Anatomie des Widerspruchs
Wäre das Schnabeltier eine Erfindung, würde kein vernünftiger Mensch es für glaubwürdig halten. Es kombiniert Merkmale, die nach naiver Vorstellung evolutionär nichts miteinander zu tun haben sollten: die Thermoregulation eines Säugetiers, das Eierlegen eines Reptils, einen vogelartigen Schnabel voller Mechano- und Elektrorezeptoren, Hinterbeinsporne mit Giftdrüsen bei Männchen und ein dichtes, wasserabweisendes Fell.
Das Schnabeltier gehört zu den Monotremata, der ältesten noch lebenden Ordnung der Säugetiere. Zusammen mit den Ameisenigeln (Echidna) bildet es die einzige überlebende Gruppe der eierlegenden Säugetiere. Ihre Abstammungslinie trennte sich vor schätzungsweise 166 Millionen Jahren von der Linie der Beuteltiere und Plazentatiere.
Der Elektrosinn: Quantenmechanik im Schnabel
Unter Wasser schließt das Schnabeltier Augen, Ohren und Nasenlöcher — und jagt dennoch mit treffsicherer Präzision. Möglich macht das ein System von bis zu 40.000 Elektrorezeptoren und 60.000 Mechanorezeptoren im Schnabel, die elektrische Felder und Druckwellen detektieren. Jede Muskelbewegung einer Krebse oder eines Fisches erzeugt elektrische Impulse, die das Schnabeltier im Wasser präzise lokalisieren kann.
Diese Elektrosensorik findet sich im Tierreich sonst vor allem bei Fischen (z. B. Haie) und einigen Amphibien — nicht aber bei Säugetieren. Das Schnabeltier hat sie offenbar unabhängig entwickelt. Solche konvergente Evolution ist ein Schlüsselargument gegen teleologische Interpretationen: Ähnliche Probleme (Beute im Dunkeln finden) werden durch verschiedene evolutionäre Pfade gelöst.
Das Gift: Ein Säugetier mit Stacheln
Männliche Schnabeltiere besitzen an den Hinterbeinen Sporne, die mit einer Giftdrüse verbunden sind. Das Gift ist komplex und enthält Peptide, die sonst in sehr verschiedenen Tiergruppen vorkommen. Es kann bei Menschen starke Schmerzen verursachen und ist für kleine Tiere tödlich.
Giftproduktion bei Säugetieren ist selten. Das Schnabeltier teilt dieses Merkmal mit wenigen anderen Arten (z. B. Wasserspitzmäusen). Ob das Gift ursprünglich der Verteidigung oder der Konkurrenz zwischen Männchen diente, ist noch nicht abschließend geklärt.
Das Schnabeltier-Genom
Das Schnabeltier-Genom, 2008 veröffentlicht, bestätigte seinen Sonderstatus: Es enthält Gene für Eiproteine und für Geruchssinnrezeptoren in Dimensionen, die bei Säugetieren sonst kaum vorkommen. Gleichzeitig fehlen Gene, die für die Plazenta-Bildung bei höheren Säugetieren verantwortlich sind. Das Schnabeltier ist kein lebendiges Fossil im Sinne einer "primitiven" Form — es ist hochspezialisiert für seine ökologische Nische.
