildung«, d. h. ein Entstehen neuer Reproduktionsgemeinschaften ohne erkennbare geographische Barrieren vehement abgelehnt. Mit kaum
belehrbarem Altersstarrsinn bekämpfte er diese Form der Artbildung auch dann noch als sie durch empirische Untersuchungen zweifelsfrei bewiesen wurde. Als Motor für die sympatrische
Artbildung konnten u. a. die ökologische Spezialisierung, die sexuelle Selektion, die Hybridisierung und genetische Einflüsse festgemacht werden. Erstaunlicherweise auch hier viele Faktoren,
die bereits Darwin in Erwägung gezogen hatte. Dagegen hat Ernst Mayr, der »Darwin der 20. Jahrhundert«, erst in den letzten Jahren widerwillig eingeräumt, dass es auch sympatrische
Formen der Artbildung gibt [16].
Punk-Eck oder Peripatrie
Wie Darwin war Mayr ein sturer Verfechter der graduellen Evolution. Diese Sicht wurde schon zu Beginn des 20. Jahrhundert von Genetikern wie z. B. William Bateson oder Hugo DeVries infragegestellt.
Sie glaubten, dass sich Arten sprunghaft verändern, während durch die natürliche Selektion maximal geographische Varianten entstehen würden. Dagegen vertraten Mayr und andere
Architekten der »Modernen Synthese« die Auffassung, dass sowohl Mikro- als auch Makroevolution durch eine allmähliche Anhäufung kleinster Mutationen in (isolierten) Populationen erklärt
werden könnten. In 1972 veröffentlichten die Paläontologen Niles Eldredge und Stephen Jay Gould ihre Theorie des durchbrochenen Gleichgewichtes (punctuated equilibrium).
Die Veröffentlichung wurde in der Folgezeit zu einer der am häufigsten zitierten wissenschaftlichen Artikel. In Anpassung an den paläontologischen Befund, der sprunghafte Veränderungen
bei Fossilien zeigt, behaupteten sie, dass die Evolution ein inkonstantes Tempo hat. Kurze Intervalle schneller Evolution würden von weitaus längeren Perioden ohne evolutionäre
Veränderungen unterbrochen. Die beschleunigte Evolution würde in kleinen isolierten Populationen stattfinden, in denen sich vorteilhafte Varianten schnell durchsetzten. Mayr bekämpfte
diese Idee, die sich sogar anmaßte, die »Evolutionäre Synthese« infrage zustellen, ein Vierteljahrhundert lang aufs schärfste [17]. Dann änderte er seine Meinung drastisch und
behauptete, dass Gould und Eldredge nur sein bereits 1954 veröffentlichtes Modell der »peripatrischen Artbildung« aufgegriffen hätten. Mayr hat rückblickend immer wieder beklagt, dass
er nicht als Ideengeber zitiert wurde [z. B. 6]. Wir wollen hier nicht entscheiden, wem die Urheberschaft für das Modell gebührt, denn vermutlich ist es falsch: So konnten entgegen den
theoretischen Erwartungen bei molekulargenetischen Untersuchungen von kleinen Vogelpopulationen, die von Australien auf pazifische Inseln migriert waren, keinerlei sprunghafte genetische
Veränderungen festgestellt werden [18].
Das Organisch-Unverständliche
In alteuropäischer Tradition ist Mayr sein Leben lang ein Naturforscher geblieben, der das mysteriöse, undurchdringliche, nichtdeterminierte Wesen der Natur betont hat [2].
Er war überzeugt, dass man sich dem »Organisch-Unverständlichen« der Natur nur über konkrete Erfahrung im Feld nähern konnte: »People without that naturalist
experience don?t have that feeling. They don?t know species« [19]. Als traditionell ausgebildeter Ornithologe hatte er eine tiefe Abneigung gegen Mathematik und Physik. So verunglimpfte
er die frühen mathematischen Annäherungen von Sewall Wright, John B. S. Haldane und Ronald A. Fisher an die Populationsgenetik als simplifizierende »beanbag genetics« (Bohnensack-Genetik).
Auch den molekularbiologischen Arbeiten des Mikrobiologen Carl R. Woese, der in der Fachwelt außerordentlich viel Aufsehen erregte, als er in den 1970er Jahren eine frühe RNA-Welt
postulierte und dem Stammbaum der Lebewesen eine neue Domäne (Archaebakterien) hinzufügte, stand er sehr ablehnend gegenüber: »Woeses Problem ist generell, und da bleibt er
Physiker, dass er für alles immer nur eine Antwort haben will, während wir Naturkundler wissen, dass es für biologische Probleme oft eben zwei, drei, vier richtige
Antworten geben kann« [6]. Hier und nicht nur hier irrte Mayr, denn für evolutionsgeschichtliche Ereignisse, wie z. B. die Entstehung des Zellkerns der Eukaryonten kann es zwar mehrere
Hypothesen, aber nur eine historisch richtige Antwort geben. Um die Besonderheit der Biologie herauszustellen, ging Mayr aber noch weiter und behauptete, dass die ganze Wissenschaftstheorie
von den Kuhnschen Paradigmenwechseln bis zu den Popperschen Falsifizierungen auf die Biologie nicht anwendbar ist [20]. Er begründete dies damit, dass die Biologie im Unterschied zur
Physik keine Gesetze, sondern nur Prinzipien kenne. Das wird heute allgemein als Unsinn betrachtet, weil auch die Biologie Gesetze hat. Diese sind mathematisch nur etwas unschärfer
gefasst, da sich die Biologie mit einer komplexeren Abstraktionsebene als die Physik beschäftigt. Die Biologie nimmt daher keine Sonderrolle ein, sondern hat bei ihrer Erkenntnissuche
mit den selben Problemen wie andere Naturwissenschaften zu kämpfen.
Anschluss verloren
Mayr idealisiert seine Karriere als Wandel vom Ornithologen zum Evolutionsbiologen, zum Biologiehistoriker und schließlich zum Biologiephilosophen. Tatsächlich konnte er in den
letzten 30 Jahren der rasanten Entwicklung der biologischen Forschungsmethoden und dem rapiden Erkenntniszuwachs nicht mehr folgen. Als durch und durch holistischer Denker hat er weder zur
molekularen Entwicklungsgenetik und molekularbiologischen Rekonstruktion der phylogenetischen Verwandtschaftsbeziehungen noch zur Neutralitätstheorie des japanischen Genetikers Motoo
Kimura, die inzwischen die Vorstellungen über den Ablauf der molekularen Evolution dominiert, einen Zugang gefunden. (Die Neutralitätstheorie besagt, dass die meisten Mutationen
selektionsneutral sind und daher durch Zufallsprozesse in Populationen fixiert werden). Stattdessen hat er sich immer häufiger (und in ziemlich unerträglicher und dummer Weise)
zu bioethischen Fragen (Klonen, Geburtenregelung, Eugenik etc.) geäußert [21]. Darüber hinaus hat er jede Gelegenheit genutzt, die höheren Abstraktionsebenen der
Mikrobiologie oder Biochemie zum natürlichen Feind der Biologie zu erklären. Sein Credo lautete: »Die Biologie ist keine zweite Physik« [z. B. 4]. Mayr befürchtete,
dass nur noch DNA-Sequenzen und Basenaustäusche bestimmt und analysiert werden, ohne ins Feld zu gehen oder nach dem adaptiven Wert zu fragen [7]. Kurz: Für ihn geriet das
Ganze und Besondere der Biologie aus dem Blickfeld. Alternativ propagierte er eine an den Vitalismus des frühen 19. Jahrhunderts erinnernde Biologie, in der seine betagte
naturalistische Sicht auf die biologischen Rätsel dieser Welt noch einen gewichtigen Platz hat. Es stärkt nicht das Vertrauen in den Wissenschaftsbetrieb, dass der bis zum
Schluss umtriebige Mayr damit Erfolg hatte. Generationen von Studenten mussten (und müssen) seine dogmatischen, in Lehrbüchern zementierten Vorstellungen vom biologischen
Artbegriff und von der Artbildung durch geographische Isolation pauken. Mayr hat wesentlich dazu beigetragen, dass weithin die Auffassung besteht, dass die grundsätzlichen
Probleme der Artbildung gelöst sind. Die öffentliche Wirkung seines ersten Buches aus dem Jahre 1942 kommentierte er wie folgt: »Sie [die Leute; G.M.] haben das Buch
gelesen und es wurde ihnen plötzlich vollkommen klar, wie Arten entstehen« [6]. In Wirklichkeit ist die moderne Evolutionsbiologie erst gerade dabei, das Ausmaß der
Probleme zu erfassen.
Tragische Figur
Mayr hatte schlechthin zu allen Problemen, die in der Evolutionsbiologie umstritten waren, eine explizite Meinung. Er stellte sie stets provokativ als kategorischer Imperativ
in den Raum, so dass er immer wieder in polemische Infights verstrickt war [3]. Er war zweifelsfrei ein mächtiges Individuum im Wissenschaftsbetrieb. Leider hat er nicht
bedacht, dass solche Individuen dem wissenschaftlichen Fortschritt am meisten dienen, wenn sie versuchen, ihn nicht zu verhindern. In seiner selbstgewählten Rolle als
unermüdlicher Apostel Darwins ist er in seinen letzten Lebensjahrzehnten immer mehr zu einer tragischen Figur geworden: »I?m an old-time fighter for
Darwinism. I say, ?Please tell me what is wrong with Darwinism. I can?t see anything wrong with Darwinism?«, sagte er 1991 in einem Interview mit der »Harvard Gazette« [22].
Aus Respekt vor seinem hohen Alter, seiner enormen Lebensleistung oder auch seinem großen Einfluss mochte ihm niemand die Wahrheit sagen. Und die lautet, nach einem
berühmten Satz Poppers, dass der ideale Wissenschaftler für die Falsifikation seiner Theorien lebt. Ein wirklich großer, alternder Wissenschaftler verfällt
daher nicht in die Methode der »Halsstarrigkeit«, wenn er zusehen muss, dass eine jüngere Generation von Wissenschaftlern seine bevorzugten Lösungsstrategien vom
Tisch fegt, sondern betrachtet dies mit milder Würde. Dazu war Mayr selbst im hohen Alter aufgrund seines überentwickelten Egos nicht fähig. Dies spiegelt sich
noch in dem anmaßenden Titeln »Das ist Biologie« und »Das ist Evolution« seiner letzten Bücher wider, die einen nicht einlösbaren Anspruch suggerieren. Wir
sollten ihn daher als einen Evolutionsbiologen in Erinnerung behalten, der ohne Zweifel und bis zum Lebensende ein guter Ornithologe geblieben ist [23].
Literatur
[1] Meyer, Axel (2002): »Ernst Mayr ist wahrlich der Darwin unserer Zeit«. ? In: Ärzte-Zeitung Nr. 124
[2] Schwägerl, Christian (2005): »Ernst Mayr ? Der Zusammendenker«. ? In: FAZ vom 06.02.05
[3] Markl, Peter (2005) »Ein großer Liebhaber der Natur«. ? In: Wiener Zeitung vom 08.02.05
[4] Amberger, Madeleine (2004): »Die Biologie ist keine zweite Physik« ? Interview mit Ernst Mayr. ? In: Die Welt vom 03.07.04
[5] Bock, Walter J. (2004): »Ernst Mayr at 100 ? A life inside and outside of ornithology«. ? In: The Auk 121 (3), 637-651
[6] Friebe, Richard (2003): »Die Macht des Zufalls« ? Interview mit Ernst Mayr. ? In: www.netzeitung.de vom 17.06.03
[7] Meier, Christoph (2004): »Der Jahrhundert-Biologe«.? In: www.ethlife.ethz.ch (Webzeitung der ETH Zürich) vom 05.07.04
[8] Meyer, Axel (2005): »Der Meister des Warum«. ? In: Die Zeit (7)
[9] Mayr, Ernst & Ashlock. P (1991): Principles of Systematic Zoology, revised ed. ? New York
[10] Kunz, Werner (2002): »Was ist eine Art?« ? In: Biologie in unserer Zeit 32 (1), 10-19
[11] Anonymous (2005): »Ernst Mayr ? Veteran biologist who synthesised Darwin?s theory of evolution and Mendel?s theory of heredity«. ? In: Timesonline vom 07.02.05, www.timesonline.co.uk
[12] Lönnig, Wolf-Ekkehard (1993): »Artbegriffe, Evolution und Schöpfung«. ? Köln
[13] Marren, Peter (2005): »Obituary ? Ernst Mayr«. ? In: The Independent (London) vom 10.02.05
[14] Meyer, Axel (2002): »Das Rätsel, das Darwin der Nachwelt überließ«. ? In: FAZ vom 05.07.02
[15] Weber, Thomas P. (2002): »Darwinismus«. ? Frankfurt/M.
[16] Mayr, Ernst (2004): »80 Years of Watching the Evolutionary Scenery«. ? In: Science 305, 02/07, 46-47
[17] Meyer, Axel (2005): »Alles Leben im Lichte der Evolution sehen«. ? In: FAZ vom 09.02.05
[18] Clegg, Sonya M. et al. (2002): »Genetic consequences of sequential founder events by an island-colonizing bird«. ? In: Proc. Natl. Acad. Sci. USA 99 (12), 8127-8132
[19] Bahls, C. (2003): »Darwin?s disciple«. ? In: The Scientiest vom 17.11.03
[20] Mayr, Ernst (2000): »Das ist Biologie«. ? Heidelberg/Berlin
[21] Bahnen, Achim (1998): »O wie schön ist Singapur ? Ernst Mayrs Lebenslehre«. ? In: FAZ vom 06.10.98
[22] Bradt, Steve (2005): »Ernst Mayr, giant among evolutionary biologists, dies at 100«. ? In: Harvard University Gazette vom 04.02.05
[23] Mayr, Ernst & Diamond, Jared (2001): »The Birds of Northern Melanesia«. ? Oxford University Press
[24] Mayr, Ernst (1999, zuerst 1942): »Systematics and the Origin of Species from the Viewpoint of a Zoologist«. ? Havard University Press
G.M., 20.04.05
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»Apostel Darwins«
Ernst Mayr in 1994 nach dem Erhalt der Ehrendoktorwürde in Philosophie von der Universität Konstanz.
»Was ich gemacht habe, ist eine Definition der ?biologischen Art? vorzuschlagen, die so gut ist, dass
kein Mensch sie hat verbessern können.« (Ernst Mayr 2003)
»Man hat mich einmal gefragt, wer die Nummer zwei sei. Das brachte mich in Verlegenheit.
Denn offen gestanden: Da ist niemand, der mir sehr stark Konkurrenz macht.« (Ernst Mayr 2004)
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